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Der 'literarische' Vampir:
(Unter vielem anderem auch über:)
Das Unheimlichste an der Vielzahl von nächtlichen und jenseitigen Monstren,
die uns aus den Angstträumen und Mythologemen der Menschheit entgegenstarren,
ist am Ende ihre Gleichartigkeit. Kein Volk der Erde, dem die Natur, die
es zu beherrschen und zu verbrauchen lernte, statt nur als Magd nicht auch
als Schreckgestalt wiederkehrte. Kein Volk der Erde, das nicht seine Gorgonen
und Werwölfe, seine Ghoulen und lebenden Toten zu ertragen hatte.
Wie diffizil, wie spirituell, wie allgemein auch immer der jeweils verbindliche
Gottesbegriff sein mochte, die Gespenster der untersten Sphäre, die
in den unbetretbaren Wäldern heulten, sich aus den Gräbern erhoben,
sich über die Schläfer beugten, sind immer von beschreibbarer,
von poetischer Deutlichkeit gewesen. Erst das ausgehende
neunzehnte Jahrhundert hat für unsere so elementaren wie alltäglichen
Ängste andere Benennungen kommun gemacht, nicht weniger magische,
nicht weniger bannende: medizinische, psychologische. Das Gelichter der
Schreckgeister ist natürlich seit je in die Literatur gedrungen, Literatur
geworden. In frühen Zeiten, als die Literatur noch regelrechter Teil
der öffentlichen Mythologie war und noch nicht ihre eigene konstruierte,
ist es ohne weiteres in die Epen, Dramen und ersten Romane spaziert. Die
Volkskundler und Religionshistoriker haben immer - manchmal zu schnell
und meist mangels besserer Belege - solche Texte als authentische Zeugnisse
des Volksglaubens interpretiert. Für die Literatur ist unser Motiv also alt und allgemein wie für die Mythen, die sich
in den Literaturen niederschlugen: das Motiv von Dänionen oder Abgeschiedenen,
Bewohnern des Konfiniums zwischen Leben und Tod, die ihre vitalisierende
Kraft von den Lebenden nehmen mußten, von deren Seele, von deren
Fleisch und Blut. In der frühen Vorstellung war das Blut der Träger
des Lebens.Der Gott Israels, der es seinen Kindern verbot, sprach:
»Denn des Leibes Leben ist im Blut,
... und ich habe den Kindern gesagt:
ihr sollt keines Leibes Blut essen;
denn des Leibes Leben ist in seinem Blut,
wer es ißt, der soll ausgerottet werden.«
(3. Mose 17)
Wieder zur Überschrift
Mit Blut lockt Odysseus im 11. Gesang die ätherischen
Gebilde der Toten aus dem Erebos: »Als ich nun so mit Gelübden
und Bitten die Scharen der Toten angefleht, ergriff ich die Schafe und
schnitt ihre Kehlen über der Grube ab; ihr Blut floß dunkel.
Da stiegen aus der Tiefe die Seelen der abgeschiedenen Toten ... Die umschwärmten
die Grube in großen Scharen mit lautem Schreien von allen Seiten.
Mich faßte blasses Entsetzen.« Von
den verzehrenden und blutsaugenden Striges, Lamien (lat.: Lemuren) und
Empusen ist die Rede gewesen. Nikander erzählt von ihnen in seinen
Lehrgedichten; in den Enzyklopädien des Diodor, des Strabo und des
Plinius, die meist selbst ältere Berichte zusammenstellten, kann man
über sie lesen. In den Fasten des Ovid überfallen Striges den
fünf Tage alten Königssohn von Alba, und nur die Nymphe Crane
weiß sie abzuwehren:
»Gierige
Vögel gibt's - nicht die, die vom Tische des Phineus,
Rafften das Mahl einst hinweg, aber mit diesen verwandt:
Dick ist ihr Kopf, mit Schnäbeln zum Raub; mit
Haken versehen,
Sind ihre Krallen, ihr Blick starr, das Gefieder
ganz grau.
Nachts nur fliegen sie aus, nach dem Kind, das die
Amme nicht hütet;
Dann, aus der Wiege geraubt, wird es von ihnen beschmutzt,
Wird mit dem Schnabel das Fleisch, das zarte, in
Stücke gerissen,
Während die Kehle dabei satt an dem Blute sich
schlürft.
Striges nennt sie das Volk, und der Ursprung des
Namens rührt daher,
Daß ihr kreischender Ruf schaurig erklingt
in der Nacht.
Ob von Natur diese Vögel entstehn oder Sprüche
sie bilden,
Marsischer Fluchgesang Vetteln gibt Vogelgestalt,
Kurz, sie drangen in Prokas Gemach, und der winzige
Proka,
Kaum fünf Tage erst alt, wurde den Vögeln
zum Raub.
Wie sie das Blut des Säuglings Brust mit Begierde
entschlürfen,
Ruft vor Schmerzen das Kind wimmernd nach Hilfe und
Schutz.
Als auf des Pfleglings Geschrei eilt heran voll Schrecken
die Amme,
Findet die Wangen bereits tief sie von Krallen zerfleischt.
Was jetzt tun? Es erblich, wie die letzten Blätter
des Baumes,
Wenn sie der frühe Reif nahenden Winters befiel.
Dann eilt zu Crane sie hin und erzählt, was
geschah, und die Nymphe Spricht;
> Vergiß deine Furcht! Heil wird dein Pflegekind
sein!<
Crane trat an die Wiege. Es jammerten Vater und Mutter;
Sie aber sprach:
>Weinet nicht! Heilung verbürge ich selbst!<
Dreimal berührt sie mit Erdbeerbaumblatt nach
der Reihe die Pfosten,
Schlägt mit dem Erdbeergezweig dreimal die Schwelle
zugleich,
Sprengt mit Wasser die Tür, weil im Wasser auch
Heilkraft enthalten;
Hält sie und ruft: >Ihr
Vögel der Nacht, verschont dies Kind hier:
Nehmt für das Kleine jetzt auch Kleines als
Opfer von mir!
Nehmt, so bitt' ich, das Herz für das Herz,
nehmt Fiber für Fiber!
Nehmt dieses Leben von uns an eines edleren statt!<
Dann, als das Opfer vorbei, bringt die Stücke
hinaus sie ins Freie,
Läßt die Zeugen jedoch rückwärts
nicht wenden den Blick.
Darauf legt sie den Weißdornzweig, den ihr
Janus gegeben,
Hin in das Fenster, das Licht spendet dem kleinen
Gemach.
Seitdem wagten nie mehr sich die Vögel den Wiegen
zu nahen,
Sagt man; dem kleinen Kind kehrte die Farbe zurück.«
Wieder zur Überschrift
Nicht nur das Grundmotiv, auch eine Reihe der Details
sind bis in unsere Zeit im slawischen und griechischen Volksglauben zu
treffen: die apotropäische Wirkung von Zweigen, des Weißdorns
insbesondere, die magische Imprägnierung von Schwellen, Fenstern und
Pfosten, die den Ungeheuern den Eintritt verwehrt, selbst die heilige Kraft
des Wassers ist älter als die Ritualien der christlichen Priester,
die damit immer noch den Dämonen zuleibe rücken. Nach einem Fragment
des Titinius, eines Togatenschreibers des ausgehenden zweiten vorchristlichen
Jahrhunderts, soll man den Kindern Knoblauch um den Hals hängen zum
Schutz gegen »die schwarze stinkende Strix«. Durch die Werke
zahlreicher griechischer und römischer Poeten geistern derlei Lamien
und Striges; die Komödien bevölkern sie als rüpelhafte und
zotige Gespenster. Horaz
hat in seinem »Buch von der Dichtkunst« einen knappen Beitrag
zur Ästhetik des Wunderbaren geleistet: »Nicht für jeden
Einfall darf die Erfindung Glauben verlangen, darf nicht der Lamia den
von ihr verspeisten Knaben lebend wieder aus dem Bauche ziehen.«
Im »Satyrikon« des Petronius Arbiter, das auch eine burleske
Werwolfsgeschichte enthält, erzählt Trimalchio vom Überfall
der Striges auf den Leichnam eines Knaben: »Auf
einmal kamen Weibsgespenster und fielen über ihn her wie Hunde über
einen Hasen.«. Ein ganzer Katalog antiken Aberglaubens findet sich in den »Metamorphosen«
des Apuleius, einem schillernden kompilatorischen Roman, der - altere griechische Texte
benutzend - eine Anzahl von erotischen, phantastischen und genrehaften
Szenen und Novelletten reiht, um in den Mysterien der Isis zu enden. Da
gibt es nächtliche Heimsuchungen durch Lamien; »Und damit biegt
sie den Kopf des Sokrates nach der einen Seite, senkt ihm links durch die
Kehle das ganze Schwert bis ans Heft in denTeib und fängt das hervor
spritzende Blut in einem Schlauch, den sie heranhält, so sorgsam auf,
daß nirgendwo auch nur ein Tropfen zu sehen war.« Die
thessalischen Hexen fressen den Toten das Gesicht ab und Leichenteile werden
zu allerhand finsterer Magie verwandt. Flavius Philostraros hat in seiner
Biographie des Wundertäters Apollonius von Tyana die Geschichte von
dem schönen Mädchen aus Korinth erzählt,
das in Wahrheit eine blutgierige Empuse war. Keats hat sie für sein
Poem »Lamia« benutzt.
Aus Phlegons Buch der Merkwürdigkeiten, "Peri Thaumasion"
stammt indirekt das Vorbild vonGoethes »Braut
von Korinth«; dem Johannes von Damaskus, einem christlichen Theologen
arabischer Herkunft, der um 750 n. Chr. starb, wird der Traktat - "Peri
Striggon" - zugeschrieben, in dem geschildert wird, wie die Ungeheuer teils
vom Körper, teils (wie Maupassants »Horia«) von der Seele
des lebenden Menschen Besitz ergreifen.Robert Burton
versammelte erstmals in der »Anatomy of Melancholy« (1621)
die meisten der überlieferten klassischen Gespenster- und Hexengeschichten.
Die Mondbewohner aus Cyrano de Bergeracs »Mondstaaten und Sonnenreichen«,
von deren vampirischen Sitten schon gesprochen wurde, besuchen als Lamien
und Blutsauger die Erde. Den spätmittelalterlichen und barocken Wunder-
und Monstrositätenanthologien, aus denen sich Generationen von Literaten
Stoff und Inspiration holten, waren die alten Dämonenhistörchen
unentbehrlich. Potocki ließ in seiner »Handschrift von Saragossa«
noch einmal die ganze Schar durch die Jahrhunderte literarisch
vertrauter Gespenster Revue passieren, gesellte ihnen aber die Gestalten
des Aberglaubens bei, auf die er während seiner Reisen und ethnologischen
Studien gestoßen war. Sein groß organisiertes Werk ist unter
anderem auch eine Enzyklopädie des Phantastischen, eben im Sinne der
Enzyklopädisten mit einer rationalistischen Pointe, in der sich der
Dämonenreigen als Mittel einer philosophischen und historischen Demonstration
erweist. Das Buch berührte das romantische Gemüt aufs tiefste.
Nodier, der in der Geschichte des Manuskripts eine dubiose Rolle spielte,
hat daraus in seinem Sinne exzerpiert; Puschkin
hat versucht, es in Verse zu setzen.
Wieder zur Überschrift
Die Poeten des
beginnenden neunzehnten Jahrhunderts, fasziniert von neuen philosophischen,
religiösen, volkskundlichen Interessen, von einer neuen Sensibilität,
die wir mit einer gewissen Unsicherheit romantisch nennen, bemächtigten
sich nicht nur lange verschollener literarischer Vorräte, sie waren
auch auf die Authentizität echter Volksliteratur, echten Volksglaubens
aus. Nodier schrieb einen Diskurs über den Aberglauben als natürlichen
Ausdruck der Imagination und der Poesie. Die greisen, etwas abgegriffenen
antiken Nachtgespenster, von Anthologist zu Anthologist seit dem Ausgang
des Altertums weitergereicht, wichen Werwölfen und Vampiren, die den
Relationen des gerade vergangenen Jahrhunderts entstammten, Reiseberichten
und ethnologischen Erkundungen. Merirmee beruft sich
für seinen blutdurstigen Bärenmenschen (»Lokis«)
auf Mythen des heidnischen Litauens sowie auf exotische Berichte; Gogol
will den »Wlj« ukrainischen Volkssagen verdanken, in denen
sich in Wahrheit kaum eine Parallele findet; Alexej
Tolstoi hält sich in seiner zweiten Vampirerzählung (»Die
Familie des Wurdalak«; die effektvoll hoffmannisierende Novelle »Der
Vampir« ist sein Erstlingswerk) an die Regeln des populären
Glaubens, an den Stil alter Bauerngeschichten. 1827
ließ Merimee »La Guzia« erscheinen,
eine vorgebliche »Auswahl illyrischer Gedichte«, mit denen
er für einige Zeit die literarische Öffentlichkeit narrte. Der
Titel ist eine Vermummung: Er ist der Name eines serbischen Saiteninstruments,
zugleich aber, wie Goethe rasch argwöhnte, ein Anagramm von Merimees
erster Camouflage »Gazul«. Der deutsche Obersetzer Wilhelm
Gerhard, ein Weimarer Freund Goethes, hielt wie dieser selbst die Gedichte
zunächst für genuine Volkspoesie und nahm sie in seine Sammlung
serbischer Lieder auf.
Auch Puschkin, der ein paar Texte aus »La
Guzia« für seine »Lieder der Westslawen« übertrug,
erfuhr erst Jahre später den wirklichen Autor. Merimee hatte ingeniös
gemischt, was der Geschmack der Zeit als Volksdichtung erwartete: eine
raffinierte Unbeholfenheit, einen balladesken Lyrismus, eine kräftige
Verwendung von Motiven des Volksglaubens, insbesondere dessen nächtlicher
Seiten - Merimee hatte die illyrischen und dalmatinischen Vampirrelationen
wohl studiert -, und schließlich einen Schuß Ironie, versteckt
genug, um nicht zum Bewußtsein, wohl aber zum Gusto des Lesers zu
kommen. Nur selten bricht (wie in dem angeblichen
Fragment »Vampir«) etwas von einer anderen Faszination durch,
die jeden Folklorismus beiseite schiebt: der der vernichtenden Liebe, die
sich ihrer Grausamkeit lüstern bewußt ist. Merimees
»La Guzia«, Gogols »Wij«, Tolstois »Familie
des Wurdalak«: sie alle etablieren den Schrecken der Revenants ohne
numinose Aura, ohne diffizile psychologische 'Weiterungen und vor allem
ohne jene kosmologische Trauer, die die großen Halluzinationen dunkler
Romantik bestimmt. Sie simulieren die Nüchternheit von Dokumenten
oder schlichten Erzählungen der Leute; das Böse tritt nicht als
dominierendes Weltprinzip, sondern in den Figuren niederer Geister auf,
die von den Gesetzen ihrer Ordnung abhängig sind. Ihnen kann man zuletzt,
wenn man nur recht Bescheid weiß, doch bei- oder entkommen. Die Dämonen
des Wij toten den Philosophen, aber weil sie dabei den Hahnenschrei überhören,
bleiben sie versteinert in den Türen und Fenstern der Kirche hängen.
Bis auf die Ghoulen des arabischen Ostens (von denen man wohl etwas tollkühn
den Namen der Lamie Gello herleiten wollte), verführerische weibliche
Gespenster, die sich vom Fleisch lebender und toter Menschen nähren,
hat E. T. A. Hoffmann zurückgegriffen. Ihre Geschichten wer den Uns
in »Tausendundeiner Nacht« überliefert; die berühmteste
ist die des unseligen Mannes, der ohne sein Wissen mit einer Ghoul verheiratet
war. Sie ist die Vorlage für Hoffmanns Aurelia in den »Serapionsbrüdern«.
In England hat Robert Southey
die Vampirvorstellung Griechenlands und des vorderen Orients neben vielen
anderen volkskundlichen Daten in sein Epos »Thalaba the Destroyer«
(1801) eingearbeitet. In diesem versereichen Zeugnis einer akademischen
Romantik springt keine Gazelle über die Steppe, ohne in einer langen
wissenschaftlichen Fußnote erläutert zu werden, und auch die
Erscheinung von Thalabas Geliebter Oneiza als Vampirweib wird mit einem
ellenlangen Zitataus Tourneforts Reisewerk und den »Lettres Juives«
belegt.
Wieder zur Überschrift
Exkurs: DER ERSCHROCKENE BÜRGER
"Jedermann weiß, wo wir uns
in der Politik befinden, in der
Dichtung sind wir beim Alp
und bei den Vampiren."
Charles Nodier, 1820
Der literarische Horizont Europas begann sich in den
ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts zu verdunkeln. Der Atem der
Revolution war über
die neue und die alte Welt gegangen, die Theorien der Aufklärung waren nach
ihrer praktischen Substanz befragt worden, das Bürgertum hatte sich den
sozialen Vorrang erkämpft und der Altar der Göttin der Vernunft war schwarz
von Blut. Die Bourgeoisie, das Subjekt dieses Umbruchs, die sich so eilig in ihrer neuen gesellschaftlichen
und ökonomischen Freiheit einrichtete, ist ihres Sieges nur halbwegs
froh geworden. Was sie an Verfügungsgewalt gewann, verlor sie an Selbstbewußtsein.
Daß das Licht der Aufklärung nicht das Ende aller Dunkelheit,
daß der Sieg der Revolution nicht nur das Ende der alten, sondern
auch der Schoß neuer Schrecken sei, war einst eine Ahnung gewesen,
jetzt war es eine Gewißheit. Nun ist Aufklärung seit jeher widersprüchlicher
gewesen, das heißt ihres eigenen Widerspruchs mehr eingedenk, als
es die Denunziatoren unter ihren Interpreten wahrhaben wollen. Die Philosophie
der Vernunft hat den mythologischen Apparat des Christentums angefochten,
die Diktatur des Himmels über die Erde beseitigt und sich anheischig
gemacht, Natur und Gesellschaft auf ihren einen Begriff zu bringen. Ohne
es zunächst zu wissen oder zu wollen, hat sie damit
den Weg frei gemacht für die Erkenntnis, wie sehr beide, Natur und
Gesellschaft, auseinandergeraten waren und noch immer weiter auseinandergerieten.
Die Natur kehrte aus dem Kirchenbann, aus dem Untergrund zurück, als
erlösender und erschreckender Exzeß des Gefühls, als Freiheit
zu lieben und zu töten, als vermeßbare bewohnbare Erde und als
unbewohnbarer unauslotbarer Abgrund. So hat die bürgerlichste der
literarischen Gattungen, der Roman, nicht nur die Utopie einer versöhnten
Gesellschaft in betörenden und in modellartigen Bildern beschworen,
nicht nur einem als Empfindsamkeit sorgfältig definierten Gefühl
zu seinem Recht gegen die Herrschaft verholten. Sie hat sich seit der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts immer mehr dazu verstanden, alten, jetzt
aufs neue intensiven Ängsten Ausdruck zu verleihen.
Wieder zur Überschrift
Der Typ des "gotischen Romans" ist der gleichen bürgerlichen Herkunft wie der des empfindsamen
oder pädagogischen. Eigentlich gesprochen als ein Bannwort gegen scheinbar
dreimal Begrabenes, gegen "Gotisches", d. h. gegen Schrecknisse, die man
als mittelalterlich, katholisch empfand, lebte er schon in seinen Anfängen
bei Horace Walpoles »Ihe Castle of Otranto«
(1764) von der Faszination seines Gegenstandes. Solange er in der Distanz
des Dargestellten bleibt, ist der Schrecken ein Moment
höchsten ästhetischen Vergnügens und damit nichts anderes
als seine Aufhebung: »Alles, was auf irgendeine
Weise geeignet ist, die Ideen von Schmerz und Gefahr zu erregen, das heißt
alles, was irgendwie schrecklich ist oder mit schrecklichen Objekten in
Beziehung steht oder in einer dem Schrecken ähnlichen Weise wirkt,
ist eine Quelle des Erhabenen; heißt es in Edmund Burkes Traktat
»Vom Erhabenen und Schönen« (1756). Zunächst noch
in historischer Kostümierung, sich dann philosophischer und psychologischer
gerierend, trat der Schreckensroman in sein volles Recht nach dem so heilsamen
wie traumatischen Schock der Revolution. De Sade, der uns als einer der
größten Rationalisten in seinen Szenen über die Abgründe
der menschlichen Psyche und in seinem Räsonnement über die Abgründe
der Aufklärung aufgeklärt hat, de Sade hat in seinen »Gedanken
zum Roman« (1799/1800) ausschließlich die Erschütterungen
der Revolution für den phamasmagorlschen Roman verantwortlich gemacht:
»Denn es gab niemanden, der in vier oder fünf
Jahren nicht mehr Unglück ertragen hatte, als der berühmteste
Romancier des Jahrhunderts darzustellen vermocht hätte. Infolgedessen
mußte man die Hölle zu Hilfe nehmen, um interessante Titel zu
erfinden, man mußte im Reich der Chimären suchen, was man bei
der Durchleuchtung der menschlichen Schicksale während dieses ehernen
Zeitalters nur zu beiläufig erfahren hätte.« Aber
jene Gattung war mehr als ein Versuch, den durch das blutige Getümmel
der Zeit abgestumpften Sinn des Lesers gerade noch durch die äußersten
Wirkungen zu erreichen. De Sade beschreibt wenige Seiten später präzise
eine Grunderfahrung, die schnell allgemein werden sollte:
»Die Natur, die wunderlicher ist, als die Moralisten
sie uns darstellen, überschreitet ständig die Grenzen, die deren
Absichten ihr gerne vorschreiben möchten. Einheitlich in ihren Plänen,
aber unregelmäßig in ihren Wirkungen, gleicht ihr ewig unruhiger
Busen einem Vulkan, aus dem in ständigem Wechsel bald dem menschlichen
Luxus dienende Edelsteine, bald Feuersbrünste emporgeschleudert werden,
die die Menschen vernichten.«
Wieder zur Überschrift
Potocki hat mit der »Handschrift von Saragossa« die Rationalität noch
einmal in die äußerste Prüfung geführt. Das System
der natürlichen Ordnung ging durch eine Feuer- und Wasserprobe der
Halluzination, der vampirischen Erotik, der Ausschweifung des Geistes,
der sich alle Wahrnehmung und alle Erkenntnis in ein Phantasma auflöst.
Am Ende sind die Unholde der Nacht wieder gebannt, der Geist ist wieder
bei sich, aber auf die hellen Gewißheiten der Enzyklopädisten
sind tiefe Schatten gefallen. »Las gitanas de Sierra Morena quieren
carne de hombres« heißt es zu Beginn des Buches: »Der
Reisende, der sich in diese wilden Gegenden wagte, sah sich, wie man sagte,
hier von tausend Schreckgestalten verfolgt, die selbst den Verwegensten
erschauern ließen. Er vernahm klagende Stimmen, die sich mit dem
Tosen der Wildbäche und dem Heulen des Sturms vereinten, Irrlichter
täuschten ihn, und unsichtbare Hände stießen ihn in bodenlose
Schluchten hinab.« Der Geist, der diese
Sierras und Schluchten durchstreift und auf solche Weise versucht worden
ist, ist nicht mehr derselbe wie zuvor. Wenn er die Welt noch einmal in
ihr System bringt, dann im Bewußtsein eines Sieges, der mit härtester
Anstrengung erkauft wurde.Fünf Jahre nach Potockis Tod erschien ein
anderer Welt Roman, ein Stück philosophischer Schreckensepik, dem
die sittliche und natürliche Ordnung nun wahrhaftig zu Bruch ging:
Charles Robert Maturins »"Melmoth the Wanderer"«,
worin die Gespenster,die Potocki gerade noch in die Bereiche der Illusion verwiesen hatte,
als Akteure auftraten. Die Verstörungen, in die das Gemüt der Epoche
geriet und die sich als so erkenntnisträchtig wie irrlichternd erweisen
sollten, sind für unseren Zusammenhang in folgendem erheblich:
Die Abschaffung der christlichen Jenseitsgarantien gebar
ein neues (und damit ist auch immer gemeint: sehr altes) Empfinden für
den Tod. Das Gefühl, gerade aus den Bindungen des Ständestaates
entlassen, erwies sich nicht als das freundliche Haustier,
als das es einige vermutet und beschrieben hatten, sondern als höchst
gewaltsame Bestie. Das als frei deklarierte Individuum lernte in einer
immer unübersichtlicheren Gesellschaft nicht nur die Würde und
den Gebrauch von Freiheiten, sondern auch alle Ängste der Kommunikationslosigkeit.
Die scheinbare Stagnation des gesellschaftlichen Prozesses nach der großen
Revolution und ihren Nachwehen nährte Vorstellungen von einer Welt
des Chaos, favorisierte negative Theodizeen. So wurde die Sensibilität
für einige uralte Erfahrungen durch neue Ereignisse bis zur Unerträglichkeit
geschärft. Vor solcher Situation schuf sich die Literatur eine neue
Mythologie. Mario Praz ist in seinem umfänglichen Werk »Liebe,
Tod und Teufel« die Galerie ihrer Bilder abgeschritten. Sie bemächtigte
sich der Visionen, in denen etwas von den elementaren menschlichen Erfahrungen
zur Anschaulichkeit kommen konnte, in denen Eros, Gewalt und Tod zusammengehören,
Erfahrungen, die denen verwandt sind, denen Georges Bataille in seinem
»Heiligen Eros« nachgeht: »Das Gebiet der Erotik ist
im wesentlichen das Gebiet der Gewaltsamkeit, die alle Äußerungen
der Erotik, um welche es sich auch handelt, beherrscht.« Es gab eine
literarische Empfindung, die der Chimären, der sexuellen Dämonen,
der gewaltsam wiederkehrenden Toten bedurfte; und erst fast ein Jahrhundert
später sollte eine andere poetische Nomenklatur deren Erbe antreten.
Wieder zur Überschrift
>>> BYRON >>>
Ein kalter, verregneter Sommer des Jahres 1816 am Genfer
See, die fröstelnde Gesellschaft um den Kamin in Byrons Villa Diodati,
die endlosen Dispute über politische, philosophische und spiritistische
Themen: die Szenerie ist später nicht ohne Phantasie beschrieben worden,
am eindrücklichsten von Mary Shelley zu einer späteren Auflage
ihres »Frankenstein«. Damals noch Mary
Godwin, war sie mit Shelley ein paar Monate Nachbar und Gast von Byron
und dessen Arzt Polidori. In nächtelangen Gesprächen waren okkulte
Phänomene bald ein Hauptthema; der Galvanismus wurde erörtert,
desgleichen die geheimnisvollen Versuche Darwins, tote Materie zum Leben
zu erwecken. Byron rezitierte zu mitternächtlicher Stunde so suggestiv
aus Coleridges Gespensterballade »Christabel«, daß Shelley
einen Nervenzusammenbruch erlitt: Er stürzte schreiend aus dem Raum,
Byron und Polidori fanden ihn schweißbedeckt wieder, gepeinigt von
Halluzinationen, in denen Coleridges widerwärtige Hexe Geraldine umging.
Man las gemeinsam französische Übertragungen deutscher Geistergeschichten,
und schließlich schlug Byron vor, jeder der Anwesenden solle selbst
versuchen, etwas Derartiges zu schreiben. Mary Shelley begann wenige Tage
danach den »Frankenstein«, der geboren wurde, wie sie schreibt,
aus den Gesprächen zwischen Byron undShelley,
deren phantastische Spekulationen ihr als Nachtgesichte wiederkehrten.
Shelley wollte eine Episode seiner Jugend erzählen, sein Text blieb
Fragment wie jener Byrons, der auf ein Motiv zurückgriff, das er schon
drei Jahre zuvor für den grausen Fluch im »Giaur«
benutzt hatte: auf das des Vampirs. Er skizzierte den Freunden den Plan
einer Novelle, von der er nur wenige Seiten niederschrieb: Auf einem verlassenen
türkischen Friedhof bei Ephesus stirbt der geheimnisvolle Augustus
Darvell unter seltsamen Zeichen. Die Aura des Übernatürlichen,
die ihn im Leben umgab, verdichtet sich bei seinem Tode. Dem erstaunten
Begleiter erteilt er Anweisungen für allerhand magische Manipulationen,
die ihm wohl die Rückkehr aus dem Grabe ermöglichen
sollen. Von den wenigen Seiten ist nahezu die Hälfte einer differenzierten
Beschreibung der Natur des mutmaßlichen Varmpirs aus der Sicht des
jungen Erzählers gewidmet; in einem erstaunlich komplizierten, sensiblen
und erstaunlich modernen Gespinst von Sprache, in dem jeder Satz den vorhergehenden
relativiert, wird das Unerklärliche dieses Wesens beschworen. Darvell
erscheint eher als ein zerrissener, von Melancholie überschatteter
Held als ein Ungeheuer.
Wie bei »Christabel« liegt der Schrecken
in der Andeutung, die weit genug geht, um die Imagination anzuregen, und
vage genug bleibt, alle trivialisierende Katalogisierung des Schaurigen
zu vermeiden. Der Text ist ein so unbehagliches und vieldeutiges Bruchstück
wie die Trümmer, zwischen denen Darvell einen seiner Tode stirbt.
Er verendet in einer Landschaft toter Dinge, deren enigmatische Kraft die
Romantik wiederfand in einer Szenerie von Ruinen, zwischen verrotteten
Grabmälern antiker, christlicher, mohammedanischer Kulturen (ein paar
Jahre später schildert Maturin des Melmoth Erscheinen in einem Ruinenfeld,
auf dem sich römische und maurische Relikte mischen). Selbst Natur
ist hier zum Zitat ihrer selbst erstarrt, zum Petrefakt zwischen zerfallenenem
Gemäuer, so wie Menschen fast nur als Leichen gegenwärtig sind.
Ein wahrer Totenacker, eine wahrhaft endzeitliche Landschaft. Darvells letzte
Worte sind voll Fatalismus und lyrischer Schwermut.
Byron hat auf den paar Seiten des Fragments ein durchaus neues, durchaus diffiziles Porträt
eines literarischen Typs geliefert, der lange zurückreichte und der
bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder interpretiert werden sollte.
Der gotische Roman, selbst von Älterem zehrend, hatte nicht nur die
Faszination, sondern auch die Trauer des Bösen wiederentdeckt, spätestens
von Ann Radcliffes »Mysteries of Udolpho« an wurden mit immer
größerer Ausführlichkeit und Prägnanz dämonische
Schurken entworren, deren Vermummung zunächst ihren Ursprung aus protestantisch-bürgerlichen
Vorurteilen verriet: lasziv grausame Mönche, aristokratische Verführer,
am besten und häufigsten beides zusammen. Aber sie waren rasch mehr
als Schreckbilder der Vergangenheit: In dem Maße, in dem der aufrührerische
Protest gegen die Finsternis selbst sich verfinsterte, gewannen diese Dunkelmänner
an Aufklärung. Sie waren bald nicht mehr Statthalter, sondern regelrechte
Experimentatoren des Grauens, auf der Suche nach dem vollkommeren Verbrechen.
Da ihnen jedoch die philosophisch-wissenschaftliche Konsequenz
des literarischen Marquis de Sade fehlte, waren sie
ihm in einem Punkt voraus: Ihre Opfer verflüchtigten sich nicht in
die wesenlosen Stationen einer Versuchsreihe, sie selbst nicht in die wesenlose
Indifferenz des absoluten Ichs. Hatte sie der Realismus des Schauerromans,
der nach bedeutenden Gefühlen verlangte, schon immer an die Erde gebunden,
so profitierten sie nun von den Schuldgefühlen der Epoche. Sie gewannen
Psychologie, die ihnen die Bosheit besonders genußreich und besonders
schmerzlich machte. Sie amalgamierten mit anderen,
älteren Figuren: mit Don Juan, mit Faust, mit Ahasver, wurden Verkörperungen
eines Verbrechens, das sich selber bedauerte, das sich aber aus Neugier
und Trieb immer wieder begehen mußte und nichts sehnlicher wünschte
als die Erlösung.
Wieder zur Überschrift
(Noch ihr allerletzter, bescheidener Nachfahr,
Bram Stokers Graf Dracula, trägt im Augenblick seines
Zerfalls den Schimmer von Glück auf dem Antlitz.) So sind sie in letzter Instanz
Embleme für das Geschichtsbewußtsein einer Klasse geworden, die große Geschichte
gemacht, weitreichende Versuche angestellt hatte, davon keinen Deut preisgeben wollte,
dennoch von tiefen Schuldgefühlen heimgesucht war und von Furcht, einem Strom freien Lauf gelassen zu haben, der sie
an die unheimlichsten Gestade spülen konnte. Die großen Verdammten,
die als Faust und Don Jüan, als wissenschaftliche und erotische Akteure
den Kreis der Kontemplation gesprengt hatten, gewannen, kaum zu Helden
avanciert, wieder etwas von ihrem satanischen Glanz zurück. Schon
in den stereotypen Schurken der ersten gotischen Romane lernte das bürgerliche
Lesepublikum also etwas Neues verstehen: nicht mehr nur die Schrecken der
Verdammnis und die Schönheit der Erlösung, sondern auch die Schönheit
der Verdammnis. Von dort gehen die bleichen, gezeichneten
Helden rabiater Melancholie bis in die Literatur des fin de siecle. Byron
hat diesen Typ, der in seinem Werke eine zentrale Rolle spielte, als erster
ins Vampirische gewendet. Mario
Praz drückt das umgekehrt mit dem Satz aus: »Der Vampir erhält
Byronsche Züge«, weil er aufgrund allerhand längst dubioser
Zeugnisse Byron in eine seiner Figuren verwandeln will (und hat doch so
unrecht nicht, denn das Urteil der Zeit war dasselbe, es identifizierte
den Typus des trauernden Zerstörers mit der Person Byrons). Jedenfalls
hat Byron den Vampir endgültig aus der Folklore erlöst und in
das metaphorische Pandämonium der Romantik eingeführt. Die literarischen
Folgen waren unübersehbar. Der Arzt Polidori ist mit seiner Geschichte
für die Nachtgesellschaft der Villa Diodati nicht weit gekommen, Mary
Shelley schreibt darüber: »Der arme Polidori hatte irgendeine
schreckliche Idee von einer Dame mit einem Totenschädel, mit dem sie
gestraft war, weil sie durch ein Schlüsselloch gespäht
hatte - ich habe vergessen, was sie da sah, natürlich irgendetwas
ganz Abstoßendes und Fürchterliches.« Der
Autor wußte nicht, wie er seinen Einfall weiterführen sollte
und ließ das Manuskript liegen. Stattdessen bemächtigte er sich
des Byronschen Konzepts und fertigte daraus eine Novelle, die 1819 mit
einem Vorwort erschien, die Byron als Verfasser angab. Wie Goethe trotz
seiner »Braut von Korinth« gegen den »gräßlichen
Vampirismus und sein Gefolge« sprach, distanzierte sich Byron trotz
seines "Giaur" und seines Fragments nicht nur von Polidoris Produkt, sondern
vom Thema überhaupt: Von Venedig aus forderte er den Verleger Galignani
auf, den wirklichen Autor des "Varmpyr" zu nennen oder zumindest anzuzeigen,
daß er nicht der Verfasser sei, und fügte hinzu: »Ich
habe nebenbei eine persönliche Abneigung gegen "Vampire" und die Kenntnis,
die ich von ihnen habe, könnte mich auf keinen Fall verleiten, ihre
Geheimnisse zu enthüllen.« Nach Polidoris Tod hat Byron die
Heftigkeit seiner Reaktion damit erklärt, daß er sich vor allem
gegen den Anhang zum »Vampyr« habe wehren müssen, in dem
auf höchst alberne Weise ein Beispiel Byronscher Großmut referiert
wurde, »um des Lords guten Namen zu retten, der so sehr verleumdet
worden ist« (»Auszug aus einem Brief, enthaltend eine Nachricht
über Lord Byrons Aufenthalt auf der Insel Mytilene«).
Die rasche Verbreitung von Polidoris Novelle ist weniger
eine Folge ihrer literarischen Qualitäten als ein Zeichen dafür,
wie sehr die Zeit für das Thema präpariert war. Auf den Spuren
Byrons ist es Polidori in diesem Stückchen durchaus mediokrer Prosa
gelungen, eine ebenso wirkungsvolle wie simple Version des schönen,
grausamen, von geheimem Unheil gezeichneten Helden zu kreieren. Vielleicht
darf man wie Mario Praz in Lord Ruthven ein plakatives Porträt von
Byron sehen, wie ihn die Menge und wie er sich selber mitunter gerne sah.
Das Revolutionäre an der Novelle ist, für ein Unterhaltungsstück
zumal, daß sie kein seliges Ende nimmt.
Wieder zur Überschrift
Das Böse triumphiert, Aubry stirbt, seine Schwester ist ein
Opfer Ruthvens, der weiter als Vampir über die Erde
vagabundieren wird. Der übliche gotische Roman kannte noch eine wie
auch immer erzwungene Versöhnung, das heißt eine Bestätigung
der gesellschaftlichen Ordnung, ihrer sittlichen und religiösen Norm.
Als die körperliche Rettung und die geistliche Erlösung schon
selten geworden waren, gab es doch noch die Instanz der Strafe; der Satan
hat Matthew Gregory Lewis' verruchten Mönch auf das eindrucksvollste
in den Abgrund gestürzt, und die Natur selber wusch seinen Leichnam
ins Nichts: »Während er noch redete, grub
er seine Krallen in die Tonsur des Priors und hob sich mit ihm vom Felsen
empor. Ambrosios Geschrei hallte weit im Gebirge wider. Nachdem sich Satan
unermeßlich in die Lüfte geschwungen hatte, ließ er sein
Opfer aus. Der Mönch fiel auf die emporragende Spitze eines Felsens,
ward im Fall von Abgrund zu Abgrund gewälzt, bis er, zerstoßen,
zerschmettert, verstümmelt am Ufer eines Flusses liegenblieb. Noch
hatte er sein Leben nicht ausgehaucht. Vergebens bemühte er sich,
sich aufzuheben; seine zerbrochenen Glieder versagten ihm den Dienst, und
wie angeheftet war er an den Ort, auf den er gefallen war. Die Sonne ging
auf, ihre brennenden Strahlen fielen wie Blei auf das Haupt des sterbenden
Sünders! Millionen Insekten, die durch die Wärme aus ihrem Schlaf
geweckt wurden, krochen auf ihn und saugten Blut aus seinen Wunden: er
konnte sich nicht bewegen, sie zu vertreiben. Sie fraßen sich hinein,
machten ihm neue Wunden, bedeckten ihn fast vor Menge, und jeder Biß
war der Anfang neuer Leiden. Die Adler flogen vom
Gebirge auf ihn herab, zerrissen sein Fleisch in Stücke und gruben
ihm mit ihren krummen Schnäbeln die Augen aus. Von brennendem Durst
verzehrt, hörte er das Rauschen des Flusses neben sich und konnte
sich nicht zu ihm hinschleppen. Blind, rasend, verzweifelnd hauchte er
seine Wut in Flüchen und Gotteslästerungen aus, verwünschte
sein Dasein und schmachtete, den Tod herbeisehend, der ihn von seinen schrecklichen
Qualen befreien sollte, ganze sechs Tage in diesem Zustande. Am siebenten
erhob sich ein Gewitter; die stürmenden Winde erschütterten
die Felsen und stürzten die Wälder um. Der Himmel
umzog sich ganz mit blitzschwangeren Wölken; der Regen floß
in Strömen herab, schwellte den Fluß an und trieb ihn aus seinen
Ufern; die Wellen gewannen den Ort, wo Ambrosio lag, und schleppten seinen
Leichnam mit sich in den Ozean.« Diese mit solcher Kraft beschriebene
Hölle der Strafe, dieses Ende mit Schrecken sollte das Gemüt
zu sich bringen, Herr des Schreckens werden lassen. Mit den Gezeichneten,
die jetzt die Szene betreten, ist der Schrecken ohne Ende, für sie
ist nicht mehr Gnade genug in allen Himmeln und nicht mehr Strafe genug
in allen Höllen. Polidoris Buch reflektiert in schlichter Weise dieses
Moment, dazu hat der Autor dem Vampirismus von Ruthwen eine deutlich erotische
Komponente gegeben, wie sie im alten Aberglauben hin und wieder durchscheint.
Dieser Vampir ist die vulgärromantische Formel eines
romantischen Typus, darin mag das Geheimnis seines Erfolges sich klären.
Die stärkste Publizität erhielt er in Frankreich. 1818 erschien
Collin de Plancys »Dictionnaire infernal«, 1819 Gabrielle de
Pabans »Histoire des fantomes et des demons...«, im gleichen
Jahr übersetzte Henri Faber Polidoris Novelle als »Lord Ruthven«
ins Französische. Die Diskussion okkulter Phänomene, nicht zuletzt
des Vampirismus, belebte die Salons.
Wieder zur Überschrift
Charles Nodier,
dessen »Jean Sbogar« (1818) selbst in den Kreis der Byronschen
Helden gehört, schrieb eine ausführliche Rezension des »Vampyr«,
den er für ein originales Werk Byrons hielt. Sein Text ist ein charakteristisches
Mixtuni aus scharfsichtiger Zeitanalyse, romantischer Programmatik und
reaktionärer Gesinnung. Dem Vampirglauben, über
den er schon 1813 als Redakteur des Laibadier »Telegraph Officiel«
berichtet hatte, widmet er einen ganzen Exkurs, in dem er, wie viele Verfasser
von Relationen und »Cogitationes« vor ihm, versucht, eine natürliche
Erklärung zu finden, nämlich als ein sich steigerndes Hin und
Wider, einen Tausch zwischen Alptraum und Wirklichkeit. Nodier war mit
seiner Theorie des Traumes, dem er als »principe imaginatif«
ein schärferes Bewußtsein, eine eindrücklichere und poetischere
Realität zuerkannte als der Veit des Tages, nicht nur Lehrmeister
der Romantiker,vor allem Nervals und Gautiers, sondern auch einer der
konsequentesten Vorläufer surrealistischer Methodik. »
Der Mensch ist der Schatten eines Traumes, und sein Werk ist sein Schatten«,
heißt es schon in »Jean Sbogar«. In
Nodiers Rangordnung der Sphären steht die phantastische Veit der Imagination
obenan (über der spirituellen des Geistes und erst recht der materiellen
der Intelligenz). Eine Reihe seiner Werke sind Materialsammlungen zu seinen
Theorien, »Smarra ou les demons de la nuit« vor allem, worin
er mit kompilatorischem Genie unzählige Beispiele von Abenteuern der
Einbildungskraft aus alten und neueren Klassikern versammelt hat, die überarbeitet
und verschmolzen mit eigenen Inventionen zu einer melodisch-trancehaften
Prosa gefügt werden. Auf den Vampirismus kommt er hier wie anderswo
immer wieder zurück, als auf das Exempel, wie Chimären der Imagination
und des Traums eine fastsinnliche Realität gewinnen können, als auf
eine Art Metapher für das Wesen der Poesie. 1820 ließ er eine
zweibändige Fortsetzung des Polidorischen »Vampyr« erscheinen
(»Lord Ruthven ou les vampires«), als angeblicher Mitautor zeichnete
Cyprien Berard), die allerdings mehr von seinen
Fähigkeiten als Sammler und Vermittler zeugt: Das Ganze ist ein weitschweifiges
Ineinander von Lyrik und Prosa, von historischen Anekdoten und absonderlichen
Einfällen.
Wieder zur Überschrift
»Kein Theater in Paris ist ohne seinen Vampir!
Im Porte Saint-Martin gibt es "Le Vampire"; im Vaudeville gibt es auch
"Le Vampire"; und in den Varietes "Die drei Vampire oder die Strahlen des
Mondes".
Die Zahl der Vampirdramen und -vaudevilles
wurde unübersehbar, der unermüdliche Montague Summers zählt
allein über ein Dutzend davon auf. Im dreizehnten
Stück seiner »Schilderungen aus Paris« hat Ludwig Börne
über das Auftreten des Pantomimen Mazurier im Circus Maurice als »Polichinel
Vampire« geschrieben; er verwirft die Handlung als
»abgeschmackteste Sache der Veit« und begeistert sich für
Mazurier, dessen Kunst an ein anderes romantisches Thema erinnert: »Die
Zauberei, aus dem Menschen eine Maschine zu machen, ist diesem Manne vollständiger
als irgendeinem gelungen.« Die Vampire verschonten auch die Musiktheater
nicht. Am berühmtesten wurde Marschners Oper »Der Vampyr«,
deren Libretto (von Wilhelm August Wohlbrück) auf der 1822 erschienenen
deutschen Übersetzung des ersten französischen Melodrams
»Le Vampire« beruht. Wohlbrück ging insofern einen Schritt
über die Vorlage hinaus, als er Byrons Fluch gegen den Giaur in die
Oper einarbeitete, wodurch Ruthven sich etwas von der Melancholie Byronscher
Helden zurückholte. Gewiß ist Wohlbrücks Libretto literarischer
und eingängiger als die Rittersche Übersetzung; an der komischen
Unbeholfenheit vieler Passagen hat indes auch die Neufassung durch Hans
Pfitzner nichts ändern können. Die Oper, deren Anfang Marschner
auf einem Magdeburger Priedhof komponiert haben soll, wurde 1828 in Leipzig
zum ersten Male aufgeführt. Sie gehörte lange zum Repertoire
deutscher Musiktheater und hat, wie Stefan Hock wohl zu Recht vermutet,
einen gewissen Einfluß auf Wagners »Fliegenden Holländer«
gehabt. Eine zweite große Oper »Vampyr« mit der Musik
von P. v. Lindpaintner und einem Libretto von Cäsar Max Heigl hatte
am 1. September 1829 in Stuttgart Premiere. Beide Opern tragen im Untertitel
den Vermerk: »nach Byron«, beide basieren auf der Ritterschen
Übertragung des Polidori-Nodier-Melodrams. Der letzte Versuch, den
Stoff für das Musiktheater zu adaptieren, war wohl das »komische
Zauberballet Morgano« aus dem Jahre 1857, das der
Berliner »königliche Ballet-Director« Paul Taglioni entworfen
und der »Hofcomponist« J. Hertel vertont hatte. Die Vampirmode
hatte auch in Deutschland (abgesehen von dem zögernden Interesse,
das die Romantiker ihr abgewannen) einen ganzen Troß von trivialen
Stücken, Erzählungen, Romanen und schließlich auch Schwanken
im Gefolge, in denen häufig irgendwelchen Themen das Motiv des Blutsaugers
und wiederkehrenden Toten oktroyiert wurde. Zumindest Spindlers Novelle
»Der Vampyr und seine Braut« (1826) sei erwähnt, in der
eine greuelreiche Intrigenhandlung durch einen falschen Vampir bereichert
werden sollte. In England gab es unter anderem »Varney the Vampire,
or The Feast of Blood«, von Thomas PreskettPrest,
dem Autor unzähliger Romane mit so vielversprechenden Titeln wie "The
Skeleton Clutch, or the Goblet of Gore", "Saweney Bean, the Man-Eater of Midlothian",
"The Death Grasp or the Father's Curse" und so fort. Prest behauptete, sein Werk beruhe auf Vorfällen,
die sich im England der Queen Anne zugetragen hätten.
In Wahrheit hat ihn wohl der kommerzielle Erfolg der
Polidori-Novelle inspiriert, dazu kann er ein paar
Relationen über die serbischen Vampire studiert haben. Das Ganze ist
ein Schauerroman grobschlächtiger Machart, von dem einzelne Kapitel
wegen ihrer erschütternden, unfreiwilligen Komik heute noch lesbar
sein mögen.
Wieder zur Überschrift
Im Jahre 1820 erschien ein Buch,
mit dem eine literarische Tradition sich erfüllte und damit selbst
transzendierte: Charles Robert Maturins »Melmoth the Wanderer«
ist der erstaunlichste Roman, der dem Gothic Novel zuzurechnen ist:
Ein komplexes Gebilde ineinandergeschobener, teilweise kühn
montierter Erzählungen, eine kunstvolle Komposition von Handlung und
Reflexion, unter Verwendung aller Schauplätze, allen Zubehörs
des Schreckensromans, mit unzähligen Anspielungen, Motti, Anleihen
und Variationen bekannter Motive. In seiner Hauptfigur
treten Züge des Ewigen Juden, Fausts und Mephistopheles'
zu einem Wesen zusammen, das als melancholischer, vampirischer Schatten
auf den Spuren der Menschen ist. Melmoth irrt 150 Jahre ruhelos über
die Erde, um eine Seele zu finden, die in höchster Not bereit
ist, sein Schicksal auf sich zu nehmen. Erst dann ist er erlöst, aus
dem Bann entlassen, der auf ihm liegt, seit er durch einen Pakt mit dem
Satan die Grenzen menschlichen.Wissens zu überschreiten suchte. Der
bleiche und gespenstige Melmoth, wie Beckfords Kalif und viele andere seinesgleichen
begabt mit tödlicher Kraft des Blickes, durchwandert alle Kerker und
Verliese, trifft Menschen in allen Drangsalen der Epoche »auf der
Suche nach einem, den er verschlingen könnte, und fand keine Beute«:
Selbst die Unglücklichsten weigern sich, ihre Seele preiszugeben.
Melmoth hat die »sarkastische Leichtfertigkeit« völliger
Verzweiflung, eine reflektierte Lust am Leid anderer, das doch immer unterhalb
des eigenen Leides bleibt. So verbreitet er Schmerz
aus Schmerz, Schrecken aus Schrecken. Die Wißbegierde seiner Grausamkeit
mischt sich mit einer höhnischen Trauer, einer "despair of incommunication".
Dieser Verdammte ist hungrig auf Vereinigung und kann sich nur erlösen,
indem er die Seele des Opfers aufsaugt. Seine Liebe ist tödlich, die
Erfüllung seiner Neigung zu dem Mädchen Immalee wäre ihr
Verderben und seine Befreiung, so zögert er immer wieder hinaus, was
er doch tun muß. Diese Zerrissenheit eines spirituellen Vampirs,
der sich seiner selbst bewußt ist in einem ewigen Kreis von
Trauer und zynischem Überdruß, von Demut und Hochmut,
mündet in jenes berühmte satanische Lachen, das Baudelaire in
seinem Essay »"De l'essence du rire" analysiert hat:
Alle die Ungläubigen des Melodramas, die Verfluchten, Verdammten, vom Schicksal
mit einem von einem Ohre bis zum anderen klaffenden Munde Gezeichneten,
gehören zur Reinzucht der Lachenden. Übrigens sind sie fast alle
rechtmäßige oder unrechtmäßige Enkel des berühmten
Wanderers Melmoth, der großen satanischen Schöpfung des hochwürdigen
Maturin. Was gibt es Großartigeres und im Vergleich zu
der armen Menschheit Mächtigeres als diesen bleichen und gelangweilten
Melmoth? Und doch hat auch er eine schwache, niedrige, dem Göttlichen
und dem Lichte abgewendete Seite. Lacht er doch und vergleicht sich unaufhörlich
mit den menschlichen Würmern, er, der Starke, Gescheite, für
den ein Teil der menschlichen Bedingtheiten in physischer und geistiger
Hinsicht nicht vorhanden ist! Und dies Lachen
ist das beständige Aufschäumen seines Zornes und seiner Qual.
Man verstehe mich recht: es stellt die notwendige Ausgleichungskraft seiner
doppelten gegensätzlichen Natur dar, die im Vergleich zum Menschen
unendlich mächtig ist, aber unendlich niedrig und verworfen, verglichen
mit dem absolut Wahren und Gerechten. Melmoth ist ein lebendiger Widersprach.
Er ist aus den Grundbedingtheiten des Lebens herausgetreten, seine Organe
vermögen sein Denken nicht mehr zu tragen. Darum durchkältet
und zerreißt sein Lachen das Innere. Ein Lachen, das niemals schläft,
wie eine Krankheit, die immer fortschreitet und einen Befehl der Vorsehung
zur Ausführung bringt. Und so erfüllt auch das Lachen Melmoth'
als Ausdruck der höchsten Überhebung in Ewigkeit seine Aufgabe,
die Lippen des Unseligen in Lachen zu zerreißen und zu versengen.«
Wieder zur Überschrift
Maturins großer Roman ist nicht nur eine dunkel verschlungene Allegorie
der menschlichen Kondition, die die erbaulichen Absichten seines geistlichen
Urhebers weit hinter sich läßt, er enthält in seiner enzyklopädischen
Fülle, die er mit Potockis Handschrift von Saragossa -
seinem lichteren Gegenbild - teilt, auch eine Menge realen Stoffs und sozialer
Aggressivität. In der Geschichte von Melmoth' und Immalees verzweifelter
Liebe sind sogar Rudimente der Naturutopie des französischen Rationalismus
gegenwärtig (hier als Ausgangspunkt für das Schlimmste, nicht
als funkelndes End-Bild), der nicht vampirisch verzehrenden, nicht selbstentfremdeten
Möglichkeit des Menschen. Der Nachruhm dieses bedeutenden Buches war
wohl bescheidener als man annehmen durfte; was blieb, war die Faszination
der Figur Melmoth, die Baudelaire wohl am tiefsten begriff.
InHugos Unholdsroman "Han d'Islande" trägt fast jedes Kapitel
ein Motto aus dem "Melmoth"; von Nodier stammt die zweite Übersetzung
ins Französische. Balzac hat mit dem Motiv in "Melmoth reconcilie"
(1835) ein so satirisches wie realistisches Spiel getrieben: Im frühkapitalistischen
Frankreich ist es für Melmoth, der mit allen Maturinschen Attributen
(mit »kalten roten Lippen..., die wirkten, als seien sie dazu bestimmt,
das Blut aus Leichen zu saugen«) auftritt, kein Problem, für
Geld eine Seele zu kaufen, und am Ende wird »der Wechsel auf das
Hauptbuch der Hölle« an der Pariser Börse »zum Kurse
von siebenhunderttausend Francs gehandelt«.
Lautreamonts schrecklicher
schwarzer Engel Maldoror trägt im 1.Gesang den »Beinamen vampir«,
nichts ist ihm so gut wie das Blut eines Kindes, »wenn man es noch
ganz warm trinkt«. Auch er kennt die Melancholie des Gezeichneten,
»den unersättlichen Durst nach Unendlichkeit, wie du, wie ich,
wie alle Menschen mit bleichem und schmalem Gesicht«. Wir erkennen
die Ahnenreihe dieses Panegyrikers kristallener Grausamkeit, in der doch,
wie Camus bemerkt hat, der Schatten des Selbstmitleids umgeht. Lautreamont
hat sich auf Byron berufen, auf Milton, Southey und Baudelaire. In Marcel
Schwobs "Kinderkreuzzug" lauert ein Aussätziger einem
Kinde auf: "Ich denke oft an Blut, mit meinen Zähnen könnte
ich beißen; sie sind unversehrt." Das Blut der Gotteskinder
ist ihm mystisches Substitut für Christi Blut, das, wie er glaubt,
nicht für ihn vergossen wurde: "Ich bin auf Erden von einer
bleichen Verdammnis umgeben. Ich habe mich auf die Lauer gelegt, um aus
dem Halse eines seiner Kinder unschuldiges Blut zu saugen."
(Der Sadismus sei ein Wechselbalg des Katholizismus, heißt
es in Huysmans "A Rebours". Schwobs Unreiner leidet die Qualen
des von der Erlösung ausgeschlossenen; sein Vampirbiß ist die rächende
Perversion des Abendmahls. Anatole Frances Paphnucius in "Thais" ist einer aus der
unübersehbaren Reihe gefallener Mönche. Als die bekehrte Geliebte stirbt,
wird sein Antlitzdas eines Vampirs.
Apollinaires "Juif Latin",
einer der letzten Nachfahren Melmoths, trägt Calmets "Les Vampires
de la Hongrie" als Fibel in seiner Tasche: "Dieser letzte Titel
erschreckte mich mehr als das Bekenntnis seiner Verbrechen. Ich begriff,
daß der Mann, mit dem ich es zu tun hatte, nicht prahlte, und daß
er ein belesener und blutgieriger Fanatiker des Mordes war...". Der
feueräugige, aufsässige Heros des Bösen, der in den Zeiten
der späten Aufklärung als säkularisierter Verwandter Satans,
als schlimmer Kleriker begonnen hatte, erwarb in der ersten Hälfte
des vergangenen Jahrhunderts die größte stellvertretende Kraft.
Vampirisch und tiefsinnig geworden, drang er nicht nur in die literarische
Mode, sondern war ein Gespenst des Selbstverständnisses der Zeit,
in welcher Prometheus und der Geier in eine Figur geronnen waren. Am Ende
des gleichen Jahrhunderts wanderte jener Melmoth wieder in die ausschließlich
literarischen Gefilde zurück, so wie die Künstler sich längst
von den Bürgern zu verabschieden trachteten, deren Ängste und
Hoffnungen so konkret und brutal wie noch nie geworden waren.
Das aristokratische Gewand, das der luziferische Held immer
getragen hat, zuerst als Zeichen verabscheuungswürdiger sozialer Herkunft,
dann metaphysischer Besonderheit, wird jetzt zum Kostüm, in dem die
Literaten ihren Austritt aus der Gesellschafft teils simulieren, teils
praktizieren - Man höre, wie Baudelaire den Dandy als gelangweilten
Melmoth beschreibt: "...alle entstammen dem gleichen Ursprung, haben
Anteil an dem gleichen Charakter der Widersetzlichkeit und Auflehnung,
sind Vertreter des besten Teils vom menschlichen Stolze, des heute allzu
selten gewordenen Bedürfnisses, wider das Alltägliche zu kämpfen
und es zu zerstören. ... Der Dandyismus erscheint hauptsächlich
in Übergangsepochen, wenn die Demokratie noch
nicht allmächtig ist und die Aristokratie noch nicht gänzlich
abgewirtschaftet hat. In der Wirrnis solcher Zeiten können einige
aus der Bahn geworfene, angewiderte, unbeschäftigte, aber an ursprünglicher
Kraft reiche Leute den Plan aushecken, eine neue Art der Aristokratie zu
gründen... Der Dandyismus ist das letzte Aufleuchten des Heroismus
in Zeiten des Verfalls... Der Dandyismus gleicht der untergehenden Sonne,
wie das sich neigende Gestirn ist er voll Herrlichkeit, aber wärmelos
und voll der Schwermut. ... Der Schönheitscharakter des Dandy besteht
vornehmlich in dem Aussehen von Kälte, das dem unerschütterlichen
Entschlüsse entstammt, durch nichts erregt zu werden. Man könnte
von einem verborgenen Feuer sprechen, dessen Vorhandensein man ahnt und
das Wärme ausstrahlen könnte, aber dies
nicht will."
Wieder zur Überschrift
Über das Pseudonym Sebastian Melmoth, das sich
Oscar Wilde gab, sagte Hugo von Hofmannsthal:
"Dieser Name war die Maske, mit der Oscar Wilde sein
vom Zuchthaus zerstörtes und von den Anzeichen des nahen Todes starrendes
Gesicht bedeckte, um noch einige Jahre im Dunkel dahinzuleben."
"Wir werden sehen, daß der Vampir in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder eine Frau ist wie in Goethes Ballade;
in der ersten aber ist er mit einer verhängnisvoll-grausamen Liebe
ein Mann." So Mario Praz. Sieht man von Coleridges "Christabel" ab, von Keats
"Lamia" und einigem mehr, auch von der deutschen Romantik, mit der Praz ohnedies
nicht viel im Sinn hat, dann mag er soweit recht behalten, als in der Tat die
Spätromantik und das Jahrhundertende sich gerne von der Vision der zaubrischen Lilith,
der fühllosen Frau Venus, die sich nicht nur im Hörseiberg mit den Resten ihrer
Opfer schmückt, heimsuchen ließ.
Lange genug war die Korrelation zwischen weiblicher leidender
Unschuld und zerstörerischer Männlichkeit bestimmend gewesen, in seinem Gefühlsroman hatte
sie das Bürgertum als Clarissa und Lovelace beschrieben und sich kräftig
mit dem fliehenden Opfer identifiziert. Jahrhunderte
hatte die Milde der christlichen Madonnenfiguren den verschlingenden Aspekt
des Weiblichen gebannt, nur in den Volkssagen war er zu schattenhaftem
Umriß gekommen, im Hexenwahn war er zwangshaft und mörderisch
rekapituliert worden. Nun kam Lilith zurück, als weiblicher Vampir,
als "femme fatales" als "belle dame sans merci", wie sie Praz nach einem
Gedicht von Keats genannt hat, ausgegraben als uralte grausige Göttin
wie Merimees Venus von Ille: "Der gesamte
Ausdruck dieses Gesichtes war leicht gespannt: die Augen etwas ausweichend,
die Mundwinkel ein wenig gekräuselt, die Nüstern kaum merklich
gebläht. Verachtung, feiner Hohn, Grausamkeit waren auf diesem den
noch unglaublich schönen Antlitz zu lesen. Wahrhaftig, je länger
man dieses herrliche Bronzeweib anschaute, umso stärker kam einem
zugleich ein beklemmendes Gefühl darüber an, daß eine so
zauberhafte Schönheit sich mit so völliger Gefühllosigkeit
vereinen konnte. 'Wenn das Urbild je gelebt hat',
sagte ich ..., und ich möchte bezweifeln, daß der
Himmel je solch ein Veib hervorgebracht hat, 'wie tief bedauere ich dann ihre Liebhaber!'
Sie hat eine Lust daran haben müssen, einen nach dem
anderen an Verzweiflung zugrunde gehen zu lassen. In ihren Zügen ist
etwas Blutdürstiges, und gleichwohl habe ich noch nie etwas so Schönes
gesehen."
Wieder zur Überschrift
Als die Gesellschaft in der zweiten
Jahrhunderthälfte sich scheinbar endgültig zu schließen
begann, als das Bürgertum die Rechtsbriefe des Gefühls, die gerade
noch zu seiner revolutionären Charta gehört hatten, in Banknoten
umtauschte, als sich der Bourgeois mehr denn je eine Clarissa wünschte,
um sie nicht einmal zu vergewaltigen wie Lovelace, sondern um sie in die
Fadheit seiner in jeder Hinsicht wohl kalkulierten Ehe zu zwingen, da erstanden
der Frau diese Racheengel, die ihrerseits immer empfindungsloser wurden.
Das Vampirmotiv, das sich solchen Ungeheuern einer tödlichen Erotik
verband, wurde nun eindeutig zur Chiffre einer pathologischen, das heißt
sadistisch-masochistisch bestimmten Sexualität. Doch mitunter waren
die ersten weiblichen Dämonen, die sich ihren Mann holten, statt von
ihm geholt zu werden, noch von vollständigerer Natur, in der Licht
und Schatten zusammengehörten.
Goethe hat von seiner "Braut von Korinth" als dem "vampirischen Gedicht" gesprochen.
Nichtsdestotrotz sind es kaum romantische Grabesschauer, die uns hier anwehen:
Die Ballade ist ein ganz aufklärerisches Plädoyer gegen den lebensfeindlichen,
asketischen Aspekt des Christentums. Die Geschichte des Mädchens,
das im Kloster auf alle Erfüllung ihrer Liebe und ihrer Persönlichkeit
verzichten muß, ist nicht erst seit Diderots "La Religieuse"
ein Generalthema gewesen. Freilich zieht die
tote Geliebte den Jüngling vampirisch nach sich ins Grab; er kann
nicht mehr leben, als er ihr einmal gehört hat. Aber nicht wiedergängerischer
Verdammnis wird er anheimfallen, die Liebenden werden vielmehr "den
alten Göttern zueilen", der Freiheit ihrer Vereinigung. Die heitere
'Welt griechischer Paganität', die hier als utopisch-antichristliches
Bild erscheint, kann unter dem christlichen Bann, unter der christlichen
Pervertierung nur noch von den Boten des Dunklen, des Todes beschworen
werden, die in 'Wahrheit die Boten des Hellen, des Lebens' sind. Die Rechte
des Körpers können nur noch auf gespenstige Weise, die des Diesseits ermangelt,
nur noch im Jenseits gewahrt werden: Eben diese Polemik hat Jules Michelet
nicht verstanden, der in seiner "La sorciere" (1862) als Sachwalter
einer stilisierten Antike das Gedicht attackiert. Er beruft sich dabei
auf die drittletzte Strophe, die Goethe nicht in den Zusammenhang gebracht
hat:
"Ists um den geschehen,
Muß nach andern gehen,
Und das junge Volk erliegt der Wut."
Wieder zur Überschrift
Hier ist der Aspekt der Braut ganz im nur Vampirischen belassen,
von hier ist die Brücke zum Himmel der alten Götter etwas fragil.
Daraus glaubt der reinliche Michelet ableiten zu können, daß
Goethe »unedel im Geist« sei und »das Griechische mit
einer horriblen slavischen Idee besudelt« habe. Goethe hat den Stoff
von Machates und Philinion wahrscheinlich durch des Johannes Praetorius
krude Kompilation: "Anthropodemus Plutonicus, das ist, eine neue
Weltbeschreibung, von allerley wunderbaren Menschen" (Magdeburg 1668)
kennengelernt, worin es ein Kapitel "Von gestorbenen Leuten" gibt.
Praetorius hat die Geschichte seinerseits dem "Discours et Histoire des Spectres" (1608)
des Petrus Lojerus entnommen, und dieser wiederum zitiert den schon erwähnten
P. Aelius Phlegon. Das Vampirmuster ist erst von Goethe in den alten Stoff gewoben worden, er mag es aus Calmet
oder dem Abbate Fortis gekannt haben. Goethe ist in der Auseinandersetzung
mit den Romantikern wiederauf das Vampirische
zurückgekommen. Der Vampir war ihm Emblem einer exzessiven, jede Totalität
sprengenden Literatur, der allenfalls eine momentan befreiende Wirkung
zuzubilligen sei. In diesem Sinne äußert er sich zu Eckermann
und läßt nur Merimees "La Guzia" gelten: "Merimee hat diese Dinge
ganz anders traktiert als seine Mitgesellen. Es fehlt freilich diesen Gedichten
nicht an allerlei schauerlichen Motiven von Kirchhöfen, nächtlichen Kreuzwegen,
Gespenstern und Vampiren; allein diese Widerwärtigkeiten berühren nicht
das Innere des Dichters, er behandelt sie vielmehr aus einer gewissen objektiven Ferne
und gleichsam mit Ironie."
Goethes späte Abneigung gegen die Vampire galt hauptsächlich
den Eskapaden französischer und englischer Literatur; die deutsche
Romantik hat sich des Vampirmotivs kaum oder nur in verschlüsselter
und sublimierter Weise angenommen. Hin und wieder bekommen ihre magischen
Statuen, ihre unheimlichen oder jenseitig verklärten Frauengestalten
vampirische Züge. Heine hat die Liebe zu Toten und Statuen die einzig
wahrhaftige seines Lebens genannt. Das Motiv wird
benutzt, das Thema nur sachte angeschlagen, um ein Moment, eine Beziehung
zu signalisieren (bei Novalis eine mystische Kommunikation).
Von E. T. A. Hoffmanns Ghoul "Aurelia", die Nerval als die
bezauberndste Erscheinung seiner Vorstellung von der Frau bezeichnet hat, ist die Rede
gewesen. Stefan Hock hat in seiner Dissertation eine Anzahl von Vampiranspielungen und
-metaphern deutscher Romantik zusammengetragen.
Am eindrücklichsten ist ein Brief Brentanos an die Günderode:
"Öffne alle Adern deines weißen Leibes, daß
das heiße, schäumende Blut aus tausend wonnigen Springbrunnen spritze, so will
ich dich sehen und trinken aus den tausend Quellen, trinken, bis ich berauscht bin und
deinen Tod mit jauchzender Raserei beweinen kann ... Drum beiß ich
mir die Adern auf und will dir es geben, aber du hättest es tun sollen
und saugen müssen. Öffne deine Adern nicht, Günderödchen,
ich will sie dir aufbeißen."
Wieder zur Überschrift
Gautiersmeisterhafte Novelle
"Die liebende Tote" ist nicht nur mit Wahrscheinlichkeit durch die "Braut von Korinth"
angeregt, sie ist vor allem in vieler Beziehung eine Paraphrase des Goetheschen Themas.
Mario Praz hat die große Kurtisane Clarimonde sorglos dem Typ der
"belle dame sans merci" zugerechnet, die Geschichte also als eine der zahlreichen gesehen,
in denen liebende Jünglinge oder gesetzte Helden von übermenschlichen,
infernalischen Frauen verführt und in irgendeinem Sinne verzehrt werden.
Das mag angesichts der langen Galerie von Gautiers Frauengestalten naheliegen, zutreffend
ist es nicht. Zumindest nicht ganz: so gewiß Clarimonde die Züge Cleopatras, des
großen, männerverschlingenden Vamps trägt, so gewiß ist sie andererseits
eine wahrhaftig Liebende. "Die Frau in ihr war stärker als
der Vampir", vom Blut des Geliebten wagt sie niemals soviel zu trinken, daß es
ihn härmen könnte. In der langen Osmose zwischen Traum und Wachen, die Romuald
durchlebt, gewinnt, ganz im Sinne Nodiers, was zuerst Traum schien immer mehr an
Realität: Clarimonde befreit den jungen Priester Romuald zum eigentlichen Leben.
Bald hat die enge Pfarrstube mit ihren Kasteiungen und Ermahnungen des
Mitpriesters die Qualität des Alptraums. Als dieser wütende Abbe
Serapion schließlich Clarimondes Sarg öffnet, sie zu vernichten,
da "empfand ich Serapions Beginnen als schreckliches Sakrilegium".
Am Ende ist der rasende Priester über dem Grab vampirischer, zerstörerischer
als die schöne Clarimonde, und für Romuald
bleibt nur Trauer und Ergebung. Die Pointe der Gautierschen Erzählung
ist auf romantische Weise jener Voltaireschen Feststellung nahe, daß
die eigentlichen Vampire die Mönche seien. Gautier
hat das Motiv in ähnlicher, wenn auch diesmal ennuyierender Weise
in seiner "Spirita" variiert, einer Art spiritistischem Kontrapunkt
zu "La morte amoureuse" .Auch hier liegt die wahre Realität
jenseits des Grabes, "Spirita" holt den Geliebten zu den Wonnen der Seligen
heim.
Algernon CharlesSwinburne, der gierig die Werke Sades
und Nodiers las, hat die reinsten Verkörperungen der "femme fatale" geschaffen:
Bleiche, blutdurstige, tränenlose Monstren von blonder Schönheit, vor deren
Basiliskenblick das männliche Opfer erstarrt, weibliche Götzen eines algolagnischen
Gemüts. Der vampirische Zug ist insbesondere bei der Maria Stuart in "Chastelard", dem ersten
Drama einer Trilogie, unverkennbar. Im dritten Akt sagt Chastelard von Maria:
"My blood shed out about her feet - by God,
My heart feels drunken when I think of it.
See you, she will not rid herself of me,
Not through she slay me: Her sweet lips and life
Will smell of my spilt blood ..."
Wieder zur Überschrift
"Wenn Swinburne und Gautier die sinnlichste Ausformung des
Motivs kennen, dann verdanken wir Turgenjews Novelle "Gespenster" die spirituellste.
So hat auch Merimee, der die Novelle ins Französische übertrug, dem Autor
in einem Brief vorgeworfen, er habe auf unzulässige Weise das Fantastische mit dem
Philosophischen verquickt. Das sanfte Gespenst, das den Erzähler
Nacht für Nacht über die Erde trägt, das ihn auf seltsame Weise liebt und
zugleich durch sein Blut neue Lebenskraft gewinnen möchte, ist eine idealische
Verklärung des Vampirs. Die Vernichtung ereilt es, ehe es wieder recht zu Leben kommen
kann, und der Erzähler meint: "Ich muß übrigens sagen, daß ich das
Aufhören dieser sonderbaren Bekanntschaft nicht gerade sehr beklagte...
Die nächtlichen Schwärmereien haben bei ihm mehr Angst als Ekstase evoziert."
Eine Erfüllung dieser unio mystica hätte es also ohnedies nicht gegeben,
die spiritistischen Halluzinationen Gautiers liegenTurgenjew
ganz fern. Seine Menschen leben im Diesseits, haben Güter, machen
sich Sorgen über die Aufhebung der Leibeigenschaft. Nur manchmal,
wenn sie in Vollmondnächten nicht schlafen können oder wenn von
einem Todesfall gesprochen wird, hören sie "diese durchdringend reinen und scharfen
Tone, fast wie die Klänge einer Ziehharmonika...".
Der Gutsherr wird seinen Flügen mit dem lichten Vampir
mitunter nachträumen wie den zarten philosophischen Idealen seiner
Jugend, die ihn wie jene für die Prosa seines Alltags anämisch
zu machen drohten: mit Nostalgie, doch ohne den Wunsch, sie mögen
wiederkehren. Die Frau, die den Geliebten ins Grab nachholt, die Liebesvereinigung
im Tod, ja der Tod als deren einzige Form,der nekrophile Orgasmus ("das
Grab als das einzige Ehebett" schreibt Leslie A. Fiedler) wurden
zum Gemeinplatz einer auf paradoxe Weise realistischen Literatur, die in
einer kommunikationslosen Welt nach Orgien der Kommunikation lechzte und
sie immer nur als vampirisch oder nekrophil beschreiben konnte. Immer hält
der Partner einen Leichnam in den Armen, von dem er nicht einmal sicher
sein kann, daß es nicht sein eigener ist. Villiers de l'Isle-Adams
"Vera" kehrt aus dem Sarge zurück, um mit dem Grafen Athol eine Nacht
zu verbringen, und hinterläßt ihm den Schlüssel ihrer Gruft.
In Frederic Boutets "Wenn wir gestorben sind" läßt
sich der junge Adhemar töten, um der Liebe seiner skelettierten Dame
würdig zu sein. Die Frauen Poes stehen Pate: Ligeia, Eleanore, Magdalen.
Wieder zur Überschrift
"L'amante macabre" heißt ein Gedicht von
Maurice Rollinat. Das Vampirmotiv wird zur gebräuchlichen erotischen
Metapher, so steht es bei Baudelaire und George und vielen anderen, bis
herab zu Durrells alexandrinischer Ironie in seiner Vampirgeschichte aus
»Balthazar«, der lächelnden Reverenz vor einer verflossenen
literarischen Manier. Auch die okkultistischen Torheiten des fin de siede
verschmähen das Thema nicht; Przybyszewskis inzestiöse Vampirnovelle
»De profundis« ist ein solches Destillat aus den Halluzinationen
einer gepeinigten Psyche und literarischer Gespensterbeschwörung.
Georges Bataille hat das aufs
schlimmste literarisch gewordene Motiv wieder in die Nähe seines Ursprungs
geführt und ihm etwas von seiner alten Mystik zurückgegeben.
Henri, der Protagonist des Romans "Das Blau des Himmels" kommt
zu seinem überschreitenden Exzeß, zur lösenden Liebesekstase,
die ihn zu sich selber bringt, auf einem Friedhof.
Die Frau, über die er sich wirft, ist das Grab,
der Schoß, in den er dringt, der der Erde: "Wir fielen auf
den lockeren Boden, und ich bohrte mich in ihren feuchten Körper,
wie sich eine sicher geführte Pflugschar in die Erde bohrt. Unter
diesem Körper war die Erde offen wie ein Grab, ihr nackter Leib öffnete
sich mir wie ein frisches Grab. Während wir uns über einem sternenfunkelnden
Friedhof der Liebe hingaben, waren wir wie betäubt. Jedes der Lichter
kündete von einem Skelett in einem Grab. Sie bildeten dergestalt einen
flackernden Himmel, der ebenso verworren war wie die Bewegungen unserer
verschlungenen Körper."
Aus: "Von denen Vampyren oder Menschen-Saugern, Dichtung
& Dokumente",
hrsgg. von Dieter Sturm und Klaus Völker,
München, 1968
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