Robert Louis Stevenson (ja, genau, der Stevenson, von dem auch die "Schatzinsel" herrührt) durchwanderte das Cevennengebirge allein im Jahr 1878, begleitet nur von einer Eselin namens "Modestine".

Verewigt hat er dies in seinem wunderbaren Frühwerk "Travels with a donkey in the Cevennes".
Hier ein kleiner Auszug

"Eine Nacht unter Kiefern"

Obwohl es schon spät war, machte ich mich von Le Bleymard nach dem Mittagessen auf, um den Mont Lozere anzugehen. Eine dürftig markierte, steinige Trift wies mir den Weg, und ich begegnete fast einem halben Dutzend Ochsenkarren, die von den Wäldern herabkamen und deren jeder mit einem ganzen Kiefernstamm für Brennholz im Winter beladen war. An der Baumgrenze, die an diesem rauhen Kamm nicht sehr hoch liegt, schlug ich mich auf einem Pfad links seitwärts in die Kiefern, bis ich auf eine grasige Mulde stieß, wo ein Bächlein über Steinen eine winzige Kaskade bildete, die mir als Wasserhahn diente. »In einer derart weihevollen, abgeschiedenen Laube, daß "Nymphe selbst und Faun sie mieden« (Keats). Mont LozèreDie Bäume waren nicht alt, aber sie standen dichtgeschlossen um die Lichtung. Eine Aussicht öffnete sich mir gen Nordosten auf ferne Hügelkuppen oder aufwärts gen Himmel. Der Lagerplatz kam mir so privat und sicher vor wie ein Zimmer.Als ich mich eingerichtet und Modestine gefüttert hatte, begann derTag sich schon zu neigen. Ich steckte meine Beine bis zu den Knien in den Sack und aß herzhaft. Sobald die Sonne untergegangen war, zog ich meine Kappe über die Augen und schlief ein. Unter einem Dach ist die Nacht eine stille, monotone Zeit. Im Freien verläuft sie flink mit ihren Sternen, ihrem Tau und ihren Düften, und die Stundenn sind gezeichnet von den Veränderungen im Antlitz der Natur. Was zwischen Wänden und Gardinen eingesperrten Menschen wie eine Art zeitweiliger Tod vorkommt, ist nur ein leichter und erlebter Schlummer für jemanden, der draußen schläft. Die ganze Nacht hindurch kann er die Natur tief und frei atmen hören; selbst wenn sie ruht, regt sie sich und lächelt, und es gibt eine rührige Stunde, zu der ein Fluidum die schlafende Welt weckt und alles, was da kreucht und fleucht, auf die Beine bringt. Dann kräht der Hahn zum ersten Mal, jetzt jedoch nicht, um den Tagesanbruch zu verkünden, sondern als munterer Wächter, der die Nacht zur Eile spornt. Die Rinder erwachen auf den Weiden. An taubenetzten Hügellehnen sind die Schafe beim Frühstück und wechseln zu einem neuen Weideplatz unter den Farnen. Männer ohne Bleibe, die sich mit den Hühnern zur Ruhe gelegt hatten, öffnen die benebelten Augen und schauen die Schönheit der Nacht. 
Durch welche unhörbare Aufmunterung, mit welchem sanften Hauch werden alle diese Schläfer zur gleichen Stunde ins Leben zurückgerufen? Rieselt von den Sternen ein Einfluß herab, oder spüren wir ein Beben von Mutter Erde unter unseren ruhenden Körpern? Sogar Schäfer und alte Bauersleute, die sich doch in diesen Geheimnissen am besten auskennen, haben keine Ahnung von Mitteln und Wegen dieser nächtlichen Auferweckung. Gegen zwei Uhr morgens, sagen sie, tritt das Phänomen ein; mehr wissen und weiter fragen sie nicht. Zumindest ist es eine angenehme Unterbrechung. Der Epikuräer Montaigne meinte, wir würden in unserem Schlaf nur gestört, damit wir ihn umso besser und fühlbarer auskosten mögen. Wir haben eine momentane Regung, zu den Sternen aufzublicken, und manch einem verschafft dann der Gedanke ein besonderes Wohlbehagen, daß er diesen Impuls mit allen anderen im Freien lebendenWesen um sich herum teilt, daß er aus der Zwingburg der Zivilisation entkommen ist und mindestens zeitweilig zu nichts weiter wurde als zu einem lieben Tier, einem Schaf in der Herde der Natur. Als diese Stunde zu mir unter den Kiefern gekommen war, erwachte ich durstig. Halbgefüllt mit Wasser stand mein Becher neben mir. Ich leerte ihn mit einem Zuge. Hellwach nach dieser innerlichen kalten Abspritzung setzte ich mich auf und drehte mir eine Zigarette. Die Sterne waren klar, glänzten wie Diamanten in verschiedenen Farben, aber keineswegs kalt. Die Milchstraße verhüllte ein matter silbriger Dunst. Um mich in der Runde ragten stockstill die schwarzen Baumkronen. An dem weißen Packsattel konnte ich Modestine erkennen. Wie sie am Ende ihres Stricks unablässig im Kreise herumging; hören konnte ich sie beim gleichmäßigen Kauen des Grases. Es gab keinen -anderen Laut außer dem nicht zu beschreibenden leisen Geplauder des Bächleins auf den Steinen. Lässig rauchend lag ich und studierte die Farbe des Himmels, wie wir die Leere des Raumes nennen, von der Stelle hinter den Kiefern, wo sie in rötlichem Grau erschien, bis zum Blauschwarz zwischen den Sternen. Als ob ich einem Hausierer möglichst ähnlich sehen wollte, trug ich einen silbernen Ring. Ihn konnte ich schwach schimmern sehen, wenn ich meine Zigarette hob oder senkte, und bei jedem Zug erleuchtete sich meine Handfläche und wurde für eine Sekunde zum hellsten Fleck in der Landschaft. Ein leiser Windhauch, eher eine wallende Kühle als ein Luftstrom, durchzog die Lichtung von Zeit zu Zeit, so daß die Luft in meinem großen Zimmer die ganze Nacht hindurch ständig erneuert wurde. Mit Entsetzen dachte ich an den Gasthof in Chasserades und die Ansammlung von Nachtmützen zurück, mit Entsetzen an den nächtlichen Schneid von Schreibern und Studenten, an heiße Theater, an Hausschlüssel und an stickige Räume. Ich habe mich nicht oft einer so heiteren Selbstgewißheit erfreut oder mich so unabhängig von materiellen Hilfen gefühlt. Die Außenwelt, vor der wir uns in unsere Häuser ducken, stellte sich am Ende als ein huldreicher, wohnlicher Ort heraus, und Nacht für Nacht war anscheinend dem Menschen ein Bett bereitet, Mont Aigual - Schau zum Meer  das auf ihn wartete auf der weiten Flur, wo Gott ein offenes Haus hält. Ich meinte, eine jener Wahrheiten wiederentdeckt zu haben, die den "Wilden" offenbart sind, den Wirtschaftspolitikern hingegen verborgen bleiben. Zumindest hatte ich ein neues Glücksgefühl für mich selbst entdeckt. Doch während ich noch so von meiner Einsamkeit schwärmte, wurde ich mir eines sonderbaren Mangels bewußt. Ich wünschte, daß eine Gefährtin neben mir im Sternenlicht läge, still und stumm, aber immer in Fühlung. Denn es gibt eine Gemeinschaft, die sogar noch stiller ist als Einsamkeit und die, richtig verstanden, Einsamkeit in höchster Perfektion ist. Und im Freien mit der geliebten Frau zu leben, ist für einen Mann von allen Leben das vollkommenste und freieste. Dieweil ich so mit zwischen Zufriedenheit und Sehnsucht geteilten Gefühlen dahingestreckt lag, drangen leise Laute zu mir durch das Gehölz. Zuerst meinte ich, es sei Hahnenkrähn oder Hundegebell von einem Gehöft in der Ferne, aber allmählich verdeutlichte es sich, bis ich merkte, daß auf der Hauptstraße unten im Tal ein Mann entlangzog und laut dabei sang. Sein Vortrag war eher gutgemeint als gut gelungen, aber er trällerte aus voller Lunge.
Der Klang seiner Stimme griff in die Hügelflanken und brachte die Luft in den lauschigen Tobein zum Schwingen. In schlafenden Städten habe ich des Nachts Leute vorbeigehen hören: manche sangen, an einen erinnere ich mich, der laut auf dem Dudelsack spielte. Ich habe das Rattern eines Karrens oder Wagens gehört, das nach Stunden der Stille plötzlich aufsprang und minutenlang meinen Hörbereich durchquerte, während ich im Bett lag. Leute, die im Finstern unterwegs sind, umschwebt eine "romantische Aura", und mit einem gewissen Schauer suchen wir zu ergründen, was sie umtreibt. Aber hier hatte die Romantik zwei Facetten: auf der einen Seite der weinselige Wanderer, der sein fröhliches Lied durch die Nacht schmetterte, auf der anderen ich, eingemummelt in meinen Sack, allein beim Rauchen einer Zigarette im Kiefernwald vier- bis fünftausend Fuß unterm Sternenzelt. Als ich wieder aufwachte (Sonntag, 29. September), waren viele der Sterne verschwunden; nur die stärkeren Gefährten der Nacht glühten noch sichtbar am Firmament, und weit hinten im Osten sah ich einen matt schimmernden Dunst am Horizont, so wie mir die Milchstraße erschienen war, als ich das letzte Mal wach lag. Der Tag nahte. Ich steckte meine Laterne an und stieg bei ihrem Glühwürmchenschein in Stiefel und Gamaschen, dann brach ich etwas Brot für Modestine, füllte meine Wasserflasche am Hahn und zündete meinen Spiritusbrenner an, um mir eine Schokolade zu kochen. Die blaue Finsternis lag lange auf der Lichtung, wo ich so süß geschlummert hatte, doch bald zeigte sich entlang der Bergkette des Vivarais ein breiter Streifen von Orange, der in Gold überging. Eitel Freude überkam mich bei diesem allmählichen und lieblichen Herannahen des Tages. Voller Wonne hörte ich das Bächlein rieseln. Suchend blickte ich mich um nach einem schönen und unerwarteten Wesen, aber die stillen, schwarzen Kiefern, die Mulde der Lichtung, der mampfende Esel, alles blieb unverändert. Allein das Licht hatte sich gewandelt. Es goß einen Geist von Leben und atmendem Frieden über alles und versetzte mich in eine sonderbare Heiterkeit. Ich trank meine Wasserschokolade, die, wenn auch nicht kräftig, so doch heiß war, und wandelte hierhin und dorthin, vorwärts und rückwärts auf der Lichtung. Während ich so herumtrödelte, fiel ein fester Windstoß, so lang wie ein tiefer Seufzer, genau aus dem Quadranten des Morgens ein. Er war kalt und ließ mich niesen. Die Bäume in der Runde schüttelten ihre schwarzen Mähnen unter seinerWucht, und ich konnte die schlanken Spitzen der Kiefern am fernen Hügelrande sehen, wie sie sich vor dem goldenen Osten hin- und herwiegten. Zehn Minuten darauf sprengte der Sonnenschein, Schatten und Funken streuend, im Galopp über den Hügelhang, und der Tag war vollends gekommen. Ich beeilte mich, meinen Pack zu richten, um den vor mir liegenden steilen Anstieg in Angriff zu nehmen, aber mir ging etwas im Kopf herum. Es war nur eine Schrulle, doch Schrullen sind manchmal aufdringlich. In meiner grünen Karawanserei war ich höchst gastlich aufgenommen und gewissenhaft bedient worden. Das Zimmer, das Wasser vortrefflich, und die Morgenröte hatte mich auf die Minute geweckt. Ich spreche gar nicht von der Wandtäfelung und der gewölbten Decke noch von der Aussicht, die sich mir von den Fenstern bot. Ich hatte einfach das Gefühl, für diese großmütige Bewirtung in jemandes Schuld zu stehen. So machte ich mir halb lachend den Spaß, im Gehen Münzen zu Boden fallen zu lassen, bis ich genug für die Unterkunft einer Nacht erlegt hatte. Hoffentlich sind sie keinem reichen und geizigen Viehhändler in die Hände gefallen ...  

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