Der Volkskundler Josef Klapper lehnt die Bezeichnung Vampir als wissenschaftlichen
Terminus ab, weil der sogenannte blutsaugende Wiedergänger bei den
einzelnen Völkern einen jeweils anderen Namen hat. Zum Beispiel nennen
einige Balkanvölker den Vampir vukodlak, was mit Wolfspelz bzw. Werwolf
zu übersetzen ist. Ein Werwolf ist aber kein Blutsauger. Für
Tote, die aus dem Grabe kommen, um Lebenden das Blut auszusaugen, wählt
Klapper deshalb die verallgemeinernde Bezeichnung »schädigende
Tote«. Eine eindeutige etymologische Herkunft
des Wortes Vampir gibt es nicht. Miklosis belegt im »Wörterbuch
für slawische Sprachen« die türkische Herkunft: Das nordtürkische
Wort über entspricht dem Serbischen vamfir. Die Endsilbe pir (per)
heißt fliegen. Ein Vampir wäre demnach ein Nichtflieger. Die
türkische Herkunft des Vampirismus auf dem Balkan wird in vielen Berichten
angeführt, auch in Märchen und Sagen gibt
es entsprechende Hinweise. Josef Klapper entscheidet sich für die
Ableitung von Vampir aus dem Polnischen; Das Verb Hpierzyc heißt
"mit Federn versehen" und upior bedeutet "geflügeltes Gespenst".
Als Heimat des Vampirs gibt Klapper Bulgarien an, die bulgarische
Form des Vampirismus leitet er aus dem Glauben an allgemein
schädigende Tote in Schlesien und Polen ab, der bereits wesentliche
Züge des Vampirglaubens enthält. Oft wird auch die Auffassung
vertreten, das Wort Vampir bedeute Blutsauger. In seinem Traktat "Von
dem Kauen und Schmätzen der Todten in Gräbern" hat schon Michael
Ranft gegen diese unhaltbare etymologische Erklärung polemisiert:
"Alleine wenn er", hält er Joh. Chr. Harenberg entgegen,
"die Etymologie des Worts Vampir aus der Griechischen und Deutschen
Sprache herleiten will und behauptet, vam sey so viel als alua, das Blut,
und piren so viel, als begierig seyn, so kommt mirs eben so für, als
wenn ich mit einigen heutigen Wortforschern das Wort Europa aus dem Französischen
auf rompu, ein zerbrochenes Ey, herleiten wolte, weil die Alten die Weltkugel
vor ein Ey gehalten, das durch die Sündfluth
zerbrochen worden: da nun die Oberfläche der Erd-KugeI gleichsam voneinander
gerissen worden, habe man gesagt, es habe das Ey Ritze oder
Risse bekommen, weßwegen auch im Hebräischen die Erde
Erez heisse."
Die Lamien gelten als Vorläufer der Vampire. Besonders
Stählin (in seinem Artikel in der "Real-Encyclopädie der Classischen
Altertumswissenschaft") versteht die Lamien als griechische Ausprägung
allgemein verbreiteter Vampirvorstellungen. Sie sind im griechischen Volksglauben
gespenstige Frauen, die durch allerlei Blendwerk Kinder, vorzugsweise schöne
Jünglinge anlocken, ihnen das Blut aussaugen und ihr Fleisch genießen.
Etymologisch und zum Teil auch sachlich sind die Lamien den Lemuren verwandt.
»Aus Seelenvorstellungen und Alpträumen ist weithin über
die Erde der Glaube an einen Geist erwachsen, der durch Aussaugen des Blutes
und Auffressen des Herzens den Menschen die Lebenskraft nimmt und dadurch
langes Siechtum und Tod herbeiführt« (Stählin). Schon einzelne
Motive der Sage von Lamia, jener Geliebten des Zeus, die durch die eifersüchtige
Hera dem Wahnsinn verfiel, ihre Kinder tötete und vor Kummer häßlich
wurde und schließlich in schlaflosen Nächten anderen Müttern
die Kinder raubte, weisen deutlich genug auf den alten Vampirglauben hin.
In seinem Buch "The vampire, with kith and kin"
hat Montague Summers Belege für den Glauben an vampirartige Wesen
bei fast allen Völkern zusammengetragen: Die indischen Veden kennen
blutgierige, faunartige Buhlgeister, Gandharven, die die Frauen im Schlafe
heimsuchen. Diesen ähnlich sind die Pisächas, über die wir
in der "Indischen Bibliothek" von A. W. Schlegel lesen können;
"Sie sind feindselige Wesen, lüstern nach Fleisch und Blut lebendiger
Kreaturen und büßen ihre grausame Lust an Weibern im Zustande des Schlafs,
der Trunkenheit und des Wahnsinns."
In den Balkanländern wird meistens der Werwolf mit dem Vampir verwechselt.
Dort gebraucht man das Wort vukodlak (serbisch = Wolfspelz) oder brukolak (griechisch = Wolfspelz)
für den Vampir. In Danziger Sagen wird berichtet, daß Menschen,
die im Leben Werwölfe gewesen sind, nach dem Tode dazu bestimmt sind.
Wiedergänger zu werden. Deshalb pflegte man ihre Leichen vorsichtshalber
zu verbrennen. Ähnliche Vorkehrungen sind auch in weißrussischen
und kassubischen Sagen erwähnt. Ein Werwolf saugt kein
Blut, sondern fällt Menschen an, zerreißt sie und frißt
ihr Fleisch. Es ist ein Lebender, der Wolfsgestalt annimmt und sich immer
wieder zurückverwandelt. So kann ein Mann etwa ein Doppelleben führen
als harmloser Hirte und reißender Wolf. In der
Normandie kannte man den Werwolf auch als verwandelte Leiche eines Verstorbenen,
der Sarg und Grabhügel durchbricht, um umherzuschweifen. Man vernahm
Klagetöne aus der Erde und sah Höllenflammen aus Gräbern
auflodern, man öffnete sie, und der Pfarrer schnitt die Köpfe
der Leichen ab. So soll auch Johann ohne Land nach dem Tode als Werwolf
umgegangen sein. Mönche von Worcester, heißt es in Boquets »La
Normandie Romanesque et Merveilleuse«, sollen seinen Leib ausgegraben
haben, um ihn in ungeweihte Erde zu legen: "Ainsi se trouva completement
realise le funeste presage attache ä son surnom de
Sans-Terre, puisqu'il perdit de son vivant presque tous les domaines soumis
a sä suzerainete, et que, mene apres sa mort, il ne put conserver
la paisible possession de son tombeau."
In Märchen treten die Vampire meistens als Brautwerber auf.
Sie fressen Menschenfleisch und saugen nur selten Blut. Sehr deutlich werden gerade
in den Märchen die Zusammenhänge mit den Werwolfgeschichten und der Lenorensage.
Der Schluß der Märchen entfernt sich fast immer vom eigentlichen
Vampirstoff. Folgende Märchentypen (nach Aarne-Thompson) kommen für
Vampirmärchen in Betracht:
Der Vampir
Ein Bursche macht der Bauerstochter Marussja einen Heiratsantrag.
Sie folgt heimlich dem Freier, um zu wissen, wo er wohnt. Sie sieht ihn
leichenfressend in einer Kirche. Dem Freier gegenüber leugnet sie,
daß sie ihn beobachtet hat. Sie vertraut sich dem Vater und später
auch der Mutter an. Es war aber der Vampir, der sich in Gestalt des Vaters
und der Mutter näherte. Die wirklichen Eltern sterben. Marussja
geht zur Ahne. Die gibt ihr den Rat, zum Popen zu gehen und
unter der Schwelle ihrer Tür eine Grube zu graben, damit
im Falle ihres Todes ihre Leiche nicht durch die Tür, sondern unter
der Schwelle hinausgetragen werden kann. Außerdem soll sie sich an
einem Kreuzweg begraben lassen. Marussja führt die Ratschläge
aus und stirbt wenig später. Sie wird am Kreuzweg beigesetzt. Von
ihrem Grab pflückt eines Tages ein Bojarensohn eine Blume. In der
Nacht er scheint ihm diese Blume als Mädchen. Der Mann ist von ihrer
Schönheit hingerissen und heiratet sie. Das Mädchen stellt die
Bedingung, daß nicht kirchlich geheiratet wird, denn sie möchte
keine Kirche betreten. Eines Tages muß sie doch ins Gotteshaus. Der Teufel
(der Bursche war der Teufel!) sitzt im Fenster und veranlaßt, daß Mann und
Sohn sterben. Marussja eilt wieder zur Großmutter. Die gibt ihr ein Gläschen
Weihwasser, das die Bauerstochter dem Teufelsburschen ins Gesicht schüttet.
Er zerfällt in Staub. Mit Lebenswasser macht Marussja Mann und Sohn
dann wieder lebendig.Quelle: A. N. Afanasnev, Narodnye russkie skazki,
3. Aufl. Band 2, Nr 206: Upyrj. Moskau 1897.
"Der Vampir"
Das Mädchen Riza hat einen Liebhaber, der sie immer
beim Hahnenschrei verläßt. Sie entdeckt, daß er ein Vampir
ist: »Da sprang in aller Frühe das Mädchen auf und machte
sich zurecht, nahm den Zwirn und ging der Spur des Fadens nach.
Da sah es seinen Geliebten in einer Grube, wo er unten zusammengekauert lag.«
Der Vampir tötet Rizas Mutter, dann den Vater, schließlich auch
Riza. Sie hatte vorsorglich ihren Dienern befohlen, ihre Leiche nicht durch
die Tür zu tragen und sie unter einem Apfelbaum zu begraben. Auf dem
Grab wächst eine Blume, der Kaisersohn nimmt sie mit und Stellt sie
in einem Becher an das Kopfende seines Bettes. Nachts verwandelt sich die
Blume in ein Mädchen. Der Prinz schläft aber. Er wird krank.
Seine Eltern sehen das Mädchen und wecken den
Knaben. Beide schlafen zusammen. Schließlich heiraten sie. Der Vampir
meldet sich wieder. Er holt erst den Sohn, dann den Gatten Rizas. Sie sagt
am Ende den entscheidenden Satz zum Vampir: »Gebe Gott, daß
du verrecktest.« Der Vampir stirbt. »In aller Frühe stand
Riza auf und sah auf der Tenne Blut, so viel wie zwei Hände voll.
Da befahl Riza ihrem Schwiegervater, daß er ihm so schnell wie möglich
das Herz herausreiße. Als das ihr Schwiegervater, der Kaiser, hörte,
überlegte er nicht lange und nahm das Herz heraus und legte es in
Rizas Hände. Sie aber ging zum Grabe ihres Kindes und erweckte das
Kind. Sie legte das Herz auf das Grab hin, und das Kind stand auf. Dann
begab sich Riza zu ihrem Vater und zu ihrer Mutter und rieb sie mit jenem
Blute ein, und siehe da, sie erhoben sich. Als Riza das sah,
erzählte sie alles, was ihr widerfahren, und was ihr durch die Hand des Vampirs
geschehen war.«
Quelle: Zigeunermärchen, Nr. 15. Jena 1926.
"Der rote Kaiser und der Vampir"
Der rote Kaiser hat drei Söhne und eine Tochter.
Seine Speisen im Schrank werden von einem unbekannten Täter in der
Nacht aufgegessen. Die drei Söhne bieten sich nacheinander als Aufpasser
an. Die beiden ersten können nichts wahrnehmen. Sie schlafen fest,
während der Vampir die Speisen aufißt: »Da erhob sich
seine Schwester, die zum Vampir geworden war und wickelte sich aus den
Hüllen, die sie umgaben. Sie überschlug sich, und da wurden
ihre Zähne wie Schaufeln und ihre Nägel wie Sicheln. Sie ging
an den Schrank, schloß ihn auf und aß, was sie nur fand.«
Die Schwester ist noch ein kleines Kind. Der jüngste Sohn entdeckt
es. Er zieht in die Welt, um den Platz zu suchen, wo man kein Alter und
keinen Tod kennt. Dadurch überlebt er alle. Schließlich kehrt
der Sohn zurück. Er findet nichts mehr von den Verwandten, aber entdeckt
schließlich die Schwester: »Seine Schwester, die ein Vampir
war, sah ihn und schrie: "Seit langem erwarte ich
dich, du Hund!" und stürzte auf ihn los, um ihn zu fressen. Da schlug
er schnell ein Kreuz und sie verschwand.« Der Sohn stirbt an der
Stelle, wo er sein Geld vergraben hatte. Dort warten auf ihn Alter und
Tod.
Quelle: Zigeunermärchen, Nr. 28. Jena 1926.
"Das Mädchen und der Vampir"
»Es war einmal eine Frau, die war sehr arm; nicht
weit von da gab es einen Vampir.« Der Vampir kommt als Freier und
bittet um die Hand ihrer ältesten Tochter. Auch für die beiden
jüngeren Tochter verspricht er einen Bewerber zu finden. Er führt
das Mädchen zum Friedhof. Dort ist die Höhle des Vampirs, in
der an Haken Menschenfleisch hängt. Da sich das Mädchen weigert,
davon zu essen, bringt er es um und schneidet es in
Stücke. Dem Vampir gelingt es, auch die zweite Tochter zu beseitigen,
er lockt sie ins unterirdische Verlies, indem er vorgibt, ihre Schwester
sei erkrankt. Auch die dritte Tochter der armen Frau lockt er in seine
Höhle. Mit Entsetzen sieht sie hier die Leichenstücke ihrer beiden
Schwestern. Sie fleht zu Gott, sie aus den Händen des Vampirs zu befreien.
Es gelingt. Der weitere Verlauf des Märchens hat nichts
mehr mit dem Vampirston" zu tun. Das Mädchen wird schließlich
Gattin des Zarensohnes. (Der Vampir dieses Märchens, das aus Albanien
stammt, ist Fleischfresser, kein Blutsauger.)
"Der Fremde"
Ein Muschik wird eines Nachts von einem Fremden nach
einem Hause geführt, in dem zwei Schlafende ruhen, ein Greis und ein
Jüngling. Der Fremde nimmt einen Eimer und stellt ihn neben den Jüngling
und klopft ihm auf den Rücken, der sich sofort öffnet, und heraus
strömt das rote Blut. Der Fremde füllt den Eimer voll und trinkt
ihn aus, dann füllt er einen weiteren Eimer mit dem Blut des Greises,
stillt seinen gierigen Durst und sagt dann zum Muschik; »Es will
grauen, laßt uns zu meiner Behausung zurückkehren.«
Quelle: Adolf Bastian, Der Mensch in der Geschichte.
Leipzig 1860.
Vampirismus in England und Deutschland
Ende des 12. Jahrhunderts gibt es mehrere Belege für
vampirisches Wiedergängertum in England. Felix Liebrecht schreibt
in seinem Aufsatz über die »Nugae Curalium« in den Anmerkungen
zu Kapitel 27 der »Distinctiones« des Gualterus Map: »Ein
Waliser, der zur Zeit von Map in einem Dorfe der Grafschaft Hereford verstorben
war, kehrte vier Tage nach seinem Tode allnächtlich zurück und
rief einzelne Bewohner mit Namen, die dann erkrankten und nach drei Tagen
starben. Der Bischof von Hereford sagte zu dem ihn um Rat und Hilfe angehenden
Herrn des Dorfes, Wilhelm Laundun: "Potestatem forsitan dedit Dominus angelo
illius perdito malo, ut in corpore illo mortuo se exagitet. Attamen effodlatur
corpus illud et collo reciso fossorio conspergatur ipsum et fossa magna
aqua benedicta et reponatur."
Dies geschieht,es hilft jedoch nichts; das Dorf verödet mehr
und mehr, und endlichwird der Gutsherr selbst von dem Todten gerufen. Dieser
indess springt unerschrocken aus dem Hause, verfolgt letzteren mit entblößtem
Schwert bis zum Grabe und spaltet dem bereits Hineinsinkenden den Kopf
bis zum Genick, worauf er nicht mehr wiederkehrt und auch Laundun keine
weiteren schlimmen Folgen empfindet.« (Map war Erzdiakon von Oxford,
seine Ernennung erfolgte 1196. Seine fünf Bücher nannte er "Distinctiones" -
das Material ist um 1180 gesammelt.) In Deutschland begegnen uns um 1337
viele Fälle von wiederkehrenden Toten, die den Lebenden Schrecken
eingejagt haben sollen. Wer von Wiedergängern mit seinem Namen angesprochen
wurde, soll acht Tage danach gestorben sein.
Sehr bekannt ist der Falldes Hirten Myßlata in dem böhmischen Dorf
Blow bei Cadan geworden: "Solches Übel zu dämpfen, kamen die Nachbarn desselben
Dorffs so wohl, als auch aus den umliegenden Dörffern zusammen, beriethen sich,
hiessen ihn ausgraben, und ihm einen eichenen Pfahl durch den Leib schlagen: Dessen er
aber nur gelacht (oder vielmehr sein Gespenst; denn ihm selbsten wird in der Höllen
nicht viel Lachens zu muthe mehr gewesen seyn) und gesprochen: Ihr meynet, ihr habt mir
einen gewaltigen Possen gerissen, allein ihr habt mir nur einen Stecken gegeben,
damit ich mich desto besser der Hunde erwehren kan; und gieng folgendes
dieselbige Nacht herum, und bethörte die Leute vielmehr als zuvor."
Erst nach der Verbrennung der Leiche auf einem Scheiterhaufen hörte
das vampirische Tun des Hirten auf. Wie ein Ochse soll die Leiche beim
Verbrennen gebrüllt haben.
Um 1349 soll das Weib des Töpfers Düchacz in
Levin ihr Unwesen als Nachzehrer getrieben haben. Im Leben war sie eine
Zauberin. Es heißt, daß sie in Tiergestalt nach ihrem Tod umherging,
die Hirten erschreckte und ihr Vieh verjagte. Da zu dieser Zeit auffällig
viele Menschen starben, wurde ihre Leiche gepfählt. Es soll ihr gelungen
sein, den Pfahl wieder aus ihrem Herzen zu reißen, und an der Verbrennungsstätte
will man später einen Wirbelwind gesehen haben. In Schlesien war lange
Zeit der Glaube an Nachzehrer lebendig. Angeblich hörte man das Kauen
und Schmatzen der Toten in ihren Gräbern. Der sogenannte "einfache Nachzehrer"
frißt nämlich seine Leichentücher und manchmal auch Teile seines
Körpers. Erst als Wiedergänger nimmt er, wie der Vampir auf dem Balkan,
seine unheilvolle Tätigkeit auf.
Um 1600 erschienen einige Schriften, die die Vorgänge diskutierten:
Das Wiedergängertum wird von den Verfassern als Teufelswerk abgetan.
Es handelt sich dabei um in kirchlichem Auftrag
Im Gegensatz zum Vampir saugt der Nachzehrer den Lebenden
nicht das Blut aus. Nachzehrer nennt man auch Gierrach, Gierhals, Totenküsser
und Dodeleker. Er verschlingt unter heftigem Schmatzen im Grab seine Laken
und Teile des eigenen Fleisches und zieht durch eine bloß sympathetische
Wirkung seine Opfer nach. Im Grab ist stellvertretend das Tuch, das er
verzehrt, das Opfer. Diejenigen, die nachgezogen werden, müssen in
engerer Verbindung zu dem Verstorbenen gestanden haben. Weit häufiger
tritt der Nachzehrer nur als Plagegeist in Erscheinung. Überliefert
sind die Geschichten von aufhockenden, würgenden und plagenden Toten.
Viele dieser Wiedergänger begnügen sich damit, das Vieh in den
Ställen zu quälen und Speisen zu vertilgen. Daneben gibt es noch
ganz harmlose, bloß lärmende Tote, die keine schädigende
Wirkung entfalten.
Das älteste Zeugnis von Nachzehrern in Schlesien stammt
aus dem Jahr 1517 und berichtet von dem Sterben zu Gross Mochbar. Bei der Ausgrabung
wurden die Leichen in unverwestem Zustand vorgefunden. Das rätselhafte Sterben
ereignete sich während einer Pestepidemie, und die endgültige Vernichtung der
als Nachzehrer Verdächtigten erfolgte auf dem Scheiterhaufen.
Das erste Opfer einer Pestepidemiewurde meistens als Nachzehrer
beschuldigt: "Der erste, der an einer Seuche starb, sitzt aufrecht im Grabe und verzehrt
sein Laken, und die Seuche dauert, bis er es ganz verzehrt hat, wenn man ihn nicht
zuvor ausgräbt und ihm mit einem Spaten den Kopf absticht".
(Tettau-Temme, Die Volkssagen Ostpreußens).
Auch in Hessen und Schmalkalden wurde vom Kauen und Schmatzen
der Toten in Gräbern berichtet. Diese Geräusche
galten allgemein als Zeichen für die Tätigkeit eines Nachzehrers:
"So hörte man in Heisa im Jahr 1558 eine Haustochter, die überaus
geizig gewesen, in ihrem Grabe fortwährend schmatzen, 'wie ein grober
Mensch oder eine Sau zu thun pflegt', und als man sie aufgegraben, hatte
sie das Kleid weit umher aufgefressen. Da wurde ihr der Kopf abgestochen,
und das Fressen und Sterben hatte ein Ende". (Lyncker, Deutsche Sagen
und Sitten).
Ein Schuster, der Selbstmord verübte, ging nach seinem Tod um, an
seinen Opfern fanden sich Würgemale und Flecken. Er wurde am 22. September
1591 bestattet, bei der Ausgrabung der Leiche am 18. April 1592 fand man
sie unverwest im Grab vor. An einer ungeweihten Stätte wurde der Schuster
ein zweites Mal begraben, dennoch trieb dieser Wiedergänger weiter
sein Unwesen. Am 7. Mai entschloß man sich zur endgültigen Vernichtung
der Leiche. Die zweite Geschichte ereignete sich in Behmisch bei Jägerndorf
an der schlesisch-österreichischen Grenze. Ein Johann Kuntze wurde
von einem Pferd geschlagen. Sein Sohn sah des Nachts eine Katze über
sein Gesicht springen, hielt diesen Vorfall aber geheim. Der Alte starb.
Nach drei Tagen kehrte er als Gespenst wieder und raubte und würgte
seine Kinder. An seinem Grab fand man Mauselöcher, am Altartuch Blutflecke.
Vom 8. Februar bis zum 20. August lag die Leiche in der Erde.
Bei der Ausgrabung fand man sie ohne Zeichen von Verwesung und verbrannte
sie deshalb.
Die Frankensteiner Chronik berichtet von einem Ungetüm in Neustadt,
das 1605 die Leute plagte und sogareinen Mann namens Zadelmüller umgebracht haben soll.
Gegen sogenannte "plagende Tote" fanden 1612 in Jauer und 1614 in Giersdorf
Prozesse statt. Erst viel später datierte Berichte belegen dann auch
den offensichtlich blutsaugenden Nachzehrer. Inzwischen hatten sich allerdings
die serbischen und ungarischen Fälle ereignet, die auch in Deutschland
sehr bekannt geworden sind. Um 1740 starben in der Familie 'Wollschläger
in Westpreußen mehrere Mitglieder kurz nacheinander. Der Erstgeborene
wurde daraufhin für einen Blutsauger gehalten, und der Familienrat
beschloß, der Leiche des Verstorbenen den Kopf abzuschlagen. Ein
Neffe nahm die Prozedur vor, fing das Blut der unverwesten Leiche in einem
Becher auf, und die Familie trank die rote Flüssigkeit als Immunisierungsmittel.
Ranft spricht
Zahlreiche derartige Fälle sind im 18.und 19. Jahrhundert
belegt. Noch Ende des vorigen Jahrhunderts fanden in Preußen mehrere
"Vampirprozesse" statt gegen Menschen, die aus Furcht vor Vampiren
Gräber öffneten und Leichen pfählten oder ihnen die Köpfe
abschlugen. Otto Steiner erwähnt in seinem Buch "Vampirleichen" die Prozesse
gegen die Familien Gehrke und Poblodd. Sie endeten schließlich
laut Urteil eines Appellationsgerichtes in beiden Fällen mit Freispruch.
Den Angeklagten wurde zugebilligt, daß sie in gutem
Glauben gehandelt hätten. Aus einer Zeitungsnotizvon
1913 geht hervor, daß in Sensburg zur Steuerung der Sterblichkeit
in einer Familie, die neun Angehörige innerhalb kurzer Zeit verloren
hatte, eine Leiche enthauptet wurde, der das vampirhafte Treiben unmöglich
gemacht werden sollte.
Die Vampire von Kisolova und Medvegia
In den Balkanländern finden sich keine Hinwelse
auf das bloße Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern. Hier
kehrten die Toten wieder, um den Lebenden das Blut auszusaugen. Große
Berühmtheit erlangten die Vampirberichte aus Ungarn und Serbien. Im
Mittelpunkt des Interesses Standen der Fall des Peter Plogosovitz 1725
in Kisolova und der Fall des Arnod Paole 1732 in Medvegia. Die beiden Männer
hielt man auf Grund mehrerer Zeugenaussagen für die Urheber von Vampirplagen.
Grabuntersuchungen in Gegenwart von Feldscherern sind durch Akten belegt.
Die des Vampirismus Verdächtigten wurden gepfählt oder verbrannt.
Grabfunde zeugen noch heute von diesen Bräuchen. Die amtlich bestätigten
Zeugenaussagen lösten eine breite Diskussion des Phänomens in
vielen europäischen Ländern aus. Die Dokumente sagen aus, daß
Verstorbene bis zu neunzig Tagen unverwest im Grabe gelegen haben und ihr
Blut noch frisch gewesen sei, als man sie fand. Diese
sensationellen und aufregenden Berichte beschäftigten die Mediziner
und Theologen des 18. Jahrhunderts. Auch von der Preußischen Sozietät
der Wissenschaften wurde ein Gutachten verlangt. Bereits 1728 erschien
die erste Auflage eines Buches "Über das Kauen und Schmatzen der Todten in
Gräbern" von Michael Ranft, das noch heute zu den Standardwerken über
Vampirismus zählen dürfte, allerdings in seiner um viele Kapitel erweiterten
Neuauflage von 1734, die zusätzlich alle im Jahre 1732 erschienenen Schriften
über Vampire ausführlich zitiert und behandelt. Mit Recht beklagt sich
der Autor, daß er von den meisten Kollegen nur plagiiert worden sei.
Keine der elf Schriften, keiner der Beiträge in Zeitschriften und
Jahrbüchern gibt einen so gründlichen historischen Bericht wie
die Arbeit von Ranft. Er selbst hatte sich hauptsächlich auf die Bücher
von Philippus Rohr und des Jesuitenpaters Gabriel Rzaczynsky stützen
können, sowie auf die kleine "Magia posthuma" von Karl Ferdinand von Schertz.
Ranfts Traktat liefert mehr "Aufklärung",
weil er den Dokumenten einen ernstzunehmenden Wahrheitsgehalt beimißt.
Er wehrt sich gegen die simple Aufteilung von Geistererscheinungen
in Gottes- und Teufelswerk und zählt die Vorfälle mehr zu den
verborgenen Wirkungen der Natur. Erst am Schluß lenkt er ein und
schließt sich gezwungenermaßen dem geltenden christlichen Standpunkt
an, um nicht des Spinozismus verdächtigt zu werden: Auch in der Diskussion
um den Vampirismus spiegeln sich die philosophischen Auseinandersetzungen
der Zeit. Ranft zieht Verbindungen zu Alp-Vorstellungen
und macht Sinnestäuschungen für den Glauben an Vampire verantwortlich.
Eine besonders lebhafte Einbildungskraft stärke Phantasie und Imagination.
Das Kauen und Schmatzen erklärt er durch Tiereinflüsse an Gräbern,
die unzulänglich abgedeckt worden sind. Seine Hinweise auf besondere
Erde und chemische Vorgänge, die den Verwesungsprozeß aufschieben
können, werden inzwischen von der Gerichtsmedizin anerkannt und bestätigt.
Bei Ranft findet sich auch der ausdrückliche Hinweis auf die Pest,
die fast immer die Ursache für die ungewöhnlich hohe Zahl von
Todesfällen in einem Dorf ist.
Als ein Zusammenwirken von Krankheit und verderbter Phantasie erkennen
und interpretieren die Vorfälle die Gelehrten Vogt, Pritsche, Pohl und Harenberg.
Andere glauben zwar nicht an Vampire, vermuten aber doch einen Dämon oder
Teufel hinter den Erscheinungen, und mehr kurios ist die Erklärung des Vampirismus
durch das Wirken des Weltgeistes, die der Verfasser des Anhangs der sogenannten "Actenmäßigen
Relation" gibt. Die Theologen erörtern vorrangig die Frage, ob nun die Seele
oder der abgeschiedene Leib eines Menschen als Vampir tätig wird.
Ranft geht auch auf dieses Problem ein und macht einen Unterschied zwischen dem Tod der Seele
und dem Tod des Körpers nach der Verwesung. Während die Seele den Körper
längst verlassen hat, das menschliche Wesen also tot ist, kann der Körper noch
weiterleben. Durch besondere Umstände der Natur wird der Verfall des Körpers
verzögert: »daß denen menschlichen Cörpern bißweilen
noch nach dem Tod einiges Frisch-seyn des Fleisches beywohnen könne". Die "wilden Zeichen",
die der Augenzeuge der Ausgrabungen von Kisolova schamhaft erwähnt, wundern Ranft überhaupt
nicht; "Wer nun mit starrem Gliede stirbt, der behält auch im Tode ein starrendes
Glied. Es ist dies längst durch die Erfahrung bestätiget". Bei Ranft finden wir
auch einen Hinweis auf magische Wirkungen des Körpers und sympathetische Krankheiten
und Ausstrahlungen.
An dieser Stelle setzt Görres hundert Jahre später
mit seiner pseudo-naturwissenschaftlichen, neomystischen Deutung an. Er
konstatiert ein vegetatives Sonderdasein des Vampirs, des in der Erde liegenden,
zwar entseelten, aber dennoch lebenden Körpers. Görres sieht
im Vampirismus ein vitales Wechselspiel magischer Beziehungen zwischen
Lebenden und Toten. Vampirismus beinhalte die Existenz von vampirisierten
Töten und lebenden Vampirisierten: »Am Obergange des organischen
Lebensgebietes in die physischen der äußeren
Natur, liegt das des Todes und der Verwesung, in der das Leibliche, von
der einwohnenden wahrenden Lebenskraft verlassen, der Naturgesammtheit,
der es heimgefallen, sich wieder angeeignet findet. Gibt es nun Stimmungen,
in denen das Metall oder Wasser, obgleich in den Tiefen der Erde
beschlossen, doch aus der Ferne in die Wirkungssphäre des Menschen,
wie er in die Seine eintritt; dann wird es auch denkbar seyn, daß
ein ähnliches Wechselverhältniß zwischen ihm, während er im
Leben weilt, mit schon Hingegangenen, die noch als Leiche im Grabe ruhen, wenn unter
besondern Umständen mit ihm in Rapport gekommen, eintreten könne; und in
einem solchen Verhältnisse wird dann das, was man gemeinhin mit dem
Namen Vampyrism zu bezeichnen pflegt, seine natürliche Erklärung
finden.«
Dem Verfasser der 1840 erschienenen "Christlichen Mystik" wurde damals vorgeworfen,
den Vampirglauben neu beschworen zu haben. Deshalb betonen ähnlich wie Görres
argumentierende Zeitgenossen, daß die von Vampiren heimgesuchten Lebenden sich nur
angefallen wähnen und bei ihnen die Vision des saugenden Wesens den
Verfall der organischen Funktionen bewirke. So macht Maximilian Perty einen
Unterschied zwischen lebenden Vampirisierten und angeblichen Vampirleichen,
entseelten Körpern, die im Grab noch ein Leben
niederer Art führen.
Den strengen Standpunkt der katholischen Kirche spiegelt das
umfangreiche Buch des Benediktinermönchs Dom Calmet von 1746, das viele
Neuauflagen hatte und in mehrere Sprachen übersetzt worden ist. Calmet hebt
immer wieder seine Ansicht hervor, daß nur Gott wiedererwecken könne und
bringt dafür viele Beispiele. Der Vampirismus sei zunächst einmal eine Folge
schlechter Ernährung bei den Balkanvölkern, die ihre Einbildungskraft beflügle.
Auch Opiumgenuß bewirke ihre phantastischen Träume, die dem
Teufel Vorschub leisteten. Es könne nämlich nichts geschehen, was nicht Gott
in die Wege leite. Diese Meinung vertrat auch Benedikt XI V., der einzige Papst, der
sich zum Vampirismus je geäußert hat.
In einem Brief an einen seiner Erzbischöfe forderte er, daß
der Aberglauben bekämpft werden soll und legte seinen Untergebenen nahe, darauf
zu achten, daß Priester nicht in grober Pflichtverletzung den Glauben an
Vampire nähren, um das leichtgläubige Volk zu Zahlungen für Exorzismus
und Messen zu bewegen. Papst Benedikt XIV., der Papst der Gelehrten, ein Förderer
der Naturwissenschaften und Bewunderer Voltaires, setzte sich mit seiner Auffassung nicht
gegen die Praxis der Priester durch. Der Vorgänger Benedikts schien außerdem
in dieser Frage einen anderen Standpunkt vertreten zu haben, denn Marquis d'Argens
polemisierte in seinen »Jüdischen Briefen (1738) gegen die "nazaräischen"
Priester und das Papsttum, das den Aberglauben in jeder Form nähre: Von
Gespenstererscheinungen werde in Rom viel gehalten, um den Gläubigen
möglichst große Angst zu machen. Das angedrohte Fegefeuer helfe
den Mönchen Geld verdienen. Obwohl Papst Benedikt XIV. diese Kritik
mit seinem Brief bestätigte, strengten die Jesuiten gegen den Marquis
einen Prozeß wegen Atheismus an.
Den Höhepunkt der aufklärerischen Position
markiert Voltaires Artikel über Vampire, in dem er selbst die skeptische
Haltung des Marquis d'Argens in Sachen Vampirismus als noch zu jesuitenfreundlich
abkanzelt. Voltaire bezeichnet die Mönche und die Jesuiten als die
wahren Vampire. Der Begriff Vampirismus wird von ihm umfunktioniert und
zum ersten Mal auf einen Personenkreis bezogen, der eine offensichtlich
blutsaugerische Tätigkeit ausübt, unter der das Volk schwer zu
leiden hat.
Wer wird Vampir? Abwehrmassnahmen
Wer einmal von einem Vampir heimgesucht wurde, wird ebenfalls
zum Vampir, es sei denn, es gelingt vor dem Tod des Opfers, den Blutsauger
unschädlich zu machen. Vampire werden vorzugsweise Verbrecher, unehelich
Geborene und Leute, die sich zu ihren Lebzeiten mit Hexerei oder Zauberei
abgegeben haben. Ferner Christen, die sich zum Islam bekehren, ließen,
Priester mit Todsünden, Exkommunizierte und Menschen,
die keine Sterbesakramente empfangen haben. All denjenigen, die gegen Gebote
der Kirche verstoßen haben, droht also in jedem Fall der Vampirstand.
In seinen "Gedanken über wichtige Wahrheilen aus der Vernunft
und Religion" weist Weitenkampf auf die Nützlichkeit des Vampirglaubens
für die Priester ausdrücklich hin: "So erfordern es auch
die Vorteile des Staats und der Nutzen der griechischen Priester oder sogenannten
Popen, das Volk in diesem Aberglauben zu erhalten. Denn diese Art des Banns
muß bey ihnen oft gebraucht werden, weil er in Streitsachen,
Vergleichen, Schuldforderungen, Diebeshändeln, bey falschen Zeugnissen
und dergleichen Fällen, statt eines Eides dienet, indem sie mit ihren
Prozessen nicht vor das Türkische Gericht kommen dürfen." Nach orthodoxem
Glauben kann der Exkommunizierte nicht in den Himmel eingehen. Er bleibt unverwest im
Grabe, bis der Bann von ihm genommen wird. Diese von der Kirche bestätigte Auslegung
liefert die Erklärung für die außerordentliche Verbreitung des
Vampirglaubens gerade in Ländern orthodoxer Religion. Vampire können auch an
Unglückstagen Geborene werden. In der Gegend von Wittingen glaubte man an den
Doppelsauger, ebenfalls eine Art Vampir.
Er erhielt seinen Namen, weil er als Kind so lange geschrienhat, bis die Mutter ihn
zum zweiten Mal an die Brust legte. Die Kassuben glaubten, daß, wer mit
Zähnen oder mit einem roten Fleck am Leib auf die Welt kommt, wer mit einer
sogenannten Glückshaube geboren wird und sie auf dem Kopf behält, oder wer im
Groll stirbt, unweigerlich nach dem Tod zum Vampir wird. John Toland vertritt in den
"Briefen an Serena" die Auffassung, daß die Ursprünge jeder Form von
Aberglauben mit der Totenehrung zusammenhängen. So können auch einige Merkmale
des Vampirglaubens aus den Begräbnisriten der Volker abgeleitet werden.
Die meisten heidnischen Völker glaubten an die Trennung von Körper und Seele
und an ein Leben nach dem Tode, ein Glaube, dessen Ursprung Toland auf die
alten Ägypter zurückführt.
Deren Totenkulte belegen die Vorstellung vom "lebenden Leichnam", dem Menschen,
der im Tode so weiterleben will wie im irdischen Leben. Im Mittelalter gab man Rittern
ihre Rosse und Waffen mit ins Grab, den Pfarrern ihre Bibel. Zwei Gründe waren für
diese Handlungsweise entscheidend: Dem Abgeschiedenen wurden alle Ehren
erwiesen, weil die Toten nicht erzürnt werden dürfen, und gleichzeitig
waren die Grabbeilagen die Gewähr dafür, daß die Toten
nicht wiederkehren, weil sie sich mit den Gegenständen beschäftigen
müssen und dadurch im Grab festgehalten werden. Vampirverdächtigten
gegenüber wurden die verschiedensten Abwehrmaßnahmen getroffen.
Als Grabbeilage dienten beispielsweise Fischernetze und Mohnkörner,
denn man glaubte, die Toten lösten jedes Jahr vom Netz einen Knoten
auf und äßen ein Mohnkorn. Auf diese Weise hoffte man Nachzehren
und Wiedergängertum verhindern zu können.
In der Altmark vermutete man in jenen Toten Nachzehrer, denen
man keinen Sechser in den Mund gelegt hatte, deren Name man aus dem Hemd herausgetrennt
hatte, oder denen es gelungen war, einen Zipfel ihres Totenkleides in den Mund
zu bekommen. Um das Nachzehren zu verhindern, wurde auch oft zwischen Kinn
und Brust der Leiche ein Brett gelegt. Bestand Anlaß zu dem Verdacht,
daß ein Verstorbener zu Lebzeiten mit einem Blutsauger in Berührung
gekommen war, mußte beim Hinaustragen der Leiche die Hausschwelle
entfernt werden, damit der Tote nicht als blutsaugendes Ungeheuer den Weg
zurück ins Haus findet. Der Sarg durfte auch nicht mit dem Kopfende
zuerst aus dem Haus getragen werden, der tote Körper kann sonst den
Blick auf das Haus richten und später dorthin zurückkehren. Nach
Entfernung der Leiche empfahl es sich, über der Haustür ein Messer
anzubringen.
Als das wirksamste Abwehrmittel galt allerdings immer
Knoblauch. Bernhard Schmidt beschreibt in seinem Aufsatz "Der böse
Blick und ähnlicher Zauber im neugriechischen Volksglauben" die uralte
apotropäische Wirkung des Knoblauchs:
"Offenbar hat der scharfe und widerwärtige Geruch dieser Wurzel, Blätter
und Blüten ihn zu einem solchen Zweck besonders geeignet gemacht, wie denn
auch sonst, was stark riecht, nach dem Glauben der Menge Dämonen und Zauber
abwehrt." Viele Abwehrmaßnahmen gegen Lärmen und Striges entsprechen den
späteren Abwehrmaßnahmen gegen Vampire. Nach der Vorschrift
des Titinius wurde Kindern Knoblauch um den Hals gehängt, um sie vor den
Nachstellungen der Striges zu schützen. Auf dem Balkan hängt man noch heute
vielfach Knoblauch ins Fenster. Wo der Vampir nur für eine Verkörperung des
Teufels gehalten wird, genügt auch ein Kruzifix als sichere Abwehrmaßnahme.
Vom Blutsauger wurde erzählt, daß er mit offenen
Augen im Grabe schläft, das er am liebsten nachts
bei zunehmendem Mond verläßt. Er hat kein Spiegelbild und er
kann keine Nahrung zu sich nehmen. Sein Erscheinen ist in verschiedenster
Gestalt möglich, nämlich als Mensch, Wolf, Pferd, Ziege, Frosch,
Henne, Katze, Hund, Esel, Schwein, Schlange, Schmetterling und sogar als
Heuschober. Am bekanntesten ist jedoch sein Erscheinen als Fledermaus.
Der Vampyr, eine Fledermausart in Südamerika, verdankt ihren Namen
dem Auftreten des Vampirs als Fledermaus. (Die "Encyclopaedia Britannica" spricht
die Namensgebung den Naturwissenschaftlern Geoffroy und Spix zu, andere Lexika nennen
Buffon.) Dieser Vampyr ist völlig ungefährlich, seine Nahrung besteht aus
Insekten und saftigen Früchten, es gibt allerdings Fledermausarten, wie
Desmodus Rufus und Dyphylla Ecaudata, die gelegentlich Blut an Pferden, Rindern und
anderen Tieren saugen, ganz selten auch an schlafenden Menschen.
Ihr Biß ist nur für kleine Tiere gefährlich, weil sich die Wunde
durch Nachblutungen entzünden kann.
Der Umgang mit Toten
Auf Befehl des Magistrats und des Rates der Stadt Olmütz
ist die Geschichte einer Frau aus dem Dorf Schmirtz, die ein Kind ohne
Kopf und Füße zur Welt brachte, bis in alle Einzelheiten aufgezeichnet
worden, die im "Theatrum Historicum des Andreas Hondorf" (1590) überliefert ist.
Die Frau soll gestanden haben, daß sie mit dem Teufel in Gestalt ihres
verstorbenen Mannes verkehrt hat. Diese Vorstellung vom geschlechtlichen Verkehr mit
Toten ist ebenfalls sehr alt und wird in zahlreichen Legenden aller Völker
behandelt. Zum Beispiel wird in einer talmudischen Erzählung geschildert,
wie Herodes noch sieben Jahre mit der Leiche seiner ermordeten Gattin Mariam
geschlafen hat.
In dem Kapitel über den "Lebenden Leichnam" schreibt Hans
Naumann in "Primitive Gemeinschaftskultur": "Die Lebenskraft des lebendigen
Leichnams geht so weit, daß der tote Helgi der Edda im Grabhügel sogar
des Connubiums mit seiner lebendigen Gattin Sigrun
fähig ist und daß die oben erwähnte Edelfrau der deutschen Sage,
tot aber wiedergekehrt, bei ihrem lebendigen Gatten schläft und mit ihm Kinder
erzeugt, wie denn die toten Mütter auch wiederkehren, um ihre Kinder zu
säugen, wobei man deutlich das Geräusch des Säugens vernimmt.
Der tote Liebhaber kommt und erzeugt ein Kind mit dem lebendigen Mädchen,
und die Pfarrerstochter im Totenreich genest eines Kindes von einem kühnen Besucher.
Materialistische Vorstellungen bringen die entsprechenden Riten
mit sich.
Auf diesen ungemein materialistischen Vorstellungen von den Fähigkeiten
des lebendigen Leichnams beruhen der einst von Schrader eingehend behandelte Ritus von
der Totenhochzeit, sowie fernerhin die über die ganze Erde verbreiteten
Motive von der Lenore und von der Braut von Korinth. Tote Liebende holen
gewaltsam die Geliebten nach. Es gilt als ein Unglück, unverheiratet
zu sterben. Unverheiratete haben keine Nachkommen, die ihnen die Totenopfer
vollbringen könnten; sie sind daher als Wiedergänger und Opfererpresser
besonders gefürchtet. Dem verstorbenen Jüngling gaben die alten
Russen ein Weib mit in den Tod, das vor der Tötung ihm feierlich angetraut
ward; am Grabe von Jünglingen und Jungfrauen vollziehen die Slawen
noch heute eine Scheinhochzeit.
Der Glaube, daß der verstorbene Liebhaber die hinterbliebene
Gattin schwängern kann, wurde im Mittelalter vielen jungen Mädchen
zum Verhängnis: Unverheiratete schwangere Frauen wurden beschuldigt,
mit dem Teufel ein Stelldichein gehabt zu haben, und man führte sie
als Hexen zum Scheiterhaufen. Der 1719 erschienene "Europäische
Niemand", in dem die Ereignisse der Zeit in lockerer Gesprächsform
abgehandelt sind, nimmt zu dem Problem des geschlechtlchen
Verkehrs mit Toten am Beispiel des Falls des Michael Casparek Stellung,
der als Gespenst und Wiedergänger von sich reden machte und unter
den Lebenden beträchtlichen Schaden angerichtet haben soll:
"Des
Casparek fleischliche Vermischungen erinnern mich an dasjenige, was mir
der Professor Physices vormahls auf einer gewissen Universität von denen
Succubis und Incubis vorschwatzete. Es könten nemlich die bösen Geister
in menschlicher Gestallt so wohl die Stelle derer Mannes- als auch derer Weibes-
Personen vertreten und mit den Hexen oder Unholden, wie auch mit ändern
Menschen solchergestallt fleischliche Unzucht treiben, daß diese davon schwanger
würden, indem die bösen Geister das semen humanum, welches jemanden entweder
per pollutionem nocturnam, oder auf andere Weise entgienge, also bald wenn es noch warm
und spiritos wäre, auffiengen und selbiges in die Vasa genitalia derjenigen
Menschen brächten, mit welchen sie Unzucht trieben; dergestallt daß
ein wahrhaffter Foetus hieraus generiret werden könte. Nun ist die Sache
zwar sinnreich genug ausgesonnen, indem es in Physicis & Pneumaticis an dergleichen Einfällen niemahls
fehlet; jedoch wurde es, meines Erachtens, an dem Beweisthum sehr fehlen.
Mit dem Essen und Trincken des Casparek könte es
eine Verblendung seyn, und wenn er hiernechst so grosse Gewalt hätte,
die Häuser einzuäschern, so müste man Gottes sonderbare
Gerichte hieraus erkennen, daß er dem Satan in diesen letzten Zeiten
so viel Freyheit lasse."
Auf dem Balkan wurden Frauen, deren verstorbene Männer
im Verdacht standen, ein Vampir zu sein, genau beobachtet.
Ein Sprichwort lautete: "Ein gescheites Weib kann es verhindern, daß
der Vampir sie besucht und die Leute ermordet." In seinen "Gedanken über wichtige
Wahrheiten aus Vernunft und Religion" bezweifelte Weitenkampf besonders diesen
Aspekt des Vampirglaubens: "Wer weiß was das für ein lustiger
und schalkhafter Vampyr gewesen, der ihr des Nachts eine Visite gegeben."
Ähnlich äußerte sich auch Marquis d'Argens im sechsten
Band der "Jüdischen Briefe"; "Was würde dieses
nicht in Europa für Verwirrung anrichten, wenn die Teufel, um ihre
Wollust zu stillen, alle Tage drey bis vier tausend Mädchen beschlafen
dürften. Es würde dieses für die Buhlsschwestern eine vortreffliche
Sache seyn, wenn die lächerliche Meynung, welche jenen Geistern dergleichen
Vermögen beylegt, bey dem größten Theile unter den Gelehrten Beyfall
finden sollte. Da hätten sie immerfort eine Entschuldigung, womit sie ihr
unzüchtiges Leben rechtfertigen könnten, bey der Hand; es würde hernach der Teufel zu allen Hurkindern
als Vater angegeben werden."
Starb eine Mutter im Wochenbett, wurde ihre Wiederkehr sowohl
gewünscht als auch gefürchtet. Das Bett der Verstorbenen, heißt es,
wurde für den Fall ihres Wiederkommens hergerichtet, ihre Kleider geordnet und ein
Schnuller bereitgelegt. Julius von Negelein schreibt in der "Weltgeschichte des
Aberglaubens": "Ja, das Märchen weiß davon zu erzählen, daß
die Dahingegangene ihr Kind während einer bestimmten Anzahl von Nächten
an die Brust legt." - ein tief bewegendes Bild deutschen Familiensinnes.
"Dem eigenen Gatten spricht sie freundlich zu, umkreist das Bett der Kinder,
raunt ihnen etwas in die Ohren und säugt sie."
Dem entgegen stand die Furcht vor der wiederkehrenden
Wöchnerin, die ihre Kinder nachholt und ihrem Gatten in Liebesnächten
das Blut aussaugt.
Der lebende Vampir
"Coitus venerem suam non stimulavit, nisi quam
futuabat ita pungere potuit ut sanguis flueret. Summa ei voluptas erat
meretrices nudatas vulnerare et vulnera hoc modo facta obligare."
Mit diesen Worten beschreibt Krafft-Ebing in der "Psychopathia Sexualis" die perverse
Veranlagung von Männern, die beim Anblick von fließendem
Blut sexuelle Befriedigung empfinden. De Sade zeigt in seinem Roman "Justine" diesen
Zusammenhang von Wollust und Grausamkeit mit dem Drang, Blut zu vergießen und
Blut zu sehen, am Beispiel des Marquis Gernande, der seiner Geliebten mit dem Messer
Wunden beibringt, um sexuellen Blutrausch zu erleben. In der Sexualpathologie wird für diese Art von Blutfetischisten
auch die Bezeichnung "lebender Vampir" benutzt.
"Der Fetischismus", erklärt Magnus Hirschfeld in "Sexualität
und Kriminalität", "ist das krankhafte Übermaß einer an und für
sich keineswegs abnormalen Empfindung. Der Fetischist überträgt aber nicht
die Liebe von solchen Eigenschaften auf die ganze Persönlichkeit, sondern bleibt in den Teilen stecken. Das
Nebensächliche wird für ihn zur Hauptsache. Ein bestimmtes Attribut
fesselt ihn so, daß er gegen alle sonstigen Eigenschaften blind ist." Blut übt
also auf die lebenden Vampire eine "partielle Attraktion"; aus. Diese abnorme
Veranlagung nennt man Hämatophilie. Die harmloseste Form der Hämatophilie
äußert sich in lebhaften Träumen und Vorstellungen von Blut. Der ideale
Vampir ist ein Blutfetischist, der nur im Traum zum aggressiven Blutsauger wird.
Hirschfeld überliefert den Bericht von einem Doktor Craven, der
den Fall einer dreißigjährigen Portugiesin analysiert hat,
deren Gedanken und Träume sich immer mit Blut beschäftigten. Für diese
Frau war Blut das Symbol für Liebe, Haß, Zorn und Leidenschaft.
Wenn es regnete, meinte sie, es regnete Blut. Sie liebte Blutorangen und
trank nur Rotwein. In Gedanken spielte sie mit dem Körper eines toten
Säuglings. Sie litt an Kinderhaß und wollte immer ihren siebenjährigen
Sohn töten. Auch gegen ihren Ehemann hegte sie Mordgedanken und stellte
ihn sich als Leichnam in ihrem Zimmer liegend vor. Während des Orgasmus
empfand sie Lust zu sterben, ihren Körper hielt sie dabei steif wie
eine Leiche. Jungen Mädchen hätte sie gerne in die Brüste
gebissen oder sie ganz aufgegessen. Ähnliche
Gefühle waren auf Vagina, Unterleib und Mastdarm gerichtet. Sie spürte
geradezu die Wärme der Eingeweide. Höhepunkt ihrer Traumvorstellungen
aber war schließlich das Bluttrinken aus dem Ohr. Hämatophilie
ist übrigens keine Berufskrankheit unter Scharfrichtern. Nur wenige
unter ihnen sind ausgesprochene Blutgenießer.
Louis Deibler etwa, der Vater des berühmten Anarole Deibler, soll sich
beschwert haben, daß er von dem Blut eines exekutierten Herrn Harsch vollkommen bespritzt
worden sei, so daß ihm für immer der Appetit auf Blut verdorben
war. (Was ihn allerdings nicht bewogen hat, seinen Beruf aufzugeben.) Eine
Steigerung der Hämatophilie ist die Hämatodipsie, ein rein erotischer
Blutdurst. Der Zustand sexueller Erregung stellt sich nur noch beim Sehen,
Hören oder Schmecken von Blut ein. Der Blutgenuß animiert diese
Vampire nicht nur zum Coitus, sondern ersetzt jede Art von Geschlechtsverkehr.
Das Geschlecht des Opfers spielt für sie keine Rolle.
So gestand der Frauenmörder Verzeni: "Ich bin
nicht verrückt, aber im Moment des Schlitzens sah ich nichts mehr.
Nach vollbrachter Tat war ich befriedigt und fühlte mich wohl. Mir
ist nie die Idee gekommen, die Genitalien zu berühren oder zu betrachten.
Es genügte mir völlig, den Hals der Frauen zu schlitzen und
Blut zu saugen. Ich weiß heute noch nicht, wie die
Frau gebaut ist. Während des Würgens oder auch danach, preßte
ich mich an den Körper der Frau, ohne auf einen Körperteil mehr als auf
den anderen zu achten."
Der Mörder Leger wiederum dürstete nicht nur nach dem Blut seiner Opfer,
sondern aß auch ihr Fleisch. "Wie ein Wolf warf er sich auf ein Mädchen,
vergewaltigte und tötete es, um dann ihre Brüste abzuschneiden, das Herz
herauszureißen, es zu essen und vom Blut des Mädchens zu trinken.
Auf die Fragen des Richters antwortete dieser Vampirmörder
lediglich: »Ich wollte das Mädchen essen«
und "Ich hatte Durst". Leger wurde 1824 guillotiniert.
Sein Kannibalismus kann sich mit dem wilden Morden des Gilles de Rais messen,
der als "Blaubart" bekannt geworden ist.
Als die beiden schrecklichsten Vampire
unseres Jahrhunderts gelten Peter Kürten und John Haigh.
Kürten, der "Vampir von Düsseldorf", ist 1883 geboren und 1931 hingerichtet worden.
Seinem Arzt, Professor Berg, erklärte er: "Das Bluten kann ich hören... Das Blut
ist ausschlaggebend in den meisten Fällen, das bloße Würgen genügt
meist nicht, um zum Samenerguß zu kommen."
Kürten war empfänglich für Wachträume und Autosuggestion.
Seine ersten Opfer waren Tiere: "Sie können sich nicht vorstellen, Herr Professor,
aber Sie müssen mal probieren, einer Gans den Kopf abzuschneiden, wenn das Blut so
ganz leise rauscht." In der Nacht vor seiner Hinrichtung schrieb John Haigh, der "Vampir
von London", der 1949 gehängt wurde, seine "Beichte" nieder, in der er von der
Faszination spricht, die Blut auf ihn ausübte. Als er sich als Junge einmal die Hand
verletzte und sein Blut leckte, hatte er zum ersten Mal ausgesprochenes Lustempfinden,
" ...und das bewirkte eine Revolution in meinem ganzen Wesen".
Er stellte damals fest, daß er "zur Familie der Vampire"
gehörte. Zunächst brachte er sich selbst Wunden bei; als sein Blutdurst aber
stärker wurde, lockte er Männer und Frauen in sein Atelier, ermordete sie und
trank Blut aus ihrer Kehle. Was dem Liebhaber der Kuß, ist dem Vampir der
Biß oder der Schnitt mit dem Messer. Der Zahn ist übrigens ein altes
phallisches Symbol, und das Messer, mit dem der Täter sein Opfer schlitzt,
übernimmt die Funktion des Penis. Hämatophile interessieren sich im allgemeinen
nicht mehr für die Leiche.
Kürten ging in einigen Fällen noch an das Grab seiner
Opfer und spürte beim Berühren der Graberde ebenfalls sexuellen
Genuß. Haigh pflegte die toten Körper in Salzsäure aufzulösen.
Beide waren nicht nekrophil veranlagt. Bei vielen Vampirmördern paart
sich allerdings die Mordlust mit Leichenkult. Der
sensationelle Fall des "Vampirs von Hannover", Fritz Harmann, der 1929 enthauptet wurde,
ist wohl der populärste Kriminalfall der letzten Jahrzehnte in Deutschland.
Harmann lud seine Opfer, junge Männer, zum Essen ein und tötete sie beim
Nachtisch mit einem Biß in die Kehle. Die anschließende "Verarbeitung"
der Leichen in seiner Metzgerei war ihm wohl die zweckmäßigste und unauffälligste
Methode der Beseitigung ausgetrunkener Körper.
Bei Reginald Christie und Edward Gein, englischen Massenmördern, waren die
nekrophilen Züge schon deutlicher ausgeprägt. Sie konservierten
die Leichen in Plastiksäcken. Gein tapezierte sein Schlafzimmer mit
Menschenhaut, außerdem präparierte er Schädel, die er sich
aus Gräbern beschaffte. Bei den Nekrosadisten, Sexualmördern,
die Leichen verstümmeln, überwuchert ein destruktiver Trieb den
sexuellen. Ihre sexuelle Begierde äußert sich als unterdrückter
Kannibalismus. Die Nekrosadisten haben große Ähnlichkeit mit
den orientalischen Ghoulen, die wie AI Rachid in "Tausend und eine
Nacht" nachts auf Friedhöfen Leichen ausgraben und sie verzehren.
»Reine« Nekrophile sind Menschen, die beim Umgang mit Leichen
geschlechtliche Erregung verspüren. Auch unter den nekrophil Veranlagten
gibt es sexuelle und sadistische Motive, die ihre Handlungen entscheidend
beeinflussen können. Die geschlechtliche Vereinigung mit einer Leiche
hat für den perversen Täter den Vorzug der Willenlosigkeit des
Partners.
Krafft-Ebing zitiert die Geschichte von einem Prälaten,
der zeitweise in einem Pariser Bordell
erschien und eine Prostituierte, als Leiche weiß geschminkt,
auf dem Paradebett liegend, bestellte: "Hora destinata in cubiculum
quasi funestum et lugubre factum vesrimento sacerdotali exornatus intravit,
ha se gessit, acsi mittam legeret, tuum se in puellam coniecit, quae per
totum tempus mortuam se esse simulare debuit.";
Bei Sergeant Bertrand, dem "Vampir der Pariser Friedhöfe", waren
die destruktiven Momente seiner Veranlagung allein usschlaggebend.
Er wühlte mit wollüstigen Gefühlen in den Eingeweiden der
Leichen und verschaffte sich dabei sexuellen Genuß. Seine Sucht,
Leichen zu verstümmeln, war die Folge seiner erotischen Monomanie.
Den Hauptgenuß beim Leichenausgraben bereitete ihm das Zerstückeln,
weniger das geschlechtliche Benutzen der Leiche: »Aber wenn es mich
das Leben gekostet hätte, so wäre ich nicht im Stande gewesen,
mich von Wiederholungen solcher Vergehen zurückzuhalten.«
Der "Vampir von Muy", Victor Ardisson, hatte die Leiche eines
dreieinhalbjährigen Mädchens ausgegraben und mit nach Hause genommen.
Bei seiner Festnahme erklärte er gegenüber
der Polizei, die die Reste der schon verfaulten Leiche bei ihm fand: "Sie
war hübsch. Sie hätten sie sehen sollen." Der Gerichtsarzt
fand dann heraus, daß der Mann schon lange ausgiebigen Kontakt mit
Frauenleichen gesucht hatte. Am meisten erregten ihn die weichen Beine.
Am Abend eines Begräbnisses fühlte er sich äußerst
glücklich und ging zum Friedhof, um die Leiche
gleich wieder auszugraben und sie zu liebkosen. Im Moment des Orgasmus
sah er die Frau lebend. Die Leichen pflegte Ardisson nach Gebrauch wieder
ins Grab zu legen. In der Heilanstalt, in die man ihn brachte, erwies er
sich als ein bescheidener und gut gepflegter Mann.
Einstiche in die Haut ertrug er ziemlich gefühllos, er aß gern
verdorbenes Fleisch. Sein Geruchsinn funktionierte normal. Der »Vampir
von Muy« war Fahrradhändler, ein Mann ohne weitere Bildung,
die Melodie der Marseillaise war ihm nicht bekannt, aber er liebte klassische
Musik und las begeistert Jules Verne. Er glaubte auch an Gott und die Jungfrau.
Die Nekrophilie in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zeigt die enge
Verbindung der Vorstellungen von Liebe und Tod. Hier schließt sich
ein Kreis tiefer mythologischer Zusammenhänge, religiöser Riten
und perverser Verbrechen.
In vielen volkstümlichen Erzählungen ist
dieses enge Beieinander von Liebe und Tod gegenwärtig.
Bei den Eskimos ist eine Erzählung überliefert, in der eine
Frau ihren Liebhaber durch die Vagina verschlingt, dann Wasser trinkt und
schließlich das Skelett ausspuckt. Von hier ist es nicht weit zu
der Gestalt der Lady Clairwil in de Sades "Nouvelle Justine", die das Herz
ihres Liebhabers in die Vagina einführt. Dabei küßt sie den Mund
der Leiche. Nekrophilie darf nicht mit dem Vampirismus verwechselt werden, doch
die Ähnlichkeit beider Erscheinungen ist auffällig.
Roland Villeneuve bezeichnet in "Loup-Garous et vampires"; die Nekrophilie
entsprechend als "vampirisme retourne".
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