Elisabeth Bronfen: über Stoker's Dracula:
 
Eros
Hysterie
Bräute
Transformation
Ins Herz der Nacht
Die Jagd
Katharsis
... auf Leben und Tod

Über die Sexualität in Dracula ist bereits viel geschrieben worden, über männliche Homoerotik, über den Austausch weiblicher Körper unter Männern, über perverse Sexualpraktiken in Verbindung mit dem Saugen und der Angst vor weiblicher Sexualität.
Das Vampir-Thema ist aber auch darin zentraler Tropus westlicher Einstellung zum Tod, und mithin repräsentiert Stokers Text nicht nur ein ambivalentes Verlangen nach und eine Furcht vor Sexualität, sondern auch eine ähnliche Ambivalenz gegenüber dem Sterben: wobei das Thema Sexualität das des Todes verschleiern soll. Seine Narration schildert die Trauer um eine Frau, deren Tod ein Rätsel aufgibt - warum mußten vier starke Männer ihr Blut geben, das in ihre Adern gepumpt wurde ? — und dessen Lösung einer Aufklärung und Tilgung der Todesursache entspricht. Gabriel von Marx: Der Anatom Der Abzug libidinöser Besetzung gelingt erst, nachdem die konservierte Leiche in eine verwesende verwandelt und durch ein sekundäres Double, nämlich ein Grabsymbol, ersetzt ist. Stoker zeigt, daß der Leichnam nach dem Tod auf faszinierend gefährliche oder tröstlich ungefährliche Art wiederkehren kann: erstere eine materiell somalische Wiederkehr, nämlich der Vampir als Körper-Double; letztere als immaterielle semiotische Wiederkehr, in Textdokumenten, Grabinschriften und Erinnerungsbildern, die einen abwesenden Körper vertreten und ihn nicht auf eine eher symbolische denn ikonisch/indexische Art verdoppeln. Zwar penetriert der Vampir den Körper und saugt Blut, um sich als Todesbringer zu erhalten, doch auch die Vampirjäger dringen in den Körper ein, indem sie ihn pfählen und enthaupten; diese Art der Penetration allerdings schützt den Körper der Sozietät vor dem Tod. Als untoter Körper, der mit jedem lebenden Körper, den er beißt, einen unheimlichen Zustand lebendigen Totseins ausstreut, verkörpert Dracula eine Art von Tod, die zwei Aspekte der väterlichen symbolischen Ordnung in Frage stellt. In kulturellem Sinn ist der falsche Tod des Vampirs eine ernsthafte Falsifikation christlicher Vorstellungen vom Tod als Schlaf vor dem Jüngsten Gericht. Das leere Grab des Vampirs mit seiner durchlässigen Grabplatte bedeutet, daß diese Leichen nicht einer teleologisch bestimmten Auferstehung harren, sondern gemäß einer zyklischen Vorstellung von Wiederkehr vorzeitig in die Welt der Lebenden zurückkehren, wobei ihre Körper als heil und ganz bewahrt sind. In semiotischem Sinn zeichnet der Vampir eine Rückkehr zu Einschriften auf dem Körper und arbeitet somit gegen den Kulturationsprozeß, bei dem Sprache als Eckstein des väterlichen Gesetzes den »Mord des Soma« bedeutet  wo die dem Körper kontingente Form der Bezeichnung durch willkürliche Symbolisierung ersetzt wird. Die Sprache des Vampirs hält den ursprünglichen Austausch zwischen Leben und Tod offen und untergräbt die Hegemonie sekundärer symbolischer Tauschakte.
Vampirgeschichten erzählen von einem Trauma, das der Tod verhängt sobald er unter die Lebenden zurückkehrt und, in der Gemeinschaft, auf den Körpern ihrer Mitglieder eingeschrieben ist, wobei die Reaktion, die  der Tod - aufgezeichnet durch Graf Draculas Gegenwart - hervorruft, urterteilbar ist in einen hysterischen und einen obsessiven Diskurs, Die Hysterikerin erkennt in der symbolischen Ordnung der Gesetze einer Mangel oder eine Leere und weiß um ihre Nicht-Existenz. Sie kann in ihrem Kultursystem nur existieren, indem sie die Gegenwart eines Double hervorruft: rhetorischer Ausdruck des Todes. In dieser Hinsicht ist die Hysterikerin wandelbar; sie erscheint in mehr als einer Gestalt und verbirgt das Wissen um ihre Nicht-Existenz, im gleichen Zuge, da das Fließende ihrer Position, durch keine der kulturellen Meisterzeichen festgelegt, dazu führt, daß sie unter anderem zu einem radikalen Anderssein außerhalb der symbolischen Ordnung in Beziehung tritt: dieser als Ort ihrer Wahrheit. Die Tatsache, daß sie auf den Vampir antwortet, ist zu deuten als Tropus für die Beziehung der Hysterikerin zu jener radikaler Andersheit außerhalb der Gesellschaft; für die Anerkennung der realen Leere des Todes als einem ihrer Bezugspunkte.

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Während die Hysterikerin ihre Spaltung akzeptiert, von ihrem Mangel an feststehender Identität lebt und sich eine fließende Grenze zum Unbewußten bewahrt, versucht der Zwangsneurotiker die reale Leere des Todes zu verdrängen, indem er klare Trennungen aufrichtet. Er gebraucht Sprache und Wissen, um die radikale Andersheit auszuschließen, damit Mängel und Lücken, die er fürchtet, nicht in Erscheinung treten. Im Gegensatz zur Hysterikerin, die ihre Duplizität und ihre fließende Beziehung zum Unbewußten begrüßt, fürchtet er die Duplizität, versucht er, das Unbestimmte zu kontrollieren und identifiziert sich mit toten Objekten, um den Tod als Wahrheit aus seinem Unbewußten auszuschließen. Sein Ziel ist, das Ich unverletzlich, die Phantasien intakt zu halten, auch wenn dies bedeutet, alles lebendige Begehren und alle interne Differenz in sich selbst abzutöten, denn für ihn hat jede Starrheit Vorzug vor der Erkenntnis der Präsenz des Todes im Leben. Incubus Um das Fließende, Mehrdeutige und Instabile als Reste der untragbaren Last auszuschließen, die von der radikalen Andersheit des realen Todes ausgeht, klammert sich der Zwangsneurotiker an die totengleiche Starrheit von Kontrolle und sicherem Wissen. Das Begehren, weil verboten und Überraschungen sowie
Kontrollverlust mit sich bringend, ist sein Feind; und die Frau, als Auslöser und Objekt des Begehrens, vor allem der von der Hysterikerin verkörperte Fluß der Erscheinungen, muß versteinert und von jedem Makel gereinigt werden. Ein ungefährliches Identifikationsobjekt kann sie erst dann sein, wenn sie nicht länger eine unheimliche, den Tod repräsentierende Figur aus Macht, sondern auf heimliche Weise tot ist. Der Zwangsneurotiker bewältigt den Tod als unheimliche interne Differenz, indem er seinem ambivalenten, fließend oszillierenden Körper eine stabile Bezeichnung anheftet, und für gerade diesen Vorgang dient die Vampirjagd mit dem Eschenpfahl als Tropus.
In Stokers Text wird der hysterische Diskurs durch zwei Bräute verkörpert, Lucy Westenra und Mina Murray, die auf die vom Vampir evozierte Spur des Todes reagieren und, erst einmal gebissen, auf unheimliche Weise zwischen wachem Bewußtsein und todähnlicher Bewußtlosigkeit schweben. Ihre psychosomatischen Symptome bezeichnen, daß das Anderssein des Todes durch das Medium ihrer Körper spricht. Abgesehen von Schauspielerei, emotionaler Labilität und Simulation, erkannte die frühe Psychoanalyse als kennzeichnende Merkmale des hysterischen Charakters auch fordernde Abhängigkeit, übermäßige Erregbarkeit und einen Hang zu halbbewußten Zuständen, zu Suggestibilität und zum Ausagieren der von anderen in Hypnose induzierte Wünsche. Lucys und Minas Verhalten, die beide zwischen den Ansprüchen Draculas und jenen ihrer Verehrer schwanken, erinnert an das von Freud und Breuer beschriebene "doppelte Gewissen" der Hysterikerin als einer Bewußtseinsspaltung (einer Spaltung zwischen der Klarheit des Tages, die eine Kur begünstigt und nächtlicher Irrationalität, die den heilenden Bemühungen des Analytikers widersteht), verbunden mit hvpnoiden Zuständen, Somnambulismus, Halluzinationen und Amnesie.
Die Position des Zwangsneurotiker' wiederum wird von den Verehrern und Ärzten übernommen, die auf die Vampire Jagd machen und sie vernichten, um die Trennung zwischen denKörpern unter dem Grabstein und den Bestattungs-Symbolen, zwischen unbewußten Wünschen und bewußten Taten, erneut zu bekräftigen. Sie reagieren gerade nicht auf den Ruf des Todes, allenfalls in der Art, daß sie dessen lebendige Präsenz aus der Gesellschaft austreiben und identifizieren sich statt dessen mit unbelebten Objekten, mit verstümmelten Leichen, Andenkenbildern und Dokumenten, die eine Reduplikation ihrer
Nachforschungen darstellen.
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Diese zwei Reaktionsweisen auf den Tod werden über den Leichen der beiden Bräute verhandelt. Lucy und Mina reagieren hysterisch in der Form des doppelten Gewissens auf die Verletzung durch den Tod (den Biß Draculas), im gleichen Moment, da ihre Körper der Ort sind, wo die Männer eine symbolische Wiederherstellung in Form von Bluttransfusionen und zweiten Bestattungen versuchen. Die Entlarvung Draculas entspricht einer Tilgung der Differenz, die der Tod in die Gemeinschaft einführt, im gleichen Moment, da die Vernichtung des Vampirs zusammen mit jener der vampirischen Lucy dazu dienen mag, die Störung der symbolischen Ordnung durch die semiotische Chora zu beheben, wie der sterbende und tote weibliche Körper sie inszeniert. Die beiden Bräute stehen zwischen paternalem Gesetz und radikalem Anderssein als zwei Bezugspunkten, wobei der Tod Draculas diese Oszillation beendet, indem er Mina (als Frau und Mutter) in eine sichere Beziehung zum Phallus, und Lucy (als verwesende Leiche) in Beziehung zum heimlichen Tod stellt. Kehren mit dem Biß des Vampirs die zwei verdrängten Rätsel Weiblichkeit und Tod wieder. So ist die Auflösung der Unheimlichkeit dieser beiden Rätsel hier auch austauschbar. Nachtmahr Zu Beginn des Romans zeigt Stoker Mina und Lucy in vorehelichem Zustand, da sie auf ihre künftigen Gatten warten. Mina behält in Abwesenheit Jonathan Harkers die rationale Kontrolle, sie schreibt sogar Tagebuch, um ihre bewußte Erinnerung zu üben, lernt Stenographie und Schreibmaschine. Lucy wird durch dieses »Warten« psychosomatisch gestört und verleiht ihrer Liminalität als Braut die Gestalt einer Somnambulen. Noch bevor Dracula auftaucht, wandelt sie im Schlaf, »wirkt anänisch«, ist erregbar, übermäßig empfänglich für Einflüsse, und hat sich als »Lieblingsplatz«, den sie »nicht verlassen kann«, das Grab eines jugendlichen Selbstmörders gewählt.
In gewissem Maß ist diese Rastosigkeit als banale Symptomisierung ihrer Unsicherheit hinsichtlich der bevorstehenden Ehe mit Arthur Holmwood zu verstehen. Die Tatsache, daß ihren Symptomen - tiefer, lethargischer Schlaf, beängstigende Träume, die sie vergißt - keinerlei körperliche Krankheit entspricht, führt Dr. Seward zu dem Schluß, es müsse »etwas Psychisches sein«.
Zwar hat Mina angefangen, den Friedhof zu besuchen, doch sie widersteht vorerst dem Ruf des Todes. Die Schlafwandlerin Lucy hingegen reagiert sofort auf das Begehren, auf den Ruf des Anderen, ähnlich wie der Totengräber Swales, der sagt: »Käme der Tod heute nacht, ich würde mich nicht weigern, seinem Ruf zu folgen.« (74) Er wird Draculas erstes Opfer. Lucy inszeniert, daß ein Begehren nach dem Tod in ihrem Unbewußten lokalisiert ist, auch wenn ihr bewußtes Selbst freudig die Rückkehr ihres künftigen Gatten erwartet. Dieser Zusammenhang wird deutlich an der Tatsache, daß Lucy auf Arthur wartet,um ihn an ihren »Lieblingsplatz« auf der Klippe über dem Kirchhof zu führen, während sie genau dort von Dracula, ihrem anderen Verehrer, gebissen wird. Die Duplizität, die sich anfangs aus Lucys gespaltenem Selbst ergibt, besteht darin, daß ihre Rastlosigkeit und ihr nächtliches Nachgeben an ihr unbewußtes Begehren auf einen fließenden Übergang zwischen verschiedenen Bewußtseinsebenen des Selbst hindeuten, während das Wissen darum ihrem bewußten Selbst verschlossen bleibt oder von ihm abgelehnt wird. Sie versteht ihre Unruhe nicht, wie Mina es ausdrückt; auch will sie sich deren Ursache nicht eingestehen. Nachdem sie gebissen wurde, beschwört sie Mina, »niemandem ein Wort... von ihrem schlafwandelnden Abenteuer zu verraten« ; und dessen Aufdeckung könnte, wie ihre Freundin meint, nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihren guten Ruf schädigen. Der Text verleiht Lucy zwei Doppelgängerinnen: ihr eigenes gespaltenes Selbst, das schließlich als Vampir wiederkehren wird, und ihre Freundin Mina. Auch letztere schwankt zwischen halbbewußten Zuständen, die eine Todessehnsucht ausdrücken, und einer bewußten Sehnsucht nach der Ehe; doch anders als Lucy, die ihr Geheimnis vor den Vampirjägern zurückhält, ist Mina eindeutig eine Komplizin des paternalen Gesetzes. Sie schreibt ihre unbewußten Träume auf und transkribiert andere Dokumente. Als Sekretärin hilft sie mit, Lucys somatische Auferstehung als Wiedergängerin rückgängig zu machen und sie durch eine textliche Auferstehung zu ersetzen. Diese semiotische Restitution hilft Mina, eine Grenze zwischen sich und ihrer toten Freundin zu ziehen - auch zwischen ihren eigenen bewußten Handlungen und ihrer unbewußten Reaktion auf den Tod.
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Im Verlauf ihrer Krankheit, die sie immer kraftloser und schwächer dahinschwinden läßt, liegt Lucys Rätsel in dieser Inszenierung eines gespaltenen Selbst: einerseits ihre unbewußten Versuche, aus ihrem Zimmer und an jenen Ort auf dem Friedhof zu gelangen, ihr halbträumender Zustand und ihre Halluzinationen, und andererseits ihre Fähigkeit, »sich wieder zu fangen« und »fröhlich zu sein, voller Leben und Freude«. Wenn sie selbst ihre Krankheit beschreibt, beschwört sie wiederholt Bilder des Andersseins, die ihrem bewußten Selbstgefühl widersprechen: »ein starker Druck wie unter Wasser«, Geräusche, ferne Stimmen, »ich weiß nicht woher, die mir befehlen, ich weiß nicht was zu tun«.  Auch ihre Schilderung der ersten Begegnung mit Dracula unterstreicht, daß sie die Erfahrung der Todesnähe als Spaltung erlebt. Wenn es sie unerklärlich zum Kirchhof zieht, scheint sie zu schlafen, obwohl das Erlebnis scheinbar real ist. Der Biß des Vampirs ist »sehr süß und sehr herb«, begleitet von, einem Gefühl des Versinkens und einem Singen in den Ohren, als würde ihre Seele den Körper verlassen und in der Luft schweben, um schließlich in den Körper zurückzukehren. dracul.jpg (12K) Die vier Bluttransfusionen, die das Todeswerk des Vampirs, manifestiert in Lucys leichenhafter, schrecklich wächserner Blässe, in ihrem matten, reglosen Körper, rückgängig machen sollen, verweisen nicht nur auf  das Thema des impliziten Geschlechtsverkehr. Arthur empfindet es, als er Lucy sein Blut spendet, als eine Art Hochzeit: »in den Augen Gottes war sie sein Weib«, wie auch die anderen Männer niemals von ihrer Blutspende sprechen, um ihn nicht »eifersüchtig« zu machen.
Bei dieser Operation dient Lucys Körper auch als Medium zwischen den Männern  und dem Tod, denn auf diesem Umweg trinkt Dracula ihr Blut, wie er später auch durch Minas hypnotisierten Körper zu ihnen sprechen wird. In dieser Ersatzhandlung findet ein verdrängtes Todesverlangen seinen entstellten Ausdruck. Lucys Körper ist unheimlich nicht nur als Ort eines doppelten Tausches - sie nährt Dracula mit ihrem Blut, während sie von ihm die Gabe des Vampirismus empfängt -, sondern auch als Ort einer doppelten Unterschrift: sein rotes Zeichen an ihrem Hals wird gegengezeichnet durch die Zeichen der Männer an ihren Armen. Bei dem wiederholten Aussagen ihres Blutes, mit nachfolgender Erneuerung des Blutes in ihrem sterbenden Körper, und später bei der Verstümmelung ihrer Leiche, geht es also darum, wessen Unterschrift - Draculas somatische oder der Männer symbolische Form der Bezeichnung - den Vorrang haben soll.
Diese künstliche Wiederbelebung repräsentiert auch ein väterliches Geburtsprinzip (»ein Gefühl persönlichen Stolzes«), das dem natürlichen Verfall und implizit auch der mütterlichen Funktion entgegengesetzt ist. Lucys Mutter vereitelt unbewußt die Absichten der Männer, indem sie den Knoblauch beseitigt; und sie stirbt in Lucys Bett, nachdem sie den schützenden Kranz vom Hals ihrer Tochter entfernt und diese nochmals dem Biß des Vampirs dargeboten hat. Nachdem Lucy selbst Vampir geworden ist, wird die Duplizität ihres  gespaltenen Selbst körperlich deutlicher: im Schlaf wirkt sie stärker, wenngleich abgezehrter, ihr Atem geht röchelnd, ihre Zähne sind länger und spitzer; im Wachen ist die Sanftheit der einstigen Lucy wiedergekehrt, sie ist mehr »sie selbst«. Am Ende, nachdem der Tod ihr »einen Teil  ihrer Schönheit wiedergegeben hat«, ist Lucy eine »sehr schöne Leiche«.
Nachdem der Tod eingetreten ist, artikuliert sich die frühere Spaltung des Selbst in einer unheimlichen Bewahrung ihrer einstigen Schönheit vor der »entstellenden Hand« des natürlichen Verfalls.
Jede Stunde scheint »ihre Schönheit noch zu steigern«. Sewards zwiespältige Reaktion auf diesen Anblick - »es erschreckte und verwunderte mich« - drückt das ambivalente Gefühl der Überlebenden aus. Obgleich ihre Liebhaber Lucy am Leben erhalten wollen, so benötigen sie dennoch
ihre Auflösung, um ihre Trauer zu vollziehen.
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Auch wenn sie gewissermaßen eine Figur des sexualisierten Todes ist - Arthur küßt mehrmals die Leiche - bezwecken Van Helsings Nachforschungen, jeglichem nekrophilen Begehren ein Ende zu setzen. Anders Heathcliff, der den Sarg seiner Geliebten öffnen wollte, um sie und somit auch ihren Tod zu umarmen und damit ihren Tod im Leben zu erhalten, öffnet Van Helsing ihren Sarg, um ihren Körper zu verstümmeln, ihr einen Pfahl durchs Herz zu stoßen und ihr den Kopf abzuschlagen - damit der Verfall der Leiche einsetzen kann. Er will ihr unheimliches Schwanken zwischen bewußtem und unbewußtem Selbst zum Stillstand bringen, will die Duplizität, wo die Schönheit eines Körpers seine tatsächliche Verwesung verbirgt, auflösen, will die Spaltung in Engel und Dämon rückgängig machen und die Perversion des mütterlichen Prinzips tilgen, die in der Kinder beißenden Lucy ihre Verkörperung hat. Während die kranke Lucy bei Tage in ungefährlicher Reinheit lag und erst in nächtlicher Unbewußtheit gefährlich wurde, wird sie in ihrem Doppelleben als Untote doppelt gefährlich, »strahlend schön« in ihrem Sarg liegend und gewaltsam sexualisiert bei Nacht, ihre Sanftheit zu »unerbittlich herzloser Grausamkeit«, ihre Reinheit zu »wollüstiger Zügellosigkeit« geworden.
Die zweite Tötung, oder väterliche Auferstehung, die Van Helsing veranlaßt - Arthur stößt dem Vampir Lucy in Anwesenheit der anderen Männer den Pfahl durchs Herz - ist ein Gegenstück zu den Bluttransfusionen. Und auch diese Operation erscheint als verschleierter Geschlechtsakt.fledmau2.jpg (10K) Den Vampir vergleichen die Männer mit einer Medusa, einem Sinnbild des Todes - »wenn jemals ein Gesicht den Tod verhieß, wenn Blicke töten könnten, so sahen wir es in diesem Moment«. Mit der Pfählung ist beabsichtigt, das so gefährlich Verwobene - das Antlitz des Todes und das Gesicht einer schönen Frau - in zwei heimliche, unbedrohliche Gegensätze zu scheiden; und diese Operation wird glücken, wenn der Nachweis gelingt, daß die Schönheit des Todes eine falsche ist, anstatt unauflöslich mit Weiblichkeit verbunden zu sein. Der Vampir wird bezeichnet als »Alptraumbild Lucys ... in all ihrer fleischlichen und ungeistigen Gestalt, wie ein teuflischer Hohn auf Lucys zarte Reinheit«.
Mit der Verstümmelung eines solchen Spottbildes auf Lucy soll dem falschen Tod der Untoten (»jede Nacht Unheil wirkend«; »bei Tag noch tiefer erniedrigt«) entgegengearbeitet und eine weitere Ausbreitung des Todes durch  ihren Biß verhindert werden. Indem die »wahre« Lucy wiederhergestelltund ihre Seele befreit wird, kann ihr toter Körper sich als Engel im Himmel verdoppeln, und weil ihre irdische Doppelgängerin, die Leiche, gefahrlos aufgelöst ist, haben die Männer einen materiellen Beweis ihrer christlichen Vorstellung von wahrem Tod. Auch hier dient die Hinwendung zur schieren Materialität der Leiche als Vademekum gegen eine Glaubenskrise. Die Pfählung stellt auch jenes Bild Lucys wieder her, das die Männer zur Garantie ihrer eigenen Stabilität brauchen. Ihr Ziel ist, »Lucy wieder schließen; herzustellen ... als heilige, und nicht als unheilige Erinnerung«.
Diese Operation vertreibt das Bild des »schmutzigen Dings«, und es bleibt eine Lucy, »wie wir sie im Leben gekannt hatten, mit einem Gesicht von unvergleichlicher Zartheit und Reinheit«. Die Züge des Todes, die ihr Gesicht nun trägt, »gequält und verwüstet«, sind kein Spott des Todes mehr.
Ihr langes Oszillieren ist nunmehr stillgelegt in »heiliger Ruhe«, ausgehend nicht mehr von einem grinsenden Teufel, sondern »Gottes wahrer Toten«.
Die Pfählung fixiert eine semantische Instabilität, die Lucy als Vampir auf zwei Arten vorführt: als toter Körper, der eine lebende Frau simulierte, und als Frau von höchster Schönheit im Schlaf, die dieser Schönheit dennoch spottet, indem sie wachend eine ungezügelte weibliche Lüsternheit an den Tag legt.
Ihre semantische Duplizität wird arretiert durch ihre Auferstehung als Engel und heiliges Bild. Die sekundäre Form des repräsentatorischen Doubles, das benutzt wird, um das ursprüngliche Körper-Double auszulöschen, ermöglicht aber eine zweite Form der Arretierung, indem sie die materiellen Spuren des Todes durch leblose Zeichen verdeckt.
Wenn Lucy in all ihrer strahlenden Schönheit im Sarge liegend an ein Schneewittchenbild erinnert, so darf ihr Körper nicht mehr erwachen, um abermals Braut zu werden. Vielmehr wird er ersetzt durch ein sicheres, gereinigtes Erinnerungsbild, das eine Scheidung der Lebenden von den Toten ermöglicht und die interne Differenz, die sowohl vom Tod als auch von der Weiblichkeit verkörpert wird, kann nun durch ein heimliches Bild der Differenz ersetzt werden, das die Differenz im Außen, im
Anderen lokalisiert.
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Der letzte Teil der Erzählung bringt zum Abschluß, was mit dieser zweiten Bestattung anfängt. Die Detektivhandlung, die Verfolgung und Vernichtung des Vampirs, schließt die Trauerhandlung ab. Nachdem die Duplizität und Oszillation des weiblichen Körpers gelöst ist, müssen die  Jäger nunmehr den Tod lösen. Wiederholt rechtfertigen sie ihre Mission  mit der Behauptung, sie unternähmen diese »um Lucys willen«. Implizit spukt sie weiter durch deren Phantasie, und die libidinöse Besetzung wird erst dann von ihr abgezogen sein, wenn auch der Agent des Todes scheinbar vernichtet ist. Lucys andere Doppelgängerin, Mina, macht die gleichen todesnahen Erfahrungen wie ihre verstorbene Freundin, bevor die beiden wirklich voneinander getrennt werden können. Auch sie wird im Schlaf gebissen und vom Blut des Vampirs beschmutzt; sie hat die gleichen Visionen wie Lucy, die gleichen Symptome der Mattigkeit, Blässe und Unruhe. Doch anders als Lucy, die ihr Wissen für sich behielt, »die nicht sprach, obwohl sie aufschrieb, was sie später kundgetan wissen wollte«, steht Mina eindeutiger auf Seiten des väterlichen Gesetzes. dracul2.jpg (10K) Sie berichtet den Vampirjägern von ihren todähnlichen Erfahrungen und ist eine wichtige Helferin bei der Verfolgung. Anders als Lucy, deren Todessehnsucht ihrer Unsicherheit hinsichtlich ihres Brautstandes entspricht, akzeptiert Mina ihre Position in der symbolischen Ordnung und widersteht dem Ruf des Todes, auch wenn sie ebenfalls darauf am Anfang reagiert hat.
Die Transparenz und Reinheit des Frauenkörpers dient in beiden Fällen als Beweis dafür, daß das Verwerfliche, zu dem sie anscheinend mehr als die Männer neigen, ausgetrieben worden ist. Die Berührung des väterlichen Zeichens - der heiligen Hostie - hinterläßt ein »rotes Mal« auf Minas Stirn, um anzuzeigen, daß ihr Körper befleckt ist, mag ihre Seele auch rein sein. Die Tötung des Vampirs ist gleichbedeutend mit der Reinigung ihrer Stirn, »so weiß wie Elfenbein und ohne Makel«. Vor dieser Wiederherstellung aber wiederholt Mina Lucys Somnambulismus während ihrer hypnotischen Trance und in diesen Zuständen spricht Dracula, als der Tod, durch das Medium ihres Körpers. Während sie anfangs die Ereignisse in Kurzschrift notierte und mit der Schreibmaschine abtippte, um den Männern bei der Dokumentation zu helfen, wird sie später auch jenes Anderssein übersetzen, zu dem die Männer keinen Zugang haben, denn ihr hysterischer Hang zu halbbewußten Zuständen verleiht ihr die »Fähigkeit, die Gefühle des Grafen zu lesen«. In ihrer Trance, so bemerkt Van Helsing, wirkt sie, »als interpretierte sie irgend einen Text; ich hörte, wie sie im gleichen Ton ihre Notizen vorlesen«.
Unter Hypnose spricht das Andere durch sie hindurch, und dieses Andere ist die Spur des Todes. Indem sie sich mit Draculas Schlaf identifiziert, spricht aus ihr der Zustand des Todes:
»Ich bin ruhig, oh, so ruhig, es ist wie der Tod.« Sie ist aber auch die Muse, die die Männer zu dem Vampir führen wird, als »Schreiberin ... die alles über ihn niederschreibt«, »auf daß sie wissen«, was sie aus ihrem Bewußtsein verbannen. Obgleich sie im Verlauf der Reise immer mehr Ähnlichkeit mit Lucy gewinnt, aufgespalten zwischen ihrem vertrauten »alten Selbst«, »wachsam und aufmerksam«, und ihrem Schweigen, eingehüllt in Lethargie und Blässe, bleibt sie doch in Komplizenschaft mit der symbolischen Ordnung der Lebenden. In einer »befremdlichen Szene«, eindrucksvoll durch »ihre Feierlichkeit, ihre Traurigkeit und Düsternis, ihr Grauen gleichwohl ihre Lieblichkeit«, heißt sie die anderen, ihr die Obsequien zu lesen, um so die Reinheit ihrer Seele zu sichern.
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Der Augenblick der Auflösung, als Graf Dracula endlich gepfählt wird, ist buchstäblich ein Moment endgültiger Auflösung, als »sein ganzer Körper zu Staub zerfiel und aus unseren Blicken schwand«  und Minas Stirn wieder »makellos« wird, ist auch »der Fluch von ihr genommen«.
Als die Todesursache, die eine so unheimliche Duplizität und Oszillation oei den Frauen hervorrief, beseitigt ist, wird auch die Erinnerung an die tote Lucy vollkommen geläutert. Sie ist völlig getrennt von Mina, die am Jahrestag des Ereignisses einem Knaben das Leben schenkt.
Stoker zeigt drei mögliche Haltungen gegenüber der von Dracula bezeichneten Figur des Todes.
Erstens: Lucys Hysterie, ihr Schweigen und ihre Unfähigkeit, dem Tode zu widerstehen, verkörpern eine gänzlich fließende Grenze zwischen dem bewußten Gefühl der Selbsterhaltung und einem unbewußten Todeswunsch. bronfin1.jpg (12K) Zweitens: Minas und Jonathans Reaktionen auf den Ruf des Todes, die bei der zweiten Tötung Lucys und Draculas verdrängt werden können. Während Mina der Lockung des Vampirs folgt, erregen die drei weiblichen Vampire auf Schloß Dracula Jonathans Phantasie und wecken ein »brennendes Verlangen, sie mögen mich küssen«. (37) Die Vorstellung, von einem untoten weiblichen Körper geküßt zu werden, ist sowohl »erregend als auch abstoßend« und weckt die Erwartung »schwüler Ekstase«. Die Tilgung des Rufes des Todes im Leben dient als Tropus für  eine erfolgreiche Verdrängung jener Teile des Selbst, die darauf reagieren, die Phantasie nämlich und das Unbewußte; ferner als Tropus für die erfolgreiche Verwerfung der Spaltung des Selbst und im Selbst sowie für ein zwanghaftes Ausschließen des Todes aus der eigenen Wahrheit. Schließlich und drittens, zeigt sich Van Helsings eindeutige und zwanghafte Identifikation mit dem Tod in seinem Glauben, er habe Macht über den Tod.
Mit Hilfe seiner Instrumente, seiner Nadeln, Pfähle und Hostien, kann er sterbende Bräute wiederbeleben und die Untoten vernichten. Dieser Vollzug von Trennungen vertreibt unheimliche Körper-Double und unheimliche semantische Duplizitäten als die zwei Zeichen der Differenz, die der Tod im Innern der Kultur und der Identität einschreibt und markiert einen völligen Mangel an Reaktion auf den Ruf des Todes.
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Selbst wenn es, wie Van Helsing sagt, »bei unserem Spiel um Leben und Tod geht«, sollte die detektivische Nachforschung auch die Privilegierung der Dokumentation und der sekundären Transkripte gewähr leisten, die angeblich semantische Stabilität bedeutet, im Gegensatz zu primären Gefühlen, unbewußten Wünschen und Träumen. Denn die »grausigen Einbildungen«, die Jonathan auf Schloß Dracula registriert, werden ihn vernichten, falls es ihm nicht gelingt, sich durch das Notieren »prosaischer Aufzeichnungen« zu schützen. Überall in diesem Roman wird die Gefahr eines zerrütteten Geistes und des Triumphes unbewußter Wünsche durch exakte Dokumentation apotropäisch beschwichtigt. Bezeichnenderweise beginnt Mina Jonathans Tagebuch abzutippen, nachdem sie erkannt hat, daß Dracula in England ist, als wolle sie dieses Typoskript der Todesfigur entgegensetzen, die sich der Phantasie bemächtigt und »alles in ihren Schatten zieht«. Stokers Text endet mit Vaterbildern, mit einem Sohn Quincy und einem Text, nämlich den Papieren, die die Nachforschung dokumentieren. Hinter dieser Kompilation steht die Absicht, durch Übersetzung eines primären Austausches mit dem Tod in einen sekundären werde die daraus folgende Interpretation dazu führen, daß der Tod seine Macht über den Körper verliert; daß bewußte Todesangst in verdrängtes unbewußtes Begehren umgewandelt würde, im gleichen Augenblick, da die Gewalt, die eine solche Umwandlung herbeiführt, ebenso verdrängt wird.
Stoker aber untergräbt den zwangsneurotischen Diskurs seiner Protagonisten auf großartige Weise - nicht nur in dem banalen Sinn, daß sein ganzer Text erregend auf die Phantasie des Lesers wirkt und diesen in das gefährliche Reich des Unheimlichen, der Duplizität, der Sehnsucht nach dem Anderssein zieht. Er stellt auch explizit fest, daß das semiotische Double, das an die Stelle des somatischen Doubles tritt, kein stabiles ist; daß die Wahrheit, nach der die Männer suchen, nicht festgelegt werden kann.
Gewiß sind die Toten erst dann wahrhaft tot, wenn sie unter der Grabplatte begraben sind, wenn sie in Staub zerfallen und unwiderruflich der Macht der Überlebenden entgleiten; doch ebenso flüchtig sind die dokumentarischen Zeugnisse, die sie repräsentieren. So schreibt Jonathan: »Unter den Mengen von Material, aus denen dieser Bericht zusammengestellt ist, findet sich kaum ein authentisches Zeugnis! Nichts als eine Masse von maschinengetippten Blättern... Wir dürfen kaum von jeman dem erwarten, dies als Beweis für eine so unwahrscheinliche Geschichte zu akzeptieren.«
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Obwohl diese Dokumente Stabilität bieten sollten, vermag das Sema nicht das Soma transparent wiederzugeben, was die  Papiere zu einer Art sekundärer Bezeichnung macht, wobei Differenz und Distanz zwischen dem Zeichen und dem realen Vorgang immer mit eingeschrieben sind, während das Reale und Authentische dieser Bezeichnung sich entzieht. Ironischerweise stellen diese Papiere genau jene Duplizität und Unklarheit zwischen Bezeichnendem (dem Schein) und Bezeichnetem (der Wahrheit) dar, zu deren Beseitigung die Männer überhaupt sich der Dokumentation bedienten.
Obgleich es ihr Ziel ist, den Riß im Grabstein zu schließen, alle Verdoppelungen und alles unheimliche Anderssein zu tilgen, indem sie die Instanz der Differenz töten, stehen sie am Ende vor Fragmenten von Kopien und Ruinen - vor verwesenden Leichen, Asche, Grabsteinen.
Es gibt nichts, was ihr Begehren nach Reinheit und Ganzheit verbürgen könnte, bis auf Minas geläuterte Stirn und ihren Sohn; insofern endet Stokers Text mit einer Disjunktion, die - so meine These - durch Allegorie versinnbildlicht wird. Tatsächlich zeigen die Worte des Totengräbers Swales über die Duplizität von Grabsteinen, daß die Ersetzung des bösen Double, des als Vampir wiedergekehrten Soma, durch das gute Double, dessen semiotische Repräsentanz, eben auch eine Verhöhnung, Mimikry ist.
Er bezeichnet die Grabsteine als »Brocken, einfach herabgestürzt mit dem Gewicht der auf ihnen verewigten Lügen, draufgeschriebene Sprüche wie >Hier ruht in Frieden< oder >Zum frommen Andenken<, und dabei liegt in der Hälfte der Fälle gar keine Leiche drunter; das ganze Andenken ist
keine Prise Tabak wert, und schon gar nicht fromm. Alles nur lauter Lügen, aber Lügen von dieser und jener Art.«
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Er beschwört das Bild eines Jüngsten Gerichts, nicht als Augenblick der Klarheit, sondern als ein »Gerangel um Pfründe«, wobei die Toten ihre Grabsteine umherschleppen, um zu beweisen, »wie gut sie waren«. Seine Schilderung bezieht sich auf zwei Aspekte von Duplizität und Täuschung. In solchen Fällen, wo keine Leiche in der Erde liegt und der Grabstein ein leeres Grab bezeichnet, ist die Inschrift >Hier ruht< tatsächlich eine Lüge, was den Ort des toten Körpers betrifft, möglicherweise, um sich der Furcht vor wandernden Geistern zu erwehren. Weil andererseits die Bezeichnung >Zum frommen Andenken< vielleicht die wahre Beziehung zwischen dem Verstorbenen und dem Trauernden verfälscht, dient ihr der Ort des Todes zur Überlieferung einer fiktiven Darstellung des Verstorbenen. Wie Swales über Lucys Lieblingsgrab bemerkt, gibt dessen Grabstein vor, daß eine schmerzgebeugte Mutter einen geliebten Sohn betrauere, um dadurch zu verheimliehen, daß hier ein Mann Selbstmord beging, um eine Mutter zu ärgern, die ihn haßte. Folglich enthüllt die textliche Repräsentation doppelsinnigerweise, was Lucys Grabstein verbirgt: nämlich daß ihr frommes Andenken nur aus einer gewaltsamen Verstümmelung ihrer Leiche sowie der Entweihung ihres Grabes hervorgehen konnte.
Weibliche Körper im Übergang - voreheliche Bräute, Somnambule, Vampire und hypnotisierte Medien - sind Bilder für die Arbeit des Todes im Leben. Sie treiben Männer dazu, sich zwanghaft von jeder erotisch kodierten Desintegrationserfahrung zu distanzieren, im gleichen Zuge, da diese Bilder den Text - also die Kompilation der ihren zwangsneurotischen Diskurs aufzeichnenden und vervielfältigenden Papiere - zur Selbst-Reflexivität zwingen, indem sie seine sinnbildliche Hysterie offenbaren.
Vorausgesetzt, daß textliche Selbst-Reflexion auch deshalb erreicht wird, weil der Text als Tropus für den allegorischen Prozeß dient, liegt diese sinnbildliche Hysterie auch in der Tatsache begründet, daß der Text auf zwiespältige Weise eine reale Leere vorführt, die er jedoch bewußt nicht anerkennen darf. Die allegorische Disjunktion, die durch die Textualität der kompilierten Papiere - analog den Inschriften auf Grabsteinen - produziert wird, zeichnet jenes bedrohliche Anderssein, so daß paradoxer-
weise das Reale, das auf thematischer Ebene mit den Vampiren wiederkehrt und im Verlauf der zweiten Tötung beseitigt wird, rhetorisch bleibt.
Die Tatsache, daß Dokumentation und Transkription stattfinden, während die vampirisierten Frauen und die detektivisch ermittelnden Männer sich in der Liminalen der Todesnähe und Trauer befinden, bringt zum Ausdruck, daß das Schreiben, das die Trennung der Toten vom Leben sichern soll, genau aus jenem marginalen Bereich zwischen beiden hervorgeht.

(aus: Elisabeth Bronfin: "Nur über ihre Leiche" - Tod, Weiblichkeit und Ästhetik; München 1994)

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