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H.P. Lovecraft:
«Das merkwürdige, hochgelegene Haus im Nebel»

(the strange house in the mist)

In der Frühe steigt Nebel von der See bei den Klippen hinter Kingsport auf. Weiß und federig steigt er aus der Tiefe zu seinen Brüdern, den Wolken empor, voller Träume von saftigen Weiden und den Höhlen des Leviathan. Und später verstreuen die Wolken in sanften Sommerregen Teile dieser Träume über die steilen Dächer von Poeten, daß die Menschen nicht ohne Ahnung von alten, seltsamen Geheimnissen und Wundern leben sollen, die die Planeten anderen Planeten nur des Nachts erzählen.
Wenn Geschichten dicht in den Grotten der Tritonen herumschwärmen und Muschelhörner in Seetang-Städten wilde Melodien blasen, die sie von den Ältesten gelernt haben, dann steigen dicke, eifrige Nebel beladen mit Kunde gen Himmel, und Augen, die auf den Felsen seewärts blicken, sehen nichts als mystische Weiße, als ob der Rand der Klippe der Rand der ganzen Welt sei und als ob die feierlichen Glocken der Bojen freischwebend im Feenland des Äthers ertönten.
Nun steigen nördlich des alten Kingsport die Felsen hoch und merkwürdig empor, Terrasse auf Terrasse, bis die nördlichste wie eine erstarrte, graue Windwolke am Himmel hängt. Sie ist völlig allein, eine trostlose Spitze, die in den endlosen Raum vorstößt, denn an der Stelle, wo der Miskatonic sich aus den Ebenen von Arkham vorbei ergießt, macht die Küste eine scharfe Biegung und bringt Waldlegenden und kleine, seltsame Erinnerungen an New England mit. Die Seefahrer in Kingsport schauen zu dieser Klippe empor, wie andere Seefahrer zum Polarstern und stimmen ihre Nachtwachen nach der Art ab, in der sie dem Großen Bären, die Kassiopeia und den Drachen entweder verbirgt oder sichtbar werden läßt. Unter ihnen ist sie eins mit dem Firmament, und sie wird wirklich davon abgeschnitten, wenn der Nebel die Sterne oder die Sonne verhüllt. mausi.jpg (8K)
Einige dieser Klippen liehen sie, wie jene, deren groteskes Profil sie Vater Neptun nennen, oder die, deren pfeilerumsäumte Stufen sie den »Dammweg« nennen, aber sie fürchten sie, weil sie dem Himmel so nah ist. Die portugiesischen Matrosen, die von einer Reise den Hafen anlaufen, bekreuzigen sich, wenn sie sie das erste Mal erblicken, und die alten Yankees glauben, es würde viel Schwerwiegenderes als den Tod bedeuten, sie zu erklimmen, so dies überhaupt möglich wäre. Trotzdem steht ein altes Haus auf der Klippe, und abends sehen die Menschen Licht in den Fenstern mit den kleinen Scheiben. Das alte Haus ist immer dagewesen, und die Leute sagen, darin wohne einer, der sich mit den Morgennebeln unterhält, die aus der Tiefe emporsteigen, und vielleicht erblickt er in Richtung Ozean seltsame Dinge, zu Zeiten, wenn der Rand der Klippe zum Rand der ganzen Erde wird und feierliche Bojen freischwebend im weißen Äther des Feenlandes ertönen. Sie berichten dies vom Hörensagen, denn die abweisende Klippe wird nie besucht, und die Einheimischen richten nicht gern ihre Fernrohre dorthin. Sommergäste haben sie wirklich mit sorglosen Ferngläsern betrachtet, haben jedoch nie mehr gesehen als das graue, urtümliche Dach, spitz und schindelgedeckt, dessen überhängende Dachkanten beinah bis zu dem grauen Fundament hinabreichen, und das gedämpfte gelbe Licht der kleinen Fenster, die unter den Dachkanten im Dämmer hervorlugen. Diese Sommergäste glauben nicht, daß derselbe Eine seit Hunderten von Jahren in dem alten Haus wohnt, können aber ihre häretischen Ideen einem echten Kingsporter nicht begreiflich machen. Selbst der schreckliche alte Mann, der sich mit bleiernen Pendeln in Flaschen unterhält, seine Lebensmittel mit jahrhundertealtem spanischem Gold kauft und der steinerne Götzenbilder im Hof seines vorsintflutlichen Häuschens in der Water Street stehen hat, kann nichts weiter sagen, als daß die Dinge schon genauso waren, als sein Großvater ein Bub war, und das muß vor urdenkhchen Zeiten gewesen sein, als noch Belcher oder Shirley oder Pownall oder Bernard Gouverneure der Provinz seiner Majestät an der Massachusetts-Bay waren. Dann kam eines Sommers ein Philosoph nach Kingsport. Sein Name war Thomas Olney, und er lehrte gewichtige Dinge an einem College an der Narragansett-Bay. Er kam mit einer dicken Frau und lebhaften Kindern, und seine Augen waren etwas müde davon, jahraus, jahrein dasselbe zu sehen und die selben wohlgeordneten Gedanken zu denken. Er blickte auf den Nebel von Vater Neptuns Diadem und versuchte, über die riesigen Stufen des Dammweges in ihre geheimnisvolle, weiße Welt hineinzuwandern. Morgen auf Morgen pflegte er auf den Klippen zu liegen und über den Rand der Welt in den rätselhaften Äther dahinter zu blicken, während er Geisterglocken und den wilden Schreien lauschte, die möglicherweise von Seemöwen stammten. Dann, wenn sich der Nebel hob und die See prosaisch mit dem Rauch von Dampfern erkennbar wurde, seufzte er und stieg zur Stadt hinab, wo er sich gerne durch die schmalen, alten Gassen hügelauf und hügelab hindurchschlängelte und die verrückten, schicfstehenden Giebel und Eingänge mit merkwürdigen Pfeilern studierte, die so viele Generationen kräftiger Seefahrer beherbergt hatten. Er unterhielt sich sogar mit dem schrecklichen alten Mann, der sich nichts aus Fremden machte, und wurde in das fürchterlich alte Haus eingeladen, wo niedere Zimmerdecken und wurmstichige Täfelungen in den dunklen frühen Morgenstunden das Echo beunruhigender Monologe vernehmen.

Es war natürlich unvermeidlich, daß Olney das graue unbesuchte Haus am Himmel, an dieser düsteren, nordwärts gelegenen Klippe, die eins ist mit dem Nebel und dem Firmament, bemerken würde. Auf ewig hing sie über Kingsport und immer wieder flüsterte man sich in den krummen Gassen Kingsports ihre Geheimnisse zu. Der schreckliche alte Mann krächzte eine Geschichte hervor, die sein Vater ihm erzählt hatte, von einem Blitz, der eines Nachts von dem spitzgiebeligen Haus zu den Wolken des höheren Himmels emporzuckte und Oma Orne, deren winzige Giebeldach- behausung in der Ship Street ganz von Moos und Efeu überzogen ist, krächzte etwas hervor, das ihre Großmutter aus zweiter Hand erfahren hatte, von Gestalten, die aus dem östlichen Nebel direkt in die schmale, einzige Tür des unerreichbaren Ortes hineingeflattert seien - denn die Türe ist nahe am Rande des Felsens nach der See zu angebracht, und sie kann nur von Schiffen auf See gesehen werden.
Schließlich faßte Olney, da er auf neue, seltsame Dinge erpicht war und sich weder durch die Ängste der Kingsporter noch durch die übliche Gleichgültigkeit der Sommergäste zurückhalten ließ, einen schrecklichen Entschluß. Trotz seiner konservativen Erziehung - oder vielleicht gerade deswegen, da ein eintöniges Eeben nachdenkliche Sehnsüchte nach dem Unbekannten hervorbringt schwor er einen großen Eid, die gemiedene Nordklippe zu erklettern und das übernatürlich alte Haus am Himmel zu besuchen.mausi.jpg (8K) Sein vernünftigeres Selbst argumentierte einleuchtend, daß das Haus von Leuten bewohnt sein müsse, die es von der Festlandseite her am leichter begehbaren Grat neben der Mündung des Miskatonic erreichten. Vielleicht kauften sie in Arkham ein, da sie wußten, wie wenig Kingsport ihren Wohnsitz schätzte, oder vielleicht, weil es unmöglich war, auf der nach Kingsport zu gelegenen Seite der Klippe hinunterzuklettern. Olney wanderte die kleinen Klippen entlang dorthin, wo die große Klippe herausfordernd emporragt, um sich mit himmlischen Dingen zu verbinden, und es wurde ihm völlig klar, daß keines Menschen Fuß diesen vorspringenden Südabhang erklettern oder hinabsteigen könne. Nach Osten und Norden stieg sie Tausende von Fuß senkrecht aus dem Wasser empor, deshalb blieb nur die westliche, nach Arkham zu gelegene Inlandseite. An einem frühen Morgen im August brach Olney auf, um einen Weg zu dem unzugänglichen Gipfel zu finden. Er arbeitete sich nordwestlich durch freundliche Hintergassen, am Hoopers Pond und an dem alten, aus Ziegeln gebrannten Pulverturm vorbei zu der Stelle, wo Weiden sich die Abhänge über dem Miskatonic hinaufziehen und einen lieblichen Ausblick auf Arkhams weiße georgianische Kirchtürme über Meilen von Fluß und Wiesen hinweg bieten. Hier fand er eine schattige Straße nach Arkham, aber nicht die geringste Spur in Richtung See, die er suchte. Wälder und Felder drängten sich ans hohe Ufer der Flußmündung und trugen keine Spur menschlicher Anwesenheit; nicht einmal eine Steinmauer oder eine verirrte Kuh, sondern hohes Gras und riesige Bäume und Massen von Heidekraut, das vielleicht schon die ersten Indianer gesehen habemmochten. Als er langsam östlich weiterkletterte, höher über der Flußmündung zur Linken und näher und näher zur See, fand er den Weg zunehmend schwieriger, bis er sich fragte, wie die Bewohner des unbeliebten Ortes es fertigbrächten, die Außenwelt zu erreichen, und ob sie oft zum Einkaufen nach Arkham kämen.
Dann wurden die Bäume spärlicher und weit unter ihm zur Rechten sah er die Hügel und die alten Dächer und Türme von Kingsport. Sogar Central Hill sah aus dieser Höhe wie ein Zwerg aus, und er konnte gerade den alten Friedhof beim Gemeinde-Hospital ausmachen, unter dem, wie das Gerücht besagte, einige schreckliche Höhlen und Gänge lauerten. Vor ihm lag dürftiges Gras und verkrüppelte Blaubeerbüsche und dahinter der nackte Fels der Klippe und die dünne Spitze des gefürchteten grauen Hauses. Der Grat wurde jetzt schmäler, und Olney schwindelte ob seiner Einsamkeit am Himmel, südlich von ihm lag der fürchterliche Steilabhang über Kingsport, nördlich von ihm ein senkrechter Absturz von nahezu einer Meile bis zur Flußmündung. Plötzlich tat sich eine große Spalte, zehn Fuß tief, vor ihm auf, so daß er sich mit den Händen hinunterarbeiten mußte, auf einen abschüssigen Boden fiel und dann gefährlich einen natürlichen Hohlweg an der entgegengesetzten Wand hinaufklettern mußte. So, dies war der Weg, auf dem die Bewohner des unheimlichen Hauses zwischen Himmel und Erde gehen mußten! Als er aus der Spalte herauskletterte, zog sich ein Morgennebel zusammen, aber er sah deutlich das hochragende, unheilige Haus vor sich; die Wände so grau wie der Fels und der hohe Giebel gegen die milchweißen Dämpfe von der Seeseite. Und er bemerkte, daß an der Landseite sich keine Tür befand, sondern nur einige kleine Gitterfenster mit blinden Blitzenscheiben, die nach der Art des siebzehnten Jahrhunderts mit Blei gefaßt waren. Um ihn herum war nichts als Wolken und Ghaos, und er konnte hinter der Weiße des unbegrenzten Raumes nichts erkennen. Er war mir diesem merkwürdigen und beunruhigenden Haus am Himmel allein, und als er sich zur Vorderseite schlich und sah, daß die Mauer mit dem Klippenrand eine Senkrechte bildete, so daß die einzige schmale Tür nur vom leeren Raum aus erreichbar war, empfand er einen deutlichen Schrecken, den die Höhe allein nicht ganz erklärlich machte. Es war äußerst sonderbar, wie derart wurmzerfressene Schindeln noch halten oder derart zerbröckelnde Ziegel noch einen aufrechtstehenden Kamin bilden konnten. Als der Nebel sich verdichtete, schlich Olney an die Fenster an der Nord-, West- und Südseite und probierte sie, fand sie aber alle verschlossen. Er war fast froh, daß .sie verschlossen waren, denn je mehr er von dem Haus sah, um so weniger hatte er den Wunsch, ins Innere zu gelangen. Dann ließ ein Ton ihn aufmerksam werden. Er hörte das Klappern eines Schlosses und das Öffnen eines Riegels, und ein langes Knarren folgte, als ob eine schwere Tür langsam und vorsichtig geöffnet würde. Das alles geschah an der dem Ozean zugekehrten Seite, die er nicht sehen konnte, wo das schmale Portal sich in den leeren Raum hinaus Tausende von Fuß im nebligen Himmel über den Wolken öffnete. Dann folgte ein schweres, bedächtiges Herumtrampeln im Haus und Olney hörte, wie die Fenster geöffnet wurden, erst die an der Nordseite ihm gegenüber, dann die an der Westseite gerade ums Eck herum. Als nächstes würden die Südfenster drankommen, die unter dem tiefgezogenen Dach, wo er stand, und man muß betonen, daß er sich bei dem Gedanken an das abscheuliche Haus auf der einen und den leeren Raum der oberen Atmosphäre mehr als unbehaglich fühlte. Als jemand an den nächstgelegenen Fensterflügeln herumtastete, kroch er wieder zur Westseite hinüber und drückte sich neben dem nunmehr offenen Fenster gegen die Mauer. Es war klar, daß der Besitzer heimgekommen war, aber er war nicht von der Landseite her gekommen und auch nicht mit einem Ballon oder Luftschiff, das man sich vorstellen könnte. Wieder ertönten Schritte, und Olney drückte sich zur Nordseite herum, aber bevor er einen sicheren Hafen finden konnte, rief eine Stimme leise nach ihm, und er wußte, daß er nun seinem Gastgeber gegenübertreten müsse. Aus dem Westfenster schaute ein großes, schwarzbärtiges Gesicht heraus, dessen Augen mir einem Ausdruck leuchteten, der von unerhörten Anblicken sprach. Aber die Stimme war sanft und von seltsam altfränkischer Art, so daß Olney nicht zurückschreckte, als eine braune Hand sich herausstreckte, um ihm über den Sims in das niedrige Zimmer mit schwarzen Eichentäfelungen und geschnitzten Tudormöbeln hineinzuhelfen. Der Mann war sehr altmodisch gekleidet und hatte einen unbestimmten Nimbus von Seesagen und Träumen von alten Galeonen um sich. Olney erinnert sich nicht mehr an all die Wunder, die er erzählte, oder auch wer er war; aber er sagt, daß er fremdartig und gütig war und erfüllt vom Zauber unergründlicher Weiten von Zeit und Raum. Das kleine Zimmer erschien in einem wäßrig-grünen Licht, und Olney sah, daß die nach Osten gelegenen Fenster nicht offen, sondern gegen die neblige Luft mit dunklen, dicken Scheiben wie die Böden von alten Flaschen geschlossen waren. Sein bärtiger Gastgeber schien jung zu sein, dennoch blickten seine Augen wie von alten Geheimnissen durchdrungen, und nach den Geschichten von alten Wunderdingen, die er erzählte, muß man annehmen, daß die Leute im Ort recht hatten, wenn sie behaupteten, er habe sich mit den Nebeln der See und den Wolken des Himmels unterhalten, seitdem es einen Ort gab, der sein schweigendes Wohnen von der Ebene unten beobachten konnte. Und der Tag ging weiter, und Olney lauschte noch immer den Geschichten aus alter Zeit und von fernen Gegenden und vernahm, wie die Könige von Atlantis mit schlüpfrigen, gotteslästerlichen Geschöpfen kämpften, die aus Spalten im Meeresboden emporkrochen, und wie die mit Pfeilern versehenen, tangbehangenen Tempel Poseidons von verlorenen Schiffen immer noch zu mitternächtlicher Stunde erspäht werden können, die bei ihrem Anblick wissen, daß sie verloren sind.

Die Jahre der Titanen wurden heraufbeschworen, aber sein Gastgeber wurde zurückhaltend, als er vom dunklen Uralter des Chaos sprach, ehe die Götter oder die Ältesten geboren wurden und als die anderen Götter kamen, um auf dem Gipfel des Hathey-Kla in der steinigen Wüste bei Ulthar, hinter dem Flusse Skai zu tanzen. An dieser Stelle klopfte es an der Tür, dieser alten Tür aus nägelbeschlagener Eiche, unter der nur der Abgrund der weißen Wolken lag. Olney fuhr erschreckt in die Höhe, aber der bärtige Mann machte ihm ein Zeichen, still zu sein und ging auf Zehenspitzen zur Tür, um durch ein winziges Guckloch hinauszuspähen. Was er sah, gefiel ihm nicht, weshalb er den Finger an die Lippen legte und auf Zehenspitzen herumging, um die Fenster zu schließen und zu versperren, bevor er zu der alten Sitzbank neben seinem Gast zurückkehrte. Dann sah Olney vor den durchsichtigen Vierecken der kleinen Fenster nacheinander einen seltsamen schwarzen Umriß auttauchen, als der Besucher sich neugierig herumbewegte, ehe er wieder fortging, und er war froh, daß sein Gastgeber auf das Klopfen hin nicht geöffnet hatte. Denn es gibt Merkwürdiges im großen Abgrund, und der Traumsucher muß aufpassen, daß er nicht das Falsche aufstöbert oder ihm begegnet. Dann begannen die Scharten dichter zu werden, zuerst kleine, verstohlene unter dem Tisch, dann etwas frechere in den dunklen, getäfelten Ecken. Der bärtige Mann machte rätselhafte Gebetsgesten und entzündete große Kerzen in merkwürdig gearbeiteten Messingleuchtern. Er warf häufig Blicke zur Tür, als ob er jemand erwarte, und schließlich schien sein Blick durch ein einzigartiges Klopfen beantwortet zu werden, das offenbar einem alten Geheimcode folgte. Diesmal schaute er nicht einmal durchs Guckloch, sondern drehte den großen Eichenbalken herum, schob den Riegel zurück, schloß die schwere Tür auf und öffnete sie weit den Sternen und dem Nebel. Dann schwebten beim Ton dunkler Harmonien aus der Tiefe all die Träume und Erinnerungen an die versunkenen Mächtigen der Erde in den Raum. Goldene Flammen tanzten über tangbehangenen Locken, so daß Olney wie geblendet war, als er ihnen Ehrerbietung erwies. Neptun mit dem Dreizack war da, muntere Tritonen und phantastische Nereiden, und auf dem Rücken von Delphinen thronte eine riesige, gerippte Muschelschale, in der die graue, schreckliche Gestalt des uralten Nodcns, des Herrn der großen Tiefe, saß. Und die Muschelhörner der Tritonen erschollen unheimlich, und die Nereiden produzierten seltsame Töne, indem sie auf die grotesken, widerhallenden Schalen unbekannter lauernder Bewohner aus schwarzen Höhlen des Meeres schlugen. Dann streckte der silberhaarige Nodens seine dünne Hand aus und half Olney und dessen Gastgeber in die riesige Muschel, worauf die Muschelhörner und Gongs mit wildem und fürchterlichem Lärm einsetzten. Hinaus in den endlosen Äther wirbelte der mythische Zug, und der Lärm seiner Schreie verlor sich im Echo des Donners. mausi.jpg (8K)
Die ganze Nacht beobachtete man in Kingsport die hohe Klippe, wenn Sturm und Nebel den Blick darauf freigaben, und als gegen die frühen Morgenstunden sich die kleinen, düsteren Fenster verdunkelten, wisperte man von Bedrohung und Unglück. Und Olneys Kinder und seine dicke Frau beteten zum gütigen, regulären Gott der Baptisten und hofften, daß der Reisende sich einen Schirm und Gummizeug ausleihen würde, wenn nicht der Regen in der Frühe aufgehört hätte. Dann schwamm die Morgendämmerung tropfend und nebelbeladen aus der See, und die Bojen erklangen feierlich in Tiefen weißen Äthers. Und mittags erklangen elfische Hörner über dem Ozean, als Olney, trocken und leichtfüßig, die Klippen hinab zum alten Kingsport kletterte, mit einem Ausdruck ferner Weiten im Auge. Er konnte sich nicht erinnern, was er in der Hütte des noch immer namenlosen Eremiten unter dem Himmel geträumt habe, oder sagen, wie er diesen Felsen hinuntergeklettert sei, der noch nie von einem anderen Fuß durchquert worden war. Noch konnte er über die Sache sprechen, außer mit dem schrecklichen alten Mann, der danach merkwürdige Dinge in seinen langen, weißen Bart murmelte und schwor, daß der Mann, der von dem Felsen herabgestiegen war, nicht mehr ganz der Mann sei, der hinaufgestiegen war, und daß irgendwo unter dem grauen Spitzdach oder inmitten unfaßbarer Bereiche des unheimlichen weißen Nebels immer noch der verlorene Geist dessen verweilte, der Thomas Olney war.
Und seit jener Stunde hat der Philosoph sich durch die sich eintönig dahinschleppenden Jahre des grauen Alltags und der Mühseligkeit abgearbeitet, gegessen und geschlafen und ohne Murren die einem Staatsbürger zukommenden Pflichten erfüllt. Er sehnt sich nicht mehr nach dem Zauber ferner Hügel oder seufzt nach Geheimnissen, die wie grüne Riffe aus der bodenlosen See hervorlugen. Das Gleichmaß seiner Tage macht ihm keinen Kummer mehr, und wohlgeordnete Gedanken genügen seiner Einbildungskraft. Sein gutes Weib wird immer dicker und die Kinder älter, prosaischer und nützlicher, und er unterläßt es nie, zur gegebenen Zeit stolz und korrekt zu lächeln. In seinem Auge ist kein ruheloses Leuchten mehr, und wenn er je nach feierlichen Glocken oder fernen, elfischen Hörnern lauscht, dann nur des Nachts, wenn alte Träume herumwandern. Er ist nie mehr nach Kingsport zurückgekehrt, denn seine Familie mochte die komischen alten Häuser nicht und beklagte sich, daß das Abflußsystem schlecht und unmöglich sei. Sie besitzen jetzt einen schmucken Bungalow in den Bristol Highlands, wo keine hohen Felsen sich auftürmen und die Nachbarn städtisch und modern sind. Aber in Kingsport gehen seltsame Geschichten um, und selbst der schreckliche alte Mann gibt etwas zu, das ihm sein Großvater nicht erzählt hat. Denn nun, wenn der Wind ungestüm von Norden her am hochgelegenen alten Haus vorbeifegt, das eins ist mit dem Firmament, ist nun endlich das bedeutungsvolle, brütende Schweigen gebrochen, welches die Bewohner der kleinen Hütten am Meer unruhig machte. Alte Leute berichten von lieblichen Stimmen, die sie dort singen hören, und von Gelächter, das von überirdischer Freude überquillt, und sie sagen, daß des Abends die kleinen, niederen Fenster heller erleuchtet seien als früher. Sie sagen auch noch, daß eine kraftige Morgenröte öfter dort erscheint, die im Norden blau mit Visionen erstarrter Welten erstrahlt, während die Klippe und das Haus schwarz und phantastisch sich gegen das wilde Aufleuchten abheben. Und die Nebel der Morgendämmerung sind dicker, und die Matrosen sind sich nicht völlig sicher, ob all das gedämpfte Läuten in Richtung See das der feierlichen Bojen ist. Sie wünschen nicht, daß die Seelen ihrer jungen Leute den heimischen Herd und die Tavernen mit Giebeldächern des alten Kingsport verlassen, aber sie wünschen auch nicht, daß das Lachen und Singen in diesem hochgelegenen Felsenhort lauter werde. Denn da die Stimme, die neu erschienen ist, neue Nebel von der See und aus dem Norden neues Licht gebracht hat, so meinen sie, daß noch mehr Stimmen noch mehr Nebel und mehr Licht bringen werden, bis vielleicht die alten Götter (deren Existenz sie nur flüsternd andeuten, aus Angst, der Gemeindepfarrer könnte es hören) aus der Tiefe aus dem unbekannten Kadath in der kalten Wildnis kommen und sich auf diesem so übel geeigneten Felsen zwischen den sanften Hügeln und Tälern voll ruhiger, einfacher Fischersleute einnisten könnten. Dies wünschen sie nun gar nicht, denn einfachen Leuten sind Dinge, die nicht von dieser Welt sind, unwillkommen, und nebenbei, der schreckliche alte Mann erinnert sich oft daran, was Olney ihm über ein Klopfen erzählte, das der einsame Bewohner fürchtete und von einem Schatten, der sich schwarz und neugierig gegen den Nebel durch diese merkwürdigen durchscheinenden Butzenscheibenfenster erkennen ließ. All dies können indessen nur die Ältesten entscheiden, und in der Zwischenzeit zieht der Nebel noch immer zu dem einsamen, schwindelnden Gipfel mit dem alten Haus hoch oben empor, diesem grauen Haus mit dem herabgezogenen Dach, wo niemand zu sehen ist, aber wo der Abend verstohlene Lichter hervorbringt, während der Nordwind von seltsamem Jubel erzählt. Weiß und federig steigt er aus der Tiefe zu seinen Brüdern, den Wolken, empor, voller Träume von saftigen Weiden und den Höhlen des Leviathan. Und wenn Geschichten dicht in den Grotten der Tritonen herumschwärmen und Muschelhörner in Seetang-Städten wilde Melodien blasen, die sie von den Ältesten gelernt haben, dann steigen dicke, eifrige Nebel, beladen mit Kunde zum Himmel, und Kingsport, das sich unbehaglich an die niederen Klippen unter dieser schrecklichen, ragenden Felsschildwache duckt, sieht in Richtung Ozean nichts als eine mystische Weiße, als ob der Rand der Klippe der Rand der ganzen Erde sei und die feierlichen Glocken der Bojen freischwebend im Feenland des Äthers ertönten.

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