Die Idee zu meinem Film »Opfer« stammt noch aus der Zeit
vor »Nostalghia« - die ersten Notizen und Entwürfe
entstanden, als ich noch in der Sowjetunion lebte.
Im Mittelpunkt sollte das Schicksal eines an Krebs erkrankten Mannes,
Alexander, stehen, der dadurch,
daß er ein Opfer vollbringt, von seinem Leiden geheilt wird.
Seit jener frühen, vor Jahren niedergeschriebenen Fassung hat
mich der Gedanke des Opfers
immer wieder beschäftigt, ja er ist mehr und mehr Teil meiner
Existenz geworden, verstärkt noch durch Erfahrungen und
Einsichten in den ersten Jahren des Exils, wozu ich freilich anmerken
muß, daß meine Überzeugungen sich hier,
im Ausland, keineswegs wesentlich verändert haben.
Sie entwickelten sich lediglich weiter, wurden bestätigt, vertieften
sich. Ähnlich
nahm denn auch der Plan zu meinem letzten Film allmählich
festere Gestalt an, ohne daß sich die Grundidee wandelte.
Die Frage, was mich am Thema des Opfers - oder der Opferung - so nachdrücklich
fasziniere, läßt sich ohne Umschweife beantworten: Mich als
religiösen Menschen interessiert vor allem jemand,
der fähig ist, sich als Opfer hinzugeben, sei es um eines geistigen
Prinzips willen, sei es um sich selbst zu
retten, oder aus beiden Motiven zugleich. Ein solcher Schritt setzt
selbstverständlich die totale Abkehr von allen
vordergründig-egoistischen Belangen voraus, das heißt, der
Betreffende handelt in einem existentiellen Zustand jenseits jeder »normalen«
Geschehenslogik, er ist der materiellen Welt und ihrer
Gesetze enthoben.
Dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - bewirkt seine Tat spürbare
Veränderungen.
Der Raum, in dem sich derjenige bewegt, der bereit ist, alles zu opfern,
ja sich
selbst als Opfer darzubringen, stellt eine Art Gegenbild dar zu unseren
empirischen Erfahrungsräumen, ist deshalb aber nicht
weniger wirklich.
Es gab Augenblicke, in denen diese Erkenntnis mich Schritt um Schritt
der praktischen Verwirklichung
des Vorhabens näherbrachte, einen größeren Film über
das Opfer-Thema zu drehen. Je bedrückender meine Erfahrungen mit dem
Materialismus westlicher Prägung wurden und je mehr ich das Ausmaß
des Leidens erkannte, das die Erziehung zum materiellen Denken dem
davon betroffenen Teil der Menschheit aufzwingt -
jene überall anzutreffenden Psychosen etwa, die nichts weiter
sind als Ausdruck der Unfähigkeit des modernen Menschen zu
begreifen, weshalb das Leben für ihn jeglichen Reiz verloren hat,
weshalb es ihm mehr und mehr wie verdorrt vorkommt;
sinnlos und erstickend eng -, desto stärker verspürte ich
die Notwendigkeit, den Film in Angriff zu nehmen.
Denn einer der Aspekte der Rückkehr des Menschen zu einem normalen,
geistig erfüllten Leben ist meiner Meinung nach die Einstellung zu sich
selbst:
Entweder lebt man das Dasein eines von technologischen und sonstigen
materiellen Entwicklungen abhängigen, dem
vermeintlichen Fortschritt blind ergebenen Konsumenten, oder aber man
findet zurück zu geistiger Verantwortlichkeit, die
dann allerdings nicht nur für einen selbst zu gelten hat, sondern
auch für andere.
Genau hier, im bewußten Schritt die Verantwortung für die
Gesellschaft und für das, was in und
mit ihr geschieht, ist das möglich, was wir gemeinhin "Opfer"
nennen, die Verwirklichung der christlichen Vorstellung vom
Sich-selbst-zum-Opfer-Bringen.
Strenggenommen und in letzter Konsequenz bedeutet dies, daß ein
Mensch, der zumindest
nicht in bescheidenem Maße die Fähigkeit in sich spürt,
sich selbst um eines anderen oder einer Sache willen zu Opfer
aufgehört hat, Mensch zu sein. Er ist im Begriff, sein Leben gegen
die Existenz eines mechanisch funktionierenden Roboters
zu tauschen.
Natürlich bin ich mir bewußt, daß der Opfer-Gedanke
heute alles andere als beliebt ist — kaum jemanden verlangt danach
sich für einen anderen oder für irgend etwas aufzuopfern.
Entscheidend aber bleiben die unerbittlichen Folgen dieses Verhaltens:
der Verlust an Individualität zugunsten einer noch
ausgeprägteren Egozentrik, als sie ohnehin schon sowohl zahllose
zwischenmenschliche Beziehungen wie auch das Verhältr
ganzer Bevölkerungsgruppen im Zusammenleben mit anderen benachbarten
bestimmt, vor allem aber der Verlust auch der
letzten noch verbliebenen Möglichkeit, geistigen Entwicklungen
statt materiellem »Fortschritt« Raum zu geben und dann
wieder eine würdevolle Existenz zu ermöglichen.
Wie sehr die zivilisierte Welt dem Materialismus verfallen ist mag
ein Beispiel verdeutlichen.
Hunger läßt sich mühelos mit Geld beheben. Dem gleichen
Mechanismus - Geld gegen Ware - gehorcht aber auch, wer sich deprimiert
oder verzweifelt einem Psychiater anvertraut:
Er zahlt für die Sitzung, erleichtert seine Seele für Geld
und fühlt sich danach womöglich besser,
durchaus jenen vergleichbar, die sich »Liebe« in einem
Bordell erkaufen, wiewohl sich doch Liebe ebensowenig gegen
Geld erwerben läßt wie Seelenfrieden.
Der Form nach ist mein neuer Film eine Parabel: Er berichtet von Ereignissen,
die man auf sehr unterschiedliche Weise
deuten kann, weil sie Wirklichkeit nicht nur reflektieren, sondern
auch von einem ganz bestimmten Sinn erfüllt sind.
Das erste Konzept trug den Titel »Die Hexe« und sah, wie
gesagt, als Handlungsmittelpunkt die seltsame Heilung eines todkranken
Mannes vor, dem sein Hausarzt die volle, schreckliche Wahrheit über
sein scheinbar unvermeidlich bevorstehendes Ende eröffnet hat.
Der Kranke begreift seine Situation; verzweifelt erkennt er, daß
er zum Tode verurteilt ist. Da klingelt es eines
Tages an seiner Haustür. Vor ihm steht - Prototyp Ottos, des Postboten
im »Opfer« - ein Mann, der ihm die nach
herkömmlichem Ermessen absurde Botschaft überbringt, er,
Alexander, müsse sich zu einer mit wundersamen magischen Kräften
ausgestatteten, als Hexe bekannten Frau begeben und mit ihr schlafen.
Der Kranke gehorcht und erfährt dadurch die göttliche Gnade
der Heilung, die der Arzt, sein Freund, ihm bald
darauf überrascht bestätigt: Er ist völlig genesen.
Dann aber erscheint plötzlich jene Frau, die Hexe; sie steht im
Regen da, und nun geschieht abermals Unfaßliches.
Alexander verläßt ihretwillen sein ansehnliches, schönes
Haus, löst sich aus seiner bisherigen Existenz, schlüpft, einem
Clochard gleich, in einen abgetragenen Mantel und geht mit der Frau davon.
Das ist, zusammengefaßt, die Geschichte eines Opfers, aber auch
einer Rettung.
Das heißt, ich hoffe, daß Alexander errettet wurde, daß
er, ebenso wie jene Figur in der endgültigen, 1985 in
Schweden entstandenen Filmfassung, Heilung in einem viel umfassenderen
Sinne erfährt, als dies in der Befreiung von einer
Krankheit, wenn auch einer tödlichen, zum Ausdruck kommt, Heilung
in diesem Fall durch eine Frau.
Das Merkwürdige ist nun, daß, während sich in meiner
Vorstellung die Figuren des Films - richtiger gesagt: des ersten
Filmentwurfs — wandelten und die Handlung insgesamt dichter
und strukturierter wurde, dieser allmähliche, sich weitgehend
unabhängig von äußeren Umständen und festen Vorsätzen
vollziehende Prozeß nicht nur ein gewisses Eigenleben gewann,
sondern auch in mein persönliches Leben eingriff, es sozusagen
zu programmieren begann. Schon bei den Vorarbeiten zu "Nostalghia"
wurde ich das Empfinden nicht los, dieser Film
projiziere ein Stück meines eigenen Schicksals.
Geht man vom Drehbuch aus, dann wollte Gortschakow, die Hauptfigur
des Films, ursprünglich nur für eine kurze Zeit in Italien bleiben,
doch er erkrankt und stirbt dort, kurz, er verzichtet nicht deshalb darauf,
in seine russische Heimat zurückzukehren, weil
er nicht zurückkehren will - das Schicksal entscheidet anders
für ihn. Auch ich hatte nie daran gedacht, nach Abschluß der
Dreharbeiten in Italien zu bleiben. Um so irritierender war denn auch
die Erfahrung, daß ich, wie Gortschakow, einer Art
höherem Willen zu gehorchen hatte. Verstärkt wurde diese
Erfahrung noch durch den Tod Solonizyns, des Hauptdarstellers aller meiner Filme:
Er sollte nicht nur die Rolle Gortschakows
in "Nostalghia" spielen, sondern auch - das war lange
geplant - den Alexander in der »Hexe«.
Anatolij Solonizyn starb an derselben Krankheit, die Alexanders Leben
wendet, und heute, Jahre später, bin auch ich von ihr befallen.
Was das alles bedeutet? Ich weiß es nicht. Ich kann nur soviel
feststellen: Ein poetisches Bild, das ich irgendwann ersinne,
wird konkrete, greifbare Wirklichkeit, materialisiert sich und gewinnt,
ob ich will oder nicht, Einfluß auf mein Leben.
Natürlich ist der Umgang mit einer derart ohne eigenes bewußtes
Zutun entstandenen Wirklichkeit, die aber dennoch ihren
Ursprung in der Vorstellungswelt desjenigen hat, den sie dann unversehens
heimsucht, alles andere als angenehm, im
Gegenteil - man empfindet sich als Instrument oder als Spielball, man
hört auf, eine Persönlichkeit im autonom-selbstverantwortlichen
Sinne zu sein, wird gewissermaßen halbiert, empfindet sich als Medium,
verfügt nicht mehr völlig über sich selbst.
Wenn das Leben den Ideen, die man entwickelt, buchstäblich auf
dem Fuße folgt, gehören diese Ideen nicht mehr einem selber,
sie sind nur Botschaften, die man empfängt und weitergibt.
Insofern hat Puschkin recht, der meinte, jeder Dichter, jeder wirkliche
Künstler sei wider seinen Willen ein Prophet.
Er selbst litt entsetzlich unter dieser vorbestimmten Rolle. Die Fähigkeit,
in die Zukunft zu schauen und sie vorhersagen zu
können, erschien ihm als die schrecklichste aller Gaben, über
die ein Mensch verfÜgen kann.
Abergläubisch achtete er auf Hinweise und Zeichen, denen er jeweils
eine schicksalbestimmende Bedeutung zumaß.
Es heißt, daß er, als man ihn zur Zeit des Dekabristenaufstands
nach Moskau rief, sofort umkehrte,
nachdem ein Hase seinen Weg gekreuzt hatte - auf diese Weise entging
Puschkin der Hinrichtung.
Eines seiner Gedichte handelt von den Qualen der prophetischen Berufung,
von der
Unentrinnbarkeit des Auftrags, als Künstler auch Prophet zu sein.
Als mir die Verse, lange vergessen, im Zusammenhang mit Erfahrungen
der letzten Jahre wieder in den Sinn kamen, Wort
für Wort, gewannen sie für mich urplötzlich die Bedeutung
einer Offenbarung, und mir schien, daß nicht der Dichter allein
die Feder geführt hatte, als er sie 1826 niederschrieb:
![]() |
|
![]() |
Im Unterschied zu meinen früheren Filmen ist »Opfer«,
auch wenn der poetische Charakter der anderen Arbeiten
beibehalten ist, dramatisch viel stärker akzentuiert. In gewissem
Sinne könnte man die Anlage der älteren Filme impressionistisch
nennen; ihre Episoden sind, von einigen Ausnahmen abgesehen, in durchaus
landläufiger Weise aus dem Leben gegriffen:
Sie sind authentisch, deshalb auch nachvollziehbar für den Zuschauer.
Bei der Vorbereitung des neuen Films dagegen
beschränkte ich mich nicht auf die Erarbeitung von episodenhaften
Handlungsabläufen nach wirklichen Erfahrungsmustern
und den Gesetzen der Dramaturgie.
Der Aufbau des Films und seine poetische Aussage greifen weit stärker
ineinander über, als dies bei den voraufgegangenen Filmen der Fall
ist. Die Struktur des Ganzen ist dadurch komplizierter geworden und trägt
selbst den Stempel einer poetisch-parabelhaften Form. Während es in
»Nostalghia« so gut wie keine dramatische Entwicklung gibt
- die einzigen dramatischen Episoden darin sind der Streit mit Eugenia,
die Selbstverbrennung Domenicos und die Schlußszene, der dreimalige
Versuch Gortschakows, eine brennende Kerze durch das leere Thermalbecken
zu tragen -, treten im »Opfer« die einzelnen Figuren als Charaktere
auf, zwischen denen es zu Konflikten kommt, die auf Entladung drängen.
Ihre Positionen wechseln, ihre Haltungen verändern sich.
Immerhin aber hatte schon Domenico in »Nostalghia« mit
Alexander, dem Helden im »Opfer«, die Fähigkeit zu Handlungen
gemein, deren Antrieb rein spiritueller Art ist und die Veränderung
signalisieren.
Beider Handeln trägt alle Merkmale eines Opfers, nur daß
dieses Opfer im Falle Domenicos kein sichtbares Resultat bringt.
Anders hingegen mein neuer Film. Alexander, ein Mensch, der im Zustand
ewiger Niedergeschlagenheit lebt, Schauspieler
einst, bis er der fortwährenden Verstellung müde wird und
sein Leben zu ändern beschließt, er, der instinktiv auch die
jede Geistigkeit bedrohende Gefahr moderner Technologien spürt, der
aller Worte überdrüssig geworden ist und statt dessen das
Schweigen sucht, um dann zum Handeln zu finden, dieser Mann läßt
den Zuschauer an den Auswirkungen seines Opfers
teilhaben, allerdings nicht in jenem vordergründigen Sinne, in
dem viele Regisseure heute den Kinobesucher zum bloßen
Augenzeugen degradieren. Der parabelhaften Form entsprechend läßt
alles, was im »Opfer« geschieht, ohnehin eine ganze
Reihe von Deutungen zu.
Es gibt mehrere unterschiedliche Lesarten, und dies liegt durchaus
in meiner Absicht - ich will keinem eine bestimmte Lösung aufdrängen,
habe von dem Ganzen aber natürlich meine eigene Auffassung. Eine auf
Eindeutigkeit angelegte Interpretation jedenfalls liefe der inneren Struktur
des Films zuwider. Trotzdem wird es sich nicht vermeiden lassen, daß
jeder aus seiner Sicht das Geschehen auslegt und komplexe Zusammenhänge
in Widersprüche aufzulösen sucht.
Religiös veranlagte Menschen
etwa mögen im Gebet Alexanders den Grund für das Ausbleiben der
atomaren Katastrophe sehen - die Antwort Gottes auf den Anruf eines radikal
zur Umkehr Entschlossenen, der alle Brücken hinter sich abbricht,
sogar das eigene Haus zerstört und bereit ist, sich von seinem Sohn
zu trennen, den er abgöttisch liebt. Zuschauern mit mystisch-übersinnlichen
Neigungen erscheint möglicherweise die Begegnung mit der Hexe Maria
als zentrale Szene, von der sich alles weitere erklärt, während
es für andere mit Sicherheit keinen Atomkrieg gegeben hat: Für
sie spielte sich alles nur in der kranken Phantasie eines halbverrückten
Sonderlings ab, den man - unausbleibliche Konsequenzen seines Verhaltens
- ins Irrenhaus steckt, ohne daß die Welt danach
noch weiter Notiz von ihm nimmt.
In der Wirklichkeit aber, die der Film schafft, ist am Ende alles anders
als zuvor. Die Anfangs- und die Schlußszene, das
Wässern des verdorrten Baumes (für mich ein Sinnbild des
Glaubens), markieren Punkte, zwischen denen der Ablauf der
Ereignisse eine zunehmend stärker werdende Eigendynamik entwickelt.
Nicht nur, daß Alexander sich am Ende als der allen anderen
Überlegene erweist, auch der Doktor, zu Beginn ein recht
primitiver, vor Gesundheit strotzender Naturbursche von
einfachem Herkommen, der sich von Alexanders Familie fast zu deren
Sklaven machen läßt, hat sich am Schluß so verändert,
daß er die in der Familie herrschende vergiftete Atmosphäre
mit allen ihren negativen Energien erkennt und sie bei ihrem
Namen zu nennen vermag, ja, er versucht, sich ihr endgültig zu
entziehen, indem er radikal beschließt, nach Australien
auszuwandern. Selbst Adelaide, Alexanders egozentrische Frau, gewinnt
durch die Änderung ihres Verhältnisses zu Julia, der
Magd, eine neue menschliche Dimension.
Darüber hinaus aber bleibt Adelaide bis zum Ende eine absolut
tragische Gestalt, eine Frau, die rings um sich alle
Anzeichen von Individualität und Persönlichkeit erstickt
und, ohne es eigentlich zu wollen, andere Menschen unterdrückt, so
auch ihren Mann. Sie ist kaum fähig, zu reflektieren, leidet unter
ihrer Ungeistigkeit, bezieht aus diesem Leid insgeheim
aber auch ihre zerstörerischen Kräfte. In gewisser Hinsicht
ist sie die Ursache von Alexanders Tragödie. So wenig sie sich im
Grunde für andere Menschen interessiert, so sehr folgt sie dem
eigenen aggressiven Instinkt der Selbstbestätigung und Selbstbehauptung.
Ihr Wahrnehmungsfeld ist zu klein, als daß sie jenseits
davon eine andere Welt erkennen könnte, und selbst,
wenn sie diese sähe - sie würde sie nicht begreifen.
Die Gegenfigur Adelaides ist die demütig-bescheidene, stets schüchtern
und unsicher wirkende Maria, die im Haus
Alexanders ihren Dienst als Zugehfrau versieht. Zwischen ihr und dem
Hausherrn scheint zunächst keine Annäherung möglich - wie
sollte sie auch? Dann aber kommt es zu jener nächtlichen Begegnung,
nach der Alexander nicht mehr so weiterleben kann
wie zuvor: Angesichts der bevorstehenden Katastrophe erfährt er
die Liebe zu dieser einfachen Frau wie ein Geschenk Gottes,
das sein ganzes Schicksal rechtfertigt.
Das Wunder, dessen er inne wird, verwandelt ihn.
Es war nicht leicht, für jede der acht Rollen des Films den optimalen
Darsteller zu finden, ich bin aber überzeugt, daß
schließlich doch eine Art Idealbesetzung mit Schauspielern zustande
kam, die sich völlig mit den Charakteren der kammerspielähnlichen
Handlung identifizierten. Bei den Dreharbeiten gab es keine größeren
technischen oder sonstige Schwierigkeiten, mit Ausnahme jener, die am Ende
einen Großteil unserer Mühen in Frage stellte, ja sie total
zunichte zu machen schien und alle Beteiligten verzweifeln ließ:
Als wir die Szene drehten, in der Alexander sein Haus anzündet,
versagte die Kamera.
Das Haus stand, als das Unglück passierte, bereits in Flammen
und brannte vor unseren Augen nieder, ohne daß wir das Feuer
aufhalten und diese so ungemein wichtige Szene aufnehmen konnten -
vier Monate angestrengter, kostspieliger Arbeit waren umsonst.
Daß dann in wenigen Tagen aus Brettern und
Balken ein zweites Haus entstand, haargenau dem niedergebrannten gleichend,
grenzte an ein Wunder - ein weiterer Beweis dafür wozu die Menschen
fähig sind, wenn sie an etwas glauben -, die unbeschreiblich starke
Anspannung aber, unter der wir alle standen,
löste sich erst, als wir mit einer unterdessen
herbeigeschafften anderen Kamera die Feuerszene dem
Drehbuch gemäß vom Anfang bis zum Ende aufgenommen hatten.
Überglücklich und wie erlöst fielen wir uns in die Arme.
Es war ein Moment, in dem ich einmal mehr begriff, wie stark
der innere Zusammenhalt unseres Teams war. Es mag Szenen im »Opfer«
geben, Traumsequenzen etwa oder auch jene mit dem dürren,
vertrockneten Baum, denen unter bestimmten psychologischen Gesichtspunkten und im
Hinblick auf die verschiedenen Aullösungsmöglichkeiten der
Parabel eine auch visuell größere Schlüsselrolle zukommt
als der, in der Alexander sein vor Gott abgelegtes Gelübde sichtbar
erfüllt, indem er sein Haus anzündet. Aber mir lag von Anfang
daran, den Zuschauer emotional in dieses scheinbar sinnlos-absurde
Handeln eines Menschen einzubeziehen, der alles für
Sünde hält, was nicht absolut lebensnotwendig ist. Das Publikum
soll unmittelbar teilhaben an dieser vermeintlichen Wahnsinnstat, ja sie in der
realen Zeit erleben, gleichsam verzerrt durch das kranke Bewußtsein Alexanders,
und so kommt es, daß dies die längste Einstellung meines Films ist, mit sechs
Minuten vielleicht die längste der Filmgeschichte überhaupt.
Es ist die Szene, in der das Schweigen Alexannders in die Tat umschlägt.
»Am Anfang war das Wort, aber du schweigst, du bist wie ein stummer
Stör«, sagt Alexander am Anfang zu
seinem Jungen, der nach einer Halsoperation erzwungenermaßen
stumm der Legende von dem verdorrten Baum auf dem
Berg zuhört, die der Vater ihm auf dem Spaziergang am Meer erzählt.
Am Ende legt Alexander, unter dem Eindruck der Nachricht vom drohenden
Atomkrieg, selber ein Schweigegelöbnis ab:
»... Und ich werde stumm sein, werde mit keinem Menschen mehr
irgendwann sprechen, ich entsage allem, was
mich an dieses Leben bindet. Hilf, Herr, und ich werde alles tun, was
ich zu tun versprach!«
Darin, daß Gott Alexander erhört, daß er ihn beim
Wort nimmt, liegt eine ebenso schreckliche wie tröstliche Konsequenz.
Schrecklich ist sie insofern, als Alexander in der praktischen Befolgung
seines Gelübdes sich aus der Welt, der er
bisher angehört hat, endgültig entfernt und damit nicht nur
die Bindung an seine Familie verliert, sondern auch - was zumindest in den Augen
der Menschen seiner Umgebung schlimmer sein mag -
jegliche Art von Meßbarkeit an herkömmlichen sittlichen Normen.
Trotzdem, oder gerade deshalb ist Alexander für
mich die Gestalt eines Gotterwählten, dazu ausersehen,
die uns bedrohenden, lebenszerstörenden, heillos ins Verderben
führenden Mechanismen des Daseins vor aller Welt zu entlarven und
zur Umkehr aufzurufen - der letzten Möglichkeit der Rettung, die es
für die Menschheit gibt.
Gotterwählte, von Gott Berufene sind bis zu einem gewissen Grade
freilich auch die anderen, der Postbote Otto, vielleicht
ein Instrument der göttlichen Vorsehung, der - wie er sagt - geheimnisvolle,
unerklärliche Begebenheiten sammelt, ein
Mann, von dem niemand recht weiß. woher er kommt und wie er an
diesen Ort gelangte, in dem sich ja tatsächlich sehr viel
Unerklärliches ereignet. Dann Alexanders kleiner Sohn, aber auch
Maria, die Hexe - für sie alle ist das Leben voller
unbegreiflicher Wunder, sie bewegen sich in einer imaginären Welt
statt in der sogenannten realen, sind alles andere als
Empiriker oder Pragmatiker.
Niemand von ihnen glaubt dem, was er mit
Händen greifen kann, alle vertrauen vielmehr den
Bildern ihrer Vorstellungswelt. Alles, was sie tun, weicht auf seltsame
Weise von normalen Handlungsmustern ab, und sie
verfügen über Gaben, die man im alten Rußland den heiligen
Narren zusprach.
Diese Menschen lenkten schon durch ihr
Äußeres als Pilger und zerlumpte Bettler den Blick der in
»geordneten« Verhältnissen Lebenden auf die Existenz jener
von Weissagungen, Heilsopfern und Wundern erfüllten anderen Welt
jenseits aller Verstandes- und vernunftmäßigen Regelhaftigkeit.
Allein die Kunst hat uns davon noch einen Rest bewahrt.
In dem Maße, in dem sie den Glauben verlor, hat der größte
Teil der zivilisierten Menschheit auch das Verständnis für das
Wunder eingebüßt - man ist heute weithin unfähig, Hoffnungen
zu setzen auf überraschende, jeder Erfahrungslogik widersprechende
Wendungen in äußeren Geschehensabläufen oder
Wahrnehmungs- und Bewußtseinsvorgängen, und noch weniger ist
man bereit, den Einbruch derart unerklärlicher Umprogrammierungen
in das eigene Leben zuzulassen und ihrer verwandelnden Kraft zu vertrauen.
Der geistigen Verödung, die mit diesen
Defiziten einhergeht, wäre schon ein gewisser Einhalt
geboten, wenn jeder Mensch begriffe, daß er seine Wege nicht
beliebig nach eigenem Ermessen gestalten kann, vielmehr in Abhängigkeit
vom Schöpfer handeln und sich dessen Willen
unterwerfen muß.
Tatsache ist aber, daß gegenwärtig
die Auseinandersetzung selbst mit schlichten ethisch-moralischen Problemen
wenig gefragt ist, auch nicht, schon gar nicht im Film.
Vor zehn, fünfzehn Jahren gab es dafür ein größeres,
aufnahmebereites Publikum, heute dagegen sind die meisten Filme nur
noch Ware, belichtete Zelluloidstreifen, an denen sich verdienen läßt.
Nur noch wenige Produzenten und Institutionen sind bereit,
den Autorenfilm, den künstlerisch anspruchsvollen Film
überhaupt, zu unterstützen und damit wenigstens die Auswüchse
jenes zunehmend um sich greifenden Profitdenkens einzudämmen,
Unter diesem Gesichtspunkt läßt sich »Opfer«,
wenn auch eher beiläufig, als eine Absage an das um seiner selbst
willen betriebene kommerzielle Kino verstehen. Viel wichtiger allerdings erscheint
mir der Hinweis, daß mein Film nicht für oder
gegen irgendwelche Einzelphänomene der modernen Denk- und Lebensart
Stellung nimmt, ich wollte vielmehr deren Fragwürdigkeit insgesamt
bloßstellen und an verschüttete
Quellen unserer Existenz rühren. Bilder, visuelle Eindrücke vermögen
das besser als Worte, gerade in unserer Zeit, in der das Wort seine
beschwörende und verzaubernde Dimension verloren und
seine einst magische Rolle eingebüßt hat.
Worte entarten mehr und mehr zu leerem Geschwätz,
sie bedeuten - dies ist Alexanders Erfahrung — nichts mehr.
Wir ersticken an Informationen die wichtigsten Botschaften aber, solche, die unser
Leben ändern könnten, erreichen uns nicht.
Ist trotz allem, ist trotz der Aussicht auf die große apokalyptische Stille, von der die Offenbarung
spricht, so etwas wie Hoffnung angebracht?
Die Antwort darauf gibt vielleicht die alte Legende vom geduldigen,
unverdrossenen Wässern eines vertrockneten Baumes, die ich in dem
mir bisher wichtigsteFilm verarbeitet habe.
Weil der Mönch, der entgegen aller Vernunft jahrelang Eimer um
Eimer auf den Berg schleppt konkret und unbeirrt an das
Wunderwirken Gottes glaubte konnte sich ihm eines Tages auch ein solches Wunder
offenbaren - die dürren Zweige waren über Nacht ergrünt.