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Heine, aufgewachsen in Hamburg, begünstigt vom lieben Onkel Salomon. Bedeutendster Lyriker aus der Zeit des jungen Deutschlands. Gestorben wohl an den Folgen einer Multiplen Sklerose in Paris, Februar 1856. Bekannteste Werke:
Capites I, II und III >> |
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| «Matratzengruft» | Salomon und das liebe Geld | Mit Mathilde ... | Gute Freunde | "La Mouche" | "Ich weiß nicht, woran ich bin ..." |
Die letzten Stunden | Frieden |
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| "Es ist ein stilles Haus in der Rue Amsterdam,
wo der kranke Dichter wohnt. Durch die Einfahrt über einen sauber
gehaltenen Hofraum schreitend, gelangten wir in das Hinterhaus, in dessen
zweiten Stock uns eine Mulattin, die Wartefrau des Kranken, öffnete.
Als ihm unsere Namen genannt wurden, scholl uns sofort sein freundlich-hastiges
"entrez !" entgegen. Wir fanden ihn auf seinem Schmerzenslager, das er
seit Jahr und Tag nicht mehr verlassen hatte. Die Fenstervorhänge
waren herabgelassen, das Bett überdies noch durch eine grüne,
spanische Wand vom Licht abgeschirmt. Der Kranke hob die feine, fast durchsichtig-magere
Hand an das rechte Auge, um das Lid emporzuziehen und einen Blick auf uns
zu werfen. Nur dies Auge besitzt noch Sehkraft, das andere nur einen schwachen
Lichtschimmer. Aber die Lider sind gelähmt und keiner freien Bewegung
mehr fähig. Er streckt mir seine Hand entgegen und heißt uns
herzlichst willkommen.
Niedergeworfen von unheilbarer Krankheit, bei lebendigem Leibe schon ausgestrichen aus dem Buch der Lebenden, gemartert von entsetzlichsten Schmerzensqualen, hat dieser Mann die ganze Energie seines aristophanischen Geistes, die volle Kraft seines unverwüstlichen Humors und all die schneidende Schärfe seines vernichtenden Witzes bewahrt. Man hat uns von ihm berichtet, er habe sich bekehrt, der deutsche Aristophanes des neunzehnten Jahrhunderts sei "fromm", sei ein Betbruder geworden. Es ist kein wahres Wort daran. Die Leute, die dergleichen von ihm verbreitet, haben sich entweder selbst getäuscht oder sich von ihm täuschen lassen (...)" |
Eduard Schmidt-Weißenfels (1833-1894):
" ... Das Krankenzimmer ist abgedunkelt; ein scharfer
Geruch nimmt den Besuchern fast den Atem. Als die Augen sich an
das Dämmerlicht gewöhnen, sehen sie einen Tapetenschirm, der das
Zimmer in zwei Hälften teilt. Dahinter das Bett. Unter der leichten
Bettdecke können sie den Körper kaum noch wahrnehmen, so ohne
Muskeln, Fleisch und Blut ist er. Ein mit feiner Haut überzogenes
Skelett. Die Stirn des Kranken tritt weit hervor, spärliches Haar darüber.
Die Augenhöhlen sind eingefallen. Das eine Auge ist gänzlich
geschlossen, das andere belebt sich nur hin und wieder. Der Bart des
Kranken ist weiß und struppig; das einzige Zeichen, daß der hier liegende
Mensch kein Kind ist, sondern ein Mann.
Seltsam zu denken, daß «Prinzessin Sabbat» in diesem Zimmer
entstanden ist, ein einziger Lobgesang auf die Ruhe, Schönheit,
Sinnlichkeit und Sanftmut des großen jüdischen Festtages.
Heines Gedicht berührt durch einen glänzend herausgearbeiteten
dramatischen Kontrast: der der Prinzessin einmal in der Woche anvermählte
Prinz namens Israel existiert die übrigen Tage als «behaartes Ungeheuer»,
als verzotteltes «Ungetüm», als «Hund mit hündischen Gedanken».
Die ganze Woche über kötert er «durch des Lebens Kot und Kehricht, Gassenbuben
zum Gespötte». Jeden Freitagabend aber, in der
Dämmerstunde zu Sabbat-Anbruch, wird dieser verworfene Hund
verzaubert, und aus ihm wird «aufs neu ein menschlich Wesen».
Die Erfahrungen des «verworfenen» Israels im Exil sind hier
eingeflossen, aber auch Heines gegenwärtiger Zustand ist in diesem
Hundeleben leicht wiedererkennbar - als «armer, todkranker Jude»
ein selbsteingestandenes «abgezehrtes Bild des Jammers».
Aber zugleich ist die Beschreibung der Verwandlung mehr als Kompensation
und distanzierte Außenbeobachtung. Es ist mitten in der Katastrophe
die Suche nach Wiederanschluß an eine Kultur, mit der auch er neu und
anders würde leben können. Nach einer ästhetisch-religiösen
Tradition, in der es nicht sinnenfeindlich-asketisch, gesetzlich-moralistisch oder
rechthaberisch-zänkisch zugeht, sondern in der die
Hochzeitslieder, die Verwandlung in Schönheit, der Genuß der Speisen,
die Sinnlichkeit des Rituals und die Sanftmut der Gottesruhe triumphieren.
Die Signale im Text gehen denn auch alle in diese Richtung.
| Es kommen die deutschen Paris-Reisenden, vor
allem Literaten und Journalisten. Der kranke Heine in der Matratzengruft
ist zur Attraktion der literarischen Welt geworden; nicht zuletzt durch
die Art, wie er sein langsames Sterben im Werk der Spätzeit publik
macht. Die literarische Öffentlichkeit hat darauf sehr zwiespältig
reagiert. Ihr voyeuristisches Interesse an Heines Krankheit will dessen analytisch-distanzierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod nicht akzeptieren.
Zwar liest man begierig die larmoyanten Presseberichte von des Todgeweihten
Märtyrertum und Bekehrung; der witzig-ironische, manchmal auch sarkastische
Ton des Betroffenen selbst aber paßt nicht ins gängige Bild
von einem würdigen Tod:"Die Todkranken der alten Schule zogen ihre Fenstervorhänge
zu, schlossen ihre Türen vor den Menschen und ihre Augen vor der Welt
zu; dann starben sie. Der kluge Heine hat die Unmenschlichkeit dieses Gebahrens
eingesehcn. Er wollte sich nicht wie die wilden Tiere in einsame Wildnis
verbergen und irn Schweigen der Einöde die Seele aushauchen. Er überließ
das den verwundeten Raubtieren, den Karaiben und dem Tirnon bei Shakespeare;
Heine fühlte das Bedürfnis, ein neues Genre des Sterbens zu schaffen.
Warum sollten bisher allein die Toten und nicht auch die Kranken auf dem
Paradebette liegen können? Wem kein Zahn mehr wehe tut, der hat auch
keine Freude mehr von seinem Katafalk, den brennenden Lichtern, den lamentierenden
Freunden, der Vorlesung seines Testamentes. Und Heine, der immer gieniale,
schuf das poetische Sterbebette, das feuilletonistische Siechthum, die
periodischen Bulletins, ja von Zeit zu Zeit ließ er selbst seine
kritischen Ausscheidungen drucken. Von dem Magenkrebs des großen
Napoleon ist nicht so viel in den Journalen die Rede gewesen, als von der
Rückenmarksdarre des großen Heine. Aber der große Napoleon
stand sich leider gar zu schlecht mit der Tagespresse. Auch der alte Tieck
war ein anderer Mann und ist schweigend in einem Bette gestorben, hat keine
Witze über den lieben Gott gerissen, sich nicht mit Kindern, Blumen
und Journalisten drappiert und seine Schmerzen im Stillen und nicht vor
ganz Deutschland getragen.
(E. Kossak, Die verbannten Götter von H. Heine, in: Berliner Feuerspritze, 9.Mai 1853,"
Zu Besuch kommen auch die Verwandten. Die Geschwister
nähern sich dem enfant terrible der Familie nun, da es mit ihm zu
Ende geht, wieder an. Max und Charlotte besuchen Heine mehrfach; die Brüder
stehen ihm bei in seinen
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«Mouche» nannte Heine seine letzte Liebe, nach der Fliege im Petschaft, mit dem sie die Briefe an ihn siegelte. Doch «die Mouche hieß nicht Mouche - Mathilde nicht Mathilde», wie Fritz Raddatz einprägsam formuliert, und auch Molly, die Hamburger Cousine Amalie, hieß nicht eigentlich Molly. Die Namen einer jeden seiner drei großen Lieben hat Heine literarisiert. Seine letzte Liebe enthält so wenig Realität wie seine erste. Lag es damals am sozialen Unterschied, so jetzt am paralysierten Körper. Immer aber konstellieren sich die Situationen so, daß die Liebe unerfüllt bleibt. Die Frauen verwandeln sich wie ihre Namen in Literatur.
Ich gratulire Dir zum neuen Jahr und schicke Dir anbei eine Schachtel Chocolade - die wenigstens de bon goüt ist. Ich weiß sehr gut, daß es Dir nicht ganz recht ist, wenn ich dergleichen Convenienzen beobachte, aber es geschieht auch unserer äußeren Umgebung wegen.die in der Nichtbeobachtung der üblichen Aufmerksamkeiten einen Mangel an wechselseitigem Estime sehen würde. Ich liebe Dich so sehr, daß ich für meine Person garnicht nöthig habe, Dich zu estimiren. Du bist meine liebe Mouche und ich fühle minder meine Schmerzen, wenn ich an Deine Zierlichkeit, an die Anmuth Deines Geistes denke. Leider kann ich nichts für Dich thun, als Dir solche Worte, "Gemünzte Luft" sagen. Meine besten Wünsche zum neuen Jahr - ich spreche sie nicht aus, Worte! Worte! Ich bin vielleicht morgen im Stande, meine Mouche zu sehen, dann laß ich es ihr wissen. Jedenfalls aber kommt sie übermorgen (Donnerstag) zu ihrem ... Nebukatnetzar II, ehemaliger königl. Preuß. Atheist, jetzt aber Lotosblumen-Anbeter. (An die Mouche, Neujahr 1856) |
(Paris, den 12. September 1848).
"Ich Weiß nicht, woran ich bin. Und keiner meiner Ärzte weiß es."
Mit die Worten kennzeichnet der Dichter die Ratlosigkeit, mit welcher die hervorragendsten
Ärzte seinem Leiden gegenüberstanden.
Gelang es der jungen Psychiatrie doch erst in jener Zeit, eine gewisse Klarheit in das
Wirrsal der mannigfachen Nervenkrankheiten, die im Zentralnervensystem ihren Sitz haben,
zu bringen.
Selbst die Kenntnis des verbreitetsten aller Rückenmarksleiden, der Rückenmarkschwindsucht
oder "Tabes dorsalis" fällt erst in die letzten Lebensjahre des Dichters, denn die
sichere Diagnose dieses Leidens stützt sich auf die umfassenden
Untersuchungen Rombergs in Deutschland (1851) und Duchennes' in Frankreich (1858)
Von der luetischen (durch Syphilis-Spirochäten hervorgerufenen) Genese dieser
Leiden ahnte man damals noch nichts.
Hillebrand, der später berühmt gewordene Historiker, der 1849 Heines
Sekretär wurde, hat das Leidensbild gezeichnet, das er vorfand:
Heines Gehör war geschwächt, seine Augen geschlossen, und nur mit Mühe
konnte der abgemagerte Finger die müden Augenlider hinaufschieben, wenn
der Poet etwas zu sehen verlangte. Die Beine gelähmt, der ganze Körper
zusammengeschrumpft: So ward er alle Morgen von Weiberhand auf den Sessel,
getragen, während das Bett gemacht wurde.
Nicht das geringste Geräusch konnte er erdulden. Seine Leiden waren so heftig, daß er, um nur etwas Ruhe, nur 4 Stunden Schlafes zu erlangen, Morphium in drei verschiedenen Gestalten nehmen mußte. In seinen schlaflosen Nächten dichtete Heine dann seine wunderbarsten Lieder. Den ganzen Romanzero hat er mir diktiert. Das Gedicht war jedesmal ganz fertig am Morgen. Dann aber ging's an ein Feilen, das stundenlang währte ... "
| (Letztes Schriftdokument Heines: Brief an die
"Mouche", drei Tage vor seinem Ableben)
Das ist, drei Tage vor seinem Tod,Heines
letzte Mitteilung an die Mouche. Die Schmerzen überwältigen ihn.
Am Sonntag, den 17. Februar, morgens gegen 5 Uhr, stirbt Heine nach fast
achtjährigem, mit schier übermenschlicher Größe ertragenem
Leiden. Heinrich Mann hat sein Sterben gewürdigt: "Seine Trauer ist
kraftvoll, und kein Abschiednehmen vom Dasein wurde jemals weder ergreifender
noch stolzer genommen, als in seinen unvergänglichen 'Letzten Gedichten'.
Er bietet seitdem eins der höchsten Beispiele den Sterbenden, wie
er es den Lebenden bietet."
Auf dem Friedhof Montmartre wird Heine am 20. Februar begraben, ohne Reden, ohne geistlichen Beistand, so, wie er es im Testament von 1851 angeordnet hat. Rund hundert Menschen geben ihm das Geleit, von den berühmtern Pariser Zeitgenossen nnem Grabstein stand die Inschrift, die er sich bereits in den "Reisebildern" formuliert hatte: Wie man seiner nach seinem Tod gedenken würde, davon hatte Heine, was seinen unmittelbaren familiären Umkreis angeht, sehr realistische Vorstellungen. Das Gedicht "Gedächtnisfeier" zeichnet ein liebevoll-ironisches Bild vom Besuch Mathildes an seinem Grab. Sein Nachruhm aber, den er, schwankend zwischen Gleichgültigkeit und dem Wunsch nach Unsterblichkeit, oftmals beschworen hatte, dürfte seine Vorstellungen übertroffen haben. Lorbeer oder Schwert - Blumen jedenfalls fehlen kaum je auf seinem Grab. "Über Heine habe ich allerlei
Details erhalten, die Reinhardt meiner Frau in Paris erzahlt. Darüber
ausführlicher ein andermal. Nur das für jetzt, daß das
"Sie aber aber schon um achte, trank roten Wein und lachte" literrally
bei ihm eingetroffen. Seine Leiche stand noch im Sterbehaus - am Tag des
Begräbnisses, als der Maquereau der Mathilde mit ihrer Engelsmilde
schon vor der Tür stand und sie in der Tat abholte. Der brave «Meißner»,
der so weichen Kuhmist apropos von Heine dem deutschen Publikum ums Maul
geschmiert hat, hat bares Geld von der "Mathilde" erhalten, um diesen Saumensch,
welcher den armen Heine zu Tode gequält, zu verherrlichen."
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