Jedes der vorherrschenden Merkmale der MS, speziell das der anatomischen
Verstreutheit der Läsionen im ZNS, hat seine eigene differenzielle
Diagnose.
Die multifokalen Schädigungen in Hirn und Rückenmark, die
sich typischerweise innerhalb von Stunden oder Tagen zeigen, danach ganz
oder teilweise wieder verschwinden innerhalb von Wochen oder Monaten, können
bei einer ganzen Reihe von Krankheiten beobachtet werden.
Eine der gewöhnlichsten ist der Lupus
systemicus erythematosus ("der rote Wolf").
Schubförmige und sich zurückbildende Merkmale der Krankheit
und deutliche neurologische Befunde können beim Lupus auftreten, aber
die systemischen Krankheitszeichen von Fieber und Gewichtsverlust, sowie
einer Beteiligung der Haut, der Gelenke und der Nieren schließen
die Diagnose MS aus, es sei denn, eine zweite Krankheit liegt bei einem
MS-Patienten vor.
Es gibt eine ganze Reihe neurologischer Merkmale des Lupus, die
nicht typisch sind für eine Multiple Sklerose.
Die häufigsten Lupus-Manifestationen im ZNS sind neuropsychiatrische, wobei
Demenz, Psychosen, affektive Störungen und Enzephalopathien auftreten können;
allesamt ungewöhnlich bei MS.
Beteiligung des peripheren Nervensystems, ein weniger häufiges
Merkmal des Lupus, kommt bei der MS fast nie vor. Trotz dieser klaren Differenzen
können bei Patienten mit Sehnerven- und Rückenmarksentzündungen
die Diagnosen unklar, und nicht adäquat durch Blut-, Liqor- und Serumsproben,
sowie EPs und Kernspin unterschieden werden. Glücklicherweise
sind die typischen, pathologischen Veränderungen des Serums- und Blutbefundes
sehr selten bei MS-Patienten.
Patienten mit dem Phospholipid-Antikörper-Syndrom
können auch multifokale Beschädigungen des zentralen Nervensystems aufweisen,
resultierend aus Schlaganfällen, und auch die gewöhnlichen
Symptome wie vaskuläre Kopfschmerzen, vorübergehende, attackenhafte
Ischämien und andere Enzephalopathien.
Die Chance einer klinischen Verwechselung ist geringer als beim
systemischen Lupus, und die standardmäßigen Labortests bezüglich
des Antikardiolipin-Antikörpers sind immer negativ bei der MS.
Behçets Krankheit, 1930 erstmals beschrieben durch den türkischen
Arzt Hulusi Behçet, ist eine seltene, idiopathische, entzündliche
Krankheit aus der Gruppe der Kollagenosen. Sie betrifft diverse Organsysteme
und weist einen rezidivierend-remittierenden Verlauf auf.
Die Hautmanifestationen des M. Behçet sind in der Türkei besonders unter
Männern häufig.
Die typischen Zeichen der Kranheit sind Ulzerationen ("Aphten") im
Bereich der Mundschleimhaut und am Genital, sowie die typische Entzündung
der Uvea (Gefäßhaut des Auges).
Das häufigste neurologische Symptom ist eine fokale Entzündung
der Hirnhäute, mit der Tendenz, auch den Hirnstamm zu beteiligen. Neurologische
Manifestationen schließen ein: Aseptische Meningitis, Schlaganfälle,
ischämische Attacken, Thrombosen der Hirnvenen, epileptische Anfälle,
Verwirrtheits-Zustände, Gesichtslähmungen, Lähmungen des Mundes / der Schlundmuskulatur,
Lähmungen der Augenmuskeln, entzündliche Schädigung der Pyramidenbahn,
Kleinhirn-Ataxie und Pseudo-Hirntumore. Starker Kopfschmerz, begleitet von Fieber, manchmal
zusammen auftretend mit Anzeichen von Meningismus, begleiten oft einen
Schub der Behçet'schen Krankheit.
Die Differenzierung von der MS ist gewöhnlich kein großes
Problem, weil alle die geschilderten Zeichen sich doch sehr deutlich von
der Symptomatik der MS unterscheiden und sie meist auch den systemischen Manifestationen
des Behçet folgen. Auch gibt es in den allermeisten Fällen eine typische
Vorgeschichte bezüglich der Läsionen der Schleimhäute.
Die allergrößte Schwierigkeit bei der Stellung einer
korrekten Diagnose ergibt sich bei Patienten mit Läsionen der Hirnnerven sowie
des Rückenmarks, jedoch ohne die vorher aufgetretenen, typischen
systemischen Zeichen der Krankheit.
Während Sehstörungen beim Behçet in erster Linie durch Uveitis
veruracht werden, kann hingegen auch eine Retrobulbärneuritis auftreten.
Die Elektrophorese des Liqor kann eine autochtone Produktion von IgG zeigen,
und ebenso oligoklonale Banden, jedoch findet sich typischerweise ein drastisch
erhöhter Marker in Bezug auf Proteingehalt und Zellzahl. Die steht
im klaren Gegensatz zur MS.
MRT-Scans decken in der Regel Schädigungen durch Thrombosen und
Infarkte auf, jedoch finden sich während akuter Schübe durchaus
hyperintense, ödematische Signalveränderungen, gewöhnlich nicht
größer als 5 mm im Durchmesser, verstreut oder zusammenhängend
verteilt innerhalb des Marklagers des Großhirns.
Meist sind diese Schädigungen (in absteigender Häufigkeit)
verteilt vorzufinden in den Hemisphären, im Hirnstamm, Im Thalamus
und im Cortex. Auffallend unterschiedlich von der MS ist die Ansässigkeit
der Läsionen, die meist nicht (wie bei MS) etwa gehäuft entlang
der Ventrikel auftreten, sondern deutlich die basalen Ganglien betreffen.
Die P.N ist eine chronische, systemische Krankheit, gehäuft auftretend
bei älteren Männern, als eine nekrotisierende Vaskulitis der
kleinen und mittelgroßen Arterien. Sie manifestiert sich klinisch
in Episoden, wobei Infarkte und Blutungen verschiedenster Organe auftreten,
vornehmlich der Niere.
Die häufigste, neurolgische Komplikation betrifft das periphere
Nervensystem durch Polyneuropathien und Mononeuritis multiplex. Wie auch
immer, Lähmungen der Hirnnerven und ein Übergreifen der Krankheit
auf das zentrale Nervensystem, welches meist Monate nach Auftreten der
systemischen Zeichen geschieht, können vorkommen, meist in Form von
Enzephalopathien, Krampfanfällen und andersweitigen, fokalen Defiziten.
Primäre, granulomatöse Angiitis:
... ist eine sehr seltene Krankheit unbekannter Herkunft, die in erster
Linie, aber nicht ausschließlich, das ZNS befällt. Die Diagnose
dieser Krankheit sollte in erster Linie angedacht werden bei jungen Erwachsenen,
deren hauptsächliche Störungen im Bereich der Verstandesfunktionen
liegen: Verwirrtheit, Abnahme kognitiver Fähigkeiten, sowie Verlust
der Sprache werden dabei beobachtet.
Eine Kernspintomographie des Gehirns zeigt oft Läsionsmuster,
die bei Infarkten typisch sind; nichtsdestotrotz treten aber auch periventrikuläre
Schäden der weißen Masse auf, die ganz an MS erinnern.
Es kann im Liqor eine mäßige Pleocytose beobachtet werden,
jedoch kann das Nervenwasser auch vollkommen normal sein, oder auch die
für MS typischen oligoklonalen Fraktionen aufweisen. Die Diagnoe einer
Primären granulomatösen Angiitis benötigt eine Angiographie des
Hirns und in einigen Fällen sogar eine Biopsie von Hirngewebe.
Das S-S ist eine eher häufige rheumatoide Erkrankung, charakterisiert
durch das Auftreten von mindestens zwei Zeichen aus der Triade von 1. Trockenheit
des Mundes, 2. Bindehaut- und Hornhautentzündung und 3. einer begleitenden,
kollagenösen Erkrankung.
Patienten, die unter dem primären Sjögren-Syndrom leiden,
wurden in vereinzelten Fällen mit den Zeichen und den Befunden der
Multiplen Sklerose beschrieben (Nachweis durch MRT, evozierte Potenziale,
Liqor-Analyse). Das zeitliche Hauptauftreten des Sjögren-Syndroms
liegt in der fünften und sechsten Lebensdekade, und die gewöhnlichsten,
neurologischen Komlikationen sind neuromuskuläre Störungen und
Schäden der Hirnnerven.
Ein Sjögren-Syndrom, das eine MS vortäuscht, dürfte als eher
selten angesehen werden, aber es sollte bedacht werden bei älteren
Patienten, die auch rheumatische Störungen beklagen, vornehmlich abnorme
Mundtrockenheit, Trockenheit der übrigen Schleimhäute sowie Keratokonjunktivitis.
Die typischen Sjögren-Serums-Antikörper helfen aber dabei, dieses Krankheitsbild
von der eigentlichen MS abzugrenzen.
Hierzulande auch als "Morbus Boeck" bekannt, ist eine entzündliche
Autoimmunkrankheit unbekannter Herkunft, charakterisiert durch das Auftreten
von Epithelszellen-Granulomen in verschiedenen Organen. Obwohl die Krankheit
in erster Linie die Lungen befällt, treten neurologische Manifestaionen
bei etwa 5% der Sarkoidose-Kranken auf. Von diesen 5% haben aber wiederum
nur die Hälfte auch neurologische Zeichen. Diese Symptome sind höchst
veränderlich: Hirnnervenschäden, aseptische Meningitis, Hydrozephalus,
Dysfunktion des Thalamus, cerebrale und spinale Riesenläsionen, Gefäßentzündungen,
Krampfanfälle, diffuse Enzephalopathie,
Entzündungen peripherer Nerven und diverse sekundäre Krankheit
der Muskulatur.
Die Mehrzahl dieser Krankheitszeichen läßt nicht
an MS denken, obwohl es Patienten im typischen Alter gibt, die sich klinisch
mit schubförmigen Entzündungen der Hirnnerven, des Rückenmarks
oder des Hirnstammes zeigen, was eine demyelinisierende Krankheit vermuten
läßt. Der Sehnerv kann von der Sarkoidose betroffen sein, mit
schleichendem Niedergang der Sehkraft und Befunden, die auch eine Optikusneuritis
vermuten lassen. Bei anderen Patienten ist manchmal ausschließlich
das Rückenmark befallen, mit einer schleichenden oder chronischen
Myelopathie, die gegebenenfalls spontanen Exazerbationen und Remissionen
folgen kann. Paraklinische Studien sind von Nutzen, aber auch dort
kann es wiederum gehörige Überlappung mit anderen Krankheitsbildern
geben. Bei Sarkoidose-Patienten mit typischen Veränderungen des Liqors,
einer dortigen Protein-Erhöhung von über 100 mg / dl, Pleozytose
über 30, sowie Veränderungen im Zuckerspiegel, kann eine MS ausgeschlossen
werden.
Unglücklicherweise können sich aber die Nervenwasser-Proben
bei MS und Neuro-Sarkoidose oft aufs Haar gleichen: Nur milde Erhöhung
der Zellzahl, kaum erhöhtes Protein, intrathekal gebildetes IgG in
oligoklonalen Banden. Visuelle und akustisch evozierte Potenziale sind
von geringem Nutzen bei der Diagnose, da sie bei etwa 30 Prozent der Sarkoidose-Patienten
abnorm sind, auch wenn diese in jener Hinsicht keinerlei Problem verspüren.
Wenn MRT-Scans eine Beteiligung der Hirnhäute, des Hypothalamus, sowie
abnorm große, Gadolinium anreichernde Herdformationen zeigen, ist
die Diagnose der Sakoidose strengstens angezeigt. Wiederum ist wenig hilfreich,
daß auch bei der Sarkoidose durchaus die Kernspin-Scans nicht sicher
von MS-Befunden zu unterscheiden sind: Periventrikuläre, oder im Marklager
anderwie vertreut auftretende Läsionen, die völlig ununterscheidbar
sind von der MS. Dasselbe gilt für das MRT des Rückenmarks. Das
Angiotensin-Konvertase-Enzym ist bei mehr als 50 Prozent der Sarkoidose-Patineten
im Liqor erhöht, kann aber auch bei einer kleinen Gruppe von MS-Patienten,
bei gewissen Lungenkrankheiten und auch bei Neoplasemen des zentralen Nervensystems
(Krebsen), sowie bei Infektionskrankheiten des Gehirns beobachtet
werden.
Das Zusammenfallen von verstreuter Kontrastmittelanreicherung in den
Lungen und ACE-Erhöhung im Liqor und Serum ist bei etwas 83 bis 98
Prozent der Patienten vorzufinden und läßt sicher auf Sarkoidose
schließen. Auch kann eine Biopsie von Nutzen sein, um das Auftreten
von Epithelszellen-Granulomen sicherzustellen.
Lyme's Disease wird verursacht durch die Zecken-übertragene Spirochäte
Borrellia Burgdorferi. Neurologische Komplikationen dieser Infektionskrankheit
sind sehr gewöhnlich: Ein weites Spektrum von neurologischen Ausfällen
wurde schon berichtet, wobei die allertypischsten Zeichen folgende sind:
Septische Meningitis, Hirnnervenentzündungen und Nervenwurzelentzündungen.
In seltenen Fällen entwickelt sich eine weitere Palette von Abnormalitäten
des zentralen Nervensystems, einschließlich spastischer Para- oder
Tetraparese, sowie Kleinhirnataxie. In noch ungewöhnlicheren Fällen
treten diese Manifestationen auf, ohne, daß ein begleitendes oder
vorhergegangenes Erythema migrans ("Wanderröte") aufgetreten ist.
Bei diesen Patienten, zusammen mit jenen, die ein unübersehbares
Spektrum von möglichen Hirnnervenbeschwerden beklagen, stellt sich
ein Dilemma ein: Nervenwasserprobem bei Patienten mit Symptomen des Hirnmarks
zeigen in aller Regel eine deutliche bis massive Erhöhung der Zellanzahl,
eine mäßige Erhöhung des Eiweißgehaltes und einen
normalen Zuckerspiegel. Bei Pateinten aber, die wohl eine eher chronische
Borelliose in sich tragen, kann eine Erhöhung im intrathekalen Immunoglobulin
vorliegen, oder können sogar oligoklonale Banden nachweisbar sein.
Während das typische, zu erwartende MRT-Bild den Nachweis von Läsionen
bringen sollte, die auf vaskuläre Schädigungen zurückgehen,
können manche Scans lediglich Signalveränderungen der periventrikulären
Masse zeigen, die wiederum genauso schwer von MS zu scheiden sind, wie
einge der MRT-Bilder des Lupus oder der Sarkoidose.
Gewöhnlicherweise sind aber die Anti-Borrellia-Burgdorferi-Antikörper
selten nachzuweisen bei Patinten mit MS. Die Diagnose der Lyme-Borrelliose
sollte in erster Linie bie Patienten in Erwägung gezogen werden, die
aus Regionen stammen, in denen die relevante Zecke heimisch und die Krankheit
endemisch ist.