Verewigt hat er dies in seinem wunderbaren Frühwerk
"Travels with a donkey in the Cevennes".
Hier ein kleiner Auszug
Obwohl es schon spät war, machte ich mich von Le
Bleymard nach dem Mittagessen auf, um den Mont Lozere anzugehen. Eine dürftig
markierte, steinige Trift wies mir den Weg, und ich begegnete fast einem
halben Dutzend Ochsenkarren, die von den Wäldern herabkamen und deren
jeder mit einem ganzen Kiefernstamm für Brennholz im Winter beladen
war. An der Baumgrenze, die an diesem rauhen Kamm nicht sehr hoch liegt,
schlug ich mich auf einem Pfad links seitwärts in die Kiefern, bis
ich auf eine grasige Mulde stieß, wo ein Bächlein über
Steinen eine winzige Kaskade bildete, die mir als Wasserhahn diente. »In
einer derart weihevollen, abgeschiedenen Laube, daß "Nymphe selbst
und Faun sie mieden« (Keats).
Die Bäume waren nicht alt, aber
sie standen dichtgeschlossen um die Lichtung. Eine Aussicht öffnete
sich mir gen Nordosten auf ferne Hügelkuppen oder aufwärts gen
Himmel. Der Lagerplatz kam mir so privat und sicher
vor wie ein Zimmer.Als ich mich eingerichtet und Modestine gefüttert
hatte, begann derTag sich schon zu neigen. Ich steckte meine Beine bis
zu den Knien in den Sack und aß herzhaft. Sobald die Sonne untergegangen
war, zog ich meine Kappe über die Augen und schlief ein. Unter einem
Dach ist die Nacht eine stille, monotone Zeit. Im Freien verläuft
sie flink mit ihren Sternen, ihrem Tau und ihren Düften, und die Stundenn
sind gezeichnet von den Veränderungen im Antlitz
der Natur. Was zwischen Wänden und Gardinen eingesperrten Menschen
wie eine Art zeitweiliger Tod vorkommt, ist nur ein leichter und erlebter
Schlummer für jemanden, der draußen schläft. Die ganze
Nacht hindurch kann er die Natur tief und frei atmen hören; selbst
wenn sie ruht, regt sie sich und lächelt, und es gibt eine rührige
Stunde, zu der ein Fluidum die schlafende Welt weckt und alles, was da
kreucht und fleucht, auf die Beine bringt. Dann kräht der Hahn zum
ersten Mal, jetzt jedoch nicht, um den Tagesanbruch zu verkünden,
sondern als munterer Wächter, der die Nacht zur Eile spornt. Die Rinder
erwachen auf den Weiden. An taubenetzten Hügellehnen sind die Schafe
beim Frühstück und wechseln zu einem neuen Weideplatz unter den
Farnen. Männer ohne Bleibe, die sich mit den Hühnern zur Ruhe
gelegt hatten, öffnen die benebelten Augen und schauen die Schönheit
der Nacht.
Durch welche unhörbare Aufmunterung, mit welchem
sanften Hauch werden alle diese Schläfer zur gleichen Stunde ins Leben
zurückgerufen? Rieselt von den Sternen ein Einfluß herab, oder
spüren wir ein Beben von Mutter Erde unter unseren ruhenden Körpern?
Sogar Schäfer und alte Bauersleute, die sich doch in diesen Geheimnissen
am besten auskennen, haben keine Ahnung von Mitteln und Wegen dieser nächtlichen
Auferweckung. Gegen zwei Uhr morgens, sagen sie, tritt das Phänomen
ein; mehr wissen und weiter fragen sie nicht. Zumindest ist es eine angenehme
Unterbrechung. Der Epikuräer Montaigne meinte, wir würden in
unserem Schlaf nur gestört, damit wir ihn umso besser und fühlbarer
auskosten mögen. Wir haben eine momentane Regung, zu den Sternen aufzublicken,
und manch einem verschafft dann der Gedanke ein besonderes Wohlbehagen,
daß er diesen Impuls mit allen anderen im Freien lebendenWesen um
sich herum teilt, daß er aus der Zwingburg der Zivilisation entkommen
ist und mindestens zeitweilig zu nichts weiter wurde als zu einem lieben
Tier, einem Schaf in der Herde der Natur. Als diese
Stunde zu mir unter den Kiefern gekommen war, erwachte ich durstig. Halbgefüllt
mit Wasser stand mein Becher neben mir. Ich leerte ihn mit einem Zuge.
Hellwach nach dieser innerlichen kalten Abspritzung setzte ich mich auf
und drehte mir eine Zigarette. Die Sterne waren klar, glänzten wie
Diamanten in verschiedenen Farben, aber keineswegs kalt. Die Milchstraße
verhüllte ein matter silbriger Dunst. Um mich in der Runde ragten
stockstill die schwarzen Baumkronen. An dem weißen Packsattel konnte
ich Modestine erkennen. Wie sie am Ende ihres Stricks unablässig im
Kreise herumging; hören konnte ich sie beim gleichmäßigen
Kauen des Grases. Es gab keinen -anderen Laut außer dem nicht zu
beschreibenden leisen Geplauder des Bächleins auf den Steinen. Lässig
rauchend lag ich und studierte die Farbe des Himmels, wie wir die Leere
des Raumes nennen, von der Stelle hinter den Kiefern, wo sie in rötlichem
Grau erschien, bis zum Blauschwarz zwischen den Sternen. Als ob ich einem
Hausierer möglichst ähnlich sehen wollte, trug ich einen silbernen
Ring. Ihn konnte ich schwach schimmern sehen, wenn ich meine Zigarette
hob oder senkte, und bei jedem Zug erleuchtete sich meine Handfläche
und wurde für eine Sekunde zum hellsten Fleck in der Landschaft. Ein
leiser Windhauch, eher eine wallende Kühle als ein Luftstrom, durchzog
die Lichtung von Zeit zu Zeit, so daß die Luft in meinem großen
Zimmer die ganze Nacht hindurch ständig erneuert wurde. Mit Entsetzen
dachte ich an den Gasthof in Chasserades und die Ansammlung von Nachtmützen
zurück, mit Entsetzen an den nächtlichen Schneid von Schreibern
und Studenten, an heiße Theater, an Hausschlüssel und an stickige
Räume. Ich habe mich nicht oft einer so heiteren Selbstgewißheit
erfreut oder mich so unabhängig von materiellen Hilfen gefühlt.
Die Außenwelt, vor der wir uns in unsere Häuser ducken, stellte
sich am Ende als ein huldreicher, wohnlicher Ort heraus, und Nacht für
Nacht war anscheinend dem Menschen ein Bett bereitet,
das auf ihn wartete auf der weiten Flur, wo Gott ein
offenes Haus hält. Ich meinte, eine jener Wahrheiten wiederentdeckt
zu haben, die den "Wilden" offenbart sind, den Wirtschaftspolitikern hingegen
verborgen bleiben. Zumindest hatte ich ein neues Glücksgefühl
für mich selbst entdeckt. Doch während ich noch so von meiner
Einsamkeit schwärmte, wurde ich mir eines sonderbaren Mangels bewußt.
Ich wünschte, daß eine Gefährtin neben mir im Sternenlicht
läge, still und stumm, aber immer in Fühlung. Denn es gibt eine
Gemeinschaft, die sogar noch stiller ist als Einsamkeit und die, richtig
verstanden, Einsamkeit in höchster Perfektion ist. Und im Freien mit
der geliebten Frau zu leben, ist für einen Mann von allen Leben das
vollkommenste und freieste. Dieweil ich so mit zwischen Zufriedenheit und
Sehnsucht geteilten Gefühlen dahingestreckt lag, drangen leise Laute
zu mir durch das Gehölz. Zuerst meinte ich, es sei Hahnenkrähn
oder Hundegebell von einem Gehöft in der Ferne, aber allmählich
verdeutlichte es sich, bis ich merkte, daß auf der Hauptstraße
unten im Tal ein Mann entlangzog und laut dabei sang. Sein Vortrag war
eher gutgemeint als gut gelungen, aber er trällerte aus voller Lunge.
Der Klang seiner Stimme griff in die Hügelflanken
und brachte die Luft in den lauschigen Tobein zum Schwingen. In schlafenden
Städten habe ich des Nachts Leute vorbeigehen hören: manche sangen,
an einen erinnere ich mich, der laut auf dem Dudelsack spielte. Ich habe
das Rattern eines Karrens oder Wagens gehört, das nach Stunden der
Stille plötzlich aufsprang und minutenlang meinen Hörbereich
durchquerte, während ich im Bett lag. Leute, die im Finstern unterwegs
sind, umschwebt eine "romantische Aura", und mit einem gewissen Schauer
suchen wir zu ergründen, was sie umtreibt. Aber hier hatte die Romantik
zwei Facetten: auf der einen Seite der weinselige
Wanderer, der sein fröhliches Lied durch die Nacht schmetterte, auf
der anderen ich, eingemummelt in meinen Sack, allein beim Rauchen einer
Zigarette im Kiefernwald vier- bis fünftausend Fuß unterm Sternenzelt.
Als ich wieder aufwachte (Sonntag, 29. September), waren viele der Sterne
verschwunden; nur die stärkeren Gefährten der Nacht glühten
noch sichtbar am Firmament, und weit hinten im Osten sah ich einen matt
schimmernden Dunst am Horizont, so wie mir die Milchstraße
erschienen war, als ich das letzte Mal wach lag. Der Tag nahte. Ich steckte
meine Laterne an und stieg bei ihrem Glühwürmchenschein in Stiefel
und Gamaschen, dann brach ich etwas Brot für Modestine, füllte
meine Wasserflasche am Hahn und zündete meinen Spiritusbrenner an,
um mir eine Schokolade zu kochen. Die blaue Finsternis lag lange auf der
Lichtung, wo ich so süß geschlummert hatte, doch bald zeigte
sich entlang der Bergkette des Vivarais ein breiter Streifen von Orange,
der in Gold überging. Eitel Freude überkam mich bei diesem allmählichen
und lieblichen Herannahen des Tages. Voller Wonne hörte ich das Bächlein
rieseln. Suchend blickte ich mich um nach einem schönen und unerwarteten
Wesen, aber die stillen, schwarzen Kiefern, die Mulde
der Lichtung, der mampfende Esel, alles blieb unverändert. Allein
das Licht hatte sich gewandelt. Es goß einen Geist von Leben und
atmendem Frieden über alles und versetzte mich in eine sonderbare
Heiterkeit. Ich trank meine Wasserschokolade, die, wenn auch nicht kräftig,
so doch heiß war, und wandelte hierhin und dorthin, vorwärts
und rückwärts auf der Lichtung. Während ich so herumtrödelte,
fiel ein fester Windstoß, so lang wie ein tiefer Seufzer, genau aus dem Quadranten des Morgens ein. Er war kalt und
ließ mich niesen. Die Bäume in der Runde schüttelten ihre
schwarzen Mähnen unter seinerWucht, und ich konnte die schlanken Spitzen
der Kiefern am fernen Hügelrande sehen, wie sie sich vor dem goldenen
Osten hin- und herwiegten. Zehn Minuten darauf sprengte der Sonnenschein,
Schatten und Funken streuend, im Galopp über den Hügelhang, und
der Tag war vollends gekommen. Ich beeilte mich, meinen Pack zu richten,
um den vor mir liegenden steilen Anstieg in Angriff zu nehmen, aber mir
ging etwas im Kopf herum. Es war nur eine Schrulle, doch Schrullen sind
manchmal aufdringlich. In meiner grünen Karawanserei war ich höchst
gastlich aufgenommen und gewissenhaft bedient worden. Das Zimmer, das Wasser
vortrefflich, und die Morgenröte hatte mich auf die Minute geweckt.
Ich spreche gar nicht von der Wandtäfelung und der gewölbten
Decke noch von der Aussicht, die sich mir von den Fenstern bot. Ich hatte
einfach das Gefühl, für diese großmütige Bewirtung
in jemandes Schuld zu stehen. So machte ich mir halb lachend den Spaß,
im Gehen Münzen zu Boden fallen zu lassen, bis ich genug für
die Unterkunft einer Nacht erlegt hatte. Hoffentlich
sind sie keinem reichen und geizigen Viehhändler in die Hände
gefallen ...