Dies sind ein paar eigentümliche Stills, die ich vermittels einer billigen Polaroid-Camera aus dem laufenden Film abgelichtet habe ...
daher die schiefen Farben und manche Verwackelung
gortschakow
Der Held am Spiegel
domenico
Domenicos Traum
auf wegen ...
Der Weg, der nie endet
... zum wasser Im Wasser lernt er sehen
... zu sich selbst Input / Output ... (!)
... wohin von dort ? Kind / Exil
tiefer ... Die stille Macht des Wassers

N O S T H A L G I A  


A N D R E I J
T A R K O W S K I J

>home

A: Der Film / Die Bilder
B: Tarkowskij:"Die Kunst als die Sehnsucht nach dem Idealen"

Eine kleine Liebeserklärung an den großen, russischen Poeten. Ich erinnere mich an ein ein filmtheoretisches Uni-Seminar anfang der 90er Jahre. Die Leute kamen, um umsonst David Lynch-Filme zu gucken. Auch sollte es um Peter Greenaway gehen, später um den frühen Scorsese. Anfangs war es noch voll besetzt. Dann kam zum Semesterschluß noch Tarkowskij dran.
Nach über drei Stunden "NOSTHALGIA" war ich allein Tarkowskij, Andreij, geb. 1922, gest. 1986. Filme: 'Iwans Kindheit', 'Andreij Rubljow', 'Solaris', 'Der Spiegel', 'Stalker', 'Nostalghia', 'Das Opfer' im Video-Raum. Ich fühlte mich glücklich, wußte aber, daß ich wohl ein sehr einsamer Mensch bin, geschmacklich zumindest. Vielleicht mochte ich den Film deswegen. Er handelt von einem russischen Emigranten in Italien und wie dieser sich so fühlt. Er spricht sehr stark durch Bilder. Es geht, wie so oft, um Wasser und Erde, besonders die vermisste Erde der Heimat, um den verzweifelten Versuch, ein Licht über ein langes Wasserbassin zu tragen, ohne daß dieses verlöscht, um einen Verrückten und wie dieser die Welt sieht, um Heimweh und große Liebe. Tarkowskij versuchte (nach eigenen Angaben), einen "sehr russischen Film" zu machen, der einem "sehr russischen Gefühl" Ausdruck verleihen wollte: Der Nostalgie als einer ganz eigentülichen Form des Heimwehs. Unser nostalgischer Held In seinen Essays zum Film bemerkte er immer wieder, daß Russen generell so "schlechte Emigranten" seien, und meinte dies gar nicht böse. Übel nahm man ihm den Film (der im Westen kultisch verehrt wurde und wird) allerdings daheim, und ironischer- und tragischerweise erging es T. nach Abschluß der Arbeiten wie seinem Helden Gortschakow:
Er "durfte"/mußte in seiner nostalgischen Fremde bleiben. Man war beleidigt durch die Figur des Gortschakow. Man verstand seine Arbeit, die er "für und wegen" Rußland aufgenommen hatte, als eine nur hübsche Bebilderung der Toskana, durchzogen von einem düsteren, inneren Monolog einer depressiven Seele und seines "irren" Freundes Domenico, der sich schließlich selbst verbrennt. Wohl vielleicht für die bornierten Film-Apparatschiks seiner Gegenwart zu schwer zu verstehen und zu verkraften, aufgrund der "offenen" und sich nicht sofort erklärenden Symbolkraft seiner Einstellungen.
Es geht auch um Kreissägen, deren Geräusche wegen ich wahrscheinlich am Ende der Show alleine hinterblieb. Wer aber sonst hat eine wirklich poetische Kreissäge in seinen Filmen ?
Die einzigen Bilder dieses seltenen Filmes, die ich nicht im Kopf und meiner Erinnerung trage, habe ich lediglich aus T.'s einzigem Buche über seine Kunst "Die versiegelte Zeit".
Ein kleiner, netter Beitrag (auch zum 70. Geburtstag des Frühverstorbenen) findet sich momentan unter folgendem Link:

http://www.freitag.de/2002/15/02151302.php 

BILDER:
Bilder aus der Heimat immmer wiederkehrend. 
Dieser Abschied ist für immer
Das Haus des Domenico.
Er verließ es nicht für ein Jahrzehnt. 
Die stille Macht des Wassers. Es ist überall

Übrigens. Die Zoom-Fahrt vom linken zum rechten unteren Bild dauert etwa 4 Minuten. Das ist ein ausgeprägtes Stilmerkmal. Ansonsten passiert "nichts". Das aber war mehr als viel für mich. T. selbst fand den Begriff einer
"Bildhauerei aus Zeit" für sein Schaffen.

"Welt-Innenräume". Seelen-Landschaften 
Dieses Land wächst ganz langsam hinein und hinaus 
Von Domenico aus gesehen.
So sehen es die Augen des Irren

Zwei Herzen in seiner Brust 
Die zwei Frauen, die zwei Welten, die zwei Länder
Welches ist stärker ?

Die Synthese am Schluß. Die Heimat schemenhaft, die Fremde als Ruine, beide vermählt. 
Der Pfad zu einem Land, das nicht wiederkehren wird. Am Grund der verfallenen Kathedrale

home

> nach oben zurück >>

"STALKER" ?


ANDREIJ TARKOWSKIJ:
"Die Kunst als Sehnsucht nach dem Idealen"

Bevor ich auf besondere filmspezifische Probleme eingehe, scheint es mir wichtig, meine Auffassung von Kunst darzulegen. Wozu existiert die Kunst? Wer braucht sie? Wird sie überhaupt von irgend jemandem gebraucht? Alles das sind Fragen, die sich nicht nur der Künstler, sondern jeder Mensch stellt, der Kunst rezipiert beziehungsweise »konsumiert«, wie man jetzt häufig mit einem Wort sagt, das leider das Wesen der Kunst-Publikum-Beziehung im 20. Jahrhundert geradezu entlarvend bezeichnet. Jedermann beschäftigt also diese Frage, und jeder mit Kunst befaßte Mensch versucht auch eine Antwort hierauf zu finden. Alexander Blok sprach davon, daß »der Dichter Harmonie aus dem Chaos« schaffe... Puschkin stattete den Dichter mit prophetischen Gaben aus... Jeder Künstler wird von seinen ureigenen Gesetzen bestimmt, die für eine anderen Künstler völlig unverbindlich sind. In jedem Fall steht für mich ganz außer Zweifel, daß es das Ziel jedweder Kunst ist, die nicht bloß wie eine Ware »konsumiert« werden will, sich selbst und der Umwelt den Sinn des Lebens und der menschlichen Existenz zu erklären. Also den Menschen klarzumachen, was der Grund und das Ziel ihres Seins auf unserem Planeten ist. Oder es ihnen vielleicht gar nicht erklären, sondern sie nur vor diese Frage zu stellen. Um mit dem Allgemeinsten zu beginnen: Die unbestreitbare Funktion der Kunst liegt für mich in der Idee des Erkennens, jener Form der Wirkung, die sich als Erschütterung, als Katharsis, äußert. Von jenem Augenblick an, als Eva den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, war die Menschheit zu ewiger Wahrheitssuche verurteilt.
(Anmerkung: Seltsam, daß auch Tarkowskij von einem "Apfel" spricht,
von dem nirgendwo in Genesis 3 die Rede ist.
Eva ißt eine "Frucht" vom Baum der Erkenntnis.)
Bekanntlich erkannten Adam und Eva zuerst und vor allem, daß sie nackt waren, und sie schämten sich dessen. Sie schämten sich, weil sie begriffen, und sie machten sich auf den Weg gegenseitigen, lustvollen Erkennens. Das war der Anfang eines Wegs ohne Ende. Durchaus verständlich die Tragödie jener, die aus dem Zustand seliger Unwissenheit in die feindlichen und unerklärlichen Gefilde des Irdischen geschleudert wurden. »Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen...« Und so erschien der Mensch, die »Krone der Schöpfung«, auf der Erde und eignete sie sich an. Den Weg, den er seither ging,bezeichnet man gewöhnlich als Evolution ein Weg, der zugleich der qualvolle Prozeß menschlicher Selbsterkenntnis ist. In gewissem Sinne erkennt der Mensch das Wesen des Lebens und sich selbst, seine Möglichkeiten und Ziele jeweils neu. Sicher nutzt er dabei auch die Summe des bereits vorhandenen menschlichen Wissens. Dennoch ist und bleibt die ethisch-sittliche Selbsterkenntnis die entscheidende Erfahrung jedes einzelnen, die er jedesmal erneut für sich machen muß. Immer wieder setzt sich der Mensch in Beziehung zur Welt, getrieben vom quälenden Verlangen, sich diese anzueignen, sie in Einklang zu bringen mit seinem intuitiv erspürten Ideal. Die Unerfullbarkeit dieses Verlangens ist eine ewige Quelle der menschlichen Unzufriedenheit und des Leidens an der Unzulänglichkeit des eigenen Ich.
Kunst und Wissenschaft sind also Formen der Weltaneignung, Erkenntnisformen auf dem Wege des Menschen zursogenannten »absoluten Wahrheit«. Doch damit endet auch schon die Gemeinsamkeit dieser beiden Außerungsformen des schöpferischen menschlichen Geistes, wobei - ich wage es, darauf zu bestehen -Schöpfertum nichts mit Entdecken, sondern mit Erschauen zu tun hat. Hier, an dieser Stelle, kommt es vor allem auf den prinzipiellen Unterschied zwischen der wissenschaftlichen und der ästhetischen Form des Erkennens an. In der Kunst eignet sich der Mensch die Wirklichkeit durch subjektives Erleben an. In der Wissenschaft folgt das menschliche Wissen den Stufen einer endlosen Treppe, wobei immer wieder neue Erkenntnisse über die Welt an die Stelle der alten treten. Dies ist also ein stufenförmiger Weg mit einander aufgrund objektiver Detailerkenntnisse folgerichtig aufhebenden Einsichten.
Die künstlerische Einsicht und Entdeckung entsteht dagegen jedesmal als ein neues und einzigartiges Bild der Welt, als eine Hieroglyphe der absoluten Wahrheit. Sie präsentiert sich als eine Offenbarung, als ein jäh aufblitzender leidenschaftlicher Wunsch des Künstlers nach intuitivem Erfassen sämtlicher Gesetzmäßigkeiten der Welt - ihrer Schönheit und ihrer Häßchkeit, ihrer Menschlichkeit und Grausamkeit, ihrer Unendlichkeit und ihrer Begrenztheit. Alles dies gibt der Künstler in der Schaffung eines Bildes wieder, das auf eigenständige Weise das Absolute einfängt. Mit Hilfe dieses Bildes wird die Empfindung des Unendlichen festgehalten, wo es durch Begrenzungen zum Ausdruck gebracht wird: das Geistige durch das Materielle und das Unendliche durch Endliches. Man könnte sagen, daß die Kunst ein Symbol dieser Welt ist, die mit jener absoluten geistigen Wahrheit verbunden ist, die eine positivistisch-pragmatische Praxis vor uns verborgen hält. Wenn sich ein Mensch diesem oder jenem wissenschaftlichen System anschließen möchte, dann muß er sein logisches Denken aktivieren, er muß ein bestimmtes Bildungssystem beherrschen und verstehen können. Die Kunst wendet sich an alle in der Hoffnung, daß sie einen Eindruck hervorruft, daß sie vor allem gefühlt wird, daß sie eine emotionale Erschütterung auslöst und angenommen wird. Daß sie den Menschen nicht irgendwelchen unerbittlichen Verstandesargumenten unterwirft, sondern vielmehr jener geistigen Energie, die der Künstler ihnen vermittelt.
Und statt einer Bildungsbasis auch in jenem positivistischen Sinne erfordert sie eine geistige Erfahrung. Kunst entsteht und entwickelt sich dort, wo jene ewige, rastlose Sehnsucht nach Geistigkeit, nach einem Ideal herrscht, die die Menschen sich um die Kunst scharen läßt. Es ist ein falscher Weg, den die moderne Kunst eingeschlagen hat, die der Suche nach dem Sinn des Lebens im Namen bloßer Selbstbestätigung abgeschworen hat. So wird das sogenannte schöpferische Tun zu einer seltsamen Beschäftigung exzentrischer Personen, die nur die Rechtfertigung des einmaligen Wertes ihres ichbezogenen Handelns suchen. Doch in der Kunst bestätigt sich die Individualität nicht, sondern dient einer anderen, allgemeineren und höheren Idee. Der Künstler ist ein Diener, der sozusagen seinen Zoll für die Gabe entrichten muß, die ihm wie durch ein Wunder verliehen wurde. Der moderne Mensch aber will sich nicht opfern, obwohl wahre Individualität doch nur durch Opfer erreicht werden kann. Aber wir vergessen das allmählich und verlieren daher auch das Gefühl für unsere menschliche Bestimmung. Wenn hier vom Streben nach dem Schönen die Rede davon ist, daß das Ziel der aus Sehnsucht nach dem Idealen geborenen Kunst ebendieses Ideale ist, so will ich damit keinesfalls sagen, die Kunst soll dem »Schmutz« des Irdischen aus dem Weg gehen... Im Gegenteil, das künstlerische Bild ist stets ein Sinnbild, das das eine durch das andere, das Größere durch das Kleinere ersetzt. Um über Lebendiges zu berichten, präsentiert der Künstler Totes, um vom Unendlichen reden zu können, stellt er Endliches vor. Ein Ersatz!
Das Unendliche kann man nicht materialisieren, man kann nur dessen Illusion, dessen Bild schaffen. Das Schreckliche liegt ebenso im Schönen beschlossen wie das Schöne im Schrecklichen. 1922-1986 Das Leben ist in diesen bis zum Absurden großartigen Widerspruch verwickelt, der in der Kunst als zugleich harmonische und dramatische Einheit auftaucht. Das Bild ermöglicht es, jene Einheit wahrzunehmen, wo alles einander benachbart ist, alles ineinander überfließt. Man kann von der Idee eines Bildes sprechen, sein Wesen mit Worten ausdrücken. Denn der Gedanke läßt sich verbal ausdrücken, formulieren. Doch diese Beschreibung wird ihm niemals gerecht werden. Ein Bild kann man erschaffen und fühlen, es akzeptieren oder ablehnen, aber nicht im rationalen Sinn dieser Handlung begreifen. Die Idee des Unendlichen kann man nicht mit Worten ausdrücken, nicht einmal beschreiben. Die Kunst ledoch verleiht diese Möglichkeit, sie macht das Unendliche erfahrbar. Das Absolute ist nur durch Glauben und schöpferisches Tun erreichbar. Unerläßliche Bedingungen für den Kampf des Künstlers um eine eigene Kunst sind der Glaube an sich selbst, die Bereitschaft zu dienen und die Kompromißlosigkeit. Das künstlerische Schaffen fordert vom Künstler eine wahre "Selbstaufgabe" im tragischsten Sinne des Wortes. Wenn so die Kunst mit den Hieroglyphen der absoluten Wahrheit arbeitet, ist jede dieser Hieroglyphen ein Bild der ein und für allemal in das Kunstwerk eingebrachten Welt. Und ist das wissenschaftiche und kalte Erkennen der Wirklichkeit gleichsam ein Vorwärtsschreiten über die Stufen einer nie endenden Treppe, So erinnert das künstlerische Erkennen an ein unendliches System innerlich vollendeter, in sich geschlossener Sphären. Diese Sphären können einander ergänzen oder widersprechen, sich über unter keinerlei Umständen gegenseitig ersetzen.
Im Gegenteil, sie bereichern einander und bilden in ihrer Gesamtheit eine besondere übergreifende Sphäre, die ins Unendliche wächst. Diese poetischen Offenbarungen von in sich begründeter ewiger Gültigkeit legen Zeugnis davon ab, daß der Mensch zu erkennen und auszudrücken vermag, wessen Ebenbild er ist. Überdies besitzt die Kunst eine zutiefst kommunikative Funktion, da die zwischenmenschliche Verständigung einen der wichtigsten Aspekte des kreativen Endziels bildet. Anders als die Wissenschaft verfolgt ein Kunstwerk auch keinerlei praktischen Zweck von materieller Bedeutung. Die Kunst ist eine Metasprache, mit deren Hilfe die Menschen zueinander vorzustoßen versuchen, in der sie Mitteilungen über sich selbst machen und sich fremde Erfahrungen aneignen. Aber auch dies geschieht wieder keinesfalls eines praktischen Vorteils wegen, sondern um der Idee der Liebe willen, deren Sinn in einer dem Pragmatismus völlig entgegengesetzten Opferbereitschaft liegt. Ich kann einfach nicht glauben, daß ein Künstler imstande ist, nur aus Gründen seiner »Selbstverwirklichung« zu schaffen. Selbstverwirklichung ohne gegenseitiges Verstehen ist sinnlos. Selbstverwirklichung im Namen einer geistigen Verbindung mit den anderen ist etwas Quälendes, das keinen Nutzen bringt und letzten Endes große Opfer von einem fordert. Aber ist es denn schließlich nicht der Mühe wert, dem eigenen Echo zu lauschen? Aber vielleicht bringt die Intuition Kunst und Wissenschaft, diese auf den ersten Blick hin so widersprüchlichen Formen der Realitätsaneignung, einander näher. Zweifelsohne spielt die Intuition in beiden Fällen eine große Rolle, obwohl sie im poetischen Schaffen natürlich etwas ganz anderes als in der Wissenschaft ist. Ebenso bezeichnet der Begriff des Verstehens in beiden Sphären etwas völlig anderes. Verstehen im wissenschaftlichen Sinne bedeutet Einverständnis auf einer Ebene der Logik, der Vernunft; es ist ein intellektueller Akt, der der Beweisführung eines Theorems verwandt ist. Das Verstehen eines künstlerischen Bildes bedeutet dagegen die Rezeption des Kunstschönen auf emotionaler, zuweilen sogar auf einer »über«-emotionalen Basis. Die Intuition des Wissenschaftlers ist dagegen sogar dann lediglich ein Synonym logischer Entwicklung, wenn sie sich wie eine Erleuchtung, eine Eingebung ausnimmt. Und zwar deshalb, weil die logischen Varianten auf der Grundlage gegebener Informationen nicht noch einmal von Anfang an durchlaufen, sondern vielmehr als eine Selbstverständlichkeit, nicht etwa als eine neue Etappe wahrgenommen werden. Das heißt, der bewußte Sprung im logischen Denken basiert auf der Kenntnis der Gesetze eines jeweiligen wissenschaftlichen Gebietes. Mag es auch scheinen, als sei die wissenschaftliche Entdeckung eine Folge der Eingebung, so hat doch die Eingebung des Gelehrten nichts geniein mit der Eingebung des Dichters. Denn die Entstehung eines künstlerischen Bildes - eines einzigartigen, in sich geschlossenen Bildes, das auf einer anderen, nicht-intellektuellen Ebene geschaffen wurde und existiert kann nicht durch einen empirischen Erkenntnisprozeß mit Hilfe des Intellekts erklärt werden. Man muß sich einfach über den Terminus einigen. Wenn ein Künstler sein Bild schafft, dann bezwingt er immer auch sein eigenes Denken, das ein Nichts ist gegenüber einem emotional wahrgenommenen Bild von der Welt, das für ihn eine Offenbarung ist. Denn der Gedanke ist kurzlebig, das Bild aber ist absolut. Daher kann auch von einer Parallele zwischen dem Eindruck, den ein spirituell empfänglicher Mensch von einem Kunstwerk erhält, und einer rein religiösen Erfahrung gesprochen werden. Die Kunst wirkt vor allem auf die Seele des Menschen und formt seine geistige Struktur. Der Dichter ist ein Mensch mit der Vorstellungskraft und der Psychologie eines Kindes. Sein Eindruck von der Welt bleibt unvermittelt, von welch großen Weltideen er sich auch immer leiten läßt. Das heißt, er "beschreibt" die Welt nicht - die Welt ist sein. Unabdingbare Voraussetzung für die Rezeption eines Kunstwerks ist die Bereitschaft und die Möglichkeit, einem Künstler zu vertrauen, ihm zu glauben. Aber manchmal ist es schwierig, jenen Grad an Unverständnis zu überwinden, der uns von einem rein gefühlsmäßig zu erfassenden poetischen Bild trennt. Ebenso wie beim wahren Glauben an Gott setzt auch dieser Glaube eine besondere seelische Haltung, ein spezielles, rein geistiges Potential voraus. Hier kommt einem manchmal das Gespräch zwischen Stawogin und Schatow in Dostojewskijs »Dämonen« in den Sinn:
"Ich möchte nur erfahren, ob Sie selbst an Gott glauben oder nicht!" Nikolaj Wsewolodowitsch blickte ihn streng an. "Ich glaube an Rußland und seine Rechtgläubigkeit. ... Ich glaube an Christi Leib... Ich glaube, daß seine Wiederkunft in Rußland stattfinden wird ... Ich glaube", stammelte Schatow ganz außer sich. "Und an Gott? An Gott?". "Ich ... ich werde an Gott glauben".
Was ist dem noch hinzuzufügen? Auf geradezu geniale Weise wurde hier jener verwirrte Seelenzustand eingefangen, jene geistige Verarmung und Unzulänglichkeit, die immer mehr zum unverbrüchlichen Merkmal des modernen Menschen wird, den man als geistig impotent bezeichnen kann. Das Schöne bleibt dem Auge jener verborgen, die die Wahrheit nicht suchen. Gerade die Geistlosigkeit dessen, der Kunst aufnimmt und beurteilt, ohne bereit zu sein, über Sinn und Zweck ihrer Existenz nachzudenken, verführt häufig genug zur vulgär vereinfachten Formel »Das gefällt nicht!«, »Das ist uninteressant!« Das ist ein starkes Argument, aber es ist das Argument eines Blindgeborenen, der versucht, einen Regenbogen zu beschreiben. Er bleibt einfach jenem Leiden gegenüber taub, das ein Künstler durchmacht, um anderen die dadurch gewonnene Wahrheit mitzuteilen. Doch was ist Wahrheit? Eines der traurigsten Kennzeichen unserer Zeit ist meiner Meinung nach die Tatsache, daß der Durchschnittsmensch heute endgültig von all dem abgeschnitten wird, was mit einer Reflexion des Schönen und Ewigen zusammenhängt. Die auf den »Konsumenten« zugeschnittene moderne Massenkultur - eine Zivilisation der Prothesen - verkrüppelt die Seelen, verstellt dem Menschen immer häufiger den Weg zu den Grundfragen seiner Existenz, zu einer Bewußtwerdung seiner selbst als eines geistigen Wesens. Doch der Künstler kann und darf nicht taub bleiben gegenüber dem Ruf der Wahrheit, die einzig und allein seinen schöpferischen Willen zu bestimmen und zu disziplinieren vermag. Nur so gewinnt er die Fähigkeit, seinen Glauben auch anderen weiterzugeben. Ein Künstler ohne diesen Glauben ist wie ein Maler, der blind geboren wurde. Es wäre falsch zu sagen, ein Künstler »suche« sein Thema. Das Thema reift in ihm wie eine Frucht heran und drängt auf Gestaltung. Das ist wie mit einer Geburt. Der Dichter dagegen hat nichts, worauf er stolz sein könnte. Er ist nicht Herr der Lage, sondern deren Diener. Kreativität ist für ihn die einzige mögliche Existenzform, und jedes seiner Werke bedeutet einen Akt, den er freiwillig nicht verweigern kann. Das Gespür für die Notwendigkeit bestimmter folgerichtiger Schritte und derenGesetzmäßigkeit stellt sich nur dann ein, wenn der Glaube an ein Ideal vorhanden ist - nur der Glaube stützt das System der Bilder (das System des Lebens).
Der Sinn religiöser Wahrheit liegt in der Hoffnung. Die Philosophie sucht die Wahrheit, indem sie die Grenzen der menschlichen Vernunft, den Sinn menschlichen Handelns und der menschlichen Existenz bestimmt. (Dies gilt sogar, wenn ein Philosoph zu der Auffassung gelangt, das menschliche Sein und Handeln sei völlig sinnlos). Anders als häufig angenommen liegt die funktionale Bestimmung der Kunst nun aber eben nicht darin, Gedanken anzuregen, Ideen zu vermitteln oder als Beispiel zu dienen. Nein, das Ziel der Kunst besteht vielmehr darin, den Menschen auf seinen Tod vorzubereiten, ihn in seinem tiefsten Inneren betroffen zu machen. Begegnet der Mensch einem Meisterwerk, so beginnt er in sich jene Stimme zu vernehmen, die auch den Künstler inspirierte. Im Kontakt mit einem solchen Kunstwerk erfährt der Betrachter eine tiefe und reinigende Erschütterung. In jenem besonderen Spannungsfeld, das zwischen einem künstlerischen Meisterwerk und denjenigen, die es aufnehmen, entsteht, werden sich die Menschen der besten Seiten ihres Wesens bewußt, die nunmehr auf Freisetzung drängen. Wir erkennen und entdecken uns selbst in diesem Augenblick, in der Unerschöpflichkeit unserer Möglichkeiten, in der Tiefe unserer eigenen Gefühle.
Ein Meisterwerk - das ist ein in seiner absoluten Gültigkeit vollkommenes und vollendetes Urteil über die Realität, dessen Wert sich daran bemißt, wie umfassend es die menschliche Individualität im Zusammenspiel mit dem Geistigen auszudrücken vermag. Wie schwierig ist es, über ein großes Werk zu sprechen! Zweifellos existieren außer einem sehr allgemeinen Empfinden von Harmonie auch einige eindeutige Kriterien, die es uns ermöglichen, ein Meisterwerk in der Masse anderer Arbeiten auszumachen. Zudem ist der Wert eines Kunstwerkes in bezug auf seinen jeweiligen Rezipienten relativ. Gewöhnlich meint man, die Bedeutung eines Kunstwerkes an der Reaktion der Menschen auf dieses Werk messen zu können, an der Beziehung, die sich zwischen ihm und der Gesellschaft ergibt. Ganz allgemein gesehen ist das sicher richtig. Paradox ist nur, daß das Kunstwerk in diesem Falle dann völlig von seinem Rezipienten abhängt. Davon, ob dieser Mensch nun fähig oder unfähig ist, das herauszuspüren, was das Werk mit der Welt als Ganzem wie auch mit einer gegebenen menschlichen Individualität verbindet, die ein Resultat ihrer eigenen Beziehungen zur Wirklichkeit ist. Goethe hat unendlich recht, wenn er davon spricht, es sei ebenso schwer, ein gutes Buch zu lesen, wie es zu schreiben. Es kann einfach keinen Anspruch auf eine Objektivität des eigenen Urteils, der eigenen Einschätzung geben. Jede auch nur relativ objektive Möglichkeit eines Urteils ist bedingt von einer Vielfalt von Interpretationen. Und wenn ein Künstwerk in den Augen der Massen, der Mehrheit, hierarchische Wertigkeit hat, so ist das zumeist ein Ergebnis zufälliger Umstände, kommt beispielsweise daher, daß dieses Werk gerade Glück mit seinen Interpreten hatte. Andererseits sagen die ästhetischen Affinitäten eines Menschen bisweilen sehr viel mehr über ihn selbst als über das Kunstwerk an sich aus. Der Deuter eines Kunstwerks wendet sich in der Regel einem bestimmten Gebiet zu, um hier die eigene Position zu einer bestimmten Frage zu illustrieren, wobei er allerdings nur selten von einem emotional lebendigen unmittelbaren Kontakt mit dem Werk selbst ausgeht. Für eine solche reine Rezeption wäre nämlich auch eine außergewöhnliche Fähigkeit zu originellem, unabhängigem, sozusagen »unschuldigem« Urteil nötig, während der Mensch gewöhnlich im Kontext ihm bereits bekannter Beispiele und Phänomene nach Bestätigung der eigenen Meinung sucht und Kunstwerke daher häufig analog zu subjektiven Vorstellungen oder persönlichen Erfahrungen beurteilt. Andererseits gewinnt ein Kunstwerk durch die Vielfalt seiner Beurteilungen sicher auch ein wechselhaftes, mannigfaltiges Leben, wird hiervon reicher und erreicht so eine gewisse Existenzfülle.
"... Die Werke der großen Dichter wurden noch nicht von der Menschheit gelesen - nur die großen Dichter vermögen sie zu lesen. Die Massen jedoch lesen sie, als würden sie aus den Sternen lesen - im besten Falle wie Astrologen und nicht wie Astronomen.1922-1986 Der Mehrzahl der Leute bringt man das Lesen nur zu ihrer Bequemlichkeit bei, als würde man ihnen das Rechnen beibringen, damit sie ihre Ausgaben überprüfen können, um so nicht übervorteilt zu werden. Aber vom Lesen als edle geistige Übung haben sie fast keine Ahnung, und außerdem ist nur eines Lesen im höchsten Sinne des Wortes nämlich nicht das, was uns süß in den Schlaf wiegt, indem es unsere erhabensten Gefühle einschläfert, sondern das, dem man sich auf Zehenspitzen nähern muß, das, dem wir unsere besten Stunden des Wachseins widmen.« Das sagte Thoreau auf einer der Seiten seines großartigen "Walden". Das Schöne und Vollendete in der Kunst, das Meisterhafte sehe ich dort, wo sich weder im ideellen, noch im ästhetischen Sinn etwas herauslösen oder hervorheben läßt, ohne daß das Ganze darunter leidet, Schaden nimmt. An einem Meisterwerk kann man unmöglich einige seiner Komponenten anderen vorziehen. Man kann seinen Schöpfer bei der Formulierung seiner letztgültigen Ziele und Aufgaben nicht sozusagen »an die Hand nehmen«. So schrieb Ovid, Kunst bestehe darin, daß man sie nicht bemerke, und Engels meinte: »Je verborgener die Ansichten eines Autors, um so besser ist es für die Kunst«...
Ähnlich wie jeder natürliche Organismus lebt und entwickelt sich auch die Kunst im Kampf widerstreitender Elemente. Die Gegensätze fließen hier ineinander über, perpetuieren also die Idee gleichsam ins Unendliche. Die Idee, die ein Werk zur Kunst erhebt, verbirgt sich im Gleichgewicht, in der Ausgewogenheit der sie konstituierenden Widersprüche. Ein endgültiger "Sieg" über das Kunstwerk, eine eindeutige Klärung seines Sinnes und seiner Aufgaben ist folglich unmöglich. Aus diesem Grunde bemerkte Goethe, daß ein Kunstwerk um so höher stehe, je weniger es einer Beurteilung zugänglich sei. Ein Meisterwerk ist ein in sich geschlossener, weder unterkühlter noch überhitzter Raum. Das Schöne besteht in der Ausgewogenheit der Teile. Das Paradox liegt nun darin, daß diese Schöpfung um so weniger Assoziationen auslöst, je vollendeter sie ist. Das Vollendete ist etwas Einmaliges. Oder aber es ist in der Lage, eine gleichsam unendliche Menge von Assoziationen zu produzieren, was letzten Endes das gleiche ist. Wieviel Zufälliges findet sich in den Aussagen von Kunstwissenschaftlern zur Bedeutung eines Kunstwerkes oder den Vorzügen eines Werkes gegenüber anderen. In diesem Zusammenhang, natürlich ohne Anspruch auf ein objektives Urteil, möchte ich nur einige Beispiele aus der Geschichte der Malerei, vor allem der italienischen Renaissance, anführen. Wie viele Urteile gibt es hierüber, die mich nur befremden können! Wer schrieb eigentlich nicht über Raffael und seine »Sixtinische Madonna«? Man vertritt die Meinung, daß das Genie aus Urbino hier konsequent und vollendet die Idee des Menschen verkörperte, dessen Persönlichkeit jetzt gültig Gestalt gewann, der nun endlich die Welt und Gott in und um sich entdeckte, nach seinem jahrhundertelangen Kniefall vor dem mittelalterlichen Gott, auf den sein Blick bis dahin so starr gerichtet war, daß seine ethischen Kräfte nicht voll zur Entfaltung kommen konnten. Setzen wir zunächst einmal voraus, daß dem wirklich so ist. Denn in der Darstellung dieses Künstlers ist die Heilige Maria tatsächlich eine gewöhnliche Bürgersfrau, deren seelische Verfassung, wie sie auf der Leinwand erscheint, auf der Wahrheit des Lebens beruht. Sie ängstigt sich um das Schicksal ihres Sohnes, der den Menschen zum Opfer dargebracht wird. Auch wenn das zu deren Rettung geschieht, wenn er geopfert wird, um sie in ihrem Kampf gegen die Sünde zu entlasten. Alles das ist in der Tat hier sehr deutlich »eingeschrieben«. Meiner Meinung nach sogar zu deutlich, weil die Idee des Künstlers dabei leider zu vordergründig bleibt. Man wird bei diesem Maler unangenehm berührt vom Hang zum Süßlich-Allegorischen, der die gesamte Form beherrscht und in deren Dienst auch die rein malerischen Qualitäten des Bildes stehen. Der Künstler konzentriert hier seine Absicht auf die Klärung eines Gedankens, auf ein spekulatives Konzept seiner Arbeit und bezahlt dafür mit der Oberflächlichkeit und Blutleere seiner Malerei. Ich habe hier jenes Wollen, jene Energie und jenes Spannungsgesetz der Malerei im Auge, die mir unabdingbar scheinen. Ausgedrückt finde ich dieses Gesetz in der Malerei eines Zeitgenossen von Raffael, bei dem Venezianer Vittore Carpaccio.In seinem Werk bewältigt er all jene moralischen Probleme, vor denen die Menschen der Renaissance standen, die durch die auf sie einströmende »humane« Realität verblendet wurden. Und zwar geschieht das mit rein malerischen und eben nicht literarischen Mitteln, im Unterschied zur »Sixtinischen Madonna«, die ein wenig nach Predigt, nach Erbaulichkeit riecht. Bei Carpaccio werden die neuen Wechselbeziehungen zwischen Individualität und materieller Realität mutig und würdig zum Ausdruck gebracht.
Er verfällt nicht dem Extrem der Sentimentalität und vermag seine leidenschaftliche Parteilichkeit, seinen Enthusiasmus für den menschlichen Befreiungsprozeß zurückzuhalten. Im Jahre 1848 schrieb Gogol an Shukowskij:»... predigend zu belehren, ist nicht meine Sache. Kunst ist ohnedies schon Belehrung. Meine Sache ist es, in lebendigen Bildern zu sprechen, nicht etwa in Urteilen. Ich muß das Leben als solches gestalten und darf das Leben nicht etwa abhandeln.« Wie wahr das ist! Sonst zwingt der Künstler seine Gedanken dem Rezipienten auf. Wer aber sagt eigentlich, der Künstler sei klüger als derjenige, der da im Saal sitzt oder ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hält? Nur denkt der Dichter eben in Bildern und kann im Unterschied zu seinem Leser seine Weltsicht mit Hilfe dieser Bilder organisieren. Sollte es denn immer noch nicht klar sein, daß die Kunst niemandem etwas beizubringen vermag, wo der Menschheit doch in viertausend Jahren nichts beizubringen war?!
Wenn wir fähig wären, uns die Erfahrungen der Kunst, die in ihr zum Ausdruck gebrachten Ideale, tatsächlich anzueignen, so hätte uns das zweifellos längst zu besseren Menschen gemacht. Doch leider vermag die Kunst die menschliche Seele nur durch Erschütterung, durch Katharsis zum Guten zu befähigen. Es wäre absurd, annehmen zu wollen, der Mensch könne lernen, gut zu sein. Das geht nicht, wie man schließlich auch nicht von dem »positiven« Beispiel der Puschkinschen Heldin Tatjana lernen kann, eine »treue« Frau zu werden, obgleich dies im sowjetischen Literaturunterricht behauptet wird. Doch kehren wir noch einmal zurück in das Venedig der Renaissance. Die figurenreichen Kompositionen Carpaccios bereistem durch ihre märchenhafte Schönheit. Wenn man vor wiesen Bildern steht, dann überkommt einen das aufregende Gefühl der Verheißung: Man glaubt, das Unerklärliche werde einem nun erklärt.
Bislang blieb es mir unbegreiflich, was eigentlich jenes psychische Spannungsfeld heraufbeschwört, dessen Bann man sich einfach nicht befreien kann, weil einen diese Malerei fast bis zum Erschrecken erschüttert. Möglicherweise vergehen Stunden, bis man das Harmonieprinzip der Malerei Carpaccios zu erkennen beginnt. Doch hat man es endlich begriffen, dann bleibt man auch ein für allemal im Banne dieser Schönheit und des zuerst gewonnenen Eindrucks. Dabei ist dieses Harmonieprinzip letztlich ganz außerordentlich einfach und manifestiert im höchsten Sinne den humanen Geist der Renaissancekunst - meiner Ansicht nach sogar noch erheblich mehr als bei Raffael. Ich meine hier die Tatsache, daß den Mittelpunkt, das Zentrum der figurenreichen Kompositionen Carpaccios jede einzelne dieser Figuren bildet. Konzentriert man sich hier auf irgendeine dieser Gestalten, so erkennt man sofort mit überraschender Klarheit, daß alles übrige, also Milieu und Umfeld, lediglich ein Postament dieser »zufälligen« Figur ist. Der Kreis schließt sich, und der kontemplative Wille des Betrachters folgt unbewußt und beharrlich dem Strom der vom Künstler intendierten Logik der Gefühle, schweift von dem einen, sich in der Menge verlierenden Gesicht zum anderen. Ich bin weit davon entfernt, den Leser hier von meiner Sicht zweier großer Künstler überzeugen zu wollen, ihn dazu zu bringen, er solle Carpaccio gegenüber Raffael den Vorzug geben. Ich möchte lediglich sagen: Auch wenn jedwede Kunst letztlich tendenziös und schon der Stil nichts anderes als Tendenz ist, so kann diese Tendenz sich doch entweder in einer vielgestalten Tiefe der dargestellten Bilder verlieren oder aber bis zum Plakativen hin offensichtlich sein, wie das bei Raffaels »Sixtinischer Madonna« der Fall ist. Sogar Marx sprach davon, man müsse die Tendenz in der Kunst unbedingt verstecken, damit sie nicht wie eine Sprungfeder aus dem Sofa rage. Wenden wir uns nun zur Klärung meiner Position gegenüber dem schöpferischen Tun einem der mir besonders nahestehen den Filmkünstler zu - Luis Bunuel. In seinen Filmen stoßen wir immer wieder auf das Pathos des Nonkonformismus. Bunuels leidenschaftlicher, unversöhnlicher und unerbittlicher Protest kommt vor allem in der emotionalen Struktur seiner gerade auch emotional ansteckenden Filme zum Ausdruck. Das ist kein berechneter, ausgeklügelter, intellektuell formulierter Protest. Bunuel verfugt über genügend künstlerisches Gespür, um nicht in rein politisches Pathos zu verfallen, das meiner Meinung nach stets verlogen ist, wenn es in einem Kunstwerk unmittelbar zum Ausdruck kommt. Doch der in Bunuels Filmen enthaltene politische und soziale Protest würde noch allemal für viele Regisseure weit geringeren Panges ausreichen. Bunuel aber ist vor allem von poetischem Bewußtsein bestimmt. Er weiß, daß eine ästhetische Struktur keinerlei Deklarationen bedarf. Daß die Stärke der Kunst vielmehr in etwas ganz anderem liegt, in ihrer emotionalen Überzeugungskraft, das heißt in jener einmaligen Lebendigkeit, von der Gogol in dem zitierten Brief sprach. Bunuels Schaffen ist tief in der klassischen spanischen Kultur verwurzelt. Ohne leidenschaftlichen Bezug zu Cervantes und El Greco, zu Goya, Lorca und Picasso, zu Salvador Dali und zu Arrabal ist er einfach nicht denkbar. Deren Schaffen voller wütender und zärtlicher, voll spannungsgeladener und protestierender Leidenschaften entspringt sowohl tiefster Heimatliebe als auch einem sie stets beherrschenden Haß auflebensfeindliche Schablonen, auf ein herzloses und kaltes Ausquetschen der Gehirne. Aus ihrem Gesichtskreis verbannen sie, blind vor Haß und Verdacht, alles das, was ohne lebendigen Bezug zum Menschen, ohne göttlichen Funken und jenes gewohnte Leiden ist, das die steinige und glühendheiße spanische Erde jahrhundertelang in sich aufsog. Die Treue gegenüber ihrer gleichsam prophetischen Berufung machte diese Spanier groß. Nicht von ungefähr kommt es zu dem spannungsgeladenen, aufrührerischen Pathos der Landschaftsbilder von El Greco, zur inbrünstigen Bewegtheit seiner Figuren, zur Dynamik seiner übertriebenen Proportionen und einem leidenschaftlich kalten Kolorit, das eigentlich seiner Zeit fremd und den Bewunderern moderner Malerei sehr viel näher ist, das sogar die Legende von einem Astigmatismus dieses Künstlers aulbrachte, der dessen Neigung zur Deformation gegenständlicher und räumlicher Proportionen erklären könnte. Meiner Meinung nach wäre das allerdings eine allzu banale Erklärung dieses Phänomens. Bei 'Solaris!
Goya tritt zum Einzelkampf gegen die grausame Anämie der Königsherrschaft an und wagt den Aufstand gegen die Inquisition. Seine unheimlichen »Caprichos« werden zu Verkörperungen jener dunklen Kräfte, die ihn zwischen wütendem Haß und Lebensangst, zwischen giftigem Verdacht und don-quijotischem Geplänkel mit Unverstand und Dunkelmännertum hin- und herwerfen. Für das System des menschlichen Erkennens ist das Schicksal des Genies bemerkenswert und aufschlußreich. Diese gotterwählten Märtyrer, die um der Bewegung und Erneuerung willen zum Zerstören verurteilt sind, befinden sich im widersprüchlichen Zustand eines Schwankens zwischen dem Streben nach Glück und der Überzeugung, daß es dieses Glück als eine konkretisierbare Realität, als einen zu verwirklichenden Zustand überhaupt nicht geben kann. Denn Glück ist ein abstrakter, moralischer Begriff. Das reale Glück, das "glückliche Glück" dagegen liegt bekanntlich im Streben nach diesem Glück, das als Absolutum für den Menschen unerreichbar ist. Doch nehmen wir einmal an, daß dem Menschen das Glück zugänglich wäre, das Glück als Phänomen vollkommener menschlicher Willensfreiheit im weitesten Sinne des Wortes. In derselben Sekunde noch würde die Individualität des Menschen zugrunde gehen. Der Mensch würde einsam werden wie Beelzebub. Die Verbindung zur menschlichen Gesellschaft würde durchschnitten wie die Nabelschnur eines Neugeborenen, und so ginge denn folglich auch die Gesellschaft zugrunde. Schwerlich wird man das Glück ein selbsterworbenes Ideal nennen können, das man in der Tasche hat. Wie sagt doch der Dichter: »Auf Erden gibt's kein Glück, aber doch Frieden und Freiheit!« Man braucht nur einmal die Meisterwerke aufmerksam zu betrachten, sich von ihrer stärkenden und geheimnisvollen Kraft durchdringen lassen, dann geht einem deren vertracckter und zugleich heiliger Sinn auf. Wie Wahrzeichen einer katastrophalen Gefahr stehen sie auf dem Wege der Menschen und verkünden: »Vorsicht! Keinen Schritt weiter in dieser Richtung!« Die Dichter machen diese Gefahrenbarriere früher aus als ihre übrigen Zeitgenossen. Und je früher sie dieses tun, um so genialer sind sie. Deshalb bleiben sie oft auch so lange unverstanden, bis schließlich aus der Larve der Geschichte der Hegelsche Konflikt schlüpft. Und wenn es dann endlich zu diesem Konflikt kommt, dann errichten die erschütterten und gerührten Zeitgenossen dem ein Denkmal, der diese junge Entwicklungstendenz voller Kraft und Hoffnung bereits damals voraussagte, als er ihre siegreiche Vorwärtsentwicklung mit unmißverständlicher Klarheit symbolisierte. Dann wird der Künstler und Denker zum Ideologen, zum Apologeten der Moderne, zu einem Katalysator des vorausgesagten Wechsels. Die Größe und die Zweideutigkeit der Kunst besteht darin, daß sie sogar da nichts belegt, erklärt oder beantwortet, wo sie Warnschilder wie »Vorsicht, radioaktiv! Lebensgefahr!« aufstellt. Ihre Wirkung ist mit moralischen und ethischen Erschütterungen verknüpft. Wer nun ihren emotionalen Argumenten gegenüber gleichgültig bleibt, ihnen keinen Glauben schenkt, der riskiert es, sich eine Strahlenkrankheit zu holen - unbewußt, unmerklich für ihn selbst... Mit dem dummen Lächeln im friedlich breiten Gesicht eines Menschen, der davon überzeugt ist, daß die Erde eine Scheibe ist und auf drei Walfischen ruht. Man erinnert sich daran, wie Bunuel nach der Vorführung seines »Andalusischen Hundes« sich vor den Nachstellungen erzürnter Bürger verstecken mußte und sein Haus nur mit einem Revolver in der Gesäßtasche verlassen konnte. Das war nur der Anfang, doch er begann sogleich von allem Anfang an, gegen den Strich zu schreiben, wie man so schön sagt. Spießbürger, die den Kinematographen gerade als Zivilisationsgeschenk für ihre Unterhaltung zu akzeptieren begannen, erregten sich, waren entsetzt über die seelenaufwühlenden, verschreckenden Bilder und Symbole dieses nun in der Tat schwer erträglichen Films. Doch selbst hier, in diesem Film, blieb Bunuel noch Künstler genug, um mit seinem Zuschauer nicht in plakativer, sondern emotional aufwühlender Sprache zu reden. Mit erstaunlicher Treffsicherheit vermerkte Leo Tolstoi am 21. März 1885 in seinem Tagebuch: »Das Politische schließt das Künstlerische aus, da ersteres einseitig sein muß, um etwas erreichen zu können!« Natürlich ist dem so.
Das künstlerische Bild kann aber nicht einseitig sein: Um sich tatsächlich wahrhaftig nennen zu können, muß es die dialektische Widersprüchlichkeit der Erscheinungen in sich vereinen. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, daß sogar Kunstwissenschaftler nicht in der Lage sind, für die Ideenanalyse eines Werkes auch entsprechend taktvoll dessen poetische Bildhaftigkeit zu untersuchen. Aber ein Gedanke existiert nun einmal in der Kunst nicht außerhalb seines bildlichen Ausdrucks. Und das Bild wiederum ist eine willentlich bewußte Aneignung der Wirklichkeit durch den Künstler, der dabei entsprechend seinen eigenen Neigungen und seiner besonderen Weltanschauung verfahrt. Tolstois Roman »Krieg und Frieden« gab mir zum erstenmal  meine Mutter zu lesen, als ich noch ein Kind war. In den späteren Jahren zitierte sie dann recht häufig längere Passagen daraus, um meine Aufmerksamkeit auf bestimmte Feinheiten und Details der Tolstoischen Prosa zu lenken. Auf diese Weise wurde »Krieg und Frieden« für mich zu einer Art Kunstschule, zu einem Kriterium für Geschmack und künstlerische Tiefe. Danach vermochte ich einfach keine Makulatur mehr zu lesen, die in mir ein ausgesprochenes Ekelgefühl hervorruft. Mereshkowskij hielt in seinem Buch über Tolstoi und Dostojewskij jene Tolstoi-Passagen für mißlungen, wo der Held ganz unverblümt offen philosophiert, wo er verbal gleichsam letztgültige Ideen über das Leben formuliert. Nun bin ich sicher absolut damit einverstanden, daß die Idee in einem poetischen Werk nicht nur rein verstandesmäßig, spekulativ vorgetragen werden sollte. Mereshkowskijs Kritik scheint mir durchaus begründet. Dennoch beeinträchtigt das nicht meine Liebe für Tolstois »Krieg und Frieden«, es stört mich nicht einmal bei den »verfehlten« Passagen. Ein Genie manifestiert sich schließlich nicht in der absoluten Vollkommenheit eines Werkes, sondern in der absoluten Treue zu sich selbst, in der Konsequenz gegenüber der eigenen Leidenschaft. Leidenschaftliches Streben nach Wahrheit, nach Welt- und Selbsterkenntnis, verleiht sogar nicht sonderlich starken, ja selbst den sogenannten "mißlungenen Passagen" eines Werkes besondere Bedeutsamkeit. Ja, mehr noch: Ich kenne kein einziges Meisterwerk, das ohne bestimmte Schwächen, völlig frei von Unzulänglichkeiten wäre. Die ganz persönlichen Leidenschaften, die Genies hervorbringen, das Besessensein von einer individuellen Schaffensidee bedingt nämlich nicht nur deren Größe, sondern auch deren Versagen. Nur kann man denn das, was nicht organisch in die gesamte Weltsicht eingeht, tatsächlich als »Versagen« qualifizieren? Das Genie ist unfrei. Thomas Mann schrieb einmal sinngemäß: Frei ist nur das Gleichgültige. Das, was Charakter hat, ist nicht frei, sondern vom eigenen Stempel geprägt, bedingt und befangen.

... zum Start dieser Seite;

>>> Zur Heimseite >>>