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Aus der Reihe: Berühmtheiten mit MS:
Carl Janssen: Heine jung
Heinrich (eigentlich Harry)
Heine,
geboren 1797 zu Düsseldorf,
aufgewachsen in Hamburg,
begünstigt vom lieben Onkel Salomon.
Bedeutendster Lyriker aus der Zeit des jungen Deutschlands.
Gestorben wohl an den Folgen einer
Multiplen Sklerose in Paris,
Februar 1856. Bekannteste Werke:

Reisebilder,
Das Buch der Lieder,
Deutschland - ein Wintermärchen,
>> Lutz Görner liest aus den Wintermärchen,
Capites I, II und III >>
Atta Troll - Ein Sommernachtstraum
Romanzero
Carl Janssen: Heine alt

«Matratzengruft» Salomon und das liebe Geld Mit Mathilde ... Gute Freunde "La Mouche" "Ich weiß nicht,
woran ich bin ..."
Die letzten Stunden Frieden

"... kein grünes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris. (...) 
Ein Grab ohne Ruhe; der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, 
die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen - das ist ein trauriger Zustand". 

Die Krankheit, die Heinrich Heine seit der späten Jugendzeit plagte und ihn im Alter von 59 Jahren dann auch sein Leben kostete, ist in der sekundären Literatur nicht mit letzter Sicherheit bestimmt worden.
Die Biographin Edda Ziegler nennt die sog "Amyotrophische Lateralsklerose" (eine seltenere, degenerative Krankheit der motorischen Nervenfasern des Zentralnerbensystems) als den Grund seines Leidens und Todes.
Dem widersprechen allerdings Heines schlimmes Augenleiden (wohl Optikusneuritis) , sein beschädigtes Gehör und sein spä:ter komplett verloren gegangener Tastsinn an den Extremitäten; Krankheitszeichen, die bei einer ALS nicht vorkommen.
An anderer Stelle wird eine fortgeschrittene Syphilis als sein Grundleiden beschrieben - eine Krankheit, die allerdings nicht den bei Heine abgelaufenen Prozess von Schüben und Perioden der Besserung über so lange Zeit folgt.
Die Idee der Syphilis war allerdings Heine seltbst wohl nicht so fremd, schließlich war die Krankheit im 19. Jahrhundert eine häufige, und die Vorstellung seines Leidens als «Strafe Gottes» für seine berühmte Lästerei war ihm auch selbst gekommen. Gleichwohl blieben die antibiotischen Versuche seiner Zeit zur Abschaffung des Übels an ihm erfolglos, ebenso wie seine jährlichen Badekuren im südlichen Frankreich. In einer solchen Zeit des Versuches einer Besserung seiner Krankheit entstand z.B. der uns überlieferte «Atta Troll» im Pyrenäen-Badeort Cauterets.
Erst in letzter Zeit wurden die biographischen Aufzeichnungen seines Krankheitsverlaufes eher mit einer Multiplen Sklerose in Verbindung gebracht, die wohl schon (wie typisch) in früher Jugend bei Heine begonnen und später in fortlaufende Verschlimmerung übergegangen war.

Die sogenannte "Matratzengruft":

"Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postament steht. Zu ihren Füßen lag ich lange, und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als will sie sagen: siehst du denn nicht, daß ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?"

> nach oben Bei der Arbeit am Romanzero

Ob Heines körperlicher Zusammenbruch sich wirklich so spektakulär vollzog, wie er es hier schildert, sei dahingestellt. Daß der Schauplatz seines Abschieds vom tätigen, dem Diesseits zugewandten Leben ausgerechnet die Statue der Venus von Milo gewesen sein soll, denkmalgewordene Verkörperung aller abendländischen Schönheit und Sinnenfreude - ein in seiner Symbolkraft echt Heinesches Szenario. Schon der Zeitpunkt, zu dem die Krankheit ihn überwältigte, das Revolutionsjahr 1848, ist symbolträchtig genug. Heine hat ihn als Übereinstimmung zwischen politischer und persönlicher Geschichte verstanden und seinen körperlichen Zusammenbruch als Ausdruck für den Zusammenbruch aller Hoffnungen auf die Revolution interpretiert. Der Ausbruch der Revolution nämlich hat Heine tief erschüttert, ihr Ergebnis tief enttäuscht. Von seiner Position als «Stimmführer», als Sprachrohr der politischen Opposition tritt er nun zurück, wenn auch nur erzwungenermaßen: "Es ist schlimm, an die Matratze gefesselt zu sein. wenn alle Welt auf den Beinen ist und die Dinge in Bewegung kommen. Die Nachrichten, die ich aus meiner Heimat erhalte, vermehren meine Tortur. Jetzt, wo ich mit der größten Aktivität mein Lebenswerk verfolgen sollte, bin ich zur Bewegungslosigkeit verdammt, ich kann nicht einmal die verzweifelten Rufe meiner Freunde beantworten, die mich um die übliche Unterstützung bitten." Heines Gesundheitszustand hatte sich seit den 1830er Jahren kontinuierlich verschlechtert. Zu Migräne und nervösen Spannungszuständen, die ihm seit seiner Studienzeit zu schaffen machten, kamen Durchblutungsstörungen, Sehstörungen, erste Lähmungserscheinungen an Hand, Auge, Mund. Schon 1846 wird Heine erstmals öffentlich totgesagt. Nachrufe auf ihn erscheinen. Als Fünfzigjähriger ist er nun nahezu völlig gelähmt und bettlägerig für immer. Vom Leben abgeschieden und auf ständige Hilfe angewiesen, verbringt er die letzten langen acht Jahre in Schmerzen und Einsamkeit, wohlwissend, daß er seine Matratzengruft nicht mehr lebend verlassen wird.

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Krankheitserfahrungen waren Heine ein Leben lang nicht erspart geblieben.  Schon während des Studiums in den 20er Jahren treten auffallend häufig Kopfschmerzen auf, 1832 erste Lähmungserscheinungen, Symptome, die sich ab 1844 verstärken. Während er an 'Deutschland. Ein Wintermärchen' arbeitet, klagt Heine über die Einschränkung seiner Sehkraft durch Lähmung der Augenlider; während seiner Deutschlandreise von Juli bis Oktober 1844 verschlimmert sich sein Zustand. Sein linkes Auge ist jetzt ganz geschlossen, auf dem rechten sieht er nur verschwommen. Noch kommt es immer wieder zu Phasen der Besserung. Janet Brooks: 'Heinrich Heine' Das Jahr 1844 geht zu Ende mit einer Nachricht, von der Heine noch nicht ahnt, welche Folgen sie hat. Am 23. Dezember stirbt sein Onkel Salomon, Bankier in Hamburg, von dessen Jahresrente er und seine Frau großenteils gelebt hatten.

„Zu condoliren steht mir noch nicht der Kopf. Die Feder zittert mir in der Hand. Dazu sind meine Augen wieder in dem schrecklichsten Zustand. Wenn ich nur weinen könnte! - Noch gestern schrieb ich ihm, obgleich ich das Unglück wohl ahnte. Gebe mir nur recht viele Details über seine letzten Augenblicke. Dieser Mann spielt eine große Rolle in meiner Lebensgeschichte und soll unvergeßlich geschildert werden. Welch ein Herz! Welch ein Kopf! "(XXII, 150)"

So in einem Brief an die Schwester Charlotte sechs Tage später. Es folgt eine alle Kräfte fordernde Auseinandersetzung um das volle Erbe mit Vetter Carl, von dem Heine sich hintergangen und erpreßt fühlt. Bis zum Äußersten ist er entschlossen; einen „Todeskampf" will er beginnen und neben den Gerichten auch die öffentliche Meinung für sich gewinnen, falls sein Vetter nicht nachgibt. Er wolle sein Recht, und müsse er es mit seinem „Tode besiegeln" (XXII, 151)! Für seine Gesundheit hat dies alles verheerende Konsequenzen. Sein Augenleiden verschlimmert sich; zeitweise ist er blinder denn je, und die Lähmungen ziehen sich nun auch in die Brust. Bettlägrigkeit ist die Folge. Um aber nicht den Eindruck von Arbeitsabbruch zu erwecken, signalisiert Heine mehrfach im Verlauf des Jahres 1845 die Weiterarbeit an seinem „Sommernachtstraum" unter dem Titel „Atta Troll". Es nützt nichts. Campe, dem Hamburger Verleger gegenüber, muß er Verzögerungen eingestehen; durch die Unglücksfälle dieses Jahres fehle ihm die „gehörige Laune" für „heitere Stücke", schreibt er am 31. Oktober 1845. Ja, Heine gesteht im selben Brief erstmals eine Diskrepanz ein, welche von nun an das Drama seines kommenden Sterbe-Lebens ausmachen wird: „Einst süßestes Leben, jetzt Verdüsterung und Todeslust"'. (XXII, 174). Und erstmals taucht eine Formulierung auf, die aufhorchen läßt. Die Krankheit sei „Versündigung" an ihm; man habe mit „unerhörter Schändlichkeit" an seinem „Genius gefrevelt"; es würden „Jahre hingehen, ehe der alte Humor wieder gesund" sprudle (XXII, 174). Zum ersten Mal also die Reflexion auf größere Zusammenhänge seines „Schicksals": „man" habe sich an ihm „versündigt"; „man" habe an ihm „gefrevelt"! Wer ist mit diesem „man" gemeint? Noch bleibt diese Frage offen.

Trotz der Schwere seines Leidens, konnte es ihm gottlob seinen messerscharfen Witz nicht nehmen:
"Ich lasse dahingestellt sein, ob man meine Krankheit bei ihrem rechten Namen genannt hat, ob sie eine Familienkrankheit oder aber eine jener Privatkrankheiten ist, woran der Deutsche, der im Ausland privatisiertet, zu leiden pflegt, ob sie ein französisches ramolissement de la moelle epiniere oder eine teutsche Rückgratsschwindsucht ist - so viel weiß ich, daß sie eine sehr garstige Krankheit ist, die mich Tag und Nacht foltert und nicht nur mein Nervensystem, sondern auch mein Gedankensystem bedenklich zerrüttet hat.Wenn die Krämpfe in der Wirbelsäule allzu qualvoll rumoren, durchzuckt mich der Zweifel, ob der Mensch wirklich ein zweibeinichter Gott ist, wie mir der selige Professor Hegel ... versichert hatte ..." (sic!)

Heine und Mathilde in den späten 40er Jahren 
Mathilde liest dem blinden Dichter vor
Selbstzeugnisse ...
Ein Elend ist das
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Nichtsdestotrotz arbeitet Heine auch unter den schlimmen Bedingungen weiter an den späten Gedichten von 1853/54. Mitte der 50er Jahre kann er nur noch liegen und ist fast gänzlich erblindet.

Eine literarische Reaktion:
"Frau Sorge"
In meines Glückes Sonnenglanz
da gaukelt fröhlich der Mückentanz.
Die lieben Freunde liebten mich
und teilten mit mir brüderlich
wohl meinen besten Braten
und meine letzten Dukaten.
Das Glück ist fort, der Beutel leer,
und hab auch keine Freunde mehr;
Erloschen ist der Sonnenglanz,
zerstoben ist der Mückentanz.
Die Freunde, wie die Mücke,
verschwinden mit dem Glücke.
An meinem Bett in Winternacht,
als Wärterin die Sorge wacht.
Sie trägt eine weiße Unterjack, 
ein schwarzes Mützchen 
und schnupft Tabak.
Die Dose knarrt so gräßlich,
die Alte nickt so häßlich.
Mir träumt manchmal,
gekommen sei das Glück, der junge Mai -
und die Freundschaft und der Mückenschwarm -
Da knarrt die Dose, daß es Gott erbarm,
es platzt die Seifenblase:
Die Alte schneuzt die Nase.
Eugenie Crescentia Mirat. 
Heine nannte sie Mathilde.
Die Mathilde, Ehefrau Heines

Ein Besuch von Fanny Lewald im September 1850:
"Es ist ein stilles Haus in der Rue Amsterdam, wo der kranke Dichter wohnt. Durch die Einfahrt über einen sauber gehaltenen Hofraum schreitend, gelangten wir in das Hinterhaus, in dessen zweiten Stock uns eine Mulattin, die Wartefrau des Kranken, öffnete. Als ihm unsere Namen genannt wurden, scholl uns sofort sein freundlich-hastiges "entrez !" entgegen. Wir fanden ihn auf seinem Schmerzenslager, das er seit Jahr und Tag nicht mehr verlassen hatte. Die Fenstervorhänge waren herabgelassen, das Bett überdies noch durch eine grüne, spanische Wand vom Licht abgeschirmt. Der Kranke hob die feine, fast durchsichtig-magere Hand an das rechte Auge, um das Lid emporzuziehen und einen Blick auf uns zu werfen. Nur dies Auge besitzt noch Sehkraft, das andere nur einen schwachen Lichtschimmer. Aber die Lider sind gelähmt und keiner freien Bewegung mehr fähig. Er streckt mir seine Hand entgegen und heißt uns herzlichst willkommen. 
Niedergeworfen von unheilbarer Krankheit, bei lebendigem Leibe schon ausgestrichen aus dem Buch der Lebenden, gemartert von entsetzlichsten Schmerzensqualen, hat dieser Mann die ganze Energie seines aristophanischen Geistes, die volle Kraft seines unverwüstlichen Humors und all die schneidende Schärfe seines vernichtenden Witzes bewahrt.  
Man hat uns von ihm berichtet, er habe sich bekehrt, der deutsche Aristophanes des neunzehnten Jahrhunderts sei "fromm", sei ein Betbruder geworden. Es ist kein wahres Wort daran. Die Leute, die dergleichen von ihm verbreitet, haben sich entweder selbst getäuscht oder sich von ihm täuschen lassen (...)" 
(Adolf Stahr / Fanny Lewald, September 1850) 

Eduard Schmidt-Weißenfels (1833-1894): " ... Das Krankenzimmer ist abgedunkelt; ein scharfer Geruch nimmt den Besuchern fast den Atem. Als die Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnen, sehen sie einen Tapetenschirm, der das Zimmer in zwei Hälften teilt. Dahinter das Bett. Unter der leichten Bettdecke können sie den Körper kaum noch wahrnehmen, so ohne Muskeln, Fleisch und Blut ist er. Ein mit feiner Haut überzogenes Skelett. Die Stirn des Kranken tritt weit hervor, spärliches Haar darüber. Die Augenhöhlen sind eingefallen. Das eine Auge ist gänzlich geschlossen, das andere belebt sich nur hin und wieder. Der Bart des Kranken ist weiß und struppig; das einzige Zeichen, daß der hier liegende Mensch kein Kind ist, sondern ein Mann.
Seltsam zu denken, daß «Prinzessin Sabbat» in diesem Zimmer entstanden ist, ein einziger Lobgesang auf die Ruhe, Schönheit, Sinnlichkeit und Sanftmut des großen jüdischen Festtages.
Heines Gedicht berührt durch einen glänzend herausgearbeiteten dramatischen Kontrast: der der Prinzessin einmal in der Woche anvermählte Prinz namens Israel existiert die übrigen Tage als «behaartes Ungeheuer», als verzotteltes «Ungetüm», als «Hund mit hündischen Gedanken». Die ganze Woche über kötert er «durch des Lebens Kot und Kehricht, Gassenbuben zum Gespötte». Jeden Freitagabend aber, in der Dämmerstunde zu Sabbat-Anbruch, wird dieser verworfene Hund verzaubert, und aus ihm wird «aufs neu ein menschlich Wesen». Die Erfahrungen des «verworfenen» Israels im Exil sind hier eingeflossen, aber auch Heines gegenwärtiger Zustand ist in diesem Hundeleben leicht wiedererkennbar - als «armer, todkranker Jude» ein selbsteingestandenes «abgezehrtes Bild des Jammers».
Aber zugleich ist die Beschreibung der Verwandlung mehr als Kompensation und distanzierte Außenbeobachtung. Es ist mitten in der Katastrophe die Suche nach Wiederanschluß an eine Kultur, mit der auch er neu und anders würde leben können. Nach einer ästhetisch-religiösen Tradition, in der es nicht sinnenfeindlich-asketisch, gesetzlich-moralistisch oder rechthaberisch-zänkisch zugeht, sondern in der die Hochzeitslieder, die Verwandlung in Schönheit, der Genuß der Speisen, die Sinnlichkeit des Rituals und die Sanftmut der Gottesruhe triumphieren. Die Signale im Text gehen denn auch alle in diese Richtung.

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Später erhielt er Besuch von Ferdinand Lasalle, der die Malaise gleich an Karl Marx weiterleitete:
"Heine, bei dem ich auch erst einmal war, ist äußerst herunter. Sein Geist aber so hell und scharf wie je, nur etwas gegen die Welt verbittert, wie es mir schien. Er freute sich sehr, mich zu sehen und rief nach der erste Begrüßung gleich aus (auf seinen Schwanz weisend): " Sehen Sie, welcher Undank !! Diese Partie, für die ich so viel getan habe, hat mich so weit gebracht. Sein Anblick ist allerdings wirklich schreckenserregend. Dich, Karl, hält er in sehr freundlichem Angedenken !"
(Der Verweis aufs eigene Genital rührte von Heines eigener Auffassung, es handele sich bei seinem Leiden um die späten Auswirkungen einer Syphilis. Besonders in Deutschland war dieser Gedanke nicht unpopulär.)

Es kommen die deutschen Paris-Reisenden, vor allem Literaten und Journalisten. Der kranke Heine in der Matratzengruft ist zur Attraktion der literarischen Welt geworden; nicht zuletzt durch die Art, wie er sein langsames Sterben im Werk der Spätzeit publik macht. Die literarische Öffentlichkeit hat darauf sehr zwiespältig reagiert.
Ihr voyeuristisches Interesse an Heines Krankheit will dessen analytisch-distanzierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod Die letzten Stundennicht akzeptieren. Zwar liest man begierig die larmoyanten Presseberichte von des Todgeweihten Märtyrertum und Bekehrung; der witzig-ironische, manchmal auch sarkastische Ton des Betroffenen selbst aber paßt nicht ins gängige Bild von einem würdigen Tod:
"Die Todkranken der alten Schule zogen ihre Fenstervorhänge zu, schlossen ihre Türen vor den Menschen und ihre Augen vor der Welt zu; dann starben sie. Der kluge Heine hat die Unmenschlichkeit dieses Gebahrens eingesehcn. Er wollte sich nicht wie die wilden Tiere in einsame Wildnis verbergen und irn Schweigen der Einöde die Seele aushauchen. Er überließ das den verwundeten Raubtieren, den Karaiben und dem Tirnon bei Shakespeare; Heine fühlte das Bedürfnis, ein neues Genre des Sterbens zu schaffen. Warum sollten bisher allein die Toten und nicht auch die Kranken auf dem Paradebette liegen können? Wem kein Zahn mehr wehe tut, der hat auch keine Freude mehr von seinem Katafalk, den brennenden Lichtern, den lamentierenden Freunden, der Vorlesung seines Testamentes. Und Heine, der immer gieniale, schuf das poetische Sterbebette, das feuilletonistische Siechthum, die periodischen Bulletins, ja von Zeit zu Zeit ließ er selbst seine kritischen Ausscheidungen drucken. Von dem Magenkrebs des großen Napoleon ist nicht so viel in den Journalen die Rede gewesen, als von der Rückenmarksdarre des großen Heine. Aber der große Napoleon stand sich leider gar zu schlecht mit der Tagespresse. Auch der alte Tieck war ein anderer Mann und ist schweigend in einem Bette gestorben, hat keine Witze über den lieben Gott gerissen, sich nicht mit Kindern, Blumen und Journalisten drappiert und seine Schmerzen im Stillen und nicht vor ganz  Deutschland getragen. 
(E. Kossak, Die verbannten Götter von H. Heine, in: Berliner Feuerspritze, 9.Mai 1853,"   

Zu Besuch kommen auch die Verwandten. Die Geschwister nähern sich dem enfant terrible der Familie nun, da es mit ihm zu Ende geht, wieder an. Max und Charlotte besuchen Heine mehrfach; die Brüder stehen ihm bei in seinen 
letzten literarischen Geschäften. Wer nicht kommt, das sind die alten Bekannten aus besseren Pariser Tagen.  
"Deinen Bruder habe ich autgesucht und ihn leider nicht besser gefunden; er ist sehr abgemagert, gelähmt, blind; sein trauriges Schicksal ist sehr zu beklagen. Ich fürchte, er leidet an Rückenmarksschwindsucht. Wie es noch Zeit war und die Krankheit nicht so weit tortgeschritten, habe ich mein möglichstes getan, ihn zu bewegen, sich nach Hamburg zu übersiedeln, allein es war vergebens. Ich bin der Meinung, daß er allerdings keineswegs so gut gepflegt wird, als es geschehen könnte, und bedauere, daß er nicht darauf eingegangen; Du scheinst ein Lieblings-Projekt zu naben, nämlich eine Kollekte zu stiften, um Deinen Bruder aus drückenden Geldsorgen zu befreien, - schon ein früherer Brief sprach mir davon, wenn ich nicht irre. - die edelsten Frauen  Deutschlands werden laufen etc. - Ich halte dergleichen indes für nicht nötig; um anstandig zu leben, fehlen deinem Bruder keineswegs die Mittel und ich trage selbst dazu von Zeit zu Zeit bei, um sie ihm zu verschaffen.  
Carl Heine an Maximilian Heine (16.April1850)  

"Meinen Freund Balzac habe ich verloren und beweint. George Sand, das Luder hat sich seit meiner Krankheit nicht um mich bekümmert; |...] Ich verliere einen Freund nach dem ändern und bey denen die mir übrig bleiben erprobt sich das alte Sprichwort: Freunde in der Noth gehn sechzig auf ein Loth !", so klagt Heine gegenüber Laube, einen der wenigen Freunde aus gemeinsamen literarischen Kampfzeiten, auf die er noch zählen kann. Balzac ist tot, mit Lassalle hat Heine sich zerstritten, Marx ist aus Frankreich vebannt ... 
 

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Letzte Liebe: die Mouche 

Elise Krienitz, von Heine 'Mouche' genannt
Worte! Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch, geliebte Puppe,
Immer Geist und keinen Braten,
Keine Knödel in der Suppe!

«Mouche» nannte Heine seine letzte Liebe, nach der Fliege im Petschaft, mit dem sie die Briefe an ihn siegelte. Doch «die Mouche hieß nicht Mouche - Mathilde nicht Mathilde», wie Fritz Raddatz einprägsam formuliert, und auch Molly, die Hamburger Cousine Amalie, hieß nicht eigentlich Molly. Die Namen einer jeden seiner drei großen Lieben hat Heine literarisiert. Seine letzte Liebe enthält so wenig Realität wie seine erste. Lag es damals am sozialen Unterschied, so jetzt am paralysierten Körper. Immer aber konstellieren sich die Situationen so, daß die Liebe unerfüllt bleibt. Die Frauen verwandeln sich wie ihre Namen in Literatur.

Liebstes Kind!
Ich gratulire Dir zum neuen Jahr und schicke Dir anbei eine Schachtel Chocolade - die wenigstens de bon goüt ist. Ich weiß sehr gut, daß es Dir nicht ganz recht ist, wenn ich dergleichen Convenienzen beobachte, aber es geschieht auch unserer äußeren Umgebung wegen.die in der Nichtbeobachtung der üblichen Aufmerksamkeiten einen Mangel an wechselseitigem Estime sehen würde. Ich liebe Dich so sehr, daß ich für meine Person garnicht nöthig habe, Dich zu estimiren. Du bist meine liebe Mouche und ich fühle minder meine Schmerzen, wenn ich an Deine Zierlichkeit, an die Anmuth Deines Geistes denke. Leider kann ich nichts für Dich thun, als Dir solche Worte, "Gemünzte Luft" sagen. Meine besten Wünsche zum neuen  Jahr - ich spreche sie nicht aus, Worte! Worte! Ich bin vielleicht morgen im Stande, meine Mouche zu sehen, dann laß ich es ihr wissen.
Jedenfalls aber kommt sie übermorgen (Donnerstag) zu ihrem ... Nebukatnetzar II, ehemaliger königl. Preuß. Atheist, jetzt aber Lotosblumen-Anbeter.

(An die Mouche, Neujahr 1856)


Im Fall der Mouche kommt dieser Neigung ihre eigene zur Mystifikation entgegen. Unter einem Vorwand verschafft sich die junge Frau im Juni 1855.  Zutritt zu dem kranken Dichter. Lange läßt sie ihn im unklaren über ihre Identität. Sie lebt unter mehreren Namen. Für ihre schriftstellerischen Versuche legt sie sich das Pseudonym Camille Seiden zu. Das klingt romantischer und wirkt weniger provinziell als der deutsche Geburtsname Elise Krinitz, weniger bieder auch als ihre Erscheinung auf den erhaltenen Bildnissen. Und romanhaft klingt auch ihre Biographie. Elise Krinitz soll die uneheliche Tochter eines deutschen Grafen und einer Gouvernante gewesen sein, die bei der Geburt des Kindes starb. Eine deutsche Kaufmannsfamilie in Paris soll es aufgezogen haben. Nach einer mißglückten Ehe und abenteuerlichen Jahren in England lebt die junge Frau nun vom Ertrag privaten Sprachunterrichts in Paris. Für Heine wird sie zum Lichtblick seiner letzten  Lebensmonate: anregende Gesprächspartnerin, deren Besuche er stets von neuem herbeisehnt, und  Geliebte im Geist. Daß diese letzte Liebe ohne körperliche Erfüllung bleiben muß, daß er "nicht die gehörigen Kräfte (hat), die Ruthe zu gebrauchen", von der er, sich als gestrenger Lehrer gerierend, anspielungsreich formuliert, hat Heine zutiefst bedauert. Seine Briefe an die Mouche sprechen davon eine beredte Sprache. In den letzten, ihr gewidmeten Gedichten wird diese Liebe wehmütig erhöht und ironisiert. Für das «Holde Herz», die «Liebste und süßeste Katze», die «Liebste Seele» greift er noch einmal zurück auf das Bild  der Lotosblume. Wie im «Liebesweh» des «Buchs der Lieder» wartet sie vergeblich auf die Erfüllung ihrer Liebe. Blieb ihr damals nichts als Resignatur, so wird ihre Entsagung jetzt bezogen auf die literarische Produktivität. Auf Befruchtung hofft die Lotosblume auch jetzt vergeblich. Doch wird nun immerhin die Schöpferkraft des lendenlahmen Geliebten von der Lotosblume belebt: «statt des befruchtenden Lebens / Empfängt sie [...] ein Gedicht".

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"Dieses Unleben ist nicht zu ertragen, wenn sich noch Schmerzen dazugesellen. Wenn ich auch nicht gleich sterbe, so ist doch das Leben für mich auf ewig verloren. Und ich liebe doch das Leben mit so inbrünstiger Leidenschaft. Für mich gibt es keine schönen Berggipfel mehr, die ich erklimmen, keine Frauenlippe, die ich küsse, nicht mal mehr ein guter Rinderbraten in Gesellschaft heiter schmausender Gäste; meine Lippen sind gelähmt wie meine Füsse. auch die Eßwerkzeuge sind gelähmt wie meine Füße ..."

(Paris, den 12. September 1848).

"Ich Weiß nicht, woran ich bin. Und keiner meiner Ärzte weiß es."

Auf den Matratzen ... Mit die Worten kennzeichnet der Dichter die Ratlosigkeit, mit welcher die hervorragendsten Ärzte seinem Leiden gegenüberstanden. Gelang es der jungen Psychiatrie doch erst in jener Zeit, eine gewisse Klarheit in das Wirrsal der mannigfachen Nervenkrankheiten, die im Zentralnervensystem ihren Sitz haben, zu bringen.
Selbst die Kenntnis des verbreitetsten aller Rückenmarksleiden, der Rückenmarkschwindsucht oder "Tabes dorsalis" fällt erst in die letzten Lebensjahre des Dichters, denn die sichere Diagnose dieses Leidens stützt sich auf die umfassenden Untersuchungen Rombergs in Deutschland (1851) und Duchennes' in Frankreich (1858) Von der luetischen (durch Syphilis-Spirochäten hervorgerufenen) Genese dieser Leiden ahnte man damals noch nichts.

Hillebrand, der später berühmt gewordene Historiker, der 1849 Heines Sekretär wurde, hat das Leidensbild gezeichnet, das er vorfand:
Heines Gehör war geschwächt, seine Augen geschlossen, und nur mit Mühe konnte der abgemagerte Finger die müden Augenlider hinaufschieben, wenn der Poet etwas zu sehen verlangte. Die Beine gelähmt, der ganze Körper zusammengeschrumpft: So ward er alle Morgen von Weiberhand auf den Sessel, getragen, während das Bett gemacht wurde.

Nicht das geringste Geräusch konnte er erdulden. Seine Leiden waren so heftig, daß er, um nur etwas Ruhe, nur 4 Stunden Schlafes zu erlangen, Morphium in drei verschiedenen Gestalten nehmen mußte. In seinen schlaflosen Nächten dichtete Heine dann seine wunderbarsten Lieder. Den ganzen Romanzero hat er mir diktiert. Das Gedicht war jedesmal ganz fertig am Morgen. Dann aber ging's an ein Feilen, das stundenlang währte ... "

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Heines Tod

(Letztes Schriftdokument Heines: Brief an die "Mouche",
drei Tage vor seinem Ableben)
 
Lethe  
heißt das gute Wasser!  
Trink daraus,  
und du vergißt  
All dein Leiden -  
ja, vergessen Wirst du,  
was du je gelitten -  
Gutes Wasser!  
gutes Land!  
Wer dort angelangt,  
verläßt es Nimmermehr -  
denn dieses Land  
Ist das wahre Bimini. 


"Liebste! Komme heute (Donnerstag) nicht. Ich habe die entsetzlichste Migraine. Komm morgen (Freytag). Dein leidender H. H." (Brief links ...) 
 

Das ist, drei Tage vor seinem Tod,Heines letzte Mitteilung an die Mouche. Die Schmerzen überwältigen ihn. Am Sonntag, den 17. Februar, morgens gegen 5 Uhr, stirbt Heine nach fast achtjährigem, mit schier übermenschlicher Größe ertragenem Leiden. Heinrich Mann hat sein Sterben gewürdigt: "Seine Trauer ist kraftvoll, und kein Abschiednehmen vom Dasein wurde jemals weder ergreifender noch stolzer genommen, als in seinen unvergänglichen 'Letzten Gedichten'. Er bietet seitdem eins der höchsten Beispiele den Sterbenden, wie er es den Lebenden bietet." 

"Ich verordne, daß mein Leichenbegängnis so eintach sei und so wenig kostspielig, wie das das des geringsten Mannes im Volke. Sterbe ich in Paris, so will ich auf dem Kirchhote des Montmartre begraben werden, auf keinem andern, denn unter der Bevölkerung des Faubourg Montmartre habe ich mein liebstes Lehen gelebt. Obgleich ich der lutherisch-protestantischen Konfession angehöre, so wünsche ich doch in jenem Teile des Kirchhofs beerdigt zu werden, welcher den Bekennern des römisch-katholischen Glaubens angewiesen ist, damit die irdischen Reste meiner Frau, die dieser Religion mit großem Eifer zugetan ist, einst neben den meinigen ruhen können (...)"
(Aus Heines Testament.) 

Auf dem Friedhof Montmartre wird Heine am 20. Februar begraben, ohne Reden, ohne geistlichen Beistand, so, wie er es im Testament von 1851 angeordnet hat. Rund hundert Menschen geben ihm das Geleit, von den berühmtern Pariser Zeitgenossen nnem Grabstein stand die Inschrift, die er sich bereits in den "Reisebildern" formuliert hatte:

"Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß man mir einst mit einem Lorbeerkranze den Sarg verziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir immer nur ein heiliges Spielzeug, oder geweihtes Mittel für himmlische Zwecke. Ich habe nie großen Wert gelegt auf Dichter-Ruhm und ob man meine Lieder preiset oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit."

Wie man seiner nach seinem Tod gedenken würde, davon hatte Heine, was seinen unmittelbaren familiären Umkreis angeht, sehr realistische Vorstellungen. Das Gedicht "Gedächtnisfeier" zeichnet ein liebevoll-ironisches Bild vom Besuch Mathildes an seinem Grab. Sein Nachruhm aber, den er, schwankend zwischen Gleichgültigkeit und dem Wunsch nach Unsterblichkeit, oftmals beschworen hatte, dürfte seine Vorstellungen übertroffen haben. Lorbeer oder Schwert - Blumen jedenfalls fehlen kaum je auf seinem Grab. 

"Über Heine habe ich allerlei Details erhalten, die Reinhardt meiner Frau in Paris erzahlt. Darüber ausführlicher ein andermal. Nur das für jetzt, daß das "Sie aber aber schon um achte, trank roten Wein und lachte" literrally bei ihm eingetroffen. Seine Leiche stand noch im Sterbehaus - am Tag des Begräbnisses, als der Maquereau der Mathilde mit ihrer Engelsmilde schon vor der Tür stand und sie in der Tat abholte. Der brave «Meißner», der so weichen Kuhmist apropos von Heine dem deutschen Publikum ums Maul geschmiert hat, hat bares Geld von der "Mathilde" erhalten, um diesen Saumensch, welcher den armen Heine zu Tode gequält, zu verherrlichen."  
Karl Marx an Friedrich Engels (22. September 1856) 

Marx spricht eine deutliche Sprache über seine Abneigung gegenüber der Ehefrau Heines ... 


(Heines Totenmaske - Heute im Besitz der Stadt Düsseldorf)
Frieden
"Gedächtnisfeier"
Keine Messe wird man singen,
Keinen Kadosch wird man sagen.
Nichts gesagt und nichts gesungen
Wird an meinen Sterbetagen.
Doch vielleicht an solchem Tage,
Wenn das Wetter schön und milde,
Geht spazieren auf Montmartre
Mit Paulinen Frau Mathilde.
Mit dem Kranz von Immortellen
Kommt sie mir das Grab zu schmücken,
Und sie seufzet: Pauvre homme!
Feuchte Wehmut in den Blicken.
Leider wohn' ich viel zu hoch,
Und ich habe meiner Süßen
Keinen Stuhl hier anzubieten;
Ach! sie schwankt mit müden Füßen.
Süßes, dickes Kind, du darfst
Nicht zu Fuß nach Hause gehen;
An dem Barriere-Gitter
Siehst du die Fiaker stehen.

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