![]() ![]() |
Tarkowskij's
Stalker ist ein geschlossenes System der symbolischen Binnenverweise, und das mußte
er seinerzeit wohl auch sein. Er thematisiert eine Art "poetische Sozialkritik",
aber dies ist schon ein zu flaches Wort für einen so virtuosen Film.
Die "Zone" spielt wohl an auf diverse verbotene oder zerstörte
Zonen in der sowjetrussischen Gesellschaft, sowohl psychisch wie konkret
physisch, und Tarkowskij machte hier aus der Not (der Zensur wohl ...)
eine Tugend. Der Film verquickt alte metaphorische
Traditionen der Melancholie in schier endlos langen, fast schnittfreien
Einstellungen mit einer sich aufdrängenden Kritik an rückhaltloser
Umweltzerstörung und sozialer Repression. Gewiß schon überinterpretiert; T. selbst
meint, die Zone sei einfach nur "das Leben selbst". Die verbotende Zone, in die
Einlaß zu erlangen lebensgefährlich ist, wird bewacht wie ein
Militärstützpunkt, obwohl sie doch nur eine menschenleere, morbide
Ödnis birgt, in der sich die drei Helden verlieren, finden und wieder
verlieren. Die Zone selbst aber veräußert ihren krankmachenden
Einfluß über ihre Grenzen hinaus, und dies ist ihre Forderung
an die drei Helden. Sie ist eine Bedrohung und stellt stumme Fragen, die
nur auf einer Reise in ihr Innerstes eine Antwort finden können. Dies
sind gewiß zuviel "klärende Worte" über Tarkowskijs hermetischen
Symbolismus. Er selbst betont doch, daß ein Symbol nur dann wirklich
sei, wenn es in sich selbst unendlich und unergründlich ist. Seltsam
im Thema die narrative Verwandtschaft zum Schlußpart von Coppola's
"Apocalypse now". Wie weit man auch sucht auf der Flußfahrt (hier
ist es eine Fahrt auf einer Eisenbahnlohre), die Reise führt doch
mehr und mehr zu sich selbst. |
![]() | ![]() |
Tarkowskij über seinen Film:
" (...) Hiervon handelt unser »Stalker«:
Dessen Hauptfigur
erlebt Minuten der Verzweiflung. Er schwankt in seinem Glauben, spürt
dann aber doch immer wieder seine Berufung zum Dienst an den Menschen,
die ihre Hoffnungen und Illusionenv erloren haben. Äußerst wichtig war es für mich, daß
das Drehbuch hier die Einheit von Zeit, Raum und Handlungsort
wahrte. Während es mir im »Spiegel« noch interessant
schien, Dokumentarmaterial, Träume, Erscheinungen, Hoffnungen,
Ahnungen und Erinnerungen, also das ganze Chaos der Umstände zu
montieren, die den Helden dieses Filmes mit unausweichlichen Seinsfragen
konfrontierten, sollte es im »Stalker« zwischen den einzelnen
Montagestücken keinerlei Zeitsprünge geben.
Ich wollte, daß
man den Zeitablauf hier innerhalb einer Einstellung ausmachen konnte, daß
die Montage hier also nichts weiter als die Fortsetzung der Handlung markiert.
Die Einstellung sollte also weder Zeitballast, noch die Funktion
einer dramaturgischen Materialorganisation haben. Alles sollte so wirken,
als hätte ich den gesamten Film nur in einer einzigen
Einstellung gedreht. Eine solche einfache, ja asketische Methode schien
mir große Möglichkeiten zu bieten. Ich warf also alles aus dem
Drehbuch hinaus, was mich daran gehindert hätte, mit einem Minimum
an äußeren Effekten auszukommen. Ich strebte hier nach einer
einfachen und bescheidenen Architektur der filmischen Gesamtstruktur.
Ich wollte den Zuschauer dabei noch mehr davon überzeugen, daß
das Kino als ein Instrument der Kunst eigene Möglichkeiten hat, die
keinesfalls geringer als die der Prosa sind. Ich wollte ihm die Fähigkeit
des Kinos vorfuhren, das Leben gleichsam ohne sichtliche, grobe Verletzung
seines realen Ablaufs zu beobachten. Denn hierin liegt für mich das
tatsächliche "poetische"
Wesen der Filmkunst. Eine gewisse Gefahr sah ich darin, daß diese
extreme Vereinfachung der Form geziert und manieriert wirken könnte.
Dem versuchte ich dadurch aus dem Weg zu gehen, daß ich der Einstellung
all das Nebulöse und Unbestimmte nahm, das mn gemeinhin die »poetische
Atmosphäre« eines Filmes nennt Normalerweise wird eine solche
Atmosphäre mit viel Sorgfalt erzeugt. Doch für mich stand fest,
daß ich mich um sie überhaupt nicht zu kümmern hatte. Denn
sie kommt bei der Realisierung der Hauptaufgabe eines Filmregisseurs gleichsam
vor selbst mit auf. Je deutlicher nun diese Hauptaufgabe, also derSinn dessen,
was gezeigt werden soll, formuliert ist, um so bedeutsamer
tritt hierbei auch die Atmosphäre hervor. Und aus
diese Grundnote beginnen dann auch die Dinge, die Landschaft und die
Intonation der Schauspieler zu antworten. Alles geht
dann in Zusammenhänge, nichts bleibt mehr zufällig. Alles
greift ineinander und überschneidet sich, so daß sich die Atmosphäre
als ein Resultat, als eine Folge der möglich gewordenenen Konzentration
auf das Wichtigste einstellt. Eine Atmosphäre als solche schaffen
zu wollen, wäre dagegen ein ausgesprochen widersinniges Unternehmen!
Aus diesem Grunde blieb übrigens auch immer die Malerei der Impressionisten
frei, die sich ja zur Aufgabe gemacht hatten, das Vorüberfliegende,
den Augenblick als solchen darzustellen. Im »Stalker«. wo ich
mich auf das Wesentliche zu konzentrieren versuchte, kam tmosphäre
dagegen gleichsam »nebenbei« auf. Und, wie mir scheint, wirkt
sie sogar erheblich aktiver und emotional ansteckender als in meinen vorangegangenen
Filmen.
Welches Hauptthema sollte in "Stalker" anklingen ? Ganz allgemein gesagt,
worin eigentlich der Wert eines Menschen besteht und was das nur für
ein Mensch sei, der unter dem Fehlen seiner Würde leidet. Ich möchte
daran erinnern, daß das Ziel der Menschen, die sich in diesem Film
auf ihre Reise in die »Zone« machen, ein Zimmer ist, in dem
sich ihre geheimsten Wünsche erfüllen sollen. Und während
sie nun auf dem Weg dorthin das seltsame Gelände der »Zone«
durchqueren, erzählt der Stalker dem Schriftsteller und dem Gelehrten
irgendwann einmal die tatsächlich geschehene oder legendäre Geschichte
von Dikoobras, der an diesen Ort der Sehnsucht mit der Bitte kam, seinen Bruder, dessen
Tod er verschuldet hatte, wieder ins Leben zurückkehren zu lassen.
Als dann aber Dikoobras aus dem »Zimmer« zu sich nach Hause zurückkehrte, da wurde er dort
nur unsäglich reich. Die »Zone« hatte ihm nämlich
seinen wirklichen, geheimsten Wunsch erfüllt. Also nicht das, was
er sich zu wünschen bemühte. Und da erhängte sich Dikoobras.
Als dann unsere Helden an ihr Ziel gelangen, nachdem sie
viel erlebt und viel über sich nachgedacht haben, da können
sie sich nicht mehr dazu entschließen, die Grenze dieses Zimmers,
zu dem sie sich unter Lebensgefahr aufgemacht hatten, auch wirklich
zu überschreiten. Sie sind sich plötzlich bewußt geworden,
daß ihr innerer moralischer Zustand letztlich geradezu tragisch unvollkommen
war. Sie haben in sich nicht genügend
geistige Kräfte gefunden, um an sich selbst zu glauben. Ihre Kraft
reichte lediglich dazu, einen Blick in sich selbst zu werfen.
Und der ließ sie zutiefst erschrecken!
Als Stalkers Frau in die
Stehkneipe kommt, in der die drei eine Pause machen, sehen sich der Schriftsteller
und der Wissenschaftler mit einem für sie rätselhaften und unverständlichen
Phänomen konfrontiert: Vor ihnen steht eine Frau, der die Lebensweise
ihres Mannes und die Geburt eines behinderten Kindes unendlich viel Leid
brachten, die ihren Mann aber dennoch hingebungsvoll und selbstlos wie
in ihrer frühsten Jugend liebt. Diese Liebe und Ergebenheit ist das
letzte Wunder, das dem Unglauben, Zynismus und der Leere der modernen Welt
entgegengesetzt werden kann. Und Opfer dieser modernen Welt sind ja schließlich
auch der Schriftsteller und derGelehrte geworden.
Im »Stalker« verspürte ich vielleicht
zum erstenmal die Notwendigkeit, jenen wichtigsten, positiven Wert, von
dem der Mensch und seine Seele lebt, klar und unzweideutig herauszuarbeiten.
»Solaris« handelt von Menschen, die sich im Kosmos verirrt
haben und nun, ob sie es wollen oder nicht, sich noch ein
weiteres Wissen aneignen müssen. Dieses dem Menschen hier gleichsam
von außen her auferlegte Erkenntnisstreben ist schon
auf seine Art recht dramatisch, weil es von ständiger Unruhe und
Entbehrungen, von Schmerz und Enttäuschung begleitet
wird, denn die letzte Wahrheit ist unerreichbar. Hinzu kommt noch,
daß dem Menschen auch ein Gewissen verliehen wurde,
daß ihn zu quälen beginnt, wenn sein Handeln in Widerspruch zu
den Moralgesetzen gerät. Auch die Existenz des Gewissens
ist demnach in einem gewissen Sinne etwas Tragisches. Selbst im »Spiegel«,
der von tiefen, ewigen, nicht nur kurz aufflackernden Gefühlen handelt,
verwandeln sich diese Bindungen in ein Unverständnis und Unvermögen seines Helden,
der nicht begreifen kann, warum er um dieser Gefühle willen, eben
dieser Liebe und Bindung willen, ewig leiden muß. Im
»Stalker« spreche ich es offen und konsequent aus, daß
die menschliche Liebe jenes Wunder ist, das jedwedem trockenen
Theoretisieren über die Hoffnungslosigkeit unserer Welt erfolgreichen
Widerstand entgegenzusetzen vermag. Nur haben wir
auch die Liebe verlernt ... Im »Stalker« reflektiert der
Schriftsteller über die Langeweile des Lebens in einer gesetzmäßigen
Welt, in der sogar der Zufall das Resultat einer uns bislang nur noch verborgenen
Gesetzmäßigkeit ist.
Vermutlich gefällt es dem Schriftsteller deshalb auch in der »Zone«,
wo er auf Unbekanntes stößt, daß ihn zu überraschen
und zu erstaunen vermag. In Wirklichkeit aber setzt ihn diese einfache
Frau in ihrer Treue und ihren menschlichen Werten in
Erstaunen. Ordnet sich denn wirklich noch alles der Logik unter? Kann
man dann tatsächlich noch alles in seine Bestandteile
zerlegen und berechnen? In »Stalker« und »Solaris«
ging es mir also ganz sicher nicht um Science-Fiction. Dennoch gab es in
»Solaris« leider noch viel zu viele Sci-Fi-Attribute, die
hier vom Eigentlichen ablenkten. Die Weltraumschiffe und -Stationen, die
Stanislaw Lerns Roman vorsah, waren sicher recht interessant gemacht. Doch
meiner heutigen Ansicht nach wäre die Idee dieses Filmes erheblich
deutlicher herausgekommen, wenn wir auf all das völlig verzichtet
hätten.
Die »Science Fiction« bildete im »Stalker«
sozusagen nur eine taktische Ausgangssituation, die den für uns zentralen
moralischen Konflikt plastischer herauszubringen half. Doch in all
dem, was hier mit den Filmhelden geschieht, gibt es keinerlei
»Science Fiction«. Der Film wurde so gemacht, daß
der Zuschauer das Gefühl haben konnte, alles würde sich heute
abspielen und die »Zone« wäre gleich nebenan. Häufig
wurde ich gefragt, was denn die »Zone« nun eigentlich symbolisiere,
woran sich dann auch gleich die unsinnigsten Vermutungen anschlössen.
Derlei Fragen und Mutmaßungen versetzen mich regelrecht in Verzweiflung
und Raserei. In keinem meiner Filme wird etwas symbolisiert! Die »Zone«
ist einfach die »Zone«. Sie ist das Leben, durch das der Mensch
hindurch muß, wobei er entweder zugrunde geht oder durchhält.
Und ob er dies nun durchhält, das hängt allein von seinem Selbstwertgefühl
ab, von seiner Fähigkeit, das Wesentliche vom Nebensächlichen
zu unterscheiden. Ich sehe es als meine Pflicht an, Nachdenken zu erregen über das
spezifisch Menschliche und Ewige, das in jedem von uns
lebt. Doch dieses Ewige und Wesentliche wird von dem Menschen immer
wieder ignoriert, obwohl er doch sein Schicksal in
den eigenen Händen hält. Er jagt lieber trügerischen
Idolen nach. Doch letztendlich bleibt von all dem nur noch jenes ganz
einfache Elementarteilchen, mit dem der Mensch in seiner Existenz rechnen
kann - die Fähigkeit zur Liebe. Und dieses
Elementarteilchen kann in seiner Seele zur lebensentscheidenden Position
werden, zu einer Sinngebung seiner Existenz.
