Die Bildhauerei aus Zeit

"(...)Doch die gliedernde Anordnung von Einstellungen mit bewußt unterschiedlichem zeitlichen Spannungsdruck darf dem Leben nicht etwa durch willkürliche Vorstellungen entsprechen, sondern muß von innerer Notwendigkeit bestimmt werden, organisch für die Materie des Filmes insgesamt sein. Denn wenn das Organische solcher Übergänge gestört ist, werden die Montageakzente, die der Regisseur ja eigentlich kaschieren wollte, sofort augenfällig.Eine Koordination von zeitlich ungleichen Einstellungen führt unwillkürlich zu einem Rhythmusbruch. 'Wenn dieser allerdings durch das innere Leben der hierbei koordinierten Einstellungen vorbereitet wurde, dann kann er sich durchaus als unabdingbar für das hier notwendige Rhythmusbild erwei sen. Man denke dabei nur an die verschiedenen möglichen Formen zeitlichen Spannungsdrucks. Symbolisch gesprochen, an die Unterschiede von Bach, Fluß, Strom, Wasserfall und Ozean. Deren Koordinierung erbringt ein einmaliges rhythmisches Gemälde, eine vom Zeitempfinden ihres Autors ins Leben gerufene organische Innovation. Da nun das Zeitempfinden ein Bestandteil der lebendigen Wahrnehmung eines Regisseurs ist und der jeweilige Rhythmusdruck der montierten Teilstücke den entsprechenden Montageschnitt diktiert, manifestiert sich in der Montage auch die spezifische Handschrift eines Regisseurs. Die Montage bringt das Verhältnis des Regisseurs zu seinem Konzept zum Ausdruck, und durch die Montage wird auch der Weltsicht dieses Regisseurs endgültige Gestalt gegeben. Meiner Meinung nach ist ein Regisseur, der ohne weiteres seine Filme auf verschiedene Arten montieren kann, alles andere als tiefgreifend. Die Montage von Bergman, Bresson, Kurosawa oder Antonioni wird man immer sofort erkennen können. Man wird sie niemals mit irgend jemandem verwechseln. Denn ihr Zeitempfinden, das im Rhythmus zum Ausdruck kommt, ist stets ein und dasselbe.Die Montagegesetze muß man natürlich genausogut wie alle übrigen Gesetze seines Handwerks beherrschen. Die schöpferische Arbeit beginnt aber erst in dem Moment, wo diese Gesetze verletzt und deformiert werden. So kann aus der Tatsache, daß Leo Tolstoi kein derart konsequenter Stilist wie Iwan Bunin war und seine Romane sicher nicht die Eleganz und Vollkommenheit einer Buninschen Erzählung haben, ganz bestimmt nicht der Schluß gezogen werden, daß Bunin »besser« als Tolstoi sei. Man wird vielmehr Tolstoi seine eher gewichtigen, nicht immer gerechtfertigt langen Sätze und etwas schwerfälligen Phrasen nachsehen. Ja, man beginnt sie gar als Besonderheit zu lieben, die die Tolstoische Individualität ausmacht.Wenn man aus dem Kontext der Werke von Dostojewskij die darin enthaltenen Personenbeschreibungen extrapoliert, dann hat man unwillkürlich schöne Menschen mit ausgeprägten Lippen, bleichen Gesichtern usw. vor sich. Doch angesichts der Tatsache, daß wir es hier nicht bloß mit irgendeinem Handwerker, sondern mit einem Künstler und Philosophen zu tun haben, tut dies letztlich nichts weiter zur Sache. Bunin, der Tolstoi ganz außerordentlich hoch schätzte, hielt dessen Roman »Anna Karenina« für sehr mißlungen und versuchte ihn bekanntlich erfolglos umzuschreiben. Das ist so wie mit organischen Gebilden: Sie sind, ob sie nun gut oder schlecht sind, lebendige Organismen,deren Leben man nicht stören sollte. Genauso verhält es sich auch mit der Montage: Es kommtnicht darauf an, diese bloß virtuos zu beherrschen. Man muß vielmehr spüren,' daß sie für das Besondere, das man zum Ausdruck bringen möchte, auch tatsächlich organisch notwendig ist... Vor allem aber muß man wissen, warum man überhaupt zum Kino kam, was man eigentlich sagen und warum man dies ausgerechnet mit der Poetik des Films tun will. Es muß einmal ausgesprochen werden, daß man in den letzten Jahren immer häufiger junge Leute trifft, die gleich nach Absolvierung der Filmschule bereit sind, das zu tun, was in Rußland »nötig« ist, beziehungsweise, was im Westen besser bezahlt wird. Das ist wirklich eine Tragödie! Handwerkliche Probleme sind letztlich Nebensächlichkeiten!Man kann alles erlernen, man kann nur nicht lernen, unabhängig und mit Würde zu denken, ebensowenig wie man erlernen kann, eine Persönlichkeit zu werden.Wer einmal seine Prinzipien verraten hat,kann auch in der Zukunft keine saubere Haltung mehr zum Leben einnehmen. Wenn also ein Filmregisseur davon spricht, daß er jetzt zunächst einen nur vorläufigen Film mache, um Kräfte zu sammeln für jenen Film, von dem er eigentlich träume,so ist das nichts als Betrug oder - was noch schlimmer ist - Selbstbetrug !
Er wird in diesem Falle nämlich niemals seinen Film drehen!"
 

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