W. Paul Cook
"In memoriam Howard Phillips Lovecraft":
 
"... Seinesgleichen wird man
nicht wiederfinden !"
 

Es mag Menschen geben, die ihr Leben verbringen, ohne je das brennende Verlangen verspürt zu haben, sich selbst zu verwünschen oder einen Bekannten zu bitten, sie einmal dorthin zu treten, wo es den H.P.L. with W.P.C. größten Nutzen bringt. Ich gehöre nicht zu diesen Glücklichen.
Als Howard Lovecraft starb, war ich viele Kilometer von Neuengland entfernt, meine Adresse war nur wenigen bekannt, und erst nach der Beerdigung wurde ich brieflich von mehreren Leuten verständigt. Ich griff in den Stapel unerledigter Post und holte nicht weniger als drei Briefe Lovecrafts hervor. Düstere Selbstvorwürfe befielen mich, als ich die Briefe vor mir ausbreitete. Für meine Stimmung war es belanglos, daß es in den Briefen nichts gab, was eine umgehende Antwort erfordert hatte. Ich hatte gegenüber einem der gediegensten Gentlemen und zuverlässigsten Freunde, die ich je gekannt hatte, gelinde ausgedrückt eine unverzeihliche Unhöflichkeit begangen. Besonders schmerzlich war für mich der Umstand, daß er, als er sein Ende nahen fühlte, Anweisung gegeben hatte, ich solle seine Sammlung von Old Farmer's Almanacs erhalten. Wir hatten viel Spaß und einige Abenteuer beim Zusammenbringen unserer Sammlung gehabt, und unsere beiden Sammlungen zusammenbildeten vielleicht den vollständigsten Bestand in Privathand, abgesehen von zwei oder drei kompletten uns bekannten Sammlungen. Kernstück von Howards Sammlung waren die Bestände seines Großvaters, und auch meine ältesten Exemplare hatten meinem Großvater gehört. Gemeinsam hatten wir uns in Providence, Boston, Worcester, Haverhill, Maine, New Hampshire und Vermont auf die Jagd nach Exemplaren gemacht. Howard wußte nicht, und zur Zeit seines Ablehens wußte ich es auch nicht, daß meine eigenen Exemplare dorthin verschwunden waren, wo sich das Geißblatt schlängelt, wo immer das sein mag.
 

Ich hatte Lovecraft in den letzten zwei Jahren vor seinem Tod nicht gesehen, und seine Briefe ließen nicht erkennen, daß es ihm nicht gut ginge. Über drei Jahre lang war ich nicht in der Lage, eine Zeile über ihn zu Papier zu bringen, und ich mußte verschiedene Einladungen ablehnen, über ihn und sein Schaffen etwas zu schreiben. Als ich jedoch versuchte, meinen Gefühlen Ausdruck zu gehen, überfiel mich unversehens plötzlich eine Flut von Erinnerungen, und ich fühlte mich Howard plötzlich sehr nahe. Ich glaube, er ist es wirklich. Erinnern wir uns etwa zehn Jahre vor Lovecrafts Tod zurück. Da ich der untersten Klasse des unterdrückten Proletariats angehörte, war ich gezwungen, am Morgen zur (manuellen) Arbeit zu gehen, und mußte so unser Zusammensein um Mitternacht abbrechen. Ich ließ Howard an meinen Schreibtisch im Arbeitszimmer sitzend zurück, die Katze glücklich auf seinein Schoß zusammengerollt. Das Kätzchen, eine Angoramischung, war eine ungewöhnlich unabhängige, egozentrische, kaltblütige Vertreterin ihrer Art, hatte sich aber Howards Zärtlichkeit überlassen, obwohl er sie "eine Angehörige der Felidae" nannte. Ich nehme an, sie wußte, daß sie zumindest für diese eine Nacht der Verbannung in den Keller entgehen konnte. Um halb sechs Uhr morgens steckte ich, ehe ich zum Frühstück hinunterging, den Kopf in die Tür des Arbeitszimmers. Dort saß Howard in derselben Stellung, wie ich ihn vor sechs Stunden zurückgelassen hatte, die Lider schwer, aber mit ungebeugtem Kopf. Das Kätzchen anscheinend noch in unveränderter Position. »Großer Gott!« entfuhr es mir. »Warst du nicht zu Bett?« »Nein«, erwiderte Howard, »ich wollte das Kätzchen nicht stören.«
Ich bin selber ein Katzenfreund. In diesem Augenblick liegt eine Katze zusammengerollt auf dem Papierstols auf dem Schreibtisch, und ich muß das nächste Blatt Papier, das ich verwenden will, unter ihr hervorziehen. Und ich bin jederzeit bereit, die letzte Maus mit einer Katze zu teilen. Aber ich bezweifle, daß ich so weit gehen würde, für eine völlig gesunde Katze die Amme zu machen und ihretwegen die ganze Nacht aufzubleiben. Bei Krankheit ist es etwas anderes - die alte Logenbrüderregel. Wenn man mit einem Menschen seit über zwanzig Jahren mehr oder minder vertrauten Very young Howard Kontakt gehabt hat, so sind es solche
Vorfälle, die einem zuerst einfallen, wenn von ihm die Rede ist. Die Kleinigkeiten sind es, weswegen man sich an jemanden erinnert, nicht seine Leistungen. Und solche Erinnerungen geben einem einen sicheren Eindruck von seinem Charakter. Es handelt sich um weit mehr als eine Demonstration von Lovecrafts Katzenliebe, obwohl diese Vorliebe echt und tief war. Ich habe nie erlebt, daß eine Katze sich geweigert hätte, mit ihm gut Freund zu werden, ausgenommen eine, ein uraltes und stolzes kurzhaariges Exemplar in Newburyport - eine herumstreunende, arrogante Katze, die sich augenscheinlich zu einer der alten Familien hingezogen fühlte, die, wie die Stadt selbst, eingerostet und auf immer in Unbeweglichkeit erstarrt war und sich nur eine dünkelhafte Einbildung auf ihre Abstammung bewahrt hatte. Übrigens führte Howards Katzenliebe dazu, daß er ein einziges Mal in einer Diskussion je das schwächere Ende für sich hatte - und natürlich bei einer Frau. Eine Vogelfreundin, eine Kreuzfahrerin dieses Gedankens und eine Autorität auf dem Gebiet, überrollte ihn einfach. Wenn man keine Argumente, sondern nur die Empfindung auf seiner Seite hat, wie läßt sich da argumentieren? Dieses Erlebnis mit dem Kätzchen in meinem Arbeitszimmer ist bezeichnender für Lovecraft als alles, was er freimütig von sich gab. Seiner Auffassung nach gehörte es sich für den Gentleman, stets Haltung zu bewahren, jederzeit ein Pokergesicht aufzusetzen, keine Gefühle zu zeigen, alles gelassen hinzunehmen, das Herz überall, nur nicht auf der Zunge zu tragen. In seiner Geschichte »Der Silberschlüssel« spricht er von einer Gestalt auf eine Weise, die absolut autobiographisch ist: "Inmitten dieses Chaos aus Heuchelei und Unrast bemühte sich Carter, ein Leben zu fuhren, wie es einem Mann mit scharfem Verstand und guten Erbanlagen geziehmte" (Die Katzen vovon Ulthar) Diesem Leitbild entsprechend hatte er sich ein Schneckenhaus geschaffen, in das er hineinkroch.
Diese Schale, diese Schicht war jedoch dünn, und jeder, der ihn näher kannte, kannte auch seine Freundschaftsfähigkeit, die Ziele und Gefühle, die er zu verbergen trachtete, und die echte Herzenswärme, die zu haben er gern verbarg. Ich werde nie seinen Gefühlsausbruch vergessen, zu dem es kam, als wir an dem alten Anwesen seines Großvaters in Providence vorübergingen. Er hatte nur einen einzigen Ehrgeiz im Leben - die Liegenschaft wieder auszulösen und den Besitz wieder so herzustellen, wie er zu Lebzeiten seines Großvaters gewesen war. Der Panzer zerbrach, und der Mensch dahinter kam zum Vorschein, wund und blutend, ein Aufruhr von Gefühlen. Auch ein anderes Mal, im Old-Corner-Buchladen in Providence, schämte er sich ebenfalls nicht, Gefühl zu zeigen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt blieb nichts anderes übrig, als einen Teil der Familienbibliothek zu veräußern. Dieser Buchladen führte eine große Anzahl dieser Bände, von denen einige sogar den eigenhändigen Schriftzug des jungen Howard trugen. Falls er einmal unverhofft zu Reichtum kommen würde, würde Howard sich als erstes auf die Suche nach diesen verstreuten Büchern machen und sie um jeden Preis erwerben. Wir lösten eben eine alte lateinische Grammatik aus. Dieser Tag war einer von den vielen in meinem Leben, an dem ich völlig pleite ging. Nachdem ich beschlossen hatte, mein Herz gegen jeden Impuls zu einem unüberlegten Büchcrkauf zu stählen, vernarrte ich mich im Old Gorner in die Erstausgabe, Folio, von "The Creat Cryptogram". Gehen wir noch ein Jahrzehnt weiter zurück. Als ich Howard zum ersten Mal besuchen wollte, hätten wir uns beinahe verpaßt. Nur ein paar Sekunden - und statt eines unmittelbar bevorstehenden Zusammentreffens wären mehrere Jahre verstrichen, ehe ich wieder Gelegenheit gehabt hätte, ihn persönlich zu treffen. Ich war auf der Fahrt von New York nach Boston und unterbrach meine Reise in Providence, um Lovccraft zu besuchen. Ich war mit dem Zug unterwegs, so daß ich ihm im voraus die Ankunftszeit bis auf einige Minuten genau angeben konnte. Als ich in der Angell Street ankam, der Adresse, die später zur bestbekannten im Amateurjournalismus werden sollte, wurde ich an der Tür von Howards Mutter und Tante abgefangen. Howard war die ganze Nacht aufgeblieben, hatte Studien betrieben und gelesen. Er war gerade zu Bett gegangen und durfte unter keinen Umständen gestört werden. Wenn ich zum Crown-Hotel ging, mir ein Zimmer nahm und wartete, würden sie mich anrufen, wenn und falls Howard aufwachte. Das gehörte zu jenen Anlässen in meinem Leben, wo ich den Göttern dankte, daß sie mich mit Sinn für Humor, wie verschroben auch immer, versehen hatten. Ich mußte am frühen Nachmittag unbedingt in Boston sein, was mir rund drei Stunden in Providence ließ, aber schon in einer halben Stunde ging ein Zug, den ich noch erreichen konnte, wenn ich mich beeilte. Ich hatte ein lebensechtes Bild vor Augen, wie ich in Providence herumlungerte, bis Seine Majestät geruhte, mich zu empfangen! In späteren Jahren lachten Mrs. Clark und ich mehr als einmal, wenn wir uns an den Vorfall erinnerten.

Ich war schon mit einem Fuß auf dem Gehsteig, und die Haustür war fast zugefallen, als Howard in Schlafrock und Pantoffeln erschien. War das nicht W. Paul Cook, und begriffen sie nicht, daß ich ihn gleich bei seiner Ankunft sehen wollte? Ich wurde von den Türhüterinnen beinahe mit Gewalt in Howards Arbeitszimmer geführt. Schon damals hatten Howards Wünsche Vorrang, wenn es ihm beliebte, seinen Willen durchzusetzen, obwohl sie ihm nur äußerst widerstrebend und höchst besorgt gestatteten, mit der rauhen Welt in Verbindung zu treten. Denn seinen Wünschen zuwider zu handeln würde seine Kraft erschöpfen. An jenem Tag hörte ich eineinhalb Stunden einem Monolog zugenauer gesagt einer Vorlesung. Howard hatte erst kürzlich vom Amareurjournalismus läuten hören. (Und welch glückliche Fügung für den Amateurjournalismus - gewiß, und für ihn -, daß er davon gehört hatte!) Als Neuling wußte er natürlich ganz genau, woran es haperte - ein Problem, das diejenigen, die seit zwanzig Jahren und mehr im Amateurjournalismus tätig waren, offen gestanden nicht lösen könnten. Sie hatten es aufgegeben, es lösen zu wollen. Fs war ihnen eigentlich auch egal. Sie hatten beschlossen, daß mit dem Amateurjournalismus alles in Ordnung war - es handelte sich nur um eine private Vorliebe. Man bog den Amateur-Journalismus so hin, wie es einem paßte, und wenn zufällig ein anderer damit übereinstimmte, gut und schön - tat er es nicht, auch gut und schon. Wie gesagt, Howard kannte jedoch bereits die Antwort. Der Arnateurjournalismus sollte eine rein kulturelle Angelegenheit sein. Um die persönliche, die gesellschaftliche Seite sollte man sich nicht kümmern, vor ihr mußte man warnen. Der Amateurjournalismus sollte Schulung und Ausbildung für Schriftsteller sein, die eine Karriere als Berufsautoren anstrebten. Der Amateurjournalismus sollte nicht bloß ein Hobby sein - er mußte ein Hobby sein mit einem festen Ziel vor Augen, einem Zweck, der die Mühe lohnte. Der Amateurjournalismus hatte nur ein einzige Rechtfertigung für sich: die derzeit niedrigen Maßsräbe des literarischen Geschmacks anzuheben und den Verfall der englischen Sprache, der unablässig vor sich ging, entscheidend zu bekämpfen. Er reagierte nur unwirsch auf die Ansicht, daß der Amareurjournalismus nicht bloß all das darstellte, was er sich ausgemalt hatte, sondern viel mehr - sehr viel mehr, berücksichtigt man alle Unwägbarkeiten. In Wahrheit dauerte es nur verhältnismäßig kurze Zeit, bis Howard selbst den Einfluß dieser Unwägbarkeiten verspürte, obwohl er tapfer kämpfte und wahre Heldenopfer brachte, um seinen ursprünglichen Traum wahr werden zu lassen. Alle paar Minuten steckten Howards Mutter oder Tante oder alle beide den Kopf zur Tür herein, um zu sehen, ob er vielleicht in Ohnmacht gefallen war oder Anzeichen von Überanstrengung zeigte. Ihre außergewöhnliche Fürsorglichkeit beunruhigte mich derart, daß ich froh war, als ich, ohne zu lügen, sagen konnte, ich müsse jetzt gehen. Damals sah Howard genauso gesund aus wie später. Großgewachsen, breitschultrig, lebhaft, nur seine Blässe, eine unweigerliche Folge seiner Lebensweise, die das Sonnenlicht scheute, wies auf einen gewissen Mangel hin. Wenn er aus dem Winterschlaf erwachte, hatte er genau die gleiche Farbe oder genauer gesagt Blässe. Wenn er im Sommer viel im Freien gewesen war, wirkte sein Gesicht mit dem ausgesprochen quadratischen Kinn bei Herbstbeginn zuweilen zerfurcht. Er lehnte es jedoch immer ab, sich zu bräunen, und jede Spur von Farbe auf seinen Wangen schien ihn zu ärgern. Er war der einzige, den ich je kennenlernte, der sich einer sonnengebräunten Flaut schämte. Aus Lovecrafts Kindheit ist uns, abgesehen von dem, was er selbst zuweilen berichtete, nur eine einzige Anekdote überliefert. Eine von Lovecrafts Nachbarinnen erzählte den Vorfall, der sich natürlich zutrug, bevor die Erkrankung ansbrach, die ihn zwang, die Schule zu verlassen.

Die Gegend war damals freies Feld, zuweilen ziemlich sumpfig, mit nur wenigen Gebäuden. Eines Tages bemerkte Mrs. Winslow Church, die betreffende Nachbarin, daß jemand einen Grasbrand verursacht hatte, der sich bereits beträchtlich ausdehnte und sich ihrem Besitztum näherte. Sie ging nachsehen und stieß auf den jungen Lovecraft. Sie schalt ihn aus, daß er ein solch großes Feuer verursachte hatte, das vielleicht den Besitz anderer gefährdete. Er rechtfertigte sich mit Nachdruck: »Ich habe kein großes Feuer gemacht. Ich wollte ein Feuer von einem Quadratfuß machen.« Diese Anekdote wurde mir berichtet. Sie hat nicht viel zu bedeuten, zeigt aber Lovecrafts Neigung zu genauer Ausdruckswcisc (die wir auch später gut an ihm kannten), aber es ist eine echte Lovecraft-Anekdote. Es ist aufschlußreich, daß Howard ungefähr zum Zeitpunkt, als sein Vater starb, aus der Schule genommen und fortan privat unterrichtet wurde. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß seine Mutter krank war und nicht er - krank vor Angst, ihre einzige verbliebene Verbindung zum Lebensglück zu verlieren. Das konnte bei dem Jungen nur dazu führen, ihn lebensuntüchtig zu machen. Howard liefert uns erneut ein Stück Autobiographie, wiederum in der Beschreibung einer fiktiven Gestalt: »Er war das phänomenalste Wunderkind, das ich je gekannt habe, und mit sieben schrieb er Gedichte mit so düsterem, phantastischem, ja schauerlichem Inhalt, daß seine Privatlehrer entsetzt waren. Vielleicht hatte seine auf Verzärtelung und Absonderung beruhende Erziehung zu dieser Frühreife beigetragen. Er war ein Einzelkind und hatte körperliche Schwächen, die seine in ihn vernarrten Eltern beunruhigten und sie vernnlaßten, ihn immer in ihrer Nähe zu haken. Er durfte nie ohne Kindermädchen weggehen und hatte selten Gelegenheit, unbeaufsichtigt mit anderen Kindern zu spielen. All das nährte sicherlich das seltsam geheimnisträchtige Innenleben des Jungen, der sich nur durch die Phantasie Zugang zur Freiheit verschaffen konnte.« (»Das Ding auf der Schwelle« in "Das Ding auf der Schwelle", S. 6).

Nach dem Tod von Howards Mutter lernte ich seine Tante Mrs.Clark sehr gut kennen, und sie erwähnte mehr als einmal, wie unklug es gewesen war, dem Jungen selbst bis zum dreißigsten Lebensjahr eine übertriebene Behütung angedeihen zu lassen. In  Mrs. Glarks letzten Lebensjahren sah ich mit Freude, wie sich die Verhältnisse umgekehrt hatten und Howard sie betreute, so wie sie ihn einst behütet hatte. Sie freute sich über die Freunde, die er fand, und über die Besuche aus allen Teilen des Landes. Ich war nie bereit, Mrs. Lovecraft und Mrs. Glark vorzuwerten, daß sie Howard so behandelten, wie sie es von dem frühen Alter an, als er aus der Schule genommen wurde, bis zu seiner Entdeckung des Amateurjournalismus taten. Der Junge war nicht gesund (er war nie ganz normal), er war ihr ein und alles, und sie taten aus Liebe zu ihm alles, was sie konnten. Mag sein, daß sie letztlich doch richtig handelten. Gewiß neigte nie jemand weniger zu Selbstmitleid als Howard Lovecraft, aber wenn er daran dachte, was er in der Welt an Eindrücken und Bekanntschaften versäumt hatte, entfuhr im häufig ein Seufzer. Aber ich konnte mit ihm diesen Abschnitt seines Lebens nie betrauern. Gewiß trug er ihm seine erstaunliche Gelehrsamkeit ein. Er war der umfassendst gebildete Mensch, den ich je gekannt habe. Mehr als einmal wurde ich Zeuge, wie er sich gegen Fachleute auf deren jeweiligem Fachgebiet behauptete. Und unzweifelhaft war seine Bildung allgemeiner, weil ihr das Akademische fehlte. In diesen dreißig Lebensjahren las er mehr als die meisten von uns - selbst wahre Bücherwürmer - es im ganzen Leben schaffen. Denn fast jeder von uns ist gezwungen, einen Teil fast jeden Tages für den Erwerb dieser banalen, aber doch notwendigen Dinge wie Nahrung und Kleidung aufzuwenden. Daß ein Gutteil unserer Anstrengungen, die mit diesem lobenswerten Ziel vor Augen unternommen werden, vergebliche Liebesmühe sind, ändert nichts daran. Das Erstaunliche, ja fast Unglaubliche an diesen beschirmten Jahren ist für mich der Umstand, daß Howard zu dieser Zeit mit seinen nächtlichen Streifzügen durch Providence begann. Es ist mir unerklärlich, daß man es ihm erlaubte.

Damals schrieb er jedoch für eine der Zeitungen in Providence Artikel über Astronomie (elementare Aufsätze über die tägliche Himmelskonstellation), und in den Nächten, in denen er nicht die Einrichtungen eines nahen Observatoriums benutzte, stellte er unbeirrt sein eigenes Teleskop neben dem Wohnhaus auf, Sternkarten und Notizblock neben sich. Die Nacht gehörte ihm. Spätabends, wenn die Stadt zur Ruhe gekommen war, schlenderte er stundenlang durch unbekannte Gässchen und über die alten Seitenstraßen der Stadt. Zeitweilig war ihm der Anblick der Stadt bei Mondschein und zu mitternächtlicher Stunde besser vertraut als hei Tageslicht. Er behauptete, es gehe in der Nähe einige heruntergekommene Gegenden, fast Slums, die er bei Sonnenlicht nicht sehen wolle und auch nie sehen würde. Und er muß eine gewisse Geistesverwandtschaft mit der Nacht gehabt haben wie sein Freund Felis, denn auf seinen Streifzügen stieß ihm nie etwas zu. Das spricht auch für die gesetzesfürchtige Einstellung in Providence. In späteren Jahren unternahm ich eines Nachts einen solchen Streifzug mit Howard, und wir drangen in Hintergäßchen, entlegene Winkel, Höfe und Plätze vor, die weit entfernt lagen von den angesehensten Stadtvierteln, wohin ich mich ohne Begleitung nicht einmal bei Tageslicht getraut hätte. Unsere Ziele waren alte und verfallene Gebäude, Reste einer anderen Zeit und nur mir Vergnügen zu betrachten, wenn sie mit dem falschen Glitzern des Mondscheins überzogen waren. Drei Polizisten erkannten Lovecraft, aber keiner hielt uns an. Ich kenne Städte, die weit kleiner sind als Providence, wo ich nicht im Traum daran denken würde, des Nachts so weit entfernt von den Hauptstraßen herumzustreifen. Es verwundert nicht, daß sich in dieser Lebensspanne (beinahe zwei Drittel) bei Lovecraft Gewohnheiten ausbildeten, die er nie völlig abzulegen vermochte. Das Überraschende daran ist, daß er ihren Einfluß so weit zurückdrängte, daß er der Mensch wurde, der er war.

Seine Arbeitszeit (was für ihn das Schreiben bedeutete) war immer nachts. Wenn er tagsüber arbeitete, liebte er es, die Illusion von Dunkelheit zu schaffen. In seinein Zimmer in Providence stand sein Schreibtisch in einer Ecke (fast könnte man von einem Erker sprechen) mit Fenstern auf drei Seiten. Er zog tatsächlich, wenn das Licht von draußen hereinströmte, die Jalousien herunter und drehte das elektrische Licht an. Nur eine reine Gewohnheit. Bei Sonnenlicht konnte er sich nicht in die richtige Stimmung versetzen. Es überrascht nicht, daß Howard, als er sich plötzlich der Welt ausgesetzt sah, nicht eben menschenfreundlich war. Er war einerseits menschenfreundlich, andererseits nicht. Seine Unduldsamkeit war außergewöhnlich. Seine Auffassungen von guten Sitten, Moral und Ethik waren im höchsten Grad das, was fälschlicherweise als puritanisch bezeichnet wird; und es heißt, daß er persönlich bis zum Lebensende an diesen Auffassungen festhielt. Er zeigte sich aber denen gegenüber tolerant, die weniger engstirnige Meinungen hatten. Zu Beginn unserer Bekanntschaft veröffentlichte ich eine Kurzgeschichte von Flora Stewart Emory, die sich mit einer Erau von untadeligem Lebenswandel befaßte, die einem Künstler völlig nackt Modell stand. In demselben Heft druckte ich eine Erzählung Willis T. Crossmans mit einem noch heikleren Thema ab. Beide Erzählungen waren völlig harmlos, aber in dem Brief, den mir Lovecraft nach Erhalt der Ausgabe sandte, brodelte es. Er hatte vergessen, Briefpapier aus Asbest zu verwenden, und der Brief war ziemlich versengt, der übrige Inhalt des Postsackes wurde ganz schön heiß, und die Postbeamten auf dem Postweg der Sendung hatten sich alle die Finger verbrannt. Das ist einer von jenen Briefen, die ich hätte aufbewahren sollen. Er zog alle Register der englischen Sprache und bemühte auch etwas Angelsächsisch und Latein. Wenn der Amateurjournalismus die Veröffentlichung solcher Geschichten ermögliche, wollte er nichts mit ihm zu tun haben. Ein erschreckendes Beispiel von intellektueller und moralischer Dekadenz. Ich brauchte mir nicht einzubilden, er würde je etwas zu einem Blatt oder einer Zeitschrift beisteuern, die sich mit solchen Themen befaßte. Da ich wußte, was der Amateurjournalismus für Howard tun (oder ihm antun!) würde, ignorierte ich diesen Brief völlig. Ich behandelte ihn wie das Produkt eines trotzigen Kindes. Das gehörte jedoch zu den Vorfallen, die in mir den Entschluß reifen ließen, daß man Howard zu seinem eigenen Besten auf scharfe Kanten in dieser merkwürdigen neuen Welt aufmerksam machen sollte, an denen man sich verletzten konnte. Daher wies ich ihn sanft und gelassen darauf hin, daß er meinen Publikationen keinen Gefallen tat, wenn er etwas beisteuerte, sondern daß ihm dann ein Gefallen getan wurde.

Nicht lange danach veröffentlichte ich Lovecrafts erste wirklich unheimliche Geschichte. Und wiederum nicht lange danach brachte ich einen Beitrag, den ich für dekadent im Geschmack hielt und für den ich mich selbst schämte, aber Howard hielt diese Sache für eine gelungene tour de force. In der Literatur kann es dort, wo Moral und Kunst aneinandergeraten, nur ein Ergebnis geben. Der Künstler bei Lovecraft mußte einfach über den Moralisten triumphieren. Der Künstler kommt früher oder später zu der Erkenntnis, daß es eine Amoralität gibt, die nichts mit Unmoral zu tun hat. Lovecraft blieb jedoch immer etwas weltfremd, er wurde erst nach seinen New Yorker Erlebnissen zu dem Menschen, an den wir uns gerne erinnern. Bis ans Ende seiner Tage verabscheute er New York mit verzehrender Leidenschaftlichkeit. Ich meine damit die Stadt selbst, nicht die vielen guten Freunde, die er dort hatte. Es bedurfte aber der Entbehrungen, der Prüfungen und des läuternden Feuers von New York, um das Beste in ihm an die Oberfläche zu bringen. Und es bedurfte des personlichen Kontakts mit diesen kultivierten, klugen, welterfahrenen New Yorker Amateurjournalisten und Fast-Profis, daß er nach außen und nicht nach innen blickte, daß er seinen Horizont so erweiterte, damit er zu künstlerischer Toleranz fähig war, auch wenn er seine Haltung nie völlig änderte. Es gab kaum etwas, was Lovecraft in New York nicht zugestoßen wäre. In seine Unterkunft wurde sogar eingebrochen, der Kleiderschrank ausgeräumt und seine ganze Garderobe mit Ausnahme dessen, was er auf dem l.eib trug, gestohlen - und er trug nicht seine besten Kleider. Damals saß er gerade materiell völlig auf dem Trockenen. Sein Einkommen war nahezu Null, ihm standen nicht mehr als rund zwanzig Cents pro Tag zur Verfügung - und diesenBetrag gab er gewöhnlich für Briefmarken aus. Mit dem Stolz, der ihm eigen war, verbarg er seine Lebensumstände vor seinen Freunden, und nur durch Zufall hörten einige von ihnen davon. Hinfort wurde er unter verschiedenen Vorwänden verleitet, Besuche zu einer Zeit zu machen, wo man ihm unaufdringlich eine Mahlzeit anbieten konnte. Seine Tanten in Providence bekamen Wind davon und schickten einen Lastwagen, der Howard mit Sack und Pack nach Providence zurückbrachte. Er kehrte nach Providence als Mensch zurück - und als was für ein Mensch! Er war im Feuer geläutert worden und als reines Gold daraus hervorgegangen. In der Maske einer Gestalt in einer seiner Geschichten liefert er uns wieder einmal eine autobiographische Anmerkung:

»Es war ein Fehler gewesen, nach New York zu kommen; denn wo ich in dem wimmelnden Labyrinth alter Straßen, die sich endlos von vergessenen Gassen, Plätzen und Uferbezirken zu Gassen, Plätzen und Uferbezirken schlängeln, die genauso vergessen sind, und in den gigantischen modernen Türmen und Zinnen, die sieh schwärzlich und riesengroß unter den abnehmenden Mond erheben, nach prickelnden Wundern und Inspirationen gesucht hatte, fand ich statt dessen nur ein Gefühl des Grauens und der Bedrückung, das mich zu überwältigen, zu beherrschen und zu vernichten drohte. ... Aber Erfolg und Glück sollten mir nicht werden. Das nackte Tageslicht zeigte nur Schmutz und Fremdartigkeit und die verderblichen Schwellungen sich auftürmender Steine... und die Menschenmassen, die in den klammähnlichen Strafen wimmelten, waren gedrungene Fremde von dunkler Gesichtsfarbe mit harten Zügen und schmalen Augen, gewandte Fremde ohne Träume und ohne Beziehung zu ihrer Umwelt, die einem blauäugigen Menschen aus altem Stamm mit der Liebe zu schönen, grünen Pfaden und den weißen Kirchtürmen eines New-England-Dorfes im Herzen nichts bedeuten konnten. So kam statt der Gedichte, auf die ich gehofft hatte, nur schaudernde Schwärze und unsägliche Einsamkeit... konnte ich ... davon absehen, zu meiner Familie nach Hause zurückzukehren, damit es nicht so aussähe, als ob ich als unwürdiger und unterwürfiger Geschlagener zurückkehre.« ("Stadt ohne Namen") Das konnte nur in New York geschrieben worden sein. Ich kenne keine hissigere Stelle in der Literatur. Hier gibt es keinen literarischen Kunstgriff. Das ist der Aufschrei einer gequälten Seele. Hier ist nichts von verlogener, verkitschter Erinnerung zu spüren. Das ist ein Herzensausbruch - und zwar der eines verletzten Herzens. Ich traf Lovecraft während seiner New Yorker Erlebnisse nur einmal. Ich hatte nur eine Stunde Zeit in der Stadt, und wir führtenbloß ein kurzes Gespräch. Ich hatte seine Seelenqual in seinen Briefen gespürt, und als ich mit ihm zusammentraf, lag es schmerzlich zutage, daß er unglücklich war. Ich bin überzeugt, daß er denselben Zug wie ich genommen hatte, wäre ich nach Neuengland unterwegs gewesen anstatt nach Penn's Wald. Ich traf ihn nach seiner Rückkehr aus New York in Providence, ehe er noch seine Habe ganz ausgepackt und in seinem Zimmer eingeräumt hatte, und er war unstrittig der glücklichste Mensch, den ich je gesehen hatte, er hatte für ein Photo in medizinischen Inseraten Modell stehen können - "nach der Einnahme des Medikaments«. Er hatte seine Medizin eingenommen und bewiesen, daß er sie vertrug. Seine Berührung glich einem Streicheln, wenn er seine Sachen zurechtrückte, ein wahrhaft verliebter Blick glänzte in seinen Augen, wenn er aus dem Fenster sah. Kr summte vor Glück - wenn er das Organ dafür gehabt hätte, hafte er geschnurrt.

Das erste Mal, daß Howard über Nacht ausblieb (und man vergesse nicht, er war damals dreißig Jahre alt), war anlaßlich einer dreitägigen Tagung des Hub Clubs. Besagte Tagung dauerte eine ganze Woche, weil auch Besucher aus New York und verschiedenen Vorstädten anwesend waren, die nicht jedesmal nach Hause zurückkehren wollten. Am ersten Tag, als Howard aus Providence eintraf, hatte er den Auftrag, am Abend wieder zurück zu sein, um sich auszuruhen. Er eilte nach Providence heim, um fast ohne Ruhepause nach Boston zurückzukehren. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er seinen Spaß, und es tat wohl zu sehen, wie er sich den Umständen anpaßte, Freundschaften schloß und sich eifrig am Programm beteiligte. Schließlich wies man ihn darauf hin, daß er gute Freunde hatte, die sich in Boston um ihn kümmern konnten, und daß er sich wohl viel besser ausruhen konnte, wenn er in der Stadt blieb. Das hatte keineswegs verhängnisvolle Folgen, im Gegenteil, sie waren sogar vorteilhaft, und damit war das Eis gebrochen. Von da an durfte Howard nahezu nach Belieben gehen und kommen, und man vertraute ihn jeder Gruppe von Amateurjournalisten an. Ich bezweifle, ob es je einen Menschen gab, der allgemein beliebter war als Howard Phillips Lovecraft. Die ungeheuer umfangreiche Korrespondenz, die er führte, war ein Grund dafur. Ich machte ihn oft darauf aufmerksam, daß das seiner eigentlichen literarischen Arbeit nur abträglich sein konnte. Er gab es auch zu und beschloss, manche Briefpartner fallenzulassen oder zumindest die Briefe an sie kürzer zu fassen. Eine zufällige Bemerkung in einem Brief setzte jedoch oft Überlegungen in Gang, die zu einem Manuskript von beträchtlichem Umfang führten. Ich habe zuweilen in einem Brief beiläufig eine scheinbar harmlose Bemerkung gemacht, und als Antwort auf zehn oder zwölf Worter kam der Briefträger an die Tür, dem Zusammenhruch nahe unter der Last einer Abhandlung von zwanzig bis dreißig engbeschriebenen Seiten. Alle seine Briefpartner freuten sich wie ich über seine Briefe, aber einige von uns stöhnten bei der Erkenntnis, wie dieser Mensch seine (recht begrenzte) Energie an seine Privatbriefe verschwendete, die letztlich wenig Gewicht hatten, verglichen mit seinem literarischen Schaffen.

Ihm hätte er den Vorrang einräumen sollen, weil es ihm den Platz in der Literatur sicherte, der ihm zustand. Wir wollten erleben, daß er weltberühmt wurde, und er wurde es auch sozusagen, aber wir wollten auch erleben, daß er eine Position erreichte, wo er allen seinen Neigungen nachgehen konnte und sein Sehnen und Trachten in Erfüllung ging. Lovecraft war gegenüber den Marotten und den literarischen Gehversuchen seiner Freunde so nachsichtig, daß man ihm nicht nur seine kleinen persönlichen Schrullen verzieh, sondern daß man ihn sogar wegen dieser und seiner oftmals starren Meinungen zu Themen, die gewohnlich zumindest heftige Auseinandersetzungen hervorrufen, sogar liebte. Er war der einzige Mitarbeiter, den ich je hatte, der verhätschelt wurde und die englische anstelle der amerikanischen Schreibweise verwenden durfte. Man hielt sich an sein ab und zu eingefugtes "u", und sein Austausch von »z« durch »s« in manchen Wörtern wurde trotz der Proteste der Setzer beibehalten. Manchmal habe ich eine Fahne dreimal zur Maschine zurückgehen lassen, stellte mich schließlich zu dem Setzer und benutzte derbe angelsächsische Ausdrücke, bis ein »u« in ein Wort eingefügt worden war. Alle bis auf die ungebildetsten und patriotischsten Amerikaner (und in seinen Kreisen gab es wenige) vergaben ihm seine Anglomanie und seine ätzenden Bemerkungen über die Revolution, zu der es seiner Meinung nach nicht hätte kommen dürfen. Unwillkürlich muß ich daran denken, wie glücklich es sich fügte, daß Howard, wenn ihm schon bestimmt war, im mittleren Alter zu sterben, seine tödliche Krankheit 1937 und nicht erst 1940 bekam. Ich bezweifle, daß auch der höchste Grad philosophischer Gleichmut, den zu erreichen er sich bemüht hahen mochte, hätte verhindern können, daß ihn die Bomben auf St. Paul's innerlich zerrissen. Und er hätte sich nicht bemüht, eine distanzierte Haltung einzunehmen.

Ein hervorstechender Charakterzug Lovecrafts, den man kaum bei ihm vermutet hätte, war seine Heimatliebe. Das hatte, erstens, Providence zu bedeuten; zweitens Rhode Island und seine Gehöfte; drittens Neuengland. Nach seinen körperlichen Eigenheiten war er ein Mensch für warmes Wetter. Und Neuengland gehört ganz gewiß nicht unter diese Rubrik. (Unwillkürlich fällt einem der frühe Siedler ein, der das Wetter in Neuengland als »neun Monate Winter und drei Monate Spatherbst« beschrieb.) Bei kalter Witterung hörten sämtliche Körperprozesse bei Howard zu funktionieren auf. Ich habe erlebt, wie er sich bemühte, bei einer Temperatur von kaum einundzwanzig Grad eine Postkarte zu schreiben, was ihm nur gelang, weil er aufhörte, mit den Fingern allein schreiben zu wollen und sich der neuartigen Technik bediente, den ganzen Arm zu bewegen. Bei einundzwanzig Grad verlor er die Kontrolle über seine Muskeln, gefolgt von der Atmung, dem Kreislauf und dem Nervensystem, die in dieser Reihenfolge ihre Funktionen aufgaben. In einer Nacht, in der er gewöhnlich hei einer Innentemperatur von nicht unter 32 Grad gemütlich daheim geblichen wäre, nahm er buchstäblich sein Leben in die Hand und wagte sich, einem Hilferuf aus einem der ärmeren Stadtteile folgend, ins Freie. Ein Akt tätiger Nächstenliebe. Die Temperatur betrug über zehn Grad, als er von zu Hause aufbrach, aber in der Zeit, die er für seine Besorgung brauchte, fiel sie auf den unerträglichen Wert von minus ein Grad. Auf dem Heimweg brach er auf der Straße zusammen, man fand ihn und trug ihn praktisch tot in einen Laden. Es war eine Apotheke, und zum Glück war ein Arzt anwesend, sonst hätte man ihn hinausgeworfen, weil man zunächst vermutete, er hätte einen Geburtstag zu ausgiebig gefeiert.

Auf einem seiner Streifzüge durch das Land entdeckte er in Charleston, South Garolina, den idealen Wohnort für sich. Es vereinte ein erträgliches Klima mit echter Kolonialatmosphäre. Er konnte sich jedoch nicht dazu entschliefen, dort zu wohnen. Er blieb lieber in Providence, wo er sechs Monate im Jahr und zuweilen länger ein Gefangener in den Wänden seines Zimmers und kaum imstande war, einmal in der Woche auszugehen, um die nötigen Besorgungen zu erledigen. Bei seinen alljährlichen Streifzügen durch das Land, die historischen Stätten galten, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, bis nach Massachusetts heraufzukommen und zuletzt mich zu besuchen. Ich brachte ihn dann nach Hause. Als wir auf unserem Weg nach Providence das Blackstone-Tal passierten, richtete sich Howard in seinem Sitz auf und schnüffelte begierig in der Luft. War der Luftunterschied, wenn man nach Rhode Island kam, nicht zu riechen? Wieviel süßer! Wieviel erfrischender! Wieviel stärker nach Heimat riechend! Das war nicht nur Theater, auch wenn es danach aussah. Er zeigte echte Freude, daß es wieder nach Hause ging. Wir waren gerade am Mohawk Trail gewesen, wo die Luft, wenn überhaupt irgendwo in Neuengland, gewiß erfrischend war, aber sie war nicht so belebend wie die heimatliche Luft. Und natürlich näherten wir uns dem Meer. Was Lovecrafts Allergie gegen Kälte anging, so habe ich immer geglaubt und glaube noch immer, daß er sein Leiden - denn es handelte sich um ein Leiden - hätte lindern können. In einem kalten Klima muß man sich langsam gegen die Witterung abhärten. Das heißt, daß man für Körperwärme sorgen muß, und um Wärme zu erzielen, bedarf es eines Brennstoffs. Niemand kann einem anderen vorschreiben, was er essen soll. Was für den einen eine Delikatesse ist, ist für den anderen ein Greuel. Wir müssen jedoch unbedingt essen, um unsere Kessel unter Dampf und die Maschinerie in Schwung zu halten, Lovecraft aß nicht. Ein extrem leichtes Frühstück, dann kam er den ganzen Tag ohne Nahrungsaufnahme aus. Am frühen Abend nahm er zu sich, was er seine tägliche Mahlzeit nannte. Sie bestand gewöhnlich aus der Hälfte der Portion, die ein normaler Mensch zu sich nimmt. Das Fleisch, das er aß, durfte keine Spur von Fett enthalten. Butter verwendete er höchst sparsam. Seiner Größe entsprechend hätte er nach den Normgewichtstabellen mindestens hundertsiebenundfünfzig Pfund wiegen müssen. Er selbst hielt sein Gewicht auf hundertvierundvierzig Pfund. Wenn er ein oder zwei Pfund zunahm, geriet er in Besorgnis. Als er erstmals nach New York kam und seine Schwierigkeiten noch nicht begonnen hatten, gestand er mir, daß sein Gewicht auf hundertachtzig Pfund hinaufgeschnellt war und er »eine groteske Figur machte«.

»Großer Gott!« erwiderte ich, »ich wäre lieber unförmig rund, als so auszusehen, als wäre ich gerade aus einem deiner Lieblingsgräber gekrochen.« Zu dieser Zeit machte sich mein Alter bemerkbar, denn ich nahm rasch zu, es blieb nicht bei den hundertdreißig Pfund, die ich bis zu meinemdreißigsten Lehensjahr gewogen hatte. Howard stöhnte jedesmal, wenn er mich sah, und als ich ihm erklärte, daß ich nur mehr einen Ehrgeiz im Leben hätte - bis Weihnachten zweihundert Pfund zu erreichen -, wäre es fast dazu gekommen, daß er mir die Freundschaft aufkündigte. Ich war immer ein Quell des Ärgernisses, sogar der Verzweiflung für ihn, weil ich darauf bestand, am Tag drei und manchmal vier kleinere Mahlzeiten einzunehmen. Ich war für Lovecraft kein idealer Reisegefährte. Ehrlich gesagt, ich war und bin meinem Magen sehr zugetan. Reichliches und herzhaftes Essen in nicht zu großen Abständen hat für mich nichts Abschreckendes. Meine Wunschvorstellung des piece de resistance ist Fleisch mit Bratkartoffeln. Howard hätte mit mir darin übereingestimmt, daß es eine Fleischessünde war. Sein Ideal war Apfelkuchen und Eiscreme ä la Waldorf. Den Besuch einer interessanten Stätte - Old Deerfield, das Royal-Gebäude, das Wohnhaus der Fairbanks oder was immer - aufzuschieben, um eine halbe Stunde in einem Restaurant zu verbringen, war geradezu eine Sünde und verriet eine Verhaftung im Leiblichen, die ins Spirituelle umgelenkt werden mußte. Diese Eßgewohnheiten waren erstens Lovecrafts Verzärtelung in seiner Jugend und der unzweifelhaft delikaten Natur seiner Krankheit zuzuschreiben; zweitens, reine Lebensnotwendigkcit in einer Zeit des Mangels und selbst der Not; und drittens der bewußten Absicht späterer Jahre, seinen Geist zu beflügeln und ihm durch Hunger ein freieres Funktionieren zu ermöglichen. Offensichtlich glaubte er wie De Quincey, daß »die Apparatur fürs Träumen, die dem menschlichen Gehirn eingepflanzt wurde, nicht ohne Grund eingepflanzt wurde«, und war entschlossen, seinen eigenen Geist nicht durch übermäßiges Essen abstumpfen zu lassen. Pfennigfuchserei ist ein Wort, das ich nur ungern in den Mund nehme, aber die Notwendigkeit, Geld für andere Dinge zu sparen, spielt ebenfalls mit herein. Die Gewohnheit, ständig Kaffee zu trinken und ihn mit Zucker einzudicken, die er mit den Landstreichern teilte - welche die Heilsarmee und ähnliche Institutionen aufsuchen, wo man für wenig Geld essen kann -, verschaffte ihm zuweilen einen Überschuß an Energie, lieferte ihm aber nicht die notigen Fette. Er nahm sieben bis neun Löffel Zucker in eine Tasse Kaffee, häufig zur Verzweiflung seiner Gastgeberinnen, die die Tasse aufwaschen mußten. Elanore Beebe war fast reif für die Zwangsjacke. Kurzum, ich bin überzeugt, daß er genügend Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungen entwickelt hätte, wenn er sich zuweilen, wie unsere Brüder vom Polarkreis, mit Seehundfett vollgestopft hätte, allerdings hätte er dabei die delikate Abstimmung seiner Gehirnzellen eingebüßt. Aber man stelle sich vor - Howard Lovecraft, wie er Seehundfett ißt! Er hatte Anfälle von Magenverstimmungen, aber keine noch so rege Phantasie kann sich ausmalen, daß sie von dem verursacht wurden, was er aß. Viel eher von dem, was er nicht aß!

Ich habe erlebt, wie er sich mehr als eine Woche lang auf eine Weise ernährte, die völlig normal war. In dieser Zeit und der ihr unmittelbar folgenden hatte er auch keine Magenbeschwerden. Zu den Anfällen von Übelkeit kam es nach einer Zeit, in der er nicht aus dem Haus ging und praktisch nichts aß. Howard hatte viele Vorurteile, aber auch viele Vorlieben. Wenn man ihn nur oberflächlich kannte, fielen die Vorurteile am meisten ins Auge; wenn man ihn gut kannte, zögerte er nicht, auch seine Begeisterung zu zeigen. Alle Bekannten wußten um seine Vorliebe für die georgianische Architektur. Das war wirklich mehr als eine Frage der Ästhetik - das war in seiner Seele verwurzelt. An dem letzten Tag, an dem wir je in Cambridge umherzogen - ich glaube, es war auch der letzte Tag, den ich je mit Lovecraft verbrachte -, besuchten wir nicht die Museen der Reihe nach, sondern wir nahmen die jüngste Entwicklung der Universitätsgebäude unter die Lupe. Harvard hatte nach der verheerenden (oder verrückten) Zeit der »General-Grant«-Architektur zu sich selbst gefunden, und man errichtete nun rein georgianische Gebäude in gutangelegten Ensembles. Howard bebte erst vor Entrüstung, als er an einigen dieser Gebäude, die ungenannt bleiben sollen, mit den Händen vor den Augen vorüberging, und seine Begeisterung war keineswegs gespielt, als wir eine Gebäudegruppe am Charles erreichten. Er war beflügelt, sein Gesicht glühte, seine Augen leuchteten mit einem wahrhaft inneren Licht vor Begeisterung darüber, daß sich Harvard aus den Abgründen des Spießertums .so weit emporgeschwungen hatte, daß die Vision von Architektur wie dieser Wirklichkeit geworden war. Bei anderen Anlässen hatte ich ein derbes Vergnügen daran gefunden, seine Begeisterung für georgianische Bauten durch humorvoll gemeinte lose Bemerkungen zu dämpfen. Hier hätte ich gewöhnlich gesagt: »Na gut, Howard, kehren wir zum amerikanischen Athen zurück, und ich zeige dir das Rathaus.« Ich hielt mich aber im Zaum. letzt bin ich froh, daß ich den Mund hielt und den Zauber nicht zerstörte. (Kennen Sie übrigens das Rathaus von Boston?)

Mit Lovecrafts Briefschreiberei eng verknüpft war die Gewohnheit, Ansichtskarten zu verschicken. Bei denjenigen seiner Freunde, welche seine Karten aufhohen, nahmen sie ein fünfeinhalb Meter langes Regal ein. Nach einem seiner Ausflüge- ich glaube, es war der nach New Orleans - warf ich ihm vor, daß seine Unkosten ungefähr so aussähen: Buskarten, fünfundvierzig Dollar; Essen, fünf Dollar; Postkarten, hunderrfünfundzwanzig Dollar. Und er mußte zugeben, daß ich mehr als nur zur Hälfte recht hatte. Ich habe auf Parkbänken gekauert, in Gemischtwaren- und Papierwarenläden gesessen, ich habe mich selbst an Gebäude gelehnt, wenn kein Sitz oder kein Tisch vorhanden war, und Dutzende von Lovecrafts Ansichtskarten unterschrieben. Zuweilen bestand er auch darauf, daß ich selbst eine Zeile an einen gemeinsamen Bekannten hinzufügte. Was die Postbeamten von Portland bis Portland von diesen Karten hielten, ist eine andere Sache, denn auf ihnen blieb nur ein winzig kleiner Raum für diese Nebensache, die Adresse, übrig, nachdem er seine Mitteilung geschrieben hatte. Ich erfuhr jedoch nur von einer Beschwerde. Die kam von einem Postbediensteten in Paterson, der für Lovecrafts Karten das Briefporto kassieren wollte. Von da an enthielt jede Karte nach Patterson eine oder zwei Bemerkungen für diesen Postbeamten - er hieß »Paul Pry«. Ich bedankte mich bei Howard oft für diese Lesezeichen. Wenn ich zufällig ein Buch aus meiner alten Bibliothek in die Hand bekomme, ist es selbst heute noch sehr wahrscheinlich, daß eine Postkarte I.ovecrafts die Stelle markiert, wo ich es zugeklappt habe. Erst unlängst fand ich hei Apollomus Tyrius (in einem Exemplar von Gowers »Gonfessie Amatis«) eine Karte aus Charleston. (Ich höre den Einwurf: »Das war zu erwarten!«) Was möglicherweise zu bedeuten hat, daß ich 1941 eine meiner periodischen Anstrengungen unternahm, den alten Johannes in modernes Englisch zu übertragen. Ich erinnere mich an eine wahre Postkartenorgie, bei der meine Aufgabe darin bestand, rund fünfundzwanzig Karten an meine persönlichen Bekannten zu adressieren. Meine Vorstellung von einer Anschrift besteht darin, sie so einfach wie möglich zu halten, um den Postbeamten die Arbeit zu erleichtern, und ich füge aus Höflichkeit oder aus anderen Gründen nie etwas hinzu. Natürlich ist ein männliches Wesen ein Herr! Howard ließ es sich nicht nehmen, alle meine Karten durchzusehen und sorgsam »Esq« hinzuzufügen, obwohl in dem ganzen Haufen nicht mehr als zwei oder drei Esquires gewesen sein konnten. Meine große Selbstbeherrschung zeigt sich auch darin, daß ich darauf verzichte, Howard Sydney Smiths Bemerkungen zum Titel »Esquire« zu wiederholen. Sie lagen mir oft auf der Zunge.Ich habe nie jemanden getroffen, der völlig unkompliziert ist. Man glaubt, einen Freund zu verstehen, aber er veranlaßt einen dauernd, das eigene Urteil zu revidieren.

Ich kann wirklich nicht wahrheitsgemäß behaupten, daß ich beim Autofahren nie schneller als mit dreißig Meilen in der Stunde unterwegs war. (Wenn Sie gesehen hätten, wo und in welchem Zustand ich das letzte Auto, das ich besaß, stehenließ, würden Sie diese Bemerkung verstehen.) Wenn ich aber Mitfahrer hatte, war ich immer vorsichtig, auch deswegen, um ihnen gelegentlich einen Blick hinter die Reklameschilder zu ermöglichen. [Es gab einmal einen Gouverneur von Massachusetts, dessen Schwiegersohn Teilhaber einer Plakatierungsfirma war. Es gab einmal einen Gouverneur von Illinois, dessen Bruder Ziegelfabrikant war. Es gab einmal eine Zeit, da Massachusetts mit Reklametafeln übersät war wie bei einem Ausschlag. Und es gab einmal eine Zeit, da in Illinois Hunderte von Meilen ziegelgepflasterter Straßen entstanden. Wenn Sie nun eine Verbindung zwischen diesen für sich stehenden Fakten sehen wollen, ist das reine Böswilligkeit Ihrerseits, oder aber es ist die »unbewußte Korrelation anscheinend unzusammenhängender Daten«. Ich mochte mit Lovecraft im Wagen vorsichtiger als sonst fahren, weil ich ihn noch immer für einen Konservativen hielt. Plötzlich, eines Tages im nördlichen Massachusetts, fragte er mich, ob das Auto denn nicht schneller führe! Auf diesen Straßen war fünfzig damals das Äußerste, und ich legte mich mit fünfzig in diese Kurven und wartete auf die ersten Anzeichen eines Achsenbruches. Dazu kam es aber nicht. »Das ist schon besser«, bemerkte Lovecraft. Nur einmal hätte ich ihn in bezug auf Geschwindigkeit fast zufriedengestellt. Eines Samstagnachts übernachtete ich in Providence in Gesellschaft eines Weird-Tales-Autors, den ich mitgebracht hatte. Sein Name soll ungenannt bleiben, weil Howard und ich infolge späterer Entwicklungen übereinkamen, daß er nie erwähnt werden sollte. Dort in Warren, R. I., gibt es ein Lokal, das für die Qualität und Vielfalt seiner Eiscreme berühmt ist. Howard schlug vor, wir sollten am Sonntag vor dem Frühstück nach Warren fahren und das dortige Angebot verkosten.

Die Zeit vor dem Frühstück war es nicht, die ich für Eiscreme gewählt hätte, aber der andere war ebenfalls ein Eiscremefanatiker, darum machte ich gute Miene. Über diese Beton-Straßen, die zu so früher Stunde beinahe leer waren, verschaffte ich Howard einen Ritt von neunundachtzig Meilen in der Stunde. Natürlich hielten wir dieses Tempo nicht lange durch, denn wenn man in Klein-Rhody mit neunzig Meilen dahinbraust, ist man bald nicht mehr in Rhode Island. (Kennen Sie die Geschichte von dem Gcwohnheitsduellanten, der, als ihm gerichtlich verboten wurde, in dem Staat seinem liebsten Freiluftsport weiter nachzugehen, zum Gouverneur sagte, bei seinem nächsten Duell würden die Teilnehmer außerhalb des Staates stehen und über ihn hinwegschießen?) Den anderen machte unser Tempo echt nervös, aber Howard fand, daß ich mich zu bessern anfing. Die Fortsetzung der Geschichte dieses Morgens ist aber traurig. Mir läuft noch immer eine Gänsehaut über die Überreste meines Rückgrats, wenn ich daran denke. An jenem Tag waren nur zweiunddreißig Sorten Eiscreme erhältlich, von den meisten hatte ich nie gehört und will auch nicht mehr von ihnen hören. Unser Schlachtplan bestand darin, daß jeder von uns dreien eine Portion einer anderen Sorte bestellen und dann jede in drei Teile teilen sollte, wodurch wir mit elf Portionen alle verfügbaren Sorten durchprobiert hätten. Ich war gewillt, darauf einzugehen und nach besten Kräften mitzumachen, aber nach vier Portionen war meine absolute Grenze erreicht. Ich hatte die Prüfung nicht bestanden. Ich ertrug es nicht. Ich gab auf. Das bedeutete für die anderen eine gewisse Härte, aber sie akzeptierten den Schicksalsschlag mit philosophischein Gleichmut. Ich muß jetzt noch lachen, wenn ich daran denke. Da waren diese beiden stämmigen Weird-Tales-Autoren, Großhändler in Blut und Gehirnmasse, stinkendem Eiter, hungrigen Wölfen und Grauen aus dem Weltraum, die hier zusammensaßen und Eiscrememischungen portionenweise verschlangen, und da war ich, ein kümmerliches, sanftmütiges Wesen mit Visionen von riesigen auf dem Rost gebratenen Steaks und Bergen von Bratkartoffeln vor Augen. Für jemanden, der praktisch ausschließlich ein fleischfressendes Tier war, hatte die Lage ihre Nachteile. Aber mein Ausscheiden als Verbündeter brachte das dritte Mitglied unseres Trios in eine schwierige Lage. Es konnte mit seinem Partner nicht mitziehen, zeigte weniger und immer weniger Begeisterung, löffelte immer langsamer und blieb stecken, als vier Geschmackssorten noch ungekostet waren. Die Legende berichtet, daß ein prominenter Amateurjournalist eines Tages nach Warren fuhr, als es achtunddreißig Sorten Eiscreme gab, die ganze Liste durchging und eine schriftliche Bestätigung darüber hinterließ. Ich erlebte das jedoch nicht mit. Ich kann mit Gewißheit sagen, daß ich an jenem Morgen so rasch wie möglich nach Providence zurückfuhr, um in ein Restaurant zu gelangen, während die anderen, wenn ich mich recht erinnere, ihren Heißhunger gestillt hatten und sich der ernsten Sache Essen ziemlich lustlos hingaben. Hier fällt einem ein anderer Vorfall in Providence ein, weil der dritte der Eiscremerunde daran beteiligt war. Auf »dem alten Hügel« außerhalb einer Wohnstraße, zu erreichen auf gepflasterten Wegen über Privatgrund, liegt ein alter, von knorrigen Bäumen beschatteter Friedhof mit flachen Gräbern. Sie strömen ganz die Atmosphäre unheimlicher Düsternis aus, die den Liebhaber des Makabren anspricht und dem Schriftsteller Inspiration liefern sollte, der sich auf das Grauen spezialisiert.

Der Friedhof liegt völlig abseits von allen Anzeichen des Lebens, Geräusche dringen nur gedämpft zu ihm hin, und seihst die Lichter der Stadt sind bloß eine dumpfe, vergängliche gespenstische Spiegelung auf tiefhängenden Wolken. Ein abgeschiedenerer Flecken ist kaum vorstellbar. Hier, wenn überhaupt irgendwo, würden Ghoule ihre Feste feiern und uralte unruhige Schatten in Erscheinung treten. Der Friedhof ist ein Überrest aus der Zeit, da auf dem Hügel mehrere kleinere Begräbnisstätten lagen, ehe die Straßen begradigt und verbreitert und die Bewohner der kleinen Gottesäcker in eine große Totenzentralstadt umgebettet wurden. Auf dieser Straße ging vor hundert Jahren der Meister aller späteren Gruselschriftsteller, Edgar Allan Poe, auf und ab, und es ist nicht der geringste Zweifel möglich, daß ihm dieser gespenstische Zufluchtsort bekannt war und daß er auch häufig hier Zuflucht suchte. Eines Nachts kurz nach elf Uhr hatten sich Lovecraft, Donald Wandrei, der dritte Autor und ich auf diesem Eriedhof in der Absicht versammelt, auszuharren und bis nach Mitternacht die Atmosphäre und die Eindrücke auf uns einwirken zu lassen. Besonders zynische Personen wie ich ließen sich auf dem nächstbesten Grab nieder, andere lehnten an Grabsteinen und wieder andere wanderten herum und ließen eine gewisse Nervosität erkennen. Ich war besonders froh, daß ich keinen Sinn für das Übernatürliche hatte, trotz allem, was mir von verschiedenen Medien, Spiritisten und Theosophen gesagt worden war, unter die ich mich von Zeit zu Zeit gemischt habe. Das Gespräch war absichtlich so gewählt, um allfällige Elementargeister oder übernatürliche Residuen, die sich dieses Plätzlein zum Sitz gewählt haben mochten, anzulocken. Mutmaßungen darüber, was ich tun würde, wenn der Stein, auf dem ich saß, langsam in die Höhe zu steigen begänne, waren die harmlosesten der suggestiven Bemerkungen, die diese Gruppe von Meistern des Grauens von sich gab. Ich bin nicht sicher, was ich in dem Fall getan hätte, aber vielleicht wäre ich dem ausgezeichneten Beispiel gefolgt, das Sam Clemens geliefert hatte, als er die Leiche in seinem Bett fand. Er ging, wie man sich erinnern wird, »fort«. Es gab Zitate aus der Stelle über die Ghouls in Vathek, und Howard lieferte uns einen improvisierten Auszug aus dem schauderlichen Necromimicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred, der sich mit jedem der Zitate aus dieser Quelle, die er veröffentlicht hatte, messen konnte. Mir fortschreitender Zeit zeigte der dritte Schreckenshändler Zeichen von Unruhe, obwohl Wandrei und Lovecraft mit kaltem Verstand fortfuhren, ungeachtet des heiseren Wisperns und melodramatischen Zitterns. Er begann zu fürchten, er könnte sich erkälten und knöpfte den Mantel fester zu, obwohl sein Gesicht leicht vom Tau benetzt war. Es bedurfte nicht ihrer Überzeugungskraft, sondern ihres Spottes, um ihn zu überzeugen, daß die Erkältungsgefahr minimal war und daß wirklich kein bösartiges Miasma aus dem Boden aufstieg, auf dem wir standen. Wir ließen uns nicht in unserer Wache beirren, und erst knapp vor ein Uhr kamen wir wieder auf die Straße zurück. Zu erwähnen bleibt, daß von jener Nacht an der dritte Autor nie mehr eine echt unheimliche Friedhofsgeschichte schrieb. Vielleicht war er der einzige in der Gruppe, der sensitiv und für das Übersinnliche empfänglich war.

Bei zwei oder drei Anlässen wichen Howard und ich von dem Weg ab, den Poe einschlug, wenn er von dem Hotel, in dem er abstieg, wenn er in Providence war, zu dem Haus Helen Whitmans gegangen war. Die Straße hat sich kaum verändert, und die Bodenfliesen beim Vordereingang des Whitman-Hauses sind vielleicht die, auf die Poe trat - wir wollten sie zumindest für dieselben halten. Wir unternahmen keinen Versuch, die »Gosse« zu entdecken, in der er sich, wie es die Sage in Providence haben will, ausruhte, wenn er den Weg nicht schaffte. Ich bin fest überzeugt davon, daß diese Überlieferung falsch ist und er statt dessen den Friedhof aufsuchte. Ich bezweifle, daß er einer äußeren atmosphärischen Inspiration für sein Werk bedurfte, das er aus seinem grauengeschüttelten Gehirn entwickelte, aber die düstere Natur dieser Umgehung paßte gut zu seiner Stimmung. Und wie muß seine Stimmung gewesen sein, besonders wenn er auf dieser Straße zurückkehrte, nachdem ihm von den Whitmans der Zutritt verwehrt worden war! Kein Bild von Providence während der Lovecraft-Ära kann für mich vollständig sein, wenn darin Eddys Buchladen fehlt. Ich glaube, er war der letzte Überlebende der Antiquariate früherer Zeiten, wie man sie geschildert findet und wie wir sie in früher Jugend kannten. Er hätte absolut aus Gornhill kommen können, als Cornhill noch international berühmt war. Ein ungeheurer Laden, vom Boden bis zur Decke von Regalen gesäumt, die vollgestellt waren mit Büchern, die nach Autoren oder Sachgebieten geordnet waren. Tische in der Mitte, beladen mit Büchern. Auf dem Boden Bücherstapel, über die man zuweilen klettern mußte. Große Schubladen voller Bücher. Ein Zwischenboden, mit Büchern bedeckt. Die Kellertreppe vollgestellt mit Büchern. All die Bücher oben waren bearbeitet und mit Preisen versehen - mit sehr mäßigen Preisen. Dann der Keller, in den wenige zugelassen waren. Ein riesiger Raum mit Bergen von Büchern - so muß man es nennen. Hierher wurden die Bücher auf Lastwagen gebracht und wie üblich abgekippt. Haufen, Stöße, eine bunte Mischung aus allem unter der Sonne Erdenklichen. Wenn es oben Platz gab, wurden ein paar Armladungen Bücher heraufgebracht, geschätzt und ausgezeichnet. Howard und ich verbrachten einen ganzen Tag damit, jedes Stück im Zwischenboden durchzusehen (broschierte Varia). Wir bereicherten unsere Sammlungen von Old Farmer's, ganz zu schweigen von verschiedenen heiß ersehnten Broschüren. Eddy stammte aus einer alten Familie in Providence, kannte und bewunderte Lovecraft und seine Familie, und eine Einführung durch Howard war ein Sesam öffne dich. Wir durften uns überall umsehen, und natürlich verbrachte ich die meiste Zeit im Keller, wo das Unerwartete aufzutauchen pflegte. Es war der Traum eines jedenßüchersammlers, der letzte Schrei, die Entdeckung Eldorados oder die wiederentdeckte Schatzkammer. Ich fuhr selten durch Providence, ohne den Rücksitz so vollzufüllen, daß ich mir Gedanken machen mußte, ob die Federung wohl standhalten würde.

Eines Sonntagmorgens, als die Geschäfte alle geschlossen hatten, half mir ein Polizist aus Providence beim Beladen des Autos, so daß ich fertig war, ehe die Leute zur Kirche gingen. Ja, in Providence gehen die Leute zur Kirche. Ich erinnere mich, daß meine damalige Ausbeute fast ausschließlich aus den ersten hundert Bänden von Harper's Magazine in gebundener Form bestand. Ich wünschte, ich könnte mich an den Namen des Beamten erinnern, seine Tat war typisch für die Höflichkeit der Polizei in Providence. Ich erinnere mich, daß ich eines Abends zu der Zeit, die umgangssprachlich und deshalb treffend »Stoßzeit« heißt, zweimai in dem verdammten Kreisverkehr herumfuhr und nach der Weybosset Straße Ausschau hielt, sie aber jedes Mal verfehlte. Mit einem gottergebenen Ausdruck von »Friß oder stirb« war ich das dritte Mal unterwegs, als mir ein Beamter auf einer Verkehrsinsel zuwinkte, anzuhalten. »Was habe ich jetzt wieder getan?« stöhnte ich. Zusammen mit meinen übrigen Problemen war das mehr, als ich ertragen konnte. Mein Herz blieb beinahe stehen, und ich malte mir aus, wie ich die Nacht in einer feuchten und düsteren Zelle verbringen würde, bis ich am nächsten Morgen den Richter begrüßen durfte, und, da es mir an ein paar tausend Dollar fehlte, die ich an den entsprechenden Stellen verteilen konnte, den Rest meines Lebens in dem Felsennest hei Granston verbrachte. »Ich dachte, es interessiert Sie vielleicht«, sagte der Beamte, »daß Ihr linker Hinterreifen ein bißchen wenig Luft hat.« Aber um zu Eddy's zurückzukehren: Wann immer jemand ein neues Antiquariat in Providence eröffnete, konnte man sicher sein, daß ein ehrgeiziger Mensch zu Eddy's ging, zehn oder fünfzehn Dollar für einige Ladungen Bücher aus dem Keller gezahlt und damit einen Laden eröffnet hatte. Wie Lovecrafr gibt es auch Eddy nicht mehr, und einen solchen Himmel auf Erden für den Eiebhaber alter Bücher gibt es nicht noch einmal. Als ich Eddy zum letzten Mal sah, hatte er gerade ein Gedicht geschrieben, und ich warnte ihn, das sei das Enndstadium! Wie bei anderen Grobheiten in Form von Spaßen, die ich, als Spaß gemeint, im Leben gemacht habe, tat es mir später leid, denn es bewahrheitete sich. Lovecraft handelte ständig wider liebgewordene Traditionen oder gläubige Auffassungen.

Es heißt, daß der Mensch mit fortschreitender Zivilisation gewisse Eigenschaften und Instinkte verliert, die im primitiven Urzustand für ihn lebensnotwendig waren. Sie versteinern aber oder schlafen ein oder verschwinden ganz, wenn sie ihren Sinn verlieren. Dazu gehört der Orientierungssinn - der Instinkt heimzufinden, ohne den der Mensch in der Wildnis hilflos wäre. Wenn er nicht über eine Art inneren Kompaß verfügte, wäre er wohl zum Aussterben verurteilt. Nun war die Überlegenheit Lovecrafts auf geistigem Gebiet und allem, was wirklich zur Kultur gehört, mir gegenüber ungeheuer. Ein Vergleich läßt sich kaum ziehen. Mir geht jedoch jeder Orientierungssinn ab. Selbst wenn die Sonne scheint, bin ich verloren, wenn ich nicht die Jahreszeit exakt berechne, und auch dann irre ich mich meistens. Auf unmarkierten Landstraßen geht es mir wie dem Kind im Walde. Ist eine falsche Abzweigung vorhanden, schlage ich sie unweigerlich ein. Gibt es eine nach Südosten führende Straße, wenn ich nach Nordwesten will, fahre ich unfehlbar nach Südosten. Ich bin oft stundenlang gefahren, bis ich zu einem Wegweiser kam, und fand mich meilenweit auf einer Straße irgendwohin, wohin ich nicht fahren wollte. Immer wieder bin ich, wenn ich aus einem Gebäude kam, in der Stadt in die falsche Richtung losgezogen. In Boston zum Beispiel sind die Bezeichnungen kompaßverkehrt. Niemand kann mir einreden, daß die Nordstation nicht im Süden ist, die Südstation nicht im Norden und das West End nicht im Osten. Ebenso ergeht es mir auf dem Lande. Selbst die Rinde an Bäumen und überhaupt Zeichen dieser Art sagen mir nichts. Lovecrafts Orientierungssinn war ausgesprochen unheimlich. Man kann das nicht durch seine frühen astronomischen Studien erklären, denn an einem bewölkten Tag ohne Himmelskörper in Sicht und in einer pechschwarzen Nacht, bei der überhaupt nichts zu sehen war,orientierte er sich ebenfalls sicher. Es war reiner Instinkt. Ich habe es auf vielerlei Art und Weise zu erklären versucht, kam aber immer wieder auf den Instinkt als Ursache zurück. Lovecraft, das sollte man wissen, hielt an einer rein materialistischen Erklärungsebene fest und ließ nie so etwas wie Instinkt, »innere Stimmen«, Vorausahnung oder Intuition gelten. Es war nichts Spirituelles, Metaphysisches, Schwachsinniges oder Übernormales daran. Es handelte sich (jawohl, Sie haben es erraten) um »die unbewußte Korrelation von anscheinend unzusammenhängenden Eindrücken«. Wenn er eine geballte Ladung solcher Wörter von sich gab, bat ich ihn: »Howard, sei bitte so gut, das in gute alte, einsilbige angelsächsische Wörter zu übersetzen, dann kann ich dich vielleicht verstehen. Wenn du mit Proletariern zusammen bist, solltest du dich, wenn möglich, der proletarischen Ausdrucksweise bedienen.« Was ihn so ärgerte, daß er zu stottern begann. Er war jedoch, wenn man ihn genügend gereizt hatte, schließlich imstande, ein idiomatisches, sogar umgangssprachliches Englisch von beträchtlicher Deftigkeit zu sprechen. »Los! Wie gefällt dir das?« fragte er dann. Ich nahm die Finger aus den Ohren und erwiderte darauf: »Du machst dich, Howard, du machst dich.« Aber um zu unseren Schäflein zurückzukehren: Also, wo die Fakten sind, die man, bewußt oder unbewußt, in pechschwarzer Nacht korrelieren und mit denen man unfehlbar die Kompaßstriche bestimmen könnte, übersteigt völlig die Frkenntniskraft dessen, was ich in Augenblicken des Optimismus meinen Geist nenne. Einmal verbrachte Lovecraft zwei Wochen damit, die Gegend um Brattleboro und Guildford, Vt., allein zu durchwandern, Meilen im Umkreis seines StandQuartiers. Ein Großteil der Gegend ist verlassen oder war nie bewohnt. Ein Blick auf die Karte am Morgen, und er machte sich auf den Weg. Bei Anbruch der Dunkelheit kehrte er zurück, ohne sich je über den Standort geirrt zu haben. Hauptstraßen, Nebenstraßen, Landstraßen, Bergpfade, Waldpfade und die pfadlosen Hügel und Wälder - er war überall gewesen. Seine Streifzüge führten zu einer Geschichte, die in Brattleboro spielte. Nebenbei bemerkt, aus seinen Gesprächen mit den Einheimischen, denen er auf seinen Wanderungen begegnete, entwickelte er einen wunderbaren und entsetzlichen Dialekt, dessen er sich gerne bediente, trotz meiner Proteste, daß so niemand in den Himmeln über uns, auf der Erde darunter oder in den Gewässern unter der Erde je gesprochen hat.

Hosea Biglows Rechtschreibfehler waren nur ein schwacher Abklatsch davon. Er verlagerte dieses Idiom oder diesen Dialekt oder diese lokale Ausdrucksweise oder wie man es nennen will, die Küste hinunter in die Umgebung von Arkham. Eine anscheinend nicht nachprüfbare Überlieferung in meiner Familie besagt, daß ich in Vermont geboren hin, darauf beziehen sich auch meine frühesten Erinnerungen. Es stimmt, daß ich Stephen A. Douglas' Rat befolgte und es in jungen Jahren verließ, aber im späteren Leben bin ich in dem Bundesstaat weit herumgekommen und habe außer leichten Spuren der Aussprachen und Konstruktionen und Verzerrungen nie das gefunden habe, was Howard als authentisch ausgab. In der Tat, der einzige traditionell korrekte »Yankee-Dialekt«, den ich je antraf, wurde von allen bis auf die jüngeren Mitglieder einer Familie im Mittelwesten benutzt. Diese Familie stammte nicht aus Neuengland, aber sie war vor dem Bürgerkrieg im Grenzgebiet heftiger Gegner der Sklaverei gewesen, und sie hatte sich, wie ich immer glaubte, mit Biglow vollgesogen. Dieser Mann hat am Tag des Jüngsten Gerichts für eine ganze Menge Rechenschaft abzulegen. Wenn es einen solchen Dialekt gibt, muß ich sehr widerspenstig sein, denn in Vermont habe ich die seltsamsten Menschen aus allen möglichen Schichten kennengelernt. Howards lebhafte Phantasie ist unbestritten. Ich habe mir einzureden versucht, daß Howard empfänglich für Nuancen war, auf die ich nicht reagierte, aber ich bin nicht willens zuzugeben, daß die Theorie stimmen könnte. Natürlich stand Lovecraft mit dem Gedanken nicht allein, daß man sich bei der Schilderung eines Menschen vom Lande einer andersartigen Sprache bedienen muß. Man kann reihenweise zeitgenössische Schriftsteller anführen, die zur Besserwisserei neigen, wenn sie die Sprechweise von Landbewohnern charakterisieren. In den meisten Fällen wollen sie bloß ihre eigene Klugheit herausstreichen, auch wenn das bei Lovecraft nicht der Fall war. Er versuchte, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen - und das gelang ihm auch mehr oder weniger. Während der längsten Zeit meiner Bekanntschaft mit Lovecraft wohnte ich in einer Stadt im Norden von Zentralmassachusetts, die mehr als irgendeine Stadt, die ich je sah, jedes historischen, architektonischen, szenischen, archäologischen oder sentimentalen Interesses entbehrte. Bei aller Empfänglichkeit für Eindrücke verbrachte Lovecraft Tage damit, Ausschau nach Lokalkolorit zu halten, die Stadt und ihre Umgebung zu durchwandern, ohne auch nur den kleinsten Anlaß zur Begeisterung zu finden, mit der er seinem Gastgeber gern geschmeichelt hätte. Das einzige, was er von der Stadt selbst zum literarischen Gebrauch mitnahm, war der Name »Sennel Hill«, aber er mußte den Berg mehrere Meilen weiter in das zum Untergang verurteilte Tal schieben, um ihn in eine romantische Umgebung zu verlagern.

Es gelang ihm, eine örtliche Sage auszugraben, die besagte, daß der vor seinen Verfolgern fliehende König Philip in einer Höhle in den Bergen der Umgebung Zuflucht gefunden hatte. Sogar die Höhle, oder genauer gesagt die Klamm, ist vorhanden. Man konnte ihn mühelos davon überzeugen, daß die Überlieferung recht fadenscheinig war und daß der Vorfall sich unmöglich hätte zutragen können. Höhlen, in denen sich König Philip versteckt haben soll, sind beinahe so zahlreich wie Häuser, in denen Washington schlief, oder Bäume, deren Schatten er und sein Pferd aufsuchten. So etwas muß historische Plausibilität haben oder zumindest möglich gewesen sein, damit man es in der Literatur verwenden kann, auch wenn örtliche Sagen so übertrieben klingen, daß der Bürger sie kaum verdauen kann. Die ganze Gegend bot Howard nur das Lokalkolorit für eine einzige Geschichte. Das Tal, das sich dreißig Meilen südlich der Stadt erstreckte, befand sich in den ersten Vorbereitungen für eine Überflutung, denn dort sollte ein ungeheures Wasserreservoir für das hauptstädtische Boston entstehen. Charakteristisch für das Tal waren die niedrigen Berge, deren Gipfel unter Einwirkung der Eiszeitgletscher seltsam einheitlich abgerundet waren. Sie wurden zu den »Hügeldomen« der Geschichte. Einige dieser Berge waren riesige Felsblöcke, die die Gletscher zurückgelassen hatten. Sie wurden zu den Ringgebilden und Quadranten und Pentagonen und seltsamen Gesteinsmustern, die ein uraltes Volk angelegt hatte. Die ganze Anordnung wirkte, als wäre sie von einem Autor unheimlicher Geschichten in Auftrag gegeben worden. Ein halbes Dutzend Orte wurden von der Landkarte gelöscht, Behausungen, seit Generationen bewohnt, sollten von fünfzig Euß Wasser überflutet werden und, höchst faszinierend, alle Friedhöfe wurden aufgegraben und die Toten umgebettet - sofern die Gräber belegt waren. Wir malten uns aus, welche böse Wirkungen vielleicht durch diese Öffnung von Krypten, Grüften und geweihter Erde freigesetzt werden könnten. Howard erschöpfte nie (in der Tat, er berührte sie kaum) die Möglichkeiten des Themas, obwohl er häufig darauf Bezug nahm. In diesem dem Untergang geweihten Tal standen mehrere Beispiele aus der Blütezeit kolonialer Kirchenarchitektur und zeitgenössischer bäuerlicher Architektur, was Howard natürlich beklagte. Eines Donnerstags tauchte Eovecraft abends in Boston auf. Eine Ausflugsreise nach Quebec für zehn Dollar sollte stattfinden. Die Abfahrt war für den folgenden Morgen angesetzt, die Rückkehr für Montag Abend. Er nahm daran teil und schlug mir vor mitzukommen. Ich kannte Quebec, freilich war ich nie mit einem Führer wie Lovecraft dort gewesen, und seine Einladung reizte mich ernsthaft. Er hatte diesen Ausflug schon einmal unternommen und sich mit einem Reiseplan ausgerüstet, der ihn instand setzen würde, in kürzester Zeit soviel wie möglich von der Stadt zu sehen. Nach reiflicher Überlegung konnte ich mich aber nicht entschließen mitzufahren. Ich kannte solche Auflüglerzüge oder glaubte sie zu kennen. Das wären vier Tage und vier Nächte mit dem Zug als Standquartier gewesen. Nur Sitzwaggons - kein Liegewagen, kein Speisewagen, kein Salonwagen, kein Büfett. Und die Waggons würden nicht die besten der Eisenbahnlinie, einer nahezu bankrotten Gesellschaft, sein. Schlafen, wenn überhaupt, im Sitzen. Züge, die bis auf den letzten Platz besetzt waren. Lärm und Geschrei. Quengelnde Kinder, Frauen mit schriller Stimme und betrunkene Männer. Ab und zu ein vertrocknetes Sandwich oder eine Tasse schalen Kaffees. Gerüche nach Menschenschweiß, Fusel und Babywindeln. Ein paar Stunden in Montreal, damit verbracht, im Eilzugtempo durch die Stadt zu rasen, um möglichst keine Sehenswürdigkeit auszulassen.

Zurück zum Zug. Aufenthalt in Quebec, eine etwas ausführlichere Version des Herumhastens in Montreal, nur in einem weniger ebenen Terrain. Ich stellte mir vor, wie ich im Schlepptau Lovecrafts dahergekeucht kam, wie er bei seinem verrückten Herumklettern in den Felsen der Bergziege nacheiferte. Nein, darauf konnte ich mich nicht einlassen. Nicht einmal um des Vergnügens willen, das es Howard bereiten würde, mir die Kanonen zu zeigen, die Seiner Majestät Streitkräfte bei Bunker Hill den Rebellen abgenommen hatten. (Natürlich haben Sie von dem kleinen englischen Mädchen gehört, das 1940 in diesem Land zu Gast war, als England daheim ein wenig Schwierigkeiten hatte. Als man ihm das Denkmal von Bunker Hill zeigte, stellte es mit Befriedigung fest: »Na also, dort haben wir gewonnen.« Wie man vom Kanonenaufseher in Quebec erfahren kann, war der Berg selbst nicht auf Rädern! Wenn er es gewesen wäre, wo zum Teufel hätten wir das Denkmal hingestellt?) Das Leben war im besten Fall kurz und beinahe schlichtweg eine Plage. Warum vier Tage und Nächte auf diese Weise verschwenden? Früh am folgenden Dienstagmorgen, ehe ich zur Arbeit ging, kam Howard aus Quebec zurück. Weder vorher noch nachher habe ich einen solchen Anblick gehabt. Hautfalten, die von einem Skelett herabhingen. Augen, in Höhlen eingesunken, in eine Decke gebrannte Löcher. Diese zarten, empfindsamen Künstlerhände nichts als Klauen. Der Mann war tot mit Ausnahme der Nerven, die ihn funktionieren ließen. An diesem Abend hatte er in Somerville eine Verabredung zum Abendessen mit einer Frau, für die er Texte bearbeitete, und er hatte seine Pläne, was er tagsüber erledigen wollte. Ich war erschrocken, und weil ich erschrocken war, war ich zornig. Mein Zorn mag sich vor allem gegen mich selbst gerichtet haben, weil ich ihn auf dieser Reise nicht begleitet hatte. Was jedoch auch immer die wirkliche Ursache war, ich ließ echten Zorn an ihm aus. Er brauchte eine Bremse; nun, die Bremse sollte auf der Stelle angezogen werden. Es gab einigen Widerspruch, sein Pflichtgefühl meldete sich. Howards Widerstandskraft war zweifellos geschwächt, aber man muß auch bedenken, daß er mich nie zuvor in einem zornähnlichen Zustand erlebt hatte. Jedenfalls erlaubte er mir, sein Programm abzuändern.

Ich ging an jenem Morgen nicht ins Büro. Ich bestellte telephonisch ein Taxi, führte ihn in sein Lieblingsrestaurant im Waldorf und achtete darauf, daß er genügend Betriebsstoff zu sich nahm. Ich selbst bestellte ein zweites Frühstück, um ihm mit gutem Beispiel voranzugehen. Dann führte ich ihn zu meiner Pension und mietete ein Zimmer für ihn. Lediglich sein Versprechen, sich nicht vor vier Uhr nachmittags an das Manuskript zu setzen, hinderte mich daran, es ihm wegzunehmen. Ich wachte bis Mittag vor seiner Tür, dann ging ich zur Arbeit. Um fünf Uhr eilte ich von der Arbeit nach Hause und stellte fest, daß er wirklich bis vier geschlafen und dann nichts anderes gemacht hatte, als Postkarten zu schreiben. Er hatte sich gut erholt, sein Aussehen war ermutigend, und eigentlich sah er allmählich wieder wie ein lebendiger Mensch aus. Trotz seiner ziemlich schwachen Proteste, daß er eine Verabredung zum Abendessen hätte, kümmerte ich mich darum, daß er eine Mahlzeit zu sich nahm, darunter Fleisch. Um halb sechs mußte ich ihn ziehen lassen. Nach dem Abendessen in Somerville solte er um Mitternacht den Bus nach Providence nehmen, und er versprach freiwillig, sich daheim niederzulegen und vierundzwanzig Stunden im Bett zu bleiben. Er gab zu, daß er an diesem Abend in Somerville weniger wie ein Totenschädel beim Festmahl aussehen würde, als wenn er sich nicht ausgeruht hätte. Ganz gewiß aber fühlte er sich innerlich drückend eingeengt. Über diesen Ausflug nach Quebec und den vorhergehenden schrieb er einen Reisebereicht, illustriert mit Skizzen von architektonischen Details und ähnlichem, der besser war als alles, was ich je zu dem Thema sah. Fr hätte gedruckt werden müssen. Die Stadt Quebec oder die Eisenbahngesellschaff hätte die Arbeit finanzieren und das Manuskript gut honorieren sollen. Wie sooft bei Lovecraft, war auch dieses Werk ein Produkt der Liebhaberei - man kann mit Recht sagen, daß er ein Amateur war. Lovecraft war ein Amateur. er schrieb nie eine Zeile mit einem Verleger oder einem Publikum vor Augen. Fr hat sich geweigert, eine Geschichte zu ändern, wenn sie, so geändert, um einem Herausgeber zu gefallen, angenommen und honoriert worden wäre. Wenn ein Werk, das allein geschrieben worden war, um seinen Vorstellungen zu entsprechen, einen Abnehmer fand, gut und schön. Wenn nicht, hatte er die Befriedigung, sich zu weigern, seine Kunst dem Mammon auszuliefern. Wenn es ihm richtig erschienen wäre, seine Kurzgeschichten kurz zu halten, hätte er alles verkaufen können, was er nur schreiben wollte. Aber seine Kunst wuchs oder seine Vorstellungen von seiner Arbeit wuchsen, und er brauchte eine immer größere Leinwand, bis es praktisch unmöglich war, für sein späteres Werk einen Markt zu finden. Er weigerte sich jedoch, seine Pläne zu ändern. Farnsworth Wright war derjenige Herausgeber, der Lovecrafts Genie erkannte, zuerst seine Geschichten annahm und ihm zu dem Status verhalf, den er auf seinem Gebiet einnahm. Wright selbst war in hohem Maße vom Liebhabergeist erfüllt. (In der Tat war er Mitglied der Lovecraft United gewesen.)

Jahr um Jahr hielt er Weird Tales unter den niederdrückendsten finanziellen Bedingungen am Leben. Er opferte mehr für diese Zeitschrift, als es die meisten Amateure für Amateurveröffentlichungen tun. Im Lauf der Jahre wandelte er die Zeitschrift von einer Monatsschrift in eine Zweimonatsschrift um, um finanziell aufzuholen, dann machte er wieder eine Monatszeitschrift daraus. Er honorierte jedoch immer seine Autoren. Er zahlte nie bei Annahme, denn er hatte nie genügend Kapital, um eine Nummer im voraus zu honorieren. Zu keiner Zeit hatte er den finanziellen Rückhalt, den er verdient hätte. Er honorierte seine Autoren hei Veröffentlichung, und die Veröffentlichung einer bestimmten Geschichte wurde oft einfach dadurch verzögert, daß er sie nicht honorieren konnte. Lovecraft wurde einer der beiden populärsten und höchstbezahlten Weird-Tales-Autoren. Damit nahm die Anzahl der Geschichten, die er in der Zeitschrift plazieren konnte, ab. Wright akzeptierte eine Story. Dann berechnete bei Zusammenstellung einer Ausgabe, wieviel Geld ihm zur Verfügung stand, und teilte das Material entsprechend ein. Manchmal verstrichen Monate zwischen dem Erscheinen von Geschichten Lovecrafts, nur wenn der Protest und die Forderungen der Leser allzu heftig wurden, sah sich Wright gezwungen, eine Geschichte ohne Rücksicht auf die Kosten zu veröffentlichen. In dem Maße, wie Lovecrafts Erzählungen an Länge zunahmen, wurde die Situation für Wright immer unhaltbarer und für Lovecraft äußerst schwierig. Howard wollte aber nicht zum Schreiben kurzer Geschichten zurückkehren. Er war höchstens bereit, einige der Geschichten, die er im Vagrant und anderen nichtprofessionellen Zeitschritten veröffentlicht hatte, zu überarbeiten und sie an Weird Tales zu verkaufen, um die Wölfe von Wrights Tür fernzuhalten. Ich bekam, glaube ich, jede Geschichte, die Lovecraft je schrieb, in Manuskriptform zu Gesicht, ausgenommen eine lange Erzählung (er nannte sie einen Roman), die sich auf fast fünfzigtausend Wörter belaufen haben muß und die er mehrere Jahre lang im handschriftlichen Manuskript vorliegen hatte, da er sich nicht zur Qual des Abtippens zwingen konnte. Ich versuchte nicht, das Manuskript zu lesen - es war schlimmer als die schlimmsten Postkarten, was zu bedeuten hat, daß es für jedermann mit Ausnahme des siebenten Sohnes eines siebenten Sohnes nicht zu entziffern war. Es bleibt mir unvergeßlich, wie mir Howard, voller Entrüstung, »Berge des Wahnsinns« vorbeibrachte, das Wright zurückgesandt hatte und abzulehnen gezwungen war, falls nicht gewisse Veränderungen vorgenommen würden, die die Geschichte beträchtlich kürzten. Howard kochte. Konnte Wright denn nicht einsehen, daß die Länge der Geschichte notwendig war, um die Spannung aufzubauen und eine Atmosphäre sich steigernden Grauens zu erzeugen? Das war ohne Wiederholungen unmöglich. Ein »Knalleffekt« ohne jede Ursache würde nicht ausreichen. Er würde die Geschichte nicht für einen Herausgeher überarbeiten, der mit dem geistigen Auge auf die Reaktionen der Leser schielt, von denen die meisten Schwachköpfe waren. Und mehr noch, Lovecraft hat die Geschichte nie überarbeitet. Ich spitzte die Kränkung noch zur Beleidigung zu, als ich ihn scheinheilig fragte, ob es die Schwachköpfe unter den Weird-Tales-Lesern waren, die lautstark nach einer Geschichte von Lovecraft verlangten. Schwachköpfe wie ich selbst? Denn wenn ich ihm auch beim Argument vom Knalleffekt recht gab, glaubte ich, daß Wright recht hatte und daß Wiederholung, in der Schwebe gehaltene Spannung und eine hinausgezögerte Lösung eher zu Langeweile führten als zu einer herzklopfenden Erwartung des Grauens. Steigert man die Erwartung zu solchen Höhen, wird man den Leser am Höhepunkt unweigerlich enttäuschen - wie du es getan hast.

Eine flottere Handlung und ein plötzlich auftretendes Grauen wären hundertmal wirkungsvoller. Dies war nämlich die erste Geschichte Lovecrafts, die mich je langweilte. Aber ich riet ihm, seiner Muse zu folgen, wohin sie ihn führte, ungeachtet der Kritik. Jeder, der nicht an der Muse wie an Jahren wuchs, war erstarrt. Und Erstarrung bedeutet den künstlerischen Tod. Man muß wissen, daß ich beim Niederkritzeln dieser Erinnerungen unter dem großen Nachteil zu leiden habe, daß ich keine Briefe, keine Papiere, keine Dokumente, keinerlei Daten zur Hand habe, nach denen ich mich richten könnte. Ich stehe der Lovecraft-Ära völlig fern, und ich habe nur lose Verbindungen zu ihr. Das sind reine Erinnerungen, nicht nachweisbar, aus einem mangelhaften Gedächtnis, aus Bildern, die sich dazwischendrängcn, abhängig von psychischen und anderen Folgen, die sich aus dem Verstreichen der Jahre ergeben. Meine eigenen Unterlagen sind nicht mehr vollständig, ganz zu schweigen von anderen. Ab und zu ein Exemplar des Vagrant ist alles an Gedrucktem, was mir vorliegt. Das also sind meine Erinnerungen an eine zwanzigjährige Verbindung mit Lovecraft, und nichts in ihnen solitc als endgültig aufgefaßt werden. Sie sind zeitlich nicht geordnet. Ich habe auf jeden Versuch verzichtet, sie in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Sie sind sehr, sehr zufällig, weitschweifig und zusammenhanglos. Ganz gewiß verbrachte Lovecraft in seinem Leben nie eine angenehmere Zeit als die zehn Tage oder zwei Wochen mit Edith Miniter und Evanore Beebe in Wilbraham, Mass. Er hat diese Zeit in seinem wichtigen Artikel über Mrs. Miniter, den er für die Gedächtinsnummer für sie schrieb, geschildert.

Jenen Sommer verlebte er in Neuengland und wartete den Spätherbst ab, um eventuell eine Reise in den Süden zu unternehmen. Von der fürchterlichen Stadt im nördlichen Massachusetts, an die ich gefesselt war, fuhr er mit dem »Kaninchen «-Expreß-so genannt, entweder weil er von Stadt zu Stadt hüpfte oder weil er, sobald ein Passagierer ein Kaninchen erspähte, anhielt, um ihm Gelegenheit  geben, auszusteigen und es zu fangen - nach Springfield. Der Ausflug war für HPL besonders interessant, weil er durch ein Tal führte, das überflutet werden und dessen Eisenbahnlinie für immer eingestellt werden sollte. Wir waren schon einmal auf der Straße durch das Tal gefahren. Jetzt lernte Howard die Eisenbahnlinie kennen, bevor die Geleise demontiert wurden. Er äußerte sich höchst angetan über den Eindruck, den die Strecke auf ihn gemacht hatte. Der Zug hielt zum Beispiel an einer kleinen netten, verlassenen Station. Der Zugführer stieg aus, öffnete die Türen, lud Postsäcke ein, nahm an sich, was es an Expreßgut gab, und quittierte es, verschloß das Stationsgebäude und fuhr gemächlich weiter. Gelegentlich wartete ein einsamer Reisender, der höchst selten eine Fahrkarte hatte, sondern das Fahrgeld im Zug bezahlte. Das Tal lag bereits im Sterben, aber der Zug mußte seine tägliche Tour machen, solange es noch von einem Menschen bewohnt wurde. Wie man ihm gesagt hatte, verließ Howard in einer kleinen, verlassenen Station den Zug, noch vor Springfield, und folgte dem Kompaß in seinem Kopf über Nebenstraßen einer der Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks bis zur Station North Wilbraham auf der Nebenstrecke Boston-Springfield. Von hier aus fand er unschwer das Beebe-Haus, das weit und breit bekannt war. Es ist ein frühbesiedeltes Gebiet, reich an Legenden und Sagen, in dem besonders überlieferter Aberglaube lebendig ist. Hier vom Berg Wilbraham (»Wilbra'm«) nahm die berühmte Ballade vom »pizen sarpint«, welcher den Armen in die Ferse biß, ihren Ausgang. Sie ist weit verbreitet, und Dutzende von Orten erheben als Ausgangsort Anspruch auf sie. Hier ist die Gegend von Fireflies to Crickets, eine Broschüre und ein Bildband, in dem Mrs. Miniter einen Sommer beschreibt, in dem sie von ihrem Büro in Boston hierher fuhr, um zu zelten.

Das ist auch die Landschaft von Our Natupski Neighbors, ihrem einzigen veröffentlichten Buch, eine kluge Abhandlung über die erste moderne Einwandererfamilie der Gegend. Nebenbei erwähnt, Mrs. Miniter wurde von den Angehörigen der alteingesessenen Familien ziemlich scheel angesehen, weil sie wirklich existierende Namen verwendete, aber die »Natupskis« waren eher erfreut als beleidigt, hörten auf den Namen »Natupski« und dachten daran, ihren Namen gesetzlich dazu abzuändern. In Miß Beebe und Mrs. Miniter hatte Howard Gastgeber, Führer und Lehrer, die buchstäblich alles wußten, was es über die Themen, an denen er interessiert war, zu wissen gab. Die beiden waren die Kenntnisreichsten in Neuengland, was die Geschichte, Altertümer, Folklore, die Mythen, Legenden, den Aberglauben und die Skandale des Gebietes anging. Jeder, der so glücklich war, Mrs. Miniters "Dead Houses" kennenzulernen, weiß, wie sie die Landschaft erforschte und ihre Triebkräfte bloßlegte. Unglückseligerweise erschien der Artikel in begrenzter Auflage in einer hektographierten Zeitschrift, und die Aussichten sind gering, daß er je die Verbreitung finden wird, die er verdient. Niemand wird ihn nachdrucken wollen oder etwas veröffentlichen, was bereits vorliegt. Während seines Aufenthaltes in Wilbraham erweiterte Lovecraft seine bereits reichen Kenntnisse der Neuengland-Folklore ungeheuer. Vor dort bezog er die Legende - die mehr als eine Legende ist, es ist ein Aberglauben, der sich lebendig erhalten hat von den Ziegenmelkern, die darauf lauern, die Seele in dem Augenblick einzufangen, da sie den Körper verläßt. Er hat sie in der Folge oft verwendet. Die Behausung der Beebes war ein stilvolles altes Bauernhaus der wohlhabendsten Klasse, vom Keller bis zur Dachstube vollgestopft mit Antiquitäten, von Spinnrädern bis zu Drucken von Curner & Ives und in einer gespenstischen Nachbarschaft gelegen. Was konnte sich jemand, der auf der Suche nach Atmosphäre war. Besseres wünschen? Und fügt man all diesen Glanzpunkten heinahe ebenso viele äußerst eigenwillige Katzen wie Antiquitäten hinzu, beschreibt man fast das Paradies. Besucher waren tief beeindruckt vom Anblick einer Katze, die sich ihren Weg über einen Tisch bahnte, auf dem sich blaue Teller türmten, ohne einen davon herunterzuwerfen.

Ein ständiger Anlaß zum Staunen war für Lovecrafts Freunde sein phänomenales Gedächtnis, und wenn zwei von ihnen zusammentreffen, kommt die Rede unweigerlich darauf. Für diejenigen, deren Erinnerungsvermögen gelinde gesagt sehr sporadisch funktioniert, grenzte seine Erinnerung an alles, was je geschah, mit Tag, Datum, Wetter und dazugehörigen Umständen, ans Wunderbare. Es war nicht ratsam, in seiner Hörweite eine voreilige Bemerkung, die auf vagen Angaben beruhte, über etwas zu machen, wo er sich auskannte. Ich erinnere mich, daß ich zu der Zeit durch Westminster, Mass., fuhr, als die elektrische Tramway durch Busse ersetzt wurde. Zufällig war Lovecraft hier als Kind auf Besuch gewesen, als die pferdegezogenen Wagen aus dem Verkehr genommen und durch elektrisch betriebene ersetzt wurden. Das war vor dreiunddreißig oder dreiundvierzig Jahren gewesen, und Lovecraft konnte damals kaum über vier Jahre gewesen sein, eher drei. Er erinnerte sich jedoch mit Vergnügen an das genaue Datum des Ereignisses, und der Gedanke freute ihn besonders, daß er miterlebt hatte, wie ein ganzes Zeitalter des Transportwesens begann, seinen Verlauf nahm und wieder endete. Da konnte er sich wirklich als »alter Gentleman« fühlen - der »Grandpa«, als den er sich so gerne bezeichnete. Ich zweifelte nicht an Howards Darstellung, und die Sache war mir ohnehin gleichgültig, aber kurz darauf hatte ich Gelegenheit, die Angaben zu überprüfen, und fand heraus, daß er hundertprozentig recht hatte. Wann immer ich das Datum eines Ereignisses in meiner eigenen verworrenen Eaufbahn wissen wollte, brauchte ich bloß Lovecraft zu fragen, und schon hatte ich die Auskunft. Er hatte in alten Papieren herumgestöbert und konnte nicht vergessen, was er gefunden hatte. Eine passende Illustration fallt mir ein. Bis zum Alter von zwanzig hatte ich mich damit vergnügt, Kurzgeschichten zu schreiben. Es waren vermutlich die schlechtesten Kurzgeschichten, die je geschrieben wurden - albern, sogar infantil, harmlos, schlecht ausgewogen, armselig konstruiert und noch schlechter geschrieben. Selbst als mir die Augen aufgingen und ich aufhörte, Geschichten zu schreiben, hatte ich noch ein paar zur Hand, die ich vermutlich aus Bequemlichkeit nicht vernichtet hatte, und sie fanden ihren Weg in Amateurzeitschriften. Als Lovecraft den Conseruative herausgab, schlug er mir vor, eine Geschichte mit der Fabel dieser oder jener Erzählung, die ich vor zwölf oder vierzehn Jahren verbrochen hatte, zu schreiben. Ich leugnete, jemals ein solches Vergehen begangen zu haben. Er konfrontierte mich mit dem Beweis. Ich bin zutiefst dafür dankbar, daß ich über Lovecraft schreibe und nicht Lovecraft über mich, denn, wenn ihm in den Sinn käme, aufrichtig zu sein, so fürchte ich, wäre es wohl um meine Grabesruhe geschehen. Ich wußte, daß Howard wirklich sehr wenig, wenn überhaupt etwas, nachzuschlagen brauchte, wenn er zum Beispiel in einem Werk auf beträchtliche Theologiekenntnisse zurückgreifen mußte. Ich habe miterlebt, wie er einen Erzählungsabschnitt vorbereitete, der genau dieses Wissen erforderte, und er zog kein Buch zu Rate. Es las buchstäblich alles - was nach Andrew Längs Meinung das Kennzeichen des wahren Lesers ist, von den billigsten Groschenheften bis zu den lateinischen Klassikern, und er erinnerte sich an alles, was er las. Sehr früh hörte ich auf, überrascht zu sein, wenn er beiläufig erwähnte, daß dies oder jenes auf eine Quelle in einer obskuren Geschichte oder einem Artikel in einem ephemeren Groschenheft aus dem vergangenen Jahrzehnt zurückging.

Es war seltsam, daß der einzige wirklich interessante Teil Neuenglands, den Howard nie genau kennenlernte, das nahe Nachbarland Connecticut war. In diesem Staat gibt es so viele koloniale Denkmäler, daß es bedauerlich ist, daß er nicht lang genug lebte, um sie gründlich zu erforschen. Eines Tages begeisterten wir uns in Old Deerfield an den Torbögen, das einzige Detail der Kolonialarchitektur, bei dem ich völlig seiner Meinung war. Natürlich besichtigten wir auch den Eriedhof. Wir begeisterten uns an Friedhöfen wie ein eifriger Genealoge, der auf der Suche nach dem Großvater ist. Diese Eriedhofsbesuche waren kein ungewöhnliches Freizeitvergnügen für Amateure. Jeder Amateur, der zur Zeit des Hub Clubs Boston besuchte, wurde stolz nach Auburn geführt, dem ersten Gartenfriedhof in Amerika - und ich möchte fast sagen in der Welt. An jenem Tag in Deerfield waren wir fast entschlossen, uns ein paar Tage Zeit zu nehmen, um den Connecticut hinunterzufahren. Unterwegs würden wir in Ruhe alles unter die Lupe nehmen und heimkehren, wenn es Zeit dazu war. Ich habe immer bedauert, daß ich so pflichtbewußt war und jeden Morgen meine Stelle wieder antrat. Wenn ich diesen Ausflug gemacht hätte, wäre die Sonne heute wie immer aufgegangen, mir ginge es genausogut, und der Kunde hätte genauso lange gelebt, wenn er seine Werbebroschüren nicht genau an dem Tag erhalten hätte, da er sie haben zu müssen glaubte. Es gehört sich nicht (im Druck) zu fluchen, aber es tut dem Anstand keinen Abbruch, wenn ich einen angesehenen Autor zitiere. Daher will ich mich auf Beverley Nichols berufen, der so angeschen ist, daß es schon verdächtig wirkt: »Der gesunde Menschenverstand verhinderte leider mein Abenteuer. Das ist immer so, zum Teufel!« Howards Kenntnis von Connecticut führte ihn nicht über die Bostoner Poststraße hinaus, und er kannte vor allem nur das, was vom Bus aus zu sehen war. Ein- oder zweimai überschlug er einen Bus, um einen Ort wie Haddam hastig zu begutachten, aber das war auch schon alles, was er kennenlernte. Lange Zeit führten mich der Beruf und familiäre Gründe häufig aus dem entsetzlich großen, industrialisierten Dorf fort, wo ich zur Abbüßung meiner Sünden einige Jahre zu verbringen verurteilt war, an Orte in Connecticut. Providencc lag nicht weitab von meinem Weg, und daher machte ich dort gewöhnlich Station. Wir sprachen immer davon, daß Howard auf ein paar läge mitkommen würde, aber es war wie mit dem Wetter in Neuengland, es wurde nichts unternommen. Es kam einfach nicht dazu, es paßte einfach nie. Ich verfolgte damit eine bestimmte Absicht, nämlich mit Howard im Viereckhof von Hartness zu stehen und ihm zu erklären, so sehe meine Vorstellung von College-Architektur aus.

Er hatte sich für Harvard begeistert, und ich wollte in Yale eine Show abziehen. Aber dazu kam es nie. Noch etwas, was man ein Leben lang bedauert. Aber woraus besteht schließlich das Leben, wenn nicht aus Enttäuschungen und Bedauern? Es fangt damit an, daß es einem leid tut, geboren worden zu sein, und so geht es weiter, bis man alles bedauert, was man getan hat, und alles bedauert, was man nicht getan hat. Tun und Lassen sind gleichermaßen bedauerlich. Ich kann Providence wohl nicht endgültig verlassen, ohne einen von Howards Lieblingsaussprüchen zu erwähnen, wenn er Besuchern die Stadt zeigte. Er hielt dann an einer Stelle, wo die Aussicht der eines ländlichen Dorfes vergleichbar war. »Wo schon, außer in Providence«, fragte er dann, »inmitten einer großen Stadt, findet man eine solche Aussicht?« Der nächste Anblick war eine Waldlandschaft. »Wo schon, außer in Providence, inmitten einer großen Stadt...«, sagte er. Der nächste Schritt war dann: »Wo schon, außer in Providence...«, und danach das einzelne Wort »Wo...?«, mit einer ausdrucksstarken Geste über die ganze Szenerie vor ihm hinweg. Schon der Name »Lovecraft« war, wie Edith Miniter einmal über Willard Wylies Erscheinung sagte, »zu gut, um wahr zu sein«. Als ich im Recluse »Supernatural Horror in Literaturen veröffentlichte, schrieb mir Meredith Janvier, ein Antiquar aus Baltimore, und gratulierte mir zu meinem Pseudonym, das er »perfekt« nannte. Es war perfekt. Es war so perfekt, daß niemand, der es zum ersten Mal in Druck sah, etwas anderes vermutete, als sei es eine Fiktion.

Ich kenne eine junge Dame, die von Lovecraft hörte. Sie hielt nach ihm im Telephonbuch Ausschau, aber vergebens. Sie schlug im städtischen Adreßbuch nach - erfolglos. Daraufhin - denn sie war eine echte Forscherin - suchte sie die Bibliothek auf und überprüfte alle Organisationen in der Stadt. Ein Blick auf die Wählerliste zeigte sehr klar, daß keine Person dieses Namens in Providence lebte. Schließlich trat sie ihn persönlich, aber bis dahin deutete alles darauf hin, daß der Name fiktiv war. Lovecrafts Sinn für Klassenunterschiede war äußerst fein entwickelt. Er hatte ein ausgeprägtes Gefühl für Abstufungen im gesellschaftlichen Rang, worin er sich wiederum als englischer Gentleman aus dem 18. Jahrhundert erwies. Er konnte nicht mit Tom Moore sagen, daß er »einen Lord innig liebte«, aber es war ihm zutiefst bewußt, wofür ein Lord stand. Nun kann man gewiß nicht behaupten, daß das Handwerk, in dem ich mich den Großteil meines Lebens abgerackert habe, ein sehr sauberes ist. Zu meinem Geschäft gehört auch, auf, um und unter Maschinen herumzukriechen und mit Ölen, Schmiermitteln, Tinten und verschiedenen chemischen Verbindungen zu hantieren. Im Verlauf meiner Arbeit ziehe ich immer magisch alles auf meine Person, einen »white collarworker«, was sich im großen Umkreis nur ansammeln kann. Anders ausgedrückt, nur zeitweilig bin ich gewesen, was man einen Büroangestellten nennen könnte. Aber aus reiner Gewohnheit - sie hatte sich bereits in Jugendtagen ausgebildet - trug ich bis zum Lebensabend immer einen steifen weißen Kragen. Ich kannte nie die Bequemlichkeit eines offenen Hemdkragens oder den Vorteil eines Aufsteckkragens. Howard war zufällig gerade an dem Tag bei mir, als ich mir einen Vorrat sportlicher Hemden zugelegt hatte und den Abfallkorb mit weißen Kragen füllte. Das störte ihn, und er sprach mich daraufhin an. Warum setzte ich mich absichtlich auf der gesellschaftlichen Skala einen Strich herab, wenn keine Notwendigkeit dafür bestand und wenn es mich noch dazu Geld kostete? Warum versuchte ich es nicht mit weichen weißen Kragen, wenn mir die gestärkten schließlich lästig geworden waren? Warum nicht zumindest ein Hemd mit Halspriese tragen? Damit konnte man dann die Kragen variieren, von einem weißen bis zu dem zum jeweiligen Hemd passenden. Ich meinerseits verwies darauf, daß einige meiner Hemden weiß waren und daß die Kragen natürlich gestärkt werden konnren. Sie eigneten sich für jede Veranstaltung, an der ich würde teilnehmen müssen. Und für gewisse unvorhergesehene Fälle - und ich hatte mir geschworen, es würde keine mehr geben - hatte ich noch immer den Frack samt Frackhemd (ich verschwieg ihm, daß der Frack wegen zunehmender Korpulenz schon seit einiger Zeit nicht mehr paßte). Er mußte sich schließlich mit meiner entsetzlichen Degradierung abfinden. Ich erzähle diese Geschichte nur, um Howards konsequentes Klassendenken zu illustrieren.

Drei Jahre nacheinander konnten Howard und ich jeweils einen ganzen Tag vom frühen Morgen bis spätabends mit der Erforschung der Nordküste Massachusetts' von Boston bis Portsmouth verbringen, natürlich die Gegend von »Arkham«. Lovecraft leugnete stets, daß er für seine »Arkham «-Geschichten eine bestimmte Gegend im Auge hatte, aber dieser Küstenabschnitt von Boston nach Norden bis zu der langweiligen Gegend von Sarah Orne Jewels deprimierendem »Country of the Pointed Firs« regte seine Phantasie mächtig an. Sein »Innsrnouth« und andere Städte lassen sich leicht ausmachen. Ich besuchte die Südküste mit ihm nur einmal, und zwar, als uns Edward Gole nach Hingham führte, um die Old Ship Church zu besichtigen, die 1681 gebaut wurde und die älteste Kirche in den USA ist, die ununterbrochen in Gebrauch stand. Sie war stilgetreu restauriert worden. Wir hatten vorgehabt, Plymouth und Nantucket zu besuchen, aber wir gaben beide auf (ich zuerst), bevor wir diesen Plan verwirklichen konnten. Howard hatte für Plymouth weniger als für andere Orte übrig, weil die Vorsteher der Kolonie »so knieweich, feige und hasenherzig« gewesen waren, sich den Forderungen der Bay Colony zu beugen und Roger Williams Asyl zu verwehren. Auf mich wirkte Plymouth immer merkwürdig niederdrückend, trotz der Überlieferung, daß einige irregeleitete Vorfahren an den Vorgängen teilhatten. (Von allen unüberprüfbaren Überlieferungen über die Vorfahren meiner Familie gibt es nur eine einzige, die mir etwas bedeutet und von der ich wünschte, ich könnte sie beweisen. Sie besagt, daß einige meiner Vorfahren auf die Siedler trafen, als diese landeten, und sagten: »Hough«, oder was man um 1620 sagte, und hinzufügten: »Willkommen in unserem Land!« Daß ihre Hütten am nächsten Tag vielleicht mit einigen Skalps dekoriert waren, diente der Geschichte nur als hübscher Aufputz. Aber ach, das ist bloß Wunschdenken, wie man es heute so häufig antrifft. Mit Marblehead ist es etwas anderes. Zufällig hatte ich es zuerst an einem düsteren, nieselnden Tag gesehen, und Howard zuerst an einem finsteren Tag mit leichtem Schneefall, der die Dächer hervortreten ließ. Daher warteten wir einen trüben Tag ab. Als für den nächsten Tag Regen angesagt war, rief mich Howard an und fragte, ob ich zeitig am Morgen bereit wäre. Meine Arbeit war nicht von der Art, daß das Unternehmen gezwungen gewesen wäre zu schließen, wenn ich nicht da war (es stimmt, daß die Firma kurz nach meinem Ausscheiden zugrunde ging, aber ich hielt mich nie am Tod des Unternehmens für schuldig), und so war Howard früh bereit (beinahe hätte ich gesagt, »früh und strahlend«, aber es hatte zu regnen begonnen).

Dieses eine Mal wurden die Pläne von Maus und Menschen nicht vom Wetter durchkreuzt, und wir sahen Marblehead unter den gewünschten Bedingungen. Daß gerade von Marblehead die Rede ist, erinnert mich daran, daß wir bei unseren Ausflügen zur Nordküste zweimal den guten alten Smithie und sein faszinierendes Iryout-Qüro in Havcrhill besuchten. (Da fällt mir ein, daß der allerbeste Nachruf auf Lovecraft von Charles W. Smith stammt. Er sagte einfach: »Er war mein Freund.«) Einmal bestand unsere Reise aus einem Besuch in Newburyport und einem Ausflug aufs Land, wo wir nach einer geeigneten Stelle zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis suchten, denn Newburyport lag im Bereich der totalen Finsternis. Wenn ich diesiges Wetter erwähne, muß ich jedem, der das Germanische Museum in Cambridge noch nicht gesehen hat, raten, es an einem düsteren Tag, vorzugsweise bei Regenwetter, zu besuchen. Strahlender Sonnenschein zerstört die Wirkung, die ein Blick vom Eingangskorridor zu dem mittelalterlichen Portal der Kathedrale bietet, völlig. Lovecraft und ich erlebten diesen Anblick das erste Mal an einem Regentag. Später nahmen wir einen Freund mit, den wir mit der urtypischen Düsterkeit des Mittelalters zu beeindrucken suchten. Es war ein strahlender Tag. Der Freund war überhaupt nicht beeindruckt, und wir auch nicht. An der Nordküste gefiel es Howard wohl in Portsmouth am besten. Da ich unvorsichtigerweise zugegeben hatte, daß manche meiner angeblichen (aber wenig respektierlichen) Vorfahren in der Stadt gelebt hatten, gefiel sich Howard darin, mir ihre verschiedenen Häuser zu zeigen und die Umstände in Erinnerung zu rufen, unter denen sie aus ihren Häusern (und aus dem Fand) in beträchtlicher Hast und mit wehenden Rockschößen flohen, verfolgt von einer zu Recht aufgebrachten Menschenmenge. Lovecrafts Freunde sahen sich bei der Beschreibung seiner persönlichen Gewohnheiten zur Verwendung des Wortes »knauserig« gedrängt. Das ist das treffende Wort, ich kenne kein anderes, das man verwenden könnte, aber es gefällt mir nicht. Es erweckt den falschen Eindruck - die Vorstellung von Geiz, von Knickrigkeit, einer unsozialen Haltung. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Howard zeigte Knauserigkeit nur gegen sich selbst - er versagte sich viele Dinge, damit er einen Dollar zum Ausgeben hatte, wenn er es für notwendig hielt. Keine Sammlung für einen löblichen Zweck wurde je durchgeführt, von der er sich ausgeschlossen hätte. Kein Appell wurde je an ihn gerichtet, auf den er nicht umgehend reagiert hätte, und manchmal ging es um Dinge, die ich nicht für lobenswert hielt. Hier haben wir wieder den Gentleman alter Schule, der mildtätig gab und selbst Entbehrung litt. Ein Vorfall von vielen sei hier erwähnt, ohne die Gefühle eines Lebenden zu verletzen oder einem Toten zur Schande zu gereichen - denn Unglück ist an sich nichts, wofür man sich schämen müßte. Ich hatte von dem alten Rhode-lsland-Amateur William J. Clemence seit vielen Jahren nichts mehr gehört, als mich ein Brief von ihm erreichte. Clemence war Amateurdrucker, Verleger, Funktionär in Amateurpresseverbänden und als Dichter weit über dem Mittelmaß gewesen. Als ich zuletzt von ihm gehört hatte, war er Postbeamter in Washington, R. l., ich glaube unter Wilson. Für ihn waren jedoch schlechte Zeiten angebrochen. Wie schlecht es ihm ging, war daran zu erkennen, daß er für seinen Brief ein bereits gebrauchtes Kuvert benutzte, das von innen nach außen gewendet worden war. Versuchen Sie einmal, ein Briefkuvert umzustülpen, ohne es zu zerreißen, und Sie merken, wie dringend die Notlage war. Er wohnte jetzt weit entfernt von seinen früheren Adressen in Nooseneck Hill oder Washington. Er hauste an den muschelreichen Flachstellen der Küste, versuchte, Muscheln auszugraben, um etwas zum Essen zu haben, und lebte in einem aus Brettern zusammengenagelten Verschlag. Das war im Spätherbst bei stürmischem Wetter. Mit der nächsten Post ging dicke Winterunterwäsche und was sonst nötig war, um seine Lage etwas zu lindern, an ihn ab, und bei erster Gelegenheit nahm ich den Bus nach Providence.

Lovecraft und ich suchten das Postamt an der Küste auf, wo der Brief aufgegeben war. Es gelang uns nicht, Clemence ausfindig zu machen, aber wir stießen auf Leute, die ihn kannten, und erhielten die Bestätigung, daß er seine Notlage nicht übertrieben hatte. Wir hinterließen ihm Nachricht, er möge Lovecraft besuchen, wenn er auftauchte. Nach meiner Rückkehr nach Boston schrieb ich Clemence, er solle Howard unbedingt aufsuchen, und auch Lovecraft schickte ihm eine Einladung. Eine Mitteilung von Clemence, daß er I.ovecraft besuchen würde, war das letzte, was ich von ihm hörte, aber er besuchte Lovecraft wirklich. Howards Beschreibung von ihm bestätigte voll seine Misere. Howard hatte zwei Anzüge - und was auf Erden fängt ein Literat mit zwei Anzügen an? Während man den einen trägt, hängt der andere bloß herum, fängt den Staub ein und zieht vielleicht Motten an. Als Clemence ging, trug er einen dieser Anzüge, schleppte ein Bündel Sachen fort und hatte etwas Celd in der Tasche. Später rief er noch einmal an, um Lovecraft mitzuteilen, daß er aufgrund seines anständigen Äußeren nunmehr eine kleine Stelle in einer Druckerei bekommen hätte. Keiner von uns sah oder hörte wieder von ihm, bis wir einige Jahre später erfuhren, daß er tot war. Man könnte noch andere Beispiele von Howards Freigebigkeit anführen, aber dies war ein typischer Fall. Ich habe erlebt, daß er einen Scheck über hundert Dollar zurückwies, weil er glaubte, er hätte ihn nicht verdient. Ein anderes Mal lehnte er fünfzig Dollar aus demselben Grund ah. Kann man Howard Lovecraft wirklich geizig nennen?

Wundert es Sie, daß ich zusammenzucke, wenn das Wort in Zusammenhang mit ihm fällt? Lovecraft wurde von Edward F. Daas für den Amateurjournalismus angeworben. Daas war einer der größten Werber, der je dieses Hobby hatte, und Lovecraft war zweifellos der größte Fisch, den er fing. Daas entdeckte seinen Namen im Zusammenhang mit einem Wettbewerb oder dergleichen, und das ist einer der wenigen Fälle, in denen ein brauchbares Mitglied nach der Rotary-Methode aktiver Werbung entdeckt wurde. Gewöhnlich wenden sich brauchbare Neumitglieder an uns, jenen, die wir suchen, fehlt es fast immer an Durchhaltevermögcn. Der Amateurgeist ist etwas Echtes, entzieht sich jedoch jeder Analyse. Ein Neumitglied findet entweder und erkennt im Amateurjournahsmus seine wahre Heimat, oder es hat keinen Nerv für den Amateurjournalismus und verläßt den Kreis bald wieder. Die United Amateur Press Association harte zu dieser Zeit ihre größte und nachhaltigste Spaltung durchgemacht, es gab zwei Gruppen, sogar zwei Verbände, von denen jeder behauptete, die ursprüngliche »Limted« zu sein. Daas war die treibende Kraft und sogar das ganze Kapital, in finanzieller wie anderer Hinsicht, hinter der einen Fraktion. Als Lovecraft in den Amateurjournalismus eingeführt wurde, bedauerte er bitterlich, daß er nicht schon Vorjahren davon erfahren hatte, stürzte sich aber gleich in die Sache, die ihm Spaß machte. Schneller, als man braucht, die Geschichte zu erzahlen, war diese Vereinigung als »Lovecraft United« bekannt. Mit seiner Mitgliedschaft übernahm er zwei Abneigungen. Eine gegen die »National«, daß sie es wagte, Mitgliedern der »United« zu erlauben, sich ihr anzuschließen, und die andere gegen die andere »United« dafür, daß es sie überhaupt gab. So hatte er genügend Gelegenheit, sein polemisches Talent auszuüben. Und hier, das einzige mir bekannte Mal, zeigte er einen komisch wirkenden Mangel an Logik und Ethik. Er beklagte sich bitter und ausführlich über die »National«, die Mitglieder von der »United« aufnahm, und begann einen intensiven Eeldzug, um Mitglieder der  »National« für die »United« abzuwerben. Er ging sogar so weit, Zusammenkünfte des Hub Clubs zu besuchen und sich nach Kräften zu bemühen, diese alten Hasen als Mitglieder für seine Vereingung zu gewinnen. Niemand sonst hätte sich das erlauben dürfen, aber hier war die schillerndste Gestalt, die seit unzähligen Jahren im Amareurjournalismus autgetaucht war, und der Hub Club nahm sie freudig an die Brust. Man belegte ihn zwar auch dort mit einigen Namen, als Kompliment für ihn gedacht, aber in der Regel bestand die Meute des Hub Clubs aus einem Haufen hartgesottener Eierköpfe, die diese Streitereien in der »United« zu oft erlebt hatten und sich nicht mehr dafür interessierten. Er richtete seine ganze Energie darauf, die »United« aufzubauen, ihr literarisches Niveau zu erhöhen und zu halten. Und seine Bemühungen waren weitgehend von Erfolg gekrönt.

Indem er solche alten Hasen wie Paul Campbell anwarb und Mitglieder unter College-Studenten und den Teilnehmern an Vorbereitungskursen rekrutierte, machte er die »United« ein paar Jahre lang zu einer Vereinigung von hohen literarischen Ansprüchen. Mehrere Jahre zuvor hatte man Campbell bei der »National« einen rigorosen Vertrag und einen silbernen Anerkennungskelch gegeben, er war ein enger persönlicher Freund von Daas und wurde zu einer von Lovecrafts Hauptstützen. Die »United« hatte ein Büro, das die zahllosen Manuskripte kritisch beurteilte. Diese Arbeit wurde zumeist von Lovecraft erledigt und litt unter dem gravierenden Nachteil, daß er zu jedem Thema unter der Sonne seine vorgefaßte Meinung hatte und daß er völlig unfähig war, sie von seiner kritischen Arbeit zu trennen. Er und ich konnten uns absolut nicht über die Aufgaben eines hauptamtlichen Kritikers einigen, und er befand sich häufig in einem Zustand äußerster Verzweiflung. Er hielt die »United« in Schwung und baute seine Aktivitäten im Eauf der Jahre allmählich aus, bis sich manche seiner Mitstreiter gezwungen sahen, auf viele ihrer Tätigkeiten zu verzichten, und gezielt übereinkamen, die »Lovccraft United« sterben zu lassen. Er verlor so eine wichtige Unterstützung, und da er sich unter seiner Gefolgschaft einem besonders unangenehmen Richtungsstreit gegenübersah, zog sich Lovecraft allmählich von seinen Funktionen in der Association zurück - und jene »United« ging denn auch prompt ein. Die ungeheure Energie, die er für die »United« aufgebracht hatte, kam seiner schöpferischen Arbeit, seinen Textbearbcitungen anderer Autoren und seiner unglaublichen Korrespondenz zugute. Er war nun bereit, sich der Aufgabe der Schriftstellerei zu widmen. Nach meinem Eindruck war Lovecraft während meiner offiziellen Verbindung mit der »National« zu keiner Zeit Mitglied. Ganz sicher war er es nicht in den Anfängen, denn er protestierte, als ich zum Herausgeber ernannt wurde.

Wenn er zu dieser Zeit Beiträge lieferte, geschah es nicht auf meine Einladung hin, denn ich wußte, er würde schließlich beitreten und zum Wohl der Sache arbeiten, wenn er soweit war. Und das geschah denn auch. Allmählich fügte er sich ein und wurde schließlich zu einer Hauptstütze des kritischen Büros. Nach dem Rücktritt eines Präsidenten mußte ein neuer gefunden werden, und James Morton ging zu Lovecraft und bat ihn, als Retter einzuspringen. Howard hegte keine große Liebe für Dear Old Siwash (es war nicht seine Alma Mater), aber James' Tränen verfehlten ihre Wirkung nicht, und Lovecraft diente die restliche Zeit ab, ohne daß es zu einer Katastrophe gekommen wäre. Ich hatte immer die Vorstellung, Lovecraft sei viel jünger als ich, obwohl uns weniger als zehn Jahre trennten - ich wurde erst später völlig senil. Der Grund dafür, daß ich ihn unbewußt für jünger hielt, als er war, lag darin, daß er in einem Alter in den Amateurjournalismus eintrat, in dem die meisten Amateure die aktive Verbindung damit bereits abgeschlossen haben. Als er aus seinem Kokon herausgekrochen kam, war ich seit zwanzig Jahren »mein eigener Herr« gewesen. Er war gebildet und wußte eine Menge, das ist wahr, aber er war unentwickelt, er war nicht reif, nie erwachsen geworden, er war jünger, als es seinem Alter entsprach. Nie sagt man, daß der Amateurjournalismus jemandem viel verdankt, ohne daß das Umgekehrte nicht ebenfalls zuträfe. In Lovecrafts Fall zeigt sich das besonders deutlich. Seiner Verbindung mit dem Amateurjournalismus war es recht eigentlich zu verdanken, daß er zu dem Mann wurde, der er in den letzten zehn oder elf Jahren seines Lebens war. Und es sind diese Jahre, an die sich seine Freunde gerne erinnern und die ihm seine Stellung in der Literatur verschafften. Über diese Stellung gibt es keine Meinungsverschiedenheiten. Sie war einzigartig. Man hat ihn mir allen großen Meistern des Makabren von Poe bis James verglichen. Mir gefallen diese Vergleiche allzu enthusiastischer Lovecraft-Fans nicht. Sie erweisen der Erinnerung an ihn keinen guten Dienst. Nur vereinzelt lassen sich Vergleiche anstellen. Er stand mit den Träumen, die er zu Papier brachte, ganz allein. Hier und da eine Andeutung von Poe - vielleicht. Eine Spur von Dunsany - möglicherweise. Wenn wir Machen, James und Blackwood erwähnen, haben wir so ungefähr jede Farbe erschöpft, die er vielleicht unbewußt von anderen übernommen hat. Aber er läßt sich mit keinem dieser Autoren vergleichen. Selbst das Atmosphärische verdankt sein Werk niemandem anders als ihm selbst. Seit seinem ersten Auftritt schuldet die unheimliche Literatur Lovecraft weit mehr, als Lovecraft sämtlichen vorhergehenden Schriftstellern schuldet. Ein Freund schlug Lovecraft einmal vor, ein Autor unheimlicher Phantastik sollte seine Träume vielleicht mittels Drogen anregen; dieser Freund, ein Kenner der englischen Literatur, dachte natürlich an Opium. Lovecraft rief aus, das könnte er nicht ertragen und müßte verrückt werden, wenn Drogen schlimmere Träume in ihm auslösen würden als die, die er ohnehin schon erlebte. Seine Träume gehörten ihm ganz allein, er teilte sie nicht mit Poe. Er schrieb unverwechselbar. Es ist unfair, ihn als ebenso bedeutend wie Poe zu bezeichnen, größer als Poe oder ohne gewisse Vorzüge Poes. Es ist besser, ihn als absolut einzigartig zu betrachten. Howard Lovecraft war ein Schriftsteller. Seine Aufgabe war das Schreiben. Die einzige Aufgabe, die er hatte, war das Schreiben. Er erwarb seinen Lebensunterhalt durch Schreiben.

Er schrieb ständig. Nie wird sich feststellen lassen, wieviel von seinem Werk veröffentlicht wurde. Feines Tages traf ich ihn, nachdem tags zuvor etwas in Weird Tales erschienen war. »Hast du«, fragte er, »meine Geschichte in Weird Tales gelesen?« »Ja«, erwiderte ich, »ich habe beide gelesen.« Howard lächelte, ohne etwas zu sagen. Seine Arbeitsmoral ließ es nicht zu, die Urheberschaft an einer Geschichte zuzugeben, die in Verbindung mit seinen Textbearbeitungen entstanden war. In diesem speziellen Fall und in vielen anderen war der Stil unverkennbar. Er hatte die Kunst, seinen Stil zu tarnen, erst zu beherrschen begonnen, als er die Feder für immer niederlegte. Das Werk, das unter Lovecrafts Namen veröffentlicht wurde, brachte natürlich höchst erwünschte finanzielle Einkünfte. Aber seinen Lebensunterhalt erwarb er durch Textbearbeitungen für andere Autoren. Seine Arbeitsweise ließ sich in vielen Fällen überhaupt nicht als Bearbeitung bezeichnen. Wenn er ein völlig hoffnungsloses Manuskript erhielt (und wie viele gibt es davon!), schrieb er einfach eine völlig neue Version, die für den Autor oder jeden anderen nicht wiederzuerkennen war. Da es zahllose hoffnungsvolle Dichter gibt, deren Arbeiten mehr als die anderer der Bearbeitung bedürfen, galten viele seiner Bemühungen der Lyrik. Ich kenne eine Anzahl Beispiele seiner Bearbeitung »vorher und nachher«. Ihre eigenen Väter würden sie nicht wiedererkennen. Wie vielen er den Ruf als Dichter verschaffte, wird nie bekannt werden. Ich persönlich weiß von dreien - vergänglichen, völlig echten, solange es sie gab. Ein Fall genügt zur Illustration - und ich kenne ihn genügend gut, um hier die gesamte Fallgeschichte darzulegen. Eine Dame, sehr ernsthaft, sehr seelenvoll, die nach Metern schrieb, aber unfähig war, etwas Druckreifes hervorzubringen. Plötzlich, in einem wahren Erfolgsrausch, begann sie, hier und da und überall gedruckt zu erscheinen. Herausgeber baten um Nachschub, statt ihre Arbeiten abzulehnen. Ich war verwundert. Dieses Zeug war zu gut, als daß es von ihr selbst hätte stammen können. Eines Tages, rein zufällig und in anderem Zusammenhang, kam das Geheimnis an den Tag. Lovecraft »überarbeitete« ihre Werke. Die Fortsetzung war interessant. Sie begann, an einer Ausartung ihres Egos zu leiden, vulgär ausgedrückt, es stieg ihr zu Kopf. Warum sollte sie einen Bearbeiter bezahlen, wenn sie aus eigenem Vermögen eine gottbegnadete Dichterin war? Dementsprechend verzichtete sie auf Lovecrafts Dienste und versäumte es oder weigerte sich sogar, sein letztes Honorar zu begleichen. Keine von  ihren Arbeiten erschien mehr gedruckt. Mit der Zeit dämmerte ihr etwas, und in einem Zustand des In-sich-Gehens sandte sie Howard, was sie ihm schuldete, nebst einem Stapel von Manuskripten. Das Geschreibsel kam, unverbessert, mit der Bemerkungzurück, daß Mr. Lovecraft so beschäftigt sei, daß er in den nächsten neun Monaten nicht dazu käme, sie bei ihrer Arbeit zu beraten. Ihre Zerknirschung hält bis heute an. Soviel ich weiß, veröffentlichte sie nie mehr ein Gedicht.

Woher ich das alles weiß? Nicht von Lovecraft, obwohl er später so viel zugab, daß man es beweisen kann. Abgesehen von seinen Arbeiten schrieb er auch ziemlich viel als Ghostwriter. Das meiste davon wird auf immer unbekannt bleiben. In diesem Zusammenhang kann man Harry Houdini erwähnen, ohne eine Indiskretion zu begehen, da er nicht vorgab, ein Schriftsteller zu sein und der erste wäre, der Gespenster dieser Art anerkannte. Houdini war vor Wright Aktionär von Weird Tales-und möglicherweise auch später. Wir alle, die wir je für eine Zeitung oder eine Zeitschrift gearbeitet haben, kennen Zeiten, wo wir denken, daß wir unsere Zunge nicht im Zaum halten können. Erst vor einigen Tagen sah ich eine Reihe von Büchern angekündigt, die zweifellös Lovecrafts Handschrift trugen. Ihr Autor ist durch und durch ein Scharlatan von der Art, der Vorträge in Frauenvereinen hält und die verschiedenartigsten Neurosen anspricht, die man dort findet. Pseudopsychologie, wie man Krankheitssymptome erkennt, schwindelhafter Mystizismus, die Kraft des positiven Denkens, Erkenne dich selbst. Erforsche dein inneres Bewußtsein, Yoga, Magie - Sie kennen das ganze üble Durcheinander. Wir wissen, daß Lovecraft fest im Materialismus wurzelte, und wir (seine Freunde) wunderten uns keineswegs über die Explosionen, die aus Richtung Providencc zu vernehmen waren, wenn er diesen Schund produzierte. Kein Wunder, daß er Denkmäler aufsuchte, um einen unverfälschten, anmutigen, aber soliden georgianischen Torbogen zu sehen. Als Howard aus seiner Einsiedelei auftauchte, präsentierte er sich einer erstaunten Welt noch ohne komplettes Rüstzeug. Er hatte die nötigen Kenntnisse, es fehlte ihm aber an der Ausbildung. Er besaß noch nicht die geistige Haltung, die zur Entwicklung nötig ist, die ihn allmählich mit einem wünschenswerten Panzer versah, bis er von Kopf bis Euß gepanzert war. Er hatte keine Vorstellung davon, was es hieß, zu sich selbst zu finden, ganz im Gegensatz zu seiner Fähigkeit, all die englischen Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts zu entdecken. Er war ein blasses Spiegelbild dessen, was er in der englischen Literatur als erstrebenswert ansah. In dem Maße, wie er mehr und mehr andere Menschen kennenlernte, fand er immer mehr zu seiner eigenen Individualität. Wenn ich mir die Nummern des Vagrant vollständig aufgehoben hätte, könnte ich recht gut seinen Fortschritt von dem Moment, als er aus seinem Kokon ausbrach, bis zu dem Moment, wo er seine Flügel entfaltete, nachverfolgen. Lovecrafts Gesellenstück für die Zulassung zur »United« war »Der Alchimist«, eine Kurzgeschichte, die nur recht verschwommen sein künftiges Werk vorwegnahm. Sie wurde im United Amateur abgedruckt. Sein erster Beitrag für den Vagrant war das Gedicht »To Templeton and Mount Monadnock«, ein Loblied auf jenen Teil des Landes, in dem ich wohnte und wo er als Kind gewesen war. Es war angenehm urban, konventionelle Versehen, die sich auf beinahe jeden Ort in England oder Neuengland hätten beziehen können. Das Gedicht erschien im Juni 1917. Ich würde dieses Gedicht gerne neben eines seiner unheimlichen Sonette aus  den dreißiger Jahren stellen, aber ich habe kein Exemplar mehr,  und dies hier soll keine literarische Untersuchung sein. Im Vagrant  vom November 1917, vermutlich der folgenden Nummer, erschien von ihm »To Greece, 1917«. Der Krieg war in vollem Gang, und das Gedicht war sehr martialisch, sehr patriotisch, in Form und Ausdrucksweise so konventionell wie die vorhergegangenen Verse, und technisch genauso gut gemacht.

Eine Formulierung darin werde ich nie vergessen: »Die ungeheuerliche Bedrohung durch den Vandalen Fluch.« Können Sie sich vorstellen, daß er auch nur ein paar Monate später dergleichen getan hätte? Bis zum Erscheinen des Juniheftes von 1918 hatte Howard, zumindest was den Vagrant anging, seine blassen Hirtengedichte und hübschen, georgianischen, süßen Nichtigkeiten endgültig hinter sich gelassen und beschlossen, das eine oder andere für sich selbst zu tun! In »Nemesis« gab es ein Gedicht von ihm mit »von Ghoulen bewachten Toren« und »Abgründen des abnehmenden Mondes«, das sein handwerkliches Geschick seiner Lektüre zu verdanken hatte. Es hätte die tatsächliche Aufzeichnung eines Alptraums sein können - und war es vielleicht auch. Obwohl es eines der konventionellen Fluchtgedichte (»Ich flüchtete vor ihm«) war, wild und extravagant, und obwohl es ihm völlig an der Zurückhaltung mangelte, mit der er das Thema später behandelt hätte, war es doch sehr wirkungsvoll. Ich nenne es sein erstes veröffentlichtes Gedieht, das es wert ist, erhalten zu bleiben. In derselben Ausgabe erschien »Das Tier in der Höhle«, die zweite Erzählung, die er veröffentlichte. Ich habe den Eindruck, daß diese Geschichte vor»Der Alchimist« geschrieben und erst ausgegraben wurde, als ich unbedingt eine Geschichte haben wollte. Der innere Aufbau des Textes weist darauf hin, daß er unreifer ist als der frühere. Trotz der Art und Weise, in der die Vergangenheit in den Brennpunkt gerückt ist und die Fakten an der richtigen Stelle stehen, wollen mir, seit ich begonnen habe, diese Erinnerungen niederzuschreiben, die Daten und die genaue Abfolge der Ereignisse von jetzt an nicht einfallen. Die nächste Ausgabe des Vagrant - es muß die vorn Juli 1918 gewesen sein - enthielt eine lange poetische Phantasie, »A Poet's Nightmare«, eine unterhaltsame Satire, die »Nemesis« als erhaltenswert nicht ablosen kann. Ich bezweifle es jedenfalls. Knapp darauf muß »Psychopompos: a Tale in Rhyme« erschienen sein, das hauptsächlich den Umstand illustrierte, daß Lovecraft auf die geliebten Verse nicht verzichten wollte, da für die Geschichte Prosa angemessener gewesen wäre. Sie muß als Zauberkunststück gelten - und das war sie auch und sonst nichts. Es ist ein Glück, daß mir dank eines Freundes ein Exemplar des Vagrant vom November 1919 in die Hände fiel. Das Datum ist wichtig, denn es markiert die Veröffentlichung von »Dagon«, die erste Geschichte Howard P. Lovecrafts, nachdem er zu sich selbst gefunden hatte, und der erste seiner Texte, der unzweifelhaft erhaltenswert ist. Daß er später nichts von ihm wissen wollte, änderte nichts daran, da er nach der Abfassung der nächsten Geschichte alles unterdrücken wollte, was er je geschrieben hatte.

In der Ausgabe, die »Dagon« enthielt, veröffentlichte ich keck folgende Anmerkung: »Howard P. Lovecrafts erzählende Prosa: Howard P. Lovecraft ist in der Welt des Amateiirjournalismus landauf, landab als Dichter bekannt und geschätzt, weniger bekannt sind seine Leitartikel und Essays. Als Erzähler ist er praktisch Unbekannt, zum Teil, weil es wenige Publikationen gibt, die umfangreich genug sind, um Prosatexte aufzunehmen, und zum Teil, weil er sich nicht für einen geborenen Erzähler hält. Seine erste Geschichte, die in der Amateurpresse erschien, war »Der Alchimist«, veröffentlicht im United Amateur. Diese Geschichte, ihre unnatürliche, mystische und sogar morbide Gestaltung, ohne die geringste Spur der hellen Natur oder des wirklichen Lebens, kennzeichnet ihn hinreichend als Schüler Poes. Seine zweite Geschichte, Das Tier in der Höhle-, erschien im Vagrant, war in jeder Hinsicht schwächer, auch weil sie im modernen Milieu spielte, was in Lovecrafts Fall als Nachteil gelten muß. Der hervorstechendste Zug dieser leichten Fingerübung war das Geschick, mit dem die Stimmung erzielt wurde. erzählender Prosa zu seiner eigenen Persönlichkeit. Bei der Lektüre dieser Geschichte fallen einem sofort zwei oder drei Namen von Kurzgeschichtenautoren ein. Zuerst natürlich Poe; und Mr. Lovecraft wäre vermutlich der erste, der zugibt, daß er in den Fußstapfen unseres amerikanischen Meisters tritt. Zweitens, Maupassant; und ich bin mir ziemlich sicher, daß Mr. Lovecraft jede Verwandtschaft mit dem greisen Franzosen leugnen würde. 'Dagon' ist nicht der letzte Beitrag erzählender Prosa I.ovecrafts in der Amateurpresse. Das Werk des Prosaschriftstellers wird nie den Umfang erreichen wie den des Dichters, aber wir dürfen zuversichtlich hoffen, daß er den hohen Anspruch noch übertreffen wird, den er sich in "Dagon" auferlegt hat. Ich kann Mr. Lovecraft als Dichter nicht voll würdigen - was nichts gegen ihn als Dichter besagen soll! In Wahrheit sollte er sich vielleicht geschmeichelt fühlen. Für mich sind seine Verse überwiegend zu formal, zu künstlich, in Ausdrucksweise und Form zu gestelzt. Ich kann ihn aber als Erzähler würdigen und schätze ihn auch als derzeit einzigen Amateurautor von Geschichten, der mehr als vorübergehende Aufmerksamkeit lohnt.« An dem, was ich damals gesagt habe, finde ich auch heute nicht viel auszusetzen. Ich habe den Umfang der Lyrik, die Lovecraft später schrieb, überschätzt, und ihre Qualität unterschätzt. Nach dem Erscheinen von »Dagon« veröffentlichte er weniger, dafür aber weit bessere Lyrik. Seine späteren unheimlichen Sonette liefern den Beweis dafür. Und es muß ungefähr um diese Zeit gewesen sein, vielleicht im Dezember, daß »The Nightmare Lake«, ein besseres Gedicht als »Nemesis«, im Vagrant erschien. Aber Lovecraft gewann meinen Ausführungen wenig ab, zumal es nach dem Erscheinen der Geschichte zu einer Reihe von Aufforderungen und Ratschlägen aus dem ganzen Land kam, mehr zu schreiben. Kurzum, er wollte in Wahrheit keine Erzählungen schreiben - er wollte bei seiner Lyrik bleiben. Aber er wurde dazu gezwungen. Als Weird Tales zu erscheinen begann und Lovecraft mit Briefen überschüttet wurde, die ihn auf einen möglichen Absatzmarkt aufmerksam machten, wurde er tatsächlich unwirsch. Wer hatte je gesagt, daß er einen Absatzmarkt suchte? Er sandte schließlich Kurzgeschichten ein, mit welchem Ergebnis, ist der ganzen Welt bekannt, aber wiederum mußte er dazu gezwungen werden. Allmählich ist es notwendig, unsere Chronologie in Ordnung zu bringen.

Wie kam es, daß im November 1919 Lovecrafts erste Geschichte, die diesen Namen verdient, »Dagon«, abgedruwurde, als ich im National Amateur vom Juli 1919 »Das Bild im Haus« veröffentlichte? Die Antwort lautet, daß letztere Geschichte nicht vor Ende 1920 oder Anfang 1921 datiert werden sollte. Wenn jemand fragt: »Wie das?" -und das wird man fragen-, bin ich eine Erklärung schuldig. Als meine Amtszeit als Herausgeber abgelaufen war, hatte ich für die letzte von mir betreute Ausgabe des Amateurs alles, was die Vereinigung an ausgezeichneter Lyrik zu bieten hatte, in Druck und weiteres Material bereits gesetzt. Es erwies sich als unmöglich, die offiziellen Berichte für diese Ausgabe rechtzeitig zu bekommen, und ich gab es einfach auf, ohne daran zu denken, ich könnte sie je fertigstellen. Ich legte die Druckbögen beiseite (es ist ein Wunder, daß ich sie nicht vernichtete, so enttäuscht war ich) und ordnete den bereits fertigen Satz zu Fahnen. Im nächsten Jahr druckte ich je nach Gelegenheit noch etwas dazu und sammelte und setzte weiteres Material. Aber noch immer ließ ich mir nicht träumen, die Ausgabe je fertigzustellen, außer vielleicht in begrenzter Auflage für einige Freunde. Bis zur Präsidentenwahl 1921 war die Nummer, wie sie jetzt fertig existiert, beinahe zum Binden bereit. Bemüht, den Rechenschaftsbericht der Organisation zu verschönern, drängte mich der Präsident, der wußte, wie die Dinge standen, und um des lieben Friedens willen band und verschickte ich die Nummer. Als Abschied von »Dagon«, das einen solchen Wendepunkt in Lovecrafts Karriere markiert, kann ich nichts Besseres tun als Pearl Merritt zu zitieren: »Ich erinnere mich, daß ich mir eines Nachts den Mond in die Augen scheinen ließ, da ich mich fürchtete, aufzustehen und die Jalousien zuzuziehen, nachdem ich "Dagon" gelesen hatte.« Das ist der Prüfstein für eine unheimliche Geschichte! Und so ziemlich der einzige Prüfstein. Von der Veröffentlichung von »Dagon« im Dezember 1919 an ist es mir unmöglich, eine zusammenhängende Darstellung meiner Publikationsgeschichte vom Werk Lovecrafts zu liefern. Mehrere Hefte des Vagrant erschienen noch, mindestens zwei weitere wurden gedruckt und vernichtet, und Lovecraft rettete eigenhändig einige Exemplare einer weiteren Nummer. Diese Aufgabe war auf beschichtetes Buchpapier gedruckt worden. Ich nahm die Bögen aus der Druckerei nach Hause mit und legte sie auf ein Tischchen neben dem offenen Fenster. Es regnete. Ich schleppte das ganze Malheur in den Keller und ließ es dort liegen. Als Lovecraft bei einem seiner Besuche die Bogen entdeckte, half er mir, ein paar Exemplare zu retten. Eine Zeitschrift zu drucken interessierte mich ohnehin immer mehr, als sie zu verschicken, und an dieser Nummer hatte ich bereits den größtmöglichen Spaß gehabt. Wenn man persönlich Spaß daran hat, etwas zu schreiben oder zu drucken, was für eine Rolle spielt es da, oh es jemand anders sieht oder nicht? Das letzte Heft, auf der Titelseite »The End, 1923«, entging knapp der Vernichtung und wurde i 927 herausgegeben. Von 1919 bis 1922 druckte ich »Das Grab« (März 1922), »Die Aussage des Randolph Carter« (Datum unbekannt) und, glaube ich, »Der Außenseiter« und »Die Ratten im Gemäuer«. Die letzten beiden hatte ich gewiß gesetzt, aber ich will nicht schwören, daß sie auch gedruckt wurden. Die Geschichte der letzten Hefte des Vagrant ist amüsant, und wenn sie vielleicht für das Amateurwesen auch nicht typisch ist, hätte sie sich doch nirgendwo anders als im Amateurjournalismus zutragen können. Damals hatte ich einige Schicksalsschläge und überdurchschnittliche Schwierigkeiteil zu verkraften, außerdem beachtete ich die Anweisungen meines Arztes, mich völlig auszuruhen, nicht genau; das alles trägt zur Erklärung des absolut verrückten Vorgangs bei (als ob für einen Amateur eine Erklärung nötig wäre). Wie man sehen wird, spielte Lovecraft bei dieser Nummer keine geringe Rolle, daher gehört dieser Ausschnitt aus der geheimen Geschichte (die Geschichte ist schließlich nichts anderes als Klatsch) nicht nur hierher, sondern ist hier absolut notwendig. Über diese Ausgabe machte ich mich her, als ob es brannte, und druckte an die hundert Seiten.

Auf diesen Seiten gab es auch zwei Gedichte Lovecrafts. Eines, »A Garden«, sollte mit 1916 datiert werden. Howard bestand darauf, und ich machte ihm deswegen keinen Vorwurf. In der Tat, nach so langer Zeit ist es mir völlig unerklärlich, warum er es überhaupt veröffentlicht haben wollte und warum ich dem zustimmte. Das andere, »Nathicana« von »Albert Eredenck Willie«, war eine vierseitige Ansammlung von Wörtern, deren Abdruck der Tryout unter der Begründung abgelehnt hatte, daß »sie nichts bedeuteten«. Er hatte völlig recht. Man könnte von unheimlichen Nonsensversen sprechen. Aber mir gefiel ihr Klang: und was den anging, so war es nicht das erste Gedicht, das völlig aus Klang bestand und »nichts bedeutete«. In diesem Stadium verharrte der Vagrant einige Zeit, da ich nicht den Schwung hatte, ihn fertigzustellen und ihn so zu binden, wie er war, oder es sein zu lassen. Im Laufe seiner redaktionellen Überarbeitungen hatte sich ein alte Dame mit der Bitte an Lovecraft gewandt, einiges für sie zu tun. Es stellte sich heraus, daß sie in einem Damenaltersheim wohnte und mittellos war, aber den Drang verspürte, sich zu äußern. Als er von diesen Umständen erfuhr, weigerte sich Lovecraft, sie als Klientin zu akzeptieren, nahm sie aber unter seine schützenden Fittiche. Er half ihr, ihre Prosa und ihre lyrischen Arbeiten zu bearbeiten, doch gelang es ihm nicht, sie drucken zu lassen. Da er wußte, wie es um den Vagrant stand, wollte er mich überzeugen, daß hier die Chance wäre für die karitative Tat, eine alte Dame glücklich zu machen. Ich konnte hier kaum hinter ihm zurückstehen, daher druckte ich an die sechsunddreißig Seiten von ihrem Zeug und blies den Vagrant auf rund zweihundert Seiten auf. (Hier muß ich noch einfügen, daß die arme Seele, als die Zeitschrift endlich fertig war und ein Bündel Hefte das Heim für alte Damen erreichte, gezwungen war, einige Seiten herauszureißen, auf denen gewisse, wenn auch strikt genommen nicht unanständige, frivole Dinge standen. Sie behauptete, sie sei nicht schockiert gewesen, aber einige andere wären es, wenn sie sie in solcher Gesellschaft sähen.)

Bei diesem zweiten Anlauf zum Druck des Vayrant brachte ich auch »The Green Meadow« von »Elizaheth Neville Berkelcy und Lewis Theobald, Jr.«. Die Dame war eine Klientin Lovecrafts. Sie war eine Dichterin von außergewöhnlichem Talent, die keine Hilfe hei ihrer Lyrik benötigte, die aber keinen Satz in Prosa zustande brachte. Dieses Fragment war eine Traumimpression, die sie angeblich gehabt hatte, dabei war es vollständig das Werk Lovecrafts. Wieder ruhte der Vagrant, zweihundert Seiten lagen in Bogenform herum. Dann bekam ich es wieder mit einem Präsidenten der National zu tun, genauer gesagt, mit einer Präsidentin. Diese Präsidentin übersiedelte in meine Stadt. Sie fand natürlich heraus, in welchem Zustand sich eine Nummer des Vagrant befand. Wieder sah ich mich um des lieben Friedens willen gezwungen, sie fertigzustellen und zu verschicken. Ich druckte weitere hundert Seiten, und im Frühjahr 192.7 erschien tatsächlich der letzte Vagrant. Mich kann man für die Nummer praktisch nicht verantwortlich machen. Wenn man mich nicht angetrieben hätte, wären die Bogen ganz gewiß schließlich im Müll gelandet - ohne Verlust für die Welt. 1917 veröffentlichte ich auch den Recluse, der Lovecrafts Aufsatz »Supernatural Horror in Literature« enthielt, den er auf meine Bitte hin geschrieben hatte und der, zusammen mit einer Bibliographie von George Sterlings Erstausgaben, die Sterling selbst für mich zusammenstellte, zur Folge hatte, daß der Recluse von Antiquaren für rund fünf Dollar angeboten wurde. Es gab keine zweite Ausgabe des Recluse. Als ich mich 1920 von dieser Stadt verabschiedete, hatte ich von einer weiteren Ausgabe nahezu vierzig Seiten gesetzt und weitere vierzig gedruckt. Sie hätte mehr als zweihundert Seiten umfassen sollen. Gesetzt war Lovecrafts »The Strange House in the Mist«, das schließlich zuerst an anderer Stelle gedruckt wurde. Er besaß die Druckfahnen der Geschichte. Als ich auf den Recluse verzichtete, verzichtete ich auch, und zwar aus demselben Grund, auf »The Shunned House«, das fertig gedruckt in der Buchbinderei lag. Es hätte 1928 erscheinen sollen, und zwar glaube ich, daß das Copyright für dieses Jahr eingedruckt war. Es hätte eine hochinteressante Lovecraft-Erstausgabe ergeben. Aber ich schaffte es nicht mehr. Ich war einfach fertig. Wieder einmal war ein Abschnitt meines Lebens zu Ende gegangen. Wie der nächste aussehen würde, wußte ich nicht, aber ich wußte, er würde völlig anders sein. Ich stornierte den Bindeauftrag, holte die sortierten Bogen aus der Buchbinderei und lagerte sie ein. Einige Zeit danach wollte ein junger Freund Lovecrafts diese Bogen unbedingt haben, und versprach, sie zu binden und die fertigen Exemplare unverzüglich zu verschicken. Ich hatte meine Zweifel, aber Howard schien dem jungen Mann eine Chance mit dem Buch geben zu wollen, daher vertraute ich es ihm an. Dann hörte ich nichts mehr von dem Vorhaben, und vom weiteren Schicksal der Drucke habe ich keine Ahnung.

Obiges ist eine ziemlich lückenlose Darstellung der Veröffentlichung von Lovecrafts Werk durch mich. Ich habe nie einen der Texte veröffentlicht, die er unter dem Einfluß Dunsanys schrieb. Das waren leblose Spiegelungen des Meisters und hatten nichts von Lovecraft. Und ich will hier festhalten, daß Lovccraft genau erkannte, daß er von Dunsany beeinflußt wurde und daß er ebenso bewußt mit diesem Einfluß brach. Dunsanys Grauen (das echt erschreckend ist) und Lovecrafts Grauen (genauso echt, aber weniger filigran) vertrugen sich nicht. Howard mußte er selbst sein, um etwas von Wert zu schaffen. Einiges von diesem Dunsany-Zeug findet man in den Jahren, in denen er praktisch der Herausgeber dieses Verhandsorgans war, im United Amateur.Von den Pseudonymen, die Lovecraft benutzte, bevorzugte er »Lewis Theobald, Jr.« und »Ward Phillips«, letzteres betrachtete er beinahe wie seinen Eigennamen, da er stolz war auf den Phillips-Zweig seiner Familie. »Ward Phillips, der alte Gentleman aus Providence«, wird in seiner einzigen mit einem anderen zusammen geschriebenen veröffentlichten Geschichte von seinem Partner eingeführt. »Ward Phillips, der alte Gentleman aus Providence«, ist das Bild, das seine Freunde von ihm hatten und wie er in ihrer Erinnerung fortlebt. Es kam für viele überraschend, als Lovecraft den New Deal Roosevelts uneingeschränkt begrüßte. Das hätte er nicht machen sollen. Er war kein gläubiger Demokrat - und es war für ihn unmöglich, einer zu sein -, »die Inthronisation des Bauerntölpels«, wie es einmal jemand genannt hat. (Wenn man in obiger Definition »Inthronisation« durch »Ausbeutung« ersetzt, ist es mir auch recht - ich zitiere bloß.)

Der New Deal war eine entschiedene Bewegung auf das zu, woran er glauben konnte und auch glaubte - eine Aristokratie des Geistes, die Herrschaft der Intellektuellen, eine paternalistische Regierung, eine Diktatur der Intelligenzija anstatt einer Diktatur des Proletariats. Seine Führer waren nicht aus den Massen des Volkes hervorgegangen, sondern gehörten von Geburt zu einer Klasse, die zu regieren bestimmt war. Ihr Anführer war der Landedelmann vom Hydepark, und ihren inneren Kreis hatte Franklin Adams unpassend, aber einprägsam »Brain Trust« genannt. Die Pflicht der höheren Klassen bestand darin, zu herrschen und für die Massen zu sorgen. Es war ihre Pflicht, sich darum zu kümmern, daß es den unteren Klassen nicht an Unterkunft und Nahrung fehlte und daß sie genügend Gelegenheit hatten, des Lesens mächtig zu werden. Ich bezweifle, daß er, wenn er gelebt und gesehen hätte, wie sich die Sache zu einer Einmanndiktatur entwickelte, seine Ansicht geändert hätte, von einigen Einzelheiten abgesehen. Die Unterdrückung von Minderheitsparteien und die schließliche Beseitigung der ungehinderten freien Rede, die ein charakteristischer Zug des politischen Lebens in Amerika waren, hätten seine Grundhaltung nicht geändert. Er hätte es nicht für einen Trend in die falsche Richtung gehalten, zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes die Begünstigung eines Klassenbewußtseins und das plötzliche Auftreten eines Proletariats zu erleben. Ich bin sicher, es hätte ihm durchaus nicht mißfallen, Zeuge des erbärmlichen Schauspiels zu werden, wie eine Delegation des Kongresses (Volksvertreter) im Vorzimmer Däumchen drehte, während sie darauf wartete, zur Exekutive vorgelassen zu werden, um dort zu hören, welche Gesetze passieren dürften oder zu welchem fait accompli sie ihre Zustimmung geben dürfte.

Ich setze mich natürlich einem heftigen Vorwurf aus, wenn ich Lovecraft einen Snob nenne, weil ich sein Klassendenken betone. Ich nenne ihn nicht Snob, und nach meinem Eindruck war er keiner; wenn man aber beharrlich betont, daß er eine sehr hohe Vorstellung davon hatte, was einen Gentleman ausmacht und was Qualität ist, was Vererbung, und was jemanden dazu befähigt, zu herrschen und einen anderen dazu bestimmt, beherrscht zu werden - wenn man darauf heharrt, daß solches den Snob ausmacht, dann war er ein Snob. Ich betrachte ihn aber nicht als Snob. Nach Lovecrafts Denkweise gehört der Snob einer niederen Geistesspezies an. Sein Geist hob ihn über Snobismus hinaus. Wäre er nach England gekommen, hätte er Mühe gehabt, sich unter all den Snobs einzufügen, mit denen er doch so sympathisierte. Es hat Snobs mit Köpfchen gegeben, siehe Bulwer-Lytton, aber sie sind die Ausnahme. Ich habe selten großeren Spaß gehabt als unlängst, als ich mir vorstellte, wie Howard auf den Vorschlag reagiert hätte, den eine Frau in einem Leserbrief an eine Zeitung machte. Sie behauptete, daß, wenn die ehemals englischen Kolonien, bekannt als die Vereinigten Staaten von Amerika, sich England im Krieg anschlössen und siegreich wären, die Mama sie nach dem Krieg - vorausgesetzt, daß Großbritannien dann das einzige große Weltreich wäre (und nicht mit Frankreich zu teilen hätte) und falls der verlorene Sohn oder die verlorene Tochter die nötige Reue zeigte-vielleicht wieder in ihrem Haus aufnehmen würde, eine Art glorifizierter East-Lynne-Seitensprung. Man sollte meinen, ein solcher Einfall wäre eher den Töchtern der Loyalisten gekommen als einer Tochter der amerikanischen Revolution; es war aber jedenfalls eine Idee, die es verdiente, daß man für sie betete. Ich wünschte, Howard hätte davon hören können. Er hätte sie, das weiß ich, ernst genommen und aufrichtig auf ihre Erfüllung gehofft. Ich fürchte aber, die auf Abwegen geratene Tochter würde nicht nur eines, sondern zahlreiche uneheliche Kinder mitbringen. Würde Mama, wenn sie die Tür auf ein zaghaftes Klopfen hin öffnete, nicht überrascht sein, an der Türschwelle die entlaufenen dreizehn Kolonien, gefolgt vom Mittelwesten, dem Nordwest-Territorium, dem zuerworbenen Louisiana, Texas, New Mexico, Kalifornien und Oregon, Florida, Alaska, Südwest-Territorium, Mississippi, Hawaii, Puerto Rico und der Kanalzone zu sehen? Sie würde glauben, die Göre wäre nicht müßig gewesen. Vom engsten Kreis seiner Bekannten abgesehen, wird Lovecraft in die Literaturgeschichte unzweifelhaft als Autor von Schauergeschichten eingehen. Sein Ansehen auf diesem Gebiet wird beträchtlich sein. Seinen engsten Freunden wird er jedoch mehr als Mensch in Erinnerung bleiben. Und seinem zweiten Kreis, seinen Korrespondenten, wird er möglicherweise in erster Linie als Briefschreiber und in zweiter als Essayisten mimature-und nicht immer en miniature- in Erinnerung bleiben.

Einmal erregte eine von mir verbrochene Kurzgeschichte, die sich mit den bedauerlichen Folgen einer unebenbürtigen Heirat befaßte, seine Aufmerksamkeit. Er füllte seinen größten Füllfederhalter und schrieb mir einen Brief. Der Brief war eine ganze Abhandlung zu dem Thema. Er wäre es wert, gedruckt zu werden. Sie reichte von den Pharaonen bis zum englischen Adel und überraschte mich sogar durch eine passable Kenntnis von Der goldene Zweig. Ich glaube, unsere Behauptung, daß ihm der Titel des größten Briefschreibers aller Zeiten gebührt, ist unanfechtbar. Er hätte ein namhafter Essayist auf philosophischem und historischem Gebiet werden können, wo gewissenhaftes Forschen, ein Gespür für grundlegende Fakten und die Fähigkeit, die Fakten anzuordnen und zueinander in Beziehung zu setzen, zu den Grundvoraussetzungen gehören. Wenn er noch zwanzig Jahre gelebt hätte, so glaube ich, daß er sein Fachgebiet und einen notwendigen Markt für Arbeiten ganz anderer Art als der unheimlichen Literatur für sich entdeckt - und auf letztere vielleicht verzichtet hätte. Es ist mehr Sache von Lovecrafts Freunden, seinen Rang in der Literatur des Makabren und der Phantastik zu beurteilen. Eine solche Beurteilung seitens eines Freundes wird sowohl zu wohlwollend wie zu engherzig ausfallen. Möglicherweise wird er seinen bleibenden Rang mehr seinem Einfluß verdanken als dem, was er tatsächlich schrieb. Daß er sich eine vollständig neue Weltraummythologie ausgedacht hat, die von anderen Autoren in großem Ausmaß übernommen und verwendet wurde, ist vielleicht sein bleibender Beitrag zum Ruhm. Als er sich das »Necronomicon« des verrückten Arabers Abdul Alhazred ausdachte, eine ganze Bibliographie und Geschichte des Buches, hat er wirklich etwas in Gang gebracht. Als er diese Mythologie erstmals mit »Cthulhus Ruf« schuf, bewirkte das eine Erneuerung der Schauergeschichte, die bleibende Folgen hatte. Seine umfangreiche Korrespondenz mit anderen Autoren des Unheimlichen, von denen viele seine Schüler und Schützlinge waren, hat dem ganzen Kult unheimlicher Prosa seine Methodik aufgeprägt. Es ist für unsere Generation unmöglich, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich glaube jedoch, daß er fortleben wird. Die Erwähnung von »Cthulhu« eben erinnert mich daran, daß Lovecraft geleugnet hat, eine abgeleitete oder phonetische Quelle oder ein System für die Kombination von Buchstaben verwendet zu haben, die dieses Wort und andere bilden. Der Leser muß es so aussprechen, wie es ihm in den Sinn kommt. In diesem Fall schlug er die Aussprache »Glutu« vor, beide »Us« lang. Einige andere sind weniger leicht auszusprechen. Wenn die Persönlichkeit eines Mannes sein Werk in den Augen seiner Freunde so überlagert, daß sie an den Menschen denken anstatt an seine Werke, können sie schwer ein gerechtes Urteil abgeben. Das endgültige Diktum wird nicht von Howards persönlichen Freunden kommen. Auch nicht von seiner Generation. Ich persönlich glaube, daß er etwas in Gang gesetzt hat, anstatt eine Tradition des Unheimlichen fortzusetzen. Es wird sich weisen, was davon überdauern wird.

Ich war mir nie klar, was genau Pose und was an Lovecrafts Grillen, Exzentrizitäten, Eigenheiten, Faunen und seltsamen Schrullen echt war. Dasselbe gilt für die Überzeugungen, die er äußerte, es gab soviel an eingestandener Pose, daß wir allzusehr dazu neigten, das Echte in Frage zu stellen. Erstens, indem er in diesen Tagen und in diesem Zeitalter ein Gentleman war, war er ein Exzentriker, was für ihn keine Pose war. Ein echter Sinn für Humor lag einem beträchtlichen Teil seines Posierens zugrunde. Im modernen Milieu ein Störenfried zu sein, schmeichelte seinem Sinn für das Lächerliche. Daß er seinen Freunden latinisierte oder küchenlatinisierte Namensformen gab, stellte ein spielerisches Kompliment dar. Er schrieb etwa: »Culinarius, warum bemühst Du Dich nicht, am nächsten Wochenende in Providcncc vorbeizuschauen? Eddy hat sich gestern nach Dir erkundigt. Wir müssenihn besuchen und ihm ein Buch abkaufen, um den alten Herrn glücklich zu machen. Er meint, er werde wenn nötig die ganze Nacht offenhalten.« "Culinarius" wurde von jemandem aus dem New Yorker Kreis erfunden, aber Lovecraft übernahm den Namen sofort für den Eigengebrauch. Mein eigener unglückseliger Name ist natürlich plebejisch, es mangelt ihm an Wohlklang, er ist kurz und weit davon entfernt, sonor zu klingen. An seiner Anglomanie war nichts Pose. Seine Beibehaltung der Diktion des 18. Jahrhunderts und Johnsonscher Phrasen war zunächst keine Pose, wurde aber später zu einer. Er gab die Pose in vielen Fällen fröhlich zu und rechtfertigte sie mit der Bemerkung, daß er Spaß daran hatte-was Grund genug war. Ich hielt es immer für unpassend, allzu genau in den religiösen (mangels eines treffenderen Wortes) Überzeugungen meiner Freunde herumzustöbern. Es war mir wirklich völlig gleichgültig. Aber Lovecraft konnte zuweilen so aggressiv bei der Verfechtung des reinen Materialismus sein, daß einen dieser Umstand an sich schon nachdenklich stimmt. Wie ein in der Wolle gefärbter Atheist in vollem Ernst mithelfen konnte, einen ausdrücklichen Wunsch zu erfüllen und die Asche der Mutter eines Freundes unter ihren Lieblingsrosensträuchern auszustreuen, ist schwer verständlich. Das künstlerische Temperament oder eine Neigung zum Heidentum sind da entschieden keine Antwort.

Jemand hat einmal gesagt, der »wahrhaft zivilisierte Mensch habe keine Feinde«, Lovccraft hinterließ gewiß keine Feinde, und ich glaube nicht, daß er sich je einen wirklichen Feind machte. Er konnte sehr ungestüm sein, worin er der Tradition vieler gebildeter Menschen folgte, selbst dem verehrten Mitten, aber wenn er auch in einige hitzige Kontroversen verwickelt war und keinen Mangel an Widersachern litt, hatte er doch keine wirklichen Feinde. Das war nur deswegen möglich, weil er sich zivilisiert benahm, denn wäre eine Spur des Wilden in ihm vorhanden gewesen, wäre sie zum Vorscheitn gekommen, wenn er maßlos aufgebracht war- wie es in den frühen Tagen häufig der Fall war. Selbst in den hitzigsten Lebensphasen bewahrte er sich eine gewisse Urbanität, und nie beleidigte er jemanden tödlich. Wahrscheinlich hatten er und Gracme Davis eine der schärfsten Auseinandersetzungen, die es gab, so scharf, daß Lovecraft lange Zeit mit der National nichts zu tun haben wollte, weil Davis dort Funktionär war. Aber Davis, selbst ein kultivierter Mann, sprach später mit Respekt und ganz ohne Groll von Lovecrafts Fähigkeiten. Es ist interessant, Lovecrafts unterschiedlichen Status an jeder seiner drei Adressen in Providence zu beobachten. Im Haus in der Angell Street war er der abgesonderte, beschützte, abgeschirmte Junge. Nach seiner Rückkehr aus New York bezogen er und seine Tante Mrs. Glark eine Wohnung in Barnes Street Nr.10. Dort war er der Pfleger und Beschützer von Mrs. Glark, die hinfällig wurde und jemanden brauchte, der ihr zur Hand ging. Es war rührend zu sehen, wie er sich um ihr Wohlergehen kümmerte. Nach dem Tod von Mrs. Glark mieteten Howard und seine jüngere Tante Mrs. Gamwell die Wohnung in der College Streef, wo sie als nahezu gleichberechtigte Partner lebten. In dem Haus in der College Street war Howard beinahe so zufrieden, wie er es an jedem Ort, vom Haus seiner Vorfahren abgesehen, gewesen wäre. Es war ein altes, gut erhaltenes Gebäude mit modernen Installationen, aber solchen Besonderheiten wie sichtbaren Deckenbalken und einer Aufteilung auf zwei Ebenen, manche Räume lagen eine Treppe tiefer. Nicht der geringste Vorzug des Hauses war die Wärme, die von dem stets auf Hochtouren betriebenen College-Heizwerk im Überfluß bezogen wurde. Aber lassen wir ihn den Ort beschreiben, wie er es in einer seier Geschichten getan hat: "...die obere Etage eines gediegenen Hauses in der Nahe von College Street. Es war ein gemütlicher und anziehender Orr, den ein kleiner Garten von altmodischer Dörflichkeit umschloß.

Der georgianische Bau hatte ein Dach mir erhöhtem Mittelteil, dessen Seiten von niederen Fensterreihen gebildet wurden, ein klassizistisches Portal und all die anderen Merkmale der Architektur des frühen 19. Jahrhuderts. Im Inneren befanden sich getafelte Türen, breite Dielen, eine Wendeltreppe, weiße Kaminsimse aus der Aram-Periode und eine Reihe von Zimmern, die drei Stufen tiefer als das normale Niveau des übrigen Gebäudes lagen.  .. Arbeitsraum, ein großes Zimmer mir dem Blick nach Südwestern, lag so, daß er die Blumenbeete des Vorgartens sah, während die Westfenster, vor denen ein Schreibtisch stand, einen prächtigen Ausblick auf die Dächer der Stadt und die mystischen Sonnenuntergänge, die dahinter manchmal flammten, boten. Am fernen Horizont leuchteten die purpurnen Flügel des offenen Landes. Vor diesen, etwa zwei Meilen entfernt, erlhob sich geisterhaft Federal Hill mit seinen zahllosen Giebeln, Dächern und Türmen..."(»Der leuchtende Trapezoeder, in Ctulhu S.88/89).Dort will ich ihn verlassen, dort, wo ich ihn das letzte Mal sah, wo er zufrieden war und wo er sein letztes Werk schrieb. Ich kann diese verspäteten Erinnerungen nicht abschließen, ohne der freiwilligen aufopfernden Pflege des literarischen Erbes von Lovecraft durch August Derleth und Donald Wandrei meine Bewunderung zu zollen. Trotz großer Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden, und unter ungeheuren persönlichen und finanziellen Opfern haben sie, zum Nutzen der Familie, sämtliche unveröffentlichten Manuskripte zugänglich gemacht. Zusätzlich haben sie, auf eigene Kosten und ohne große Aussicht, ihre Unkosten wieder ersetzt zu bekommen, einen umfangreichen Sammelband mit vielen Lovecraft-Geschichten veröffentlicht. Seit ich angefangen habe, an diesen Erinnerungen zu arbeiten, hatte ich das Vorrecht, diesen Band, "The Outsider and others"  kennenzulernen, und ich bewundere die Auswahl und die Aufmachung grenzenlos.

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